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JE NE PARLE PAS FRANÇAIS…… ABER BITTE REIT’ WEITER!


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 33/2019 vom 08.02.2019

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Auch ein blindes Pferd hat ein offenes Ohr für die französische Reittradition.


(Illustration: Jana Noreen Beenen)

In der Nähe meines liebsten deutschen Urlaubsortes traf ich eine sympathische Reiterin, die ich bisher nur über ein soziales Netzwerk gekannt hatte, zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht. Sie war an der französischen Reitkultur interessiert, und deshalb freuten wir uns über diese Begegnung. Wir trafen uns auf dem Reitplatz der dortigen Anlage. Ihre hübsche spanische Stute würde ihr – sagte sie – ein paar kleine Schwierigkeiten machen, weswegen sie oft mit ihr trainieren müsse. Das Pferd trug einen Sattel, in dem der Reiter zwar ziemlich weit über dem Pferd saß, der aber die Schulterblätter einigermaßen frei ließ. Es war auch mit einer ganz leichten und einfachen Trense gezäumt, die die Maultätigkeit nicht einschränkte. Wir tauschten ein paar freundliche Worte, aber unsere erste Begegnung blieb trotzdem kurz, weil die Reiterin an jenem Tag nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung hatte, um ihre Stute ernsthaft zu trainieren. Sie fuhr also fort, tüchtig weiter Schritt zu reiten, ohne vorher das zu korrigieren, was ich bei ihrer Stute fünf Minuten lang im Halt beobachtet hatte: dass ihr das Pferd systematisch die Zügel nach unten wegzog, sobald sie sie in der Hand hielt. Zudem schenkte die Stute dem Menschen, der ja schließlich auf ihrem Rücken saß, wenig Aufmerksamkeit. Natürlich wollte die Reiterin ihr Pferd gut behandeln und ließ ihm damit etwas durchgehen, was der Lehre eines François Baucher oder seiner Anhänger zuwiderläuft: sich mit dem Reiter in die Bewegung zu stürzen, ohne dafür physisch wie psychisch im Gleichgewicht zu sein.

Wie hätte man das „französisch“ gelöst?

Um mit dem Pferd hier richtig „Französisch zu sprechen“, hätte man zuerst und im Halt die Entspannung seines Genicks durch die Entspannung seines Kiefergelenks gesucht. Zuvor hätte man es an der Hand reiterlich auf Halsverspannungen behandelt (ich erwähne hier eine Behandlung, weil so etwas nicht mit den Füßen getan wird). Danach hätte derjenige, der nach der französische Tradition der Légèreté reitet, im Sattel die Zügel vorsichtig, aber konsequent aufgenommen und sie sich somit nie vom Pferd wegreißen lassen! Ein solcher „französischer Mensch“ (also einer, der auch Deutscher oder Japaner oder was auch immer sein kann) hätte seine Hände fixiert. Das heißt, er hätte die Fäuste geschlossen und sie gegen eine imaginäre Wand gedrückt, um dem Pferd die Gelegenheit zu geben, seine eigene Nachgiebigkeit zu entdecken und sie zu genießen – ohne vom Reiter gestört zu werden, dessen fixierte Hand nicht am Zügel ziehen kann. In der Folge hätte auch das Pferd diese „französische Sprache“ in allen Gangarten und Lektionen peu à peu (wie man in Frankreich sagt) gelernt.

Heute unterrichte ich meist in deutschsprachigen Ländern, und zu meiner Freude stelle ich fest, dass sich – reiterlich gesehen – auch hier immer mehr Menschen auf „Französisch“ mit ihren Pferden unterhalten. Einige von ihnen möchte ich gerne an dieser Stelle berichten lassen, warum sie das tun.

Mary zum Beispiel

Sie war schnell vom französischen reiterlichen Weg überzeugt. Auch ihr unglaublich selbstbewusstes Pony Mo spricht jetzt gerne Französisch und hat sich dank seiner Fellfarbe und seines Charakters schon einen französischen Spitznamen verdient: „Wildschwein von Obelix“.
„Die Liebe zum Pferd wurde mir schon in die Wiege gelegt. Mit vier Jahren durfte ich das erste Mal reiten. Mein erster Lehrer war ein Ostpreuße, noch nach Heeresdienstvorschrift ausgebildet, streng, aber gefühlvoll. Ich hör ihn noch: „Sitz gerade und zieh dem Pferd nicht im Maul rum!“ Leider ging es danach für mich mit Reitlehrern, die oft konfuse und sich widersprechende Anordnungen gaben, erst einmal bergab. Am Tiefpunkt angekommen, dachte ich: Entweder hörst du auf zu reiten oder du kaufst dir dein eigenes Ponyfohlen. Das tat ich und versuchte später, als es herangewachsen war, ebendieses sich als recht dominant erweisendes Welshpony auszubilden. Englisch, versteht sich – ich kannte ja nichts anderes. Alles habe ich versucht, einschließlich Maul zubinden, Ausbinder etc. Ich stieß jedoch auf den massiven Widerstand meines cleveren Ponys und befand mich irgendwann in einer Sackgasse. Jetzt ritt ich nur noch ins Gelände und fragte mich, ob es denn keine gewaltfreie, pferdefreundliche Ausbildung gäbe. Da hörte ich von Philippe Karl, der damals noch offene Kurse in Marburg gab. Was ich dort sah, fand ich grandios. Es wirkte aber auf mich, da mir die Vorgehensweise vollkommen unbekannt war, wie eine Fremdsprache. Nun lernte ich also die Légèreté kennen, verschlang alles, was es darüber zu lesen gibt, und stieß schließlich auf Jean-Claude Racinet. Ich hatte das Glück, einen seiner Kurse in Bochum besuchen zu können, und lernte so Pascale kennen, die seine Worte hier übersetzte. Leider verstarb Jean-Claude Racinet bald darauf, sodass ich mit Pascale Kontakt aufnahm, um bei ihr weiterlernen zu können. Mein Pony auf das Reiten in Légèreté umzustellen war zwar eine anspruchsvolle Aufgabe, aber gleichzeitig eine Offenbarung! Mo ist so froh, nicht mehr zwischen Hand und Schenkel eingezwängt zu werden. Alle Gangarten haben sich sehr verbessert, insbesondere der flache und viel zu schnelle Galopp ist zu einem schönen, ruhigen Aufwärtsgalopp geworden. Mein Pony ist heute bei der Arbeit ein stolzer älterer Herr, der mir alles gibt was er kann, wenn ich ihn höflich auf Französisch darum bitte.“
(Mary Kasper, Altenpflegerin und Hobby-Reitlehrerin)

Natalie und Melody

Was Raserei betrifft, und zwar in allen Gangarten, war zuvor auch Natalie mit Melody gut bedient! Beim Reiten war die Stute nämlich ganz und gar nicht „melodisch“, sondern immer eher zu einem Staccato crescendo aufgelegt: „Im Laufe der 30 Jahre, die ich nun schon reite, bin ich viel im Gelände und auch gern einmal Wanderreit- und Distanzprüfungen geritten. Melody ist meine zehnjährige englische Vollblutstute. Ich habe sie dreijährig angeritten gekauft. Sie hat einen eher langen Rücken und einen rassetypisch flachen Gang. Sich in Balance zu bewegen fiel ihr sehr schwer: Sie neigte zum Rennen und war kaum auszusitzen. Im Oktober 2016 absolvierten wir zusammen den ersten Kurs bei Pascale. Durch kontinuierliches Arbeiten nach den Prinzipien der Légèreté wurde Melody deutlich weicher und ausbalancierter, sie ist angenehm zu sitzen, und ihre Bewegungen sind ausdrucksvoller. Da sie früher beim Reiten schnell hektisch wurde, ist mir ruhiges, präzises Arbeiten wichtig.“
(Natalie Weith, Dipl.-Ing. FH Maschinenbau)

Caroline

Caroline liefert zu den Erfahrungen, die sie mit der französischen Art, den Pferdekörper in der Bewegung zu beeinflussen, gemacht hat, eine fundierte Analyse: „Zur Légèreté kam ich wie die Jungfrau zum Kinde. Nach der Lektüre eines relativ oberflächlichen Artikels über Jean-Claude Racinet buchte ich 2007 kurzerhand ganz unbedarft zwei Einheiten in einem seiner Kurse. Mein reiterlicher Weg über die konventionelle (FN-)Dressur- und Springreiterei war der übliche gewesen, aber ich war offen für alle möglichen Alternativen und schnupperte auch in einige andere Reitweisen hinein. Mein damaliger großrahmiger Warmblutwallach mit diversen schwerwiegenden körperlichen Handicaps wurde also kurzerhand in die Lüneburger Heide verfrachtet. Als erste Reiterin jenes Tages führte ich (ohne mich im Vorfeld weiters mit Racinets Prinzipien beschäftigt zu haben) voller Stolz unseren raumgreifendsten Schritt in abrufbarer Vorwärts-abwärts- und Dehnungshaltung vor. Nach kurzer Zeit bat mich JCR, nachdem er meinen Sitz gelobt hatte, abzusteigen und mir von ihm zeigen zu lassen, wie ich meine Hand einsetzen könne. Was ich in den nächsten Minuten sah, sollte mich für den Rest meines Lebens beeindrucken und von nun an begleiten. Dieser zierliche, gebrechlich wirkende alte Mann nahm zuerst vom Boden aus Kontakt zum Gebiss auf und bewegte Maul, Kopf und Hals meines Wallachs. Danach saß er auf, und mein grobschlächtiger Freizeitpartner verwandelte sich nach einigen mir damals unbekannten isolierten Übungen der Vorhand und der Hinterhand innerhalb weniger Minuten in ein anmutiges, leichtfüßiges, geschmeidiges und in seiner Erscheinung völlig verwandeltes Traumpferd. Jetzt, mehr als zehn Jahre später, nach einer Ausbildung zur energetischen Pferdeosteopathin, dem Studium der Lehren von François Baucher und Jean-Claude Racinet und praktischen Lektionen bei Pascale, beginne ich die Tragweite der, wie ich sie nennen möchte, „gerittenen Osteopathie“ der Légèreté langsam zu erfassen. Wenn es uns gelingt, das Kiefergelenk und dadurch die damit verbundenen Strukturen zu jeder Zeit entspannt, mobil und im Gleichgewicht zu halten, wird durch die propriozeptive, muskuläre und neuromuskuläre Koppelung des gesamten Bewegungsapparats des Pferdes angesprochen. Die oft im Halt oder im gezählten Schritt ausgeführten Übungen erlauben dem Reiter, das wirkliche Spüren der Bewegung zu erfahren und sein Pferd zu kräftigen, ohne es durch schweißtreibende Arbeit zu ermüden. Wenn wir die Leichtigkeit in beider Körper und beider Geist zuzulassen lernen, ermöglichen wir jedem einzelnen Pferd, sich in seiner bestmöglichen Beweglichkeit, Geschmeidigkeit und Anmut zu präsentieren.“
(Caroline Holenstein, MFA, Reiterin, EPOS – energetische Pferdeosteopathie nach Salomon)

Echte Selbsthaltung ist Leichtheit und verzichtet damit auf Reiterhilfen.


(Illustration: Jana Noreen Beenen)

Yvonne

In der Tat beschäftigt uns in der Arbeit mit dem Pferd zuerst dessen Gleichgewicht, um sein Bewegungspotenzial besser entfalten zu können. Und weil Menschen eher auf den Po fallen, wenn sie das Gleichgewicht verlieren, und die Pferde dabei eher auf die Seite stürzen, sind engagierte Tierärzte nicht die Letzten, die diese Reitphilosophie auf den Prüfstand stellen – gerade wenn sie selber reiten. Yvonne ist eine davon und ist damit sehr erfolgreich: „Die Leidenschaft meiner Pferde ist das Laufen, gerne lange Strecken. Distanzreiten ist zwar eine herrliche Disziplin, doch muskulär sorgt sie für eine sehr einseitige Belastung. So entstand bei mir der Wunsch nach einer ausgleichenden Gymnastizierung in einer dafür geeigneten Reitweise. Diese sollte dazu beitragen, dass das Pferd seinen Widerrist leichter anheben kann und die notwendige Bauch- und Rückenmuskulatur aufgebaut und erhalten wird. Die Pferde dazu zu motivieren, sich in Selbsthaltung zu bewegen, sollte mit kaum merklichen Hilfen gelingen. Eine Freundin führte mich an die französische Reitweise nach Racinet heran. In den USA durfte ich dazu ein Pferd von Lisa Maxwell reiten und erlebte, was Unterkieferflexion bedeutet. Mein Studium der Légèreté begann.“
(Yvonne Heil, Tierärztin, 49 Jahre)

DER RACINET-SPICKZETTEL

Um vor seinem Pferd nicht sprachlos dazustehen:

1) Sich an der Hand vergewissern, dass das Pferd in der Lage ist, uns zu tragen. An der Wirbelsäule palpieren und, wenn nötig, lösen (Kieferflexion).
2) Bitten Sie kein stark verspanntes Pferd, seinen Widerrist (das heißt, seinen Brustkorb) zwischen den Schulterblättern anzuheben, auch wenn die Verspannung ganz plötzlich auftritt. Blockade lösen (Kieferflexion) vom Sattel aus, wenn es noch möglich ist. Dann weiterarbeiten.
3) Ein Pferd, das durch eine echte Kieferflexion nachgibt, hält auch seinen Kopf, wo er sein soll, und ist immer im Gleichgewicht.
4) Um ein Pferd auszubilden, muss man die Zugkraft seiner Hinterhand entwickeln. Denn: 20 x 60 m sind keine Rennbahn. (Siehe 5)
5) Gleichzeitige Verstärkung und Versammlung sind absolut kompatibel!
6) Beim Reiten muss die Wirbelsäule im Lendenwirbelbereich ihre natürliche Wölbung nach innen beibehalten (Hohlkreuz). Diese Haltung befreit unsere Hände: Sie werden damit weicher, weil fixiert (das heißt, ihre Position gewinnt Unabhängigkeit in Bezug auf das Pferd sowie auf die eigene Körperhaltung und Bewegung).
7) Ein Pferd ist nie so nahe daran, schlecht zu werden, als wenn es sehr gut ist! Also achtsam bleiben!
8) In höheren Gängen soll man vermeiden zu verlangen, was man noch nicht einmal in niedrigeren Gängen erhalten hat.
9) In höheren Gängen soll man nicht vernachlässigen zu verlangen, was man in den niedrigeren Gängen schon erreicht hat!
10) Die Anlehnung ist ein Zugeständnis an das Ungleichgewicht. Die Selbsthaltung macht die Anlehnung überflüssig.

Marlene

Auch Menschen, die auf immer denselben Pferden vielen unterschiedlichen Leuten das Reiten beibringen müssen, wissen, wie schwierig es ist, die Schulpferde dabei zu schonen. Bei Marlenes Methode in der Ausbildung ihrer Reitschüler hat die Légèreté viel bewegt, ganz abgesehen davon, dass sie auch der Arbeit mit ihrem eigenen Pferd zugutekommt: „Obwohl ich mich schon zuvor sehr um feines Reiten bemüht hatte, änderte sich für mich, als ich mit der Légèreté nach Racinet in Berührung kam, nochmals alles. Ich musste mich von alten Vorstellungen und vermeintlichem Wissen verabschieden, aber es hat sich mehr als gelohnt! Mein eigenes Pferd hat noch die Passage und Levade gelernt. Mittlerweile ist es 29 Jahre alt, wird geritten und ist topfit. Das Beste daran ist allerdings, dass sämtliche Pferde von Schülern, die zuvor Rückenprobleme gehabt hatten, diese losgeworden sind. Das sollte doch das Ziel sein: beim Reiten gesundheitliche Probleme zu lösen, statt sie zu schaffen.“
(Marlene Hürlimann, Reitlehrerin, Schweiz)

Susanne

Sehr oft ist sowieso das eigene Pferd der Schlüssel zum Paradigmenwechsel, und so ging es auch Susanne. Sie buchte ein Ticket ohne Rückreise: „Völlig verzweifelt gab ich vor 15 Jahren einfach auf. Ich hatte das Gefühl, in einer Sackgasse gelandet zu sein und dass es mir nie gelingen würde, mein talentiertes Pferd so zu reiten, dass es sich für mich gut anfühlen würde. Ich wollte mich nicht mehr auf dieses kräftezehrende Reiten einlassen, bei dem es immer zwei Verlierer gab: mein Pferd und mich. Nach meinem Empfinden war die Vorhand meines Pferdes die Schwachstelle und nicht, wie viele diagnostizierten, die mangelnde Dynamik der Hinterhand. Kein Trainer verstand meine Sorgen und Bedenken, wenn ich sie äußerte. Hier ging meine Reise los: Ich begann mich intensiver mit der Balance des Pferdes zu beschäftigen und las viele Bücher – unter anderem auch die von Jean-Claude Racinet. Hier fand ich auf einmal Antworten auf meine Fragen und fühlte mich verstanden. Alles fügte sich wie ein Puzzle zusammen, so auch der Weg zu Pascale. Mit ihrem großen Einfühlungsvermögen half sie mir, 30 Jahre Reiterfahrung komplett über Bord zu werfen und noch einmal neu zu beginnen. Das war nicht leicht! Ich musste meine bisherige Hilfengebung verändern und mich darin völlig neu sortieren, meine Ansichten neu hinterfragen und überdenken. Die Veränderung meines Pferdes im Laufe dieser Zeit war beeindruckend und zeigte mir, wie viel ich falsch gemacht hatte. Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, ein Pferd jemals wieder anders zu reiten als im Sinne der französischen Légerèté. Es ist ein erhebendes Gefühl, in dieser Leichtigkeit zu reiten, man wird einfach süchtig danach. Es gibt kein Zurück mehr für mich: Ich reite so weiter.“
(Susanne Dambowy, Reitlehrerin, Tierheilpraktikerin und manuelle Therapie für Pferde)

Cora

Andere Reiter entdeckten einen weiteren Aspekt dieser Reitweise: Sie merkten, dass sich der Bezug zum eigenen Leben auf eine positive Art verändert. Vielleicht geschieht dies deshalb, weil die Prinzipien der Légèreté Rücksicht auf das fordern, was wir selbst nicht sind. Die Légèreté bringt in uns also gerade jene Eigenschaften hervor, die uns für unser Pferd zu einem echten Partner machen – und auch unsere Art des Umgangs mit uns selbst und anderen bestimmen. Cora, der es gelungen ist, ihren innerhalb kurzer Zeit vollkommen erblindeten Hannoveranerwallach trotz seines Handicaps weiterhin sehr fein unter dem Sattel auszubilden, kann davon berichten:

„Das Reiten in Légèreté verlangt von mir als Reiter, das Pferd in die Lage zu versetzen, das zu tun, was ich mir von ihm wünsche, und es dann selbstständig arbeiten zu lassen, ohne es zu stören. Es appelliert insofern an seinen Intellekt und gibt ihm in der gemeinsamen Arbeit mit dem Reiter Mitspracherecht. Mich fasziniert immer wieder, wie schnell Pferde das verstehen, wie sehr gerade das sie motiviert, ihr Bestes zu geben – und wie positiv sich diese Zusammenarbeit auf Augenhöhe auf das eigene Reiter-Sein auswirkt. Für mich ist die Légèreté weniger Reitweise als Lebenseinstellung.“
(Cora von Hindte-Mieske, freie Lektorin)

Mandy

Der philosophische Aspekt dieser Reitweise hat außerdem Auswirkungen auf unser gesamtes Verhalten gegenüber Pferden, auch wenn uns das zunächst vielleicht gar nicht auffällt. Mancher Reiter erkennt es jedoch schon frühzeitig, wie Mandy mit viel Herz bezeugen kann: „Seit 18 Jahren und heute auch mit eigenem Pferd investiere ich viel Zeit in das Erforschen der Légèreté. Zunehmendes Interesse, Pferde wirklich kennenzulernen, führte dazu, dass mit den Jahren auch mein kritisches Urteilsvermögen im Zusammenhang mit der Frage ‚Wie reite ich ein Pferd?‘ zunahm. Einerseits konnte ich Erfahrungen auf kleineren Privathöfen sammeln, andererseits erlebte ich größere Reitställe und Vereine, deren Ziel es war, möglichst viele Reitschüler, deren Teilnahme an Turnieren und das eigene Ausrichten von Dressur- und Springturnieren zu generieren. Diese Erfahrung verschaffte mir einen Einblick in eine reiterliche Realität, die mir selbst völlig fremd, für andere Reitschüler hingegen offenbar Normalität ist: Pferde als Sportgeräte, die mit scharfen Gebissen malträtiert und zwischen dem zerrenden Zügel und dem treibenden Schenkel eingequetscht im Reitunterricht geritten werden. Diese Art, Pferde zu ‚benutzen‘ brachte mich immer wieder zum Nachdenken und zu der Frage, ob Reiten so ‚richtig‘ sein kann. Ich fragte mich außerdem, was ich mir eigentlich von der Zusammenarbeit mit Pferden erhoffe und was wohl das Pferd erwartet.

Ich wünsche mir eine kommunikative Beziehung zwischen Tier und Mensch und vor allem, dass dem gerittenen Pferd die Rolle eines fühlenden und denkenden eigenständigen Wesens zugeschrieben wird. Als ich durch Pascale die Légèreté kennenlernte, war ich begeistert, weil diese Art, sich mit den Pferden zu beschäftigen, uns dazu bringt, das Wesen Pferd (und auch uns selbst) unter weit mehr Aspekten zu betrachten als nur dem Sportlichen. Von diesem Zeitpunkt an hatte ich etwas gefunden, das mich damals wie heute zwingt, das, was ich mit dem Pferd tue (auf und neben dem Pferd), immer wieder zu durchdenken und vor allem zu verstehen. Dieses Handeln findet vor dem Hintergrund anatomischen, neurologischen, physiologischen und psychologischen Wissens statt. Es gelingt in dieser Reitweise, den Sinn des Verhaltens von Pferden zu verstehen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt meiner Erfahrungen mit der Légèreté kann ich durchaus behaupten, dass diese Art zu Reiten dem Pferd in seiner Vitalität, Motivation, Erhabenheit und Wachheit gerecht wird. Um all dies zu erhalten, verlangt das Reiten in Légèreté vom Reiter die Schulung des Feingefühls, bewusstes und konsequentes Handeln, lebenslanges Lernen und jede Menge Kopfarbeit. Doch dafür lohnt es sich!“
(Mandy Schlage, Heilpädagogin)

Anke

Nicht selten geht es uns aber auch einfach nur darum, unser Leben mit Pferden zu bereichern. Man denkt sich nichts Böses dabei und möchte im Umgang mit dem Pferd einfach Freude haben. Aber auch dabei kann einiges schiefgehen – vor allem unlogische und falsch unterrichtete Reitprinzipien können Schaden anrichten. Es fordert sehr große Willensanstrengung, um einen anderen Weg zu suchen, zu finden und ihm zu folgen. Anke hat sich daran gewagt:
„Im Alter von 13 Jahren begann meine reiterliche Ausbildung nach den Richtlinien der FN. Auch meine Stute Giselle ist danach ausgebildet worden. Ob die Art, wie diese Prinzipien mir vermittelt wurden, korrekt war, bleibt fraglich. Jedenfalls dauerte es nicht lange, und mein Pferd zeigte zuweilen sehr unangenehmes Verhalten, das sicherlich von mir ausgelöst wurde. Giselle riss oft den Kopf hoch, drückte den Rücken durch oder drehte den Kopf zur Seite und ließ die Zunge heraushängen. Der Trab war eilig und ließ sich schlecht sitzen. Dadurch verspannte ich mich, und es entstand ein Teufelskreis. Ich sah, dass etwas passieren musste. Eines Tages las ich in einer Fachzeitschrift einen interessanten Artikel über Pascale. Sie ist in meiner Region ansässig, und so bat ich sie um Hilfe. In der ersten Lektion ritt Pascale die Stute selber. Schon nach wenigen Minuten erlebte ich ein entspannteres Pferd. Nach zwei weiteren Lektionen waren die oben genannten Probleme fast vergessen. Nach diesem Aha-Erlebnis beschloss ich zu lernen. Ich nahm mit Giselle an Kursen von Jean-Claude Racinet teil, die dieser bei Pascale gab, und habe seither stetig in dieser Richtung weitergearbeitet. Mit meiner Stute ist heute ein entspanntes Reiten möglich. Sie ist weich, nachgiebig und super zu sitzen. Ich bin dafür sehr dankbar.“
(Anke Gutekunst, selbstständig)

Nach der Lektüre einer solchen „Berichterstattung“ könnte man vielleicht den Eindruck gewinnen, dass all diese überzeugten Légèreté-Reiter einer Art Selbsthilfegruppe angehören und sich der Prävention „häuslicher Gewalt“ an ihren Rössern verschrieben haben. Ich sehe das aber anders, weil es hier in erster Linie nicht darum geht, mit etwas aufzuhören, sondern darum, etwas Logisches und Klares mit den Pferden anzufangen. Und weil es seit einiger Zeit offensichtlich auch Mode geworden ist, möchten sich immer mehr Reiter – um bei diesem Bild zu bleiben – auf „Französisch“ mit ihren Pferden unterhalten. Nun möchte ich aber zum Schluss daran erinnern: Jede Sprache hat etliche verschiedene Dialekte und, wie beim Reiten, nur eine einzige Hochsprache. Hier entscheidet das Fühlen über unsere Wahl der Reitweise. Und das Fühlen muss man dafür zulassen.

PASCALE HERZOG

…, geb. Berthier, absolvierte ihre Ausbildung zur Reitlehrerin in der Nationalschule ENE in Saumur. Die Fachbuchautorin lebt mit Mann und Tochter in der Oberlausitz. Sie unterrichtet in Deutschland seit rund 25 Jahren gemäß der französischen Reittradition und hat sich ihr voll und ganz verschrieben. 2003 begegnete sie Jean-Claude Racinet (1929–2009), der ihren reiterlichen Weg unwiderruflich prägte.

Kontakt: pa.berthier@freenet.de

BUCHTIPP:

Pascale Berthier Genussvoll Reiten mit der Légèreté

Cadmos
ISBN 978-3-8404-1057-4, 19,95 €