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JEDER HAT EINE GESCHICHTE


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 22.05.2019

Ayesha Harruna Attah erzählt in ihrem Roman „Die Frauen von Salaga“ die Geschichte der Sklaverei in Ghana aus weiblicher Perspektive und erforscht das Erbe ihrer Vorfahren.


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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 4/2019

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Das African Book Festival im Babylon Berlin Kino in Berlin hat an vier Tagen 33 Autorinnen und Autoren aus Afrika und der Diaspora zum Motto „Transitioning from Migration“ eingeladen. Eine von ihnen ist die ghanaische Schriftstellerin Ayesha Harruna Attah. Ihr Roman „Die Frauen von Salaga“ ist der erste, der auch ins Deutsche übersetzt wurde. Am Freitagnachmittag diskutierte Attha mit Thando Mgqolozana und Novuyo Rosa Tshuma im Panel „Writing beyond history“ und beim Interview in ihrem Hotel am Samstagmittag nimmt sie sich viel Zeit, um über ihre Recherchen zum vorkolonialen Ghana zu sprechen. Forschergeist und Fantasie verbinden sich in ihrem Schreiben und mit ihrem dritten Roman erobert sie momentan auch die westliche Leserschaft.

Was war Ihre Inspiration für diesen Roman?
Meine Ururgroßmutter war eine Sklavin wie Aminah. Davon erfuhr ich, als ich meinen Vater bat, unseren Familienstammbaum zu zeichnen. Ich bin sehr interessiert an Ethnologie, der Migrationsgeschichte meiner Familie – ich möchte wissen, woher ich komme, um zu verstehen, wer ich bin. Als er die väterliche Linie zeichnete, waren da sehr viele Zwillinge, selbst mein Nachname „Attah“ bedeutet Zwilling. Auf der mütterlichen Linie schrieb er „die Sklavin“. Ich fragte ihn nach ihrem Namen, wollte mehr über sie wissen. Aber er wusste nur, dass sie noch weiter aus dem Norden kam als unsere Familie und dass sie sehr schön gewesen sein soll. Das war anfangs alles, was ich hatte. Ich war fasziniert und wollte diese Geschichte zu einem Roman verarbei ten. Ich begann, in Salaga zu recherchieren, diese Stadt war im 18. und 19. Jahrhundert ein wichtiger Sklavenhandelsplatz. Wenn man heute dort ist, sieht man nicht mehr viel von der einstigen Größe. Ich besuchte dort meine Familie. Doch jedes Mal, wenn ich sie etwas zu der Sklavin in unserer Familie fragte, wechselten sie das Thema. Sie zeigten mir den Sklavenmarkt und andere historische Plätze, doch über die Geschichte meiner Vorfahrin haben sie mir nichts erzählt. Ich entschied mich dann, weiter zu diesem Thema im Allgemeinen zu recherchieren und die familiären Lücken mit meiner Vorstellungskraft auszufüllen.

AYESHA HARRUNA ATTAH: Die Frauen von Salaga
Übersetzt von Christiane Burckhardt Diana, 320 Seiten, 20 Euro

Der Roman ist voller detaillierter Beschreibungen – es beeindruckend, wie Sie diese vergangenen Zeiten lebendig werden lassen. Wie viel Recherche steckt in diesem Buch?
Wirklich angefangen mit der Arbeit habe ich 2012. Ich lebte damals in New York. Im Schomburg Center for Research in Black Culture in Harlem recherchierte ich zum Salaga-Krieg, dort gab es viele Bücher von Besuchern dieser Region, Kaufleuten, Missionaren und Politikern. Es gibt eine ganze Abteilung zu den Menschen aus Salaga, was faszinierend ist, weil es so viele verschiedene Perspektiven sind. Es gab sogar einige Schriften von afrikanischen Missionaren und diese Berichte mochte ich besonders, denn sie waren weniger daran interessiert herauszufinden, wie sie diese Gegend ausbeuten konnten, sondern schrieben einfach darüber, wie ihre Brüder und Schwestern in diesem Teil Ghanas lebten. Auch arabische Schriften von einem Iman, der ursprünglich aus Nigeria kam, gaben mir wichtige Hinweise. Die Einheimischen in Salaga wollten die Fremden nicht in der Stadt wohnen lassen und teilten ihnen deshalb eigenes Land zu, so wuchs Salaga immer weiter und wurde zu einem Ort für Reisende.

Es war damals also ein sehr multikultureller Ort, warum gab es so viele Reisende?
Alles drehte sich um den Handel. Salaga ist einer der letzten großen Orte, bevor der Regenwald beginnt. Deshalb war es ein guter Handelsplatz für Produkte von dort – wie Kolanüsse und Gold. Auch der Handel mit den Europäern florierte. Doch in vielen der Berichte, die ich fand, gab es nahezu keine Informationen zum Leben der Frauen. Deshalb musste ich weiter zurückgehen in der Zeit, ich las alles über westafrikanische Frauen im Allgemeinen und fand einige Details, die für meine Geschichte relevant waren.

Gestern bei dem Panel sagte die Moderatorin, dass Ihr Buch einzigartig sei, weil noch niemand aus der weiblichen Perspektive über einheimische Sklaverei in Ghana geschrieben habe.
Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob das noch niemand vor mir gemacht hat, ich habe es aus dem Herzen heraus geschrieben. Ich wusste von Anfang an, dass ich aus einer Frauenperspektive schreiben möchte. Anfangs dachte ich sogar, dass es meine eigene sein wird, weil das Thema die Suche nach meiner Vorfahrin ohne Namen war. Ich habe auch versucht, es auf eine Art zu fiktionalisieren, in der meine Protagonistin durch die Zeit reisen konnte, im Grunde also Fantasy geschrieben. Doch ich fühle mich in diesem Genre nicht wohl, weil die Welt sich nicht so wirklich anfühlte, wie sie sein sollte. Also legte ich diesen Entwurf zur Seite und entschied, dass ich aus der Perspektive meiner Vorfahrin schreibe. Als ich daran schrieb, trat der Charakter von Wurche immer mehr hervor. Über die Prinzessinnen von Salaga hatte ich gelesen, dass sie eine relativ große Freiheit genossen, sie konnten ihre Liebhaber und Ehemänner frei wählen, sie waren großartige Reiterinnen. Deshalb fand ich es interessant, diese Frau meiner Vorfahrin, die zur Sklavin wurde, gegenüberzustellen. Wurche wurde als Königstochter auch wichtig, weil es damals eine politisch sehr dramatische Zeit war.

Die Goldküste war heiß umkämpft, die Ashanti bereits von den Briten geschlagen. Mir war gar nicht bewusst, dass auch die Deutschen versuchten, Ghana zu ihrem Einflussbereich zu machen.
Ja, die Deutschen kamen aus Togo. Es gab damals unter den einheimischen Stämmen und mit den europäischen Mächten viele Kämpfe um die Vormachtstellung in dieser Region an der Goldküste. Für meine Vorfahrin Aminah wäre es schwer gewesen, aus ihrer Position heraus zu erklären, was damals los war. Und ich wollte unbedingt direkt aus der Sicht meiner Charaktere schreiben. So kam Wurche wie gerufen, denn sie war als Königstochter nah dran an den politischen Umwälzungen der Zeit.

Wurche ist wirklich eine außergewöhnliche Frau, sehr selbstbewusst. Sie will in der Politik mitmischen und statt den Haushalt zu führen, übt sie lieber schießen.
Doch sie ist keine allzu ungewöhnliche Frau. Bei meinen Recherchen habe ich viele kämpferische, selbstbewusste Frauen entdeckt. Die Krieger-Königin Amina eroberte und dominierte im 16. Jahrhundert in Nigeria die ganze Region und in Ghana wird Yaa Asantewaa auch heute noch sehr verehrt, sie war die Anführerin des letzten Aufstands gegen die Briten. Ich wurde oft gefragt, ob Wurche wirklich eine Frau ihrer Zeit verkörpert. Meine Antwort darauf ist, dass es schon immer diese Art von Frauen in der afrikanischen Geschichte gab. Und ich bin sicher, dass es noch viel mehr Geschichten gibt, die wir nicht kennen. Denn wer hat damals die geschichtlichen Berichte verfasst? Es waren die Männer. Und die waren nicht im Geringsten an den Geschichten der Frauen interessiert.

Also ist Wurche entstanden, weil Sie diese andere Perspektive aus der Kriegswelt der Männer heraus brauchten?
Ja, das war der ursprüngliche Grund, doch dann begann sie, ein Eigenleben zu führen. Ich wusste selbst nicht, dass sie Aminah treffen, sogar besitzen wird, das entwickelte sich erst beim Schreiben. Wurche veränderte den gesamten Weg, den das Buch ursprünglich nehmen sollte.

Wie verläuft Ihr Schreibprozess. Entwickelt sich die gesamte Geschichte erst beim Schreiben oder haben Sie einen Masterplan mit allen Plots?
Es ist eine Art Kombination aus beidem. Ich starte als eine große Planerin, arbeite mit Excel-Tabellen(lacht) . Ich brauche die Fakten als ein Gerüst, gerade für einen historischen Roman wie diesen, sind die Daten wirklich wichtig. Die zeitgeschichtliche Einordnung muss stimmen. Ich versuche, die Welt von damals so wahrhaft wie möglich zu erzählen. Was die Menschen für Kleidung trugen, welche Nahrung sie aßen. Für die Planung dieses Romans waren die historischen Daten sehr hilfreich. Der Salaga-Krieg war 1892, ich wusste, dass 1897 der König von Salaga gestorben war und die Deutschen damals die Stadt bombardierten. Diese politische Lage gab dem Buch das Grundgerüst, doch beim Verweben der verschiedenen Geschichtsfäden habe ich mich von der Geschichte forttragen lassen. Ich wusste beispielsweise, dass Wurche 1897 in Kete Kratschi sein musste, aber wie sie dorthin kommt, das hat sich aus der Geschichte selbst heraus entwickelt. Oft hat die Geschichte nicht den direkten Weg genommen, es gab viele Wendungen und Verwicklungen, aber ich ließ das geschehen. Der Roman hat auch viele Wandlungen in der Erzählform durchgemacht. An einem bestimmten Punkt gab es sogar mehrere männliche Erzählstimmen wie Wurches Bruder und Moro, den Sklavenräuber. Letztlich blieben aber nur diese beiden Frauen, denn sie sind es, die ihre eigene Geschichte erzählen sollten.

Moro ist eine vielschichtige Figur, aber auch alle anderen Nebenfiguren sind so detailreich und lebendig geschrieben, dass man ihnen gerne weiterfolgen würde auf ihrem Weg.
Das freut mich. Moro war von Anfang an dabei, denn meine Vorfahrin wurde durch eine Entführung zur Sklavin. Ich wollte ihn eigentlich nicht sympathisch erscheinen lassen. Aber er sollte auf keinen Fall schwarz-weiß gezeichnet sein, sondern als jemand, der eigenständig denkt und handelt. Moro ist in seine Situation hineingeboren und lebt dann bereits so lange dieses falsche Leben, dass er einen Weckruf braucht, um das zu erkennen und zu ändern. Auch Helmut ist so ein Fall. Viele Leser waren dankbar, dass ich ihn so sympathisch dargestellt habe. Er scheint sympathisch und trotzdem ist er ein Teil des deutschen Militärs, das Dörfer abbrennt. Wenn man den Menschen wirklich näherkommt, wird es eben immer komplexer, man lernt ihre Hintergründe, ihre inneren Konflikte kennen und erfährt, wie sie zu denen geworden sind, die sie sind. Ich denke, das sollte Fiktion leisten. Das ist auch etwas, das ich im Schreibhandwerk gelernt habe. Ich gebe jeder Figur eine Geschichte, keiner darf nur dort sein als Mittel zum Zweck, um eine Idee oder Aussage zu transportieren. Jeder, den man auf seiner Reise trifft, hat eine Geschichte.

Haben Sie eine Lieblingsfigur in Ihrem Buch?
Ich liebe Aminah und Wurche, aber es gibt da ein kleines Mädchen, das mich nicht loslässt, ihr Name ist Hassana, sie ist ein Zwilling. Ich arbeite gerade an einem Jugendbuch über sie und ihre Zwillingsschwester.

Sehr wichtige Rollen im Leben der beiden Frauen nehmen auch ihre Großmütter ein.
Das stimmt. So war es auch in meinem eigenen Leben, denn weil meine Mutter arbeitete, verbrachte ich viel Zeit im Haus meiner Großmutter. Sie war ein außergewöhnlicher Mensch und hatte großen Einfluss auf mein Leben und das all meiner Cousins und Cousinen. Sie war keine Kuscheloma, manchmal auch ungerecht und herrisch. Aber sie war eine wahre Matriarchin. Sie prägte mich sehr und in jedem meiner Bücher gibt es wahrscheinlich einen Charakter, der an sie erinnert.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?
Am Anfang hatte ich Probleme damit, mich als Feministin zu bezeichnen, gerade als jemand, der aus Ghana kommt und auf ein US-Frauencollege geht, es schien mir so exklusiv. Doch das hat sich geändert – Frauen und Männer sollten die gleichen Möglichkeiten haben und gleichwertig behandelt werden. Als ich in den Senegal gezogen bin, wurde ich zur Feministin.

Weshalb sind Sie in den Senegal gezogen?
Aus beruflichen Gründen. Ich wurde dort von dem Schriftsteller Ayi Kwei Armah unterrichtet. Er zog in den 1980er- Jahren in den Senegal und ist so etwas wie der Großvater der ghanaischen Literatur. Er war mein Mentor, als ich 2007 mein erstes Buch geschrieben habe. Ihm habe ich meine Sicht auf die Welt zu verdanken. Armah ist wirklich ein Vorbild, hinterfragt die Dinge und arbeitet daran, die Puzzlestücke der afrikanischen Geschichte zusammenzusetzen. Ich lernte von ihm, Hieroglyphen zu lesen, wir übersetzen alte ägyptische Texte ins Englische, Französische und einige afrikanische Sprachen für andere Wissenschaftler, um die Geschichte Afrikas zu erforschen. Als ich wieder in den USA zur Universität zurückkehrte, schrieb er mir: „Wie man ein Buch schreibt, weißt du jetzt, nun brauchst du etwas, worüber du schreiben kannst – wenn du das finden und mehr über deine afrikanische Identität lernen willst, dann komm zurück.“ 2014 kam ich zurück und bin dort geblieben, bis heute. Vielleicht machen wir diesen Ort eines Tages zu einem literarischen Mekka, wer weiß (lacht).

Sie haben in den USA auch Biochemie studiert, sich dann aber doch für das Schreiben entschieden. Wie kam es zu dem Exkurs in die Naturwissenschaften?
Ich wusste schon immer, dass ich schreiben wollte. Meine Eltern sind Journalisten, sie gaben ein Kulturmagazin heraus und dann in den späten Neunzigern eine Tageszeitung. Ich schrieb für ihre Zeitung und nahm an Essay-Wettbewerben in der Schule teil. Aber als ich zur Highschool kam, begann ich, mir selbst so viel Druck zu machen, etwas „Richtiges“ zu studieren (lacht). So schrieb ich mich für Biochemie ein und habe auch meinen Abschluss gemacht, studierte parallel aber auch Kreatives Schreiben. Die naturwissenschaftlichen Kurse waren ok, aber sie wurden schnell so spezifisch und ich bin eher eine Person, die das große Ganze sehen will und die Verbindungen zwischen den Dingen und Menschen.

Gibt es ein Bewusstsein für die Geschichte der einheimischen Sklaverei in afrikanischen Ländern, wird das Thema in der Schule behandelt?
Nein, das ist ein Tabuthema – immer noch. Viele Leute haben mir gesagt, dass es mutig von mir war, dieses Buch zu schreiben. Mir aber scheint es normal, ich denke, wir sollten aufhören, das in der Vergangenheit zu verstecken. Es ist eine uralte menschliche Tradition und es passiert auch heute noch auf der ganzen Welt. Ich denke, es ist eine Frage von Macht. Es scheint tief in uns Menschen verwurzelt zu sein, sich von anderen Menschen abheben zu wollen. Das geht weit über das Thema Sklaverei hinaus und die Art und Weise, wie unsere Welt organisiert ist, fördert diese ewige Aufteilung in oben und unten, arm und reich. Ich denke, wir sollten uns mit der Sklaverei auseinandersetzen, erkennen, wie menschlich sie ist und daran arbeiten, die gesellschaftlichen Ungleichheiten abzubauen. Denn, wenn wir Sklaverei nur als etwas bezeichnen, das böse Menschen tun, wird sich die Geschichte immer weiter wiederholen, weil wir uns nur als die Guten sehen und den bösen, weißen Menschen weiterhin die Schuld geben.

Ist es die gängige Sichtweise in afrikanischen Ländern, dass die Europäer die Sklaverei nach Afrika brachten?
Das war mein Eindruck, als ich in Ghana lebte. Es hieß immer, der Sklavenhandel begann mit den Europäern. Aber der einheimische Sklavenhandel existierte seit Jahrhunderten. Insbesondere die Ashanti bauten ihr mächtiges Königreich durch Sklaven auf, führten grausame Kriege, um Menschen zu versklaven, die in ihren Goldminen und auf ihren Feldern arbeiteten.

In Europa gibt es seit einiger Zeit eine Debatte zum Thema Raubkunst aus der Kolonialzeit.
Auch im Senegal ist dieses Thema sehr präsent, weil gerade letztes Jahr das „Museum der schwarzen Zivilisationen“ eröffnet wurde. Ich denke, die Objekte sollten zurückgegeben werden, denn sie sind Teil unserer Geschichte. Ich sehe das ganz pragmatisch – ein Kind kann nicht mal eben ein Flugzeug nach Paris nehmen, um etwas über seine Herkunft zu erfahren. Die Menschen hier sind interessiert an ihrer Vorgeschichte, das habe ich durch mein Buch gelernt. So viele Leser haben mir gesagt, dass sie keine Ahnung hatten von diesem Teil unserer Geschichte. Sie begannen, selbst online zu recherchieren, nachdem sie meinen Roman gelesen hatten, weil sie mehr wissen wollten. Es gibt in Afrika einen großen Wissensdurst!

In Ihrem Roman beschreiben Sie auch sehr viele Details aus der Natur, die Pflanzen und das Essen. Gestern auf dem Panel erzählten Sie von Ihrem neuen Projekt, ein Sachbuch über die Geschichte der Kolanuss. Das ist ein interessanter Ansatz, über Geschichte zu schreiben – wie kam es dazu?
Es ist ein interessanter und gleichzeitig leichter Zugang zu Geschichte, denn die meisten Menschen lieben Kochbücher und Kochshows. Die Idee entstand, als ich an dem Roman schrieb, weil diese Nuss einfach überall auftaucht in den alten Schriften. Vom Senegal bis Nigeria und Kamerun findet man die Kolanuss-Kultur. Salaga war ein Handelsplatz für Kolanüsse für die gesamte Region, als sie dort nicht mehr gehandelt wurden, begann der Niedergang der Stadt. Die Nüsse werden seit jeher in traditionellen Zeremonien verwendet, aber sie waren auch wichtig für die Karawanen selbst. Wenn sie über lange Distanzen unterwegs waren, kauten die Menschen Kolanüsse, um wach zu bleiben. Ich beschreibe durch die Kulturgeschichte der Kolanuss auch eine Geschichte Westafrikas und folge den Spuren bis heute.


Foto: Ayesha Harruna Attah © Itunu Kuku