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»Jeder Tag am Set ist ein Geschenk«


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HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 49/2022 vom 02.12.2022

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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 49/2022

GEEHRT Julia Becker, Verlegerin der FUNKE Mediengruppe, überreicht Heino Ferch die GOLDENE KAMERA als bester Schauspieler

Unglaubliches Charisma, hohe Sensibilität, immense Wandlungsfähigkeit, große körperliche Präsenz, ungeheure Tiefe: Das sind nur fünf von vielen großen Gaben, die Deutschlands besten Schauspieler auszeichnen. Sein Name: Heino Ferch. Jetzt erhielt der 59-Jährige die GOLDENE KAMERA als „Bester Schauspieler“. In ihrer Laudatio würdigte Julia Becker, Verlegerin der FUNKE Mediengruppe, den Star als deutsche „Schauspiel-Legende“. Er verdiene den Preis wie kein Zweiter. HÖRZU traf Ferch zum Interview über seine Karriere, das Leitmotiv seines bewegten Lebens und seine Zukunftspläne.

HÖRZU: Herzlichen Glückwunsch zur GOLDENEN KAMERA, Herr Ferch! Wie sehr freuen Sie sich über den Preis der FUNKE Mediengruppe?

HEINO FERCH: Ich bin mehr als gerührt, das ist wirklich eine große Ehre. Punktgenau 20 Jahre nach der GOLDENEN KAMERA, die ich 2002 für „Der Tunnel“ bekommen habe, ist es jetzt meine zweite. Und ...

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... ich bin natürlich stolz, dass die persönliche Überreichung an mich erst die zweite persönliche Übergabe überhaupt ist. Die erste war 1979 im Vatikan, damals bekam Johannes Paul II. die GOLDENE KAMERA.

Sie stehen seit über 37 Jahren vor der Kamera, hatten Ihre erste TV-Rolle 1985 in „Der Alte“. Was war der Schlüsselmoment, in dem Ihnen klar wurde: „Ich will Schauspieler werden“?

Als 15-Jähriger stand ich als Kunstturner auf der Theaterbühne meiner Heimatstadt Bremerhaven, als plötzlich ein Regisseur nach Artisten Ausschau hielt. Für mich war dieser Moment die Initialzündung, um mit dem Theater in Berührung zu kommen. Damals hat sich meine artistische Leidenschaft direkt auf die Bühne übertragen. Außerdem hatte ich Power vom Turnen und konnte springen wie ein Hirsch. So kam eins zum nächsten.

Wie hoch war Ihre erste Gage?

Meine erste Profigage nach der Schauspielschule waren 1500 D-Mark, von denen ich mir unter anderem eine tolle Winterjacke gekauft habe.

Stellen Sie sich mal vor, dass Sie alle Figuren, die Sie gespielt haben, für ein Gruppenbild positionieren – mit sich selbst in der Mitte. Welche Figur darf dann neben Ihnen stehen?

Es wäre eigentlich unfair, einer der Figuren den Vorrang zu lassen. Deshalb hier wenigstens zwei: Roman Cycowski aus „Comedian Harmonists“ sowie die Figur des Privatiers und Meisterdiebs Johann Friedrich von Allmen, basierend auf der sehr geliebten Romanreihe von Martin Suter.

Als „Allmen“ sind Sie bereits viermal zu sehen gewesen. Wann kommt die nächste Suter-Verfilmung? Und was lieben Sie besonders an dieser Rolle?

Anfang 2023 drehe ich „Allmen und der Koi“. In dem Film suche ich einen eine Million Euro teuren Zuchtkarpfen. Die Lust, die Leidenschaft und den Esprit, die „Allmen“ ausstrahlt, spiele ich unglaublich gern. Jeder Tag am Set ist ein Geschenk.

Wenn Sie auf der Straße stolpern, so heißt es, gehen Sie zurück und passieren die Stelle noch einmal. Wie abergläubisch sind Sie – auf einer Skala von null bis zehn?

Sieben!

Woran liegt das?

Weil mir das einmal jemand erzählt hat – und ich es seitdem im Kopf habe.

SEINE KARRIERE- HIGH-LIGHTS

Heißt das, Ihnen käme keine schwarze Katze ins Haus?

Oh doch! Wir haben eine schwarze Katze am Hof. Nein, so ausgeprägt ist mein Aberglauben zum Glück nicht.

Was ist der erfüllendste Moment für einen Schauspieler?

Die Herstellung und die Arbeit am Set – sowie der Austausch mit den Kollegen. Wenn man als Schauspieler mit dem Regisseur brainstormt und über die Szenen redet und sie anschließend optimiert und verfeinert und gemeinsam auch noch kleinere oder größere Veränderungen am Drehbuch entwickelt – das ist für mich das Allerschönste!

Die Schattenseiten?

Dass ich häufig auf Reisen bin und nicht zu Hause in Oberbayern sein kann. Für mich ist Arbeit leider fast immer mit Reisen verbunden. In den vergangenen 20 Jahren, die ich nun dort unten lebe, gab’s nur wenige Drehtage, die ich von zu Hause aus machen konnte. Manchmal nehmen das Heimweh und die Sehnsucht nach meiner Familie dann durchaus überhand. Teilweise ist das schmerzhaft.

Aber dieses Kommen und Gehen kennen Sie doch von Ihrem Vater, der Kapitän war, oder?

Stimmt, aber genau das ist der springende Punkt. Als Kind habe ich mir geschworen, dass ich, anders als mein Vater, nie so lange und so viel abwesend sein möchte. Mein Vater war manchmal vier Monate weg, bevor er wieder für fünf Monate da war und anschließend wieder losmusste. So extrem abwesend bin ich zum Glück nicht.

Sie haben vier erfolgreiche TV-Reihen: „Spuren des Bösen“, „Allmen“, „Ingo Thiel“ und die Nordholm-Zweiteiler. Geht das alles weiter?

Ja, mit Ausnahme von „Spuren des Bösen“. Davon gab es 2019 den letzten Film. Die Entwicklung meiner Figur Richard Brock in dieser Reihe ist sehr intensiv. Ich würde mich aber sehr freuen, wenn Brock noch mal auf Sendung gehen könnte. Bei den anderen drei Reihen gibt es hingegen konkrete Termine: Am 2. und 4. Januar zeigt das ZDF zwei neue Teile der Nordholm-Reihe mit dem Titel „Die Frau im Meer“. Die Ausstrahlung des Thiel-ZDF-Krimis „Wo ist meine Schwester?“ gibt’s im März, und „Allmen und der Koi“ drehe ich, wie gesagt, im Frühling.

Was ist Ihre größte Stärke?

Engagement.

Und Ihre größte Schwäche?

Gummibärchen.

Nächstes Jahr werden Sie 60. Haben Sie Ihr Leben geformt, oder hat das Leben Sie geformt?

Das ist fifty-fifty. Eine Linie meines Lebens hat meine große Leidenschaft im Beruf und meine Lust auf Geschichten und Figuren vorgegeben. Aber natürlich sind die Einflüsse von außen auch mächtig – und man kann im Alltag nur versuchen, seinen Weg konsequent zu gehen.

Wie möchten Sie von der „Bühne des Lebens“ abtreten: „Peng und weg“ oder mit viel Zeit zum Loslassen?

Keine Ahnung, aber wenn Sie mich so fragen, dann lieber „Peng und weg“!

Und was kommt danach?

Das Leben im Jenseits. Die Hölle ist wahrscheinlich spannender als der Himmel. Zumindest für Schauspieler, weil wir berufsbedingt unermüdliche Lust auf Geschichten, Figuren und Dramen haben.

INTERVIEW: MIKE POWELZ