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Jedes Leben ist wertvoll


Ein Herz für Tiere - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 20.08.2021

Tierschutz

Artikelbild für den Artikel "Jedes Leben ist wertvoll" aus der Ausgabe 9/2021 von Ein Herz für Tiere. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Ein Herz für Tiere, Ausgabe 9/2021

BRUDER UND SCHWESTER Die weiblichen Tiere werden zu Legehennen, die männlichen wurden bislang nach dem Schlüpfen getötet

Sie sind geschlüpft, um zu sterben. Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 45 Millionen Hühnerküken routinemäßig aus wirtschaftlichen Gründen getötet – denn sie haben das falsche Geschlecht. Es sind die männlichen Geschwisterchen junger Legehennen. Während die Weibchen aufgezogen werden, um in der Eierproduktion eingesetzt zu werden, haben die Männchen für die Geflügelindustrie keinen Wert. Legehennenrassen werden nämlich so gezüchtet, dass sie möglichst viele und möglichst große Eier legen. Viel Fleisch setzen Legehennen und ihre Brüder nicht an. Deshalb lohnt es sich für die meisten Betriebe einfach nicht, die männlichen Küken aufzuziehen und als Brat- oder Suppenhähnchen zu verkaufen. Die Folge: Die kleinen Hähnchen werden direkt nach dem Schlupf aussortiert.

Szenarien wie aus dem Horrorfilm

Ihre Schwestern werden auf einem Laufband zum Impfen transportiert, auf die männlichen ...

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... Eintagsküken wartet der Tod. In der Regel werden sie mit Kohlendioxid vergast und als Frischfutter an Zoos und Tierhandlungen verkauft. Noch grausamer ist der sogenannte Kükenmuser, eine mit Messern besetzte Walze, welche die kleinen Hähnchen bei lebendigem Leib zerstückelt. Anschließend wird die Masse zu Dünger oder Tierfutter weiterverarbeitet. Ein Szenario wie aus einem Horrorfilm, das dieser grauenvollen Praxis den Namen „Kükenschreddern“ einbrachte. Doch damit ist bald Schluss.

Geschlechtsbestimmung im Ei

Ende Mai hat der Bundestag das Verbot für das massenhafte Kükentöten beschlossen. Von kommendem Jahr an dürfen die Geflügelbetriebe nicht mehr wie bisher Millionen unrentable Hähnchen einfach aussortieren und töten. „Damit sind wir weltweit Vorreiter“, erklärte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. „Wir lagern Tierschutzfragen nicht einfach ins Ausland aus, sondern bieten hier in Deutschland eine Lösung an.“ Die von Julia Klöckner angesprochene Lösung sieht drei Alternativen zur bisherigen Praxis des „Kükenschredderns“ vor: Die Geschlechtsbestimmung im Brutei, die Aufzucht der männlichen Tiere und die Haltung sogenannter Zweinutzungsrassen.

“Deutschland ist hier weltweit Vorreiter in Sachen Tierschutz”

Bei der In-ovo-Geschlechtsbestimmung wird durch verschiedene technische Verfahren bereits im Ei festgestellt, ob darin ein männliches oder ein weibliches Küken heranwächst. Handelt es sich um ein Weibchen, wird das Ei weiter bebrütet. Steckt unter der Schale ein männliches Küken, wird das Brüten abgebrochen und der Hühnerembryo zu Futtermittel verarbeitet. Die technischen Grundlagen für die Geschlechtsbestimmung im Ei wurden mit finanzieller Förderung des Bundeslandwirtschaftsministeriums entwickelt. Nun soll diese Alternative zum Kükentöten auch ins Ausland exportiert werden, um den sinnlosen „Massenmord“ an Hähnchen nicht nur deutschlandweit, sondern auch europa- oder gar weltweit zu unterbinden. Bereits vor dem Schlupf ins Ei „hineinschauen“, damit keine Hähnchen das Licht der Welt erblicken, die sowieso dem Tode geweiht sind – das klingt erst einmal prima, oder? Tierschützerinnen und Tierschützer sehen die Methode der Inovo-Geschlechtsbestimmung dennoch kritisch, denn sie löst das grundsätzliche Leid in der Legehennenhaltung nicht (siehe Interview).

Bruderhahn-Aufzucht

Eine andere Alternative zum Kükentöten ist die Aufzucht der männlichen Küken aus Legehennenrassen. Da Legehennen ausschließlich für die Eierproduktion gezüchtet werden, wachsen sie viel langsamer als Hühner und Hähne aus Mastrassen. Während „Fleischrassen“ in nur 38 Tagen ihr Schlachtgewicht von 1,4 Kilogramm erreichen, brauchen Hähnchen aus Legehennenrassen dafür knapp 18 Wochen. Sie setzen zudem weniger Fleisch an und bilden die begehrte Hühnerbrust nicht in der bekannten Größe aus. Dennoch kann sich die Aufzucht der Brüder der Legehennen unter Umständen lohnen – und zwar sowohl aus Sicht der Tierschützerinnen und Tierschützer als auch aus Sicht der Verbraucherinnen und Landwirte.

Initiativen wie die „Brudertier Initiative Deutschland (B.I.D.)“ setzen sich dafür ein, dass Hähnchen schon heute eine Chance auf Leben bekommen und heranwachsen dürfen. Ihre Anhänger sehen in der Bruderhahn-Aufzucht eine Win-win-Situation: Die Mehrkosten, die durch das Mästen der „Brüder“ entstehen, können zwar nicht allein durch den Verkauf des Hähnchenfleischs gedeckt werden. Dafür werden die Eier für ein paar Cent mehr verkauft. Die Hühner finanzieren durch ihre Eier also das Leben ihrer Brüder mit. Gut zu wissen: Da die Bruderhähne langsamer heranwachsen, ist ihr Fleisch schmackhafter als das der Hochleistungs-Fleischrassen – eine echte Delikatesse für alle, die nicht komplett auf Fleisch verzichten möchten.

KENNZEICHNUNG Der Code der Eier ist EU- weit verbindlich geregelt. Haltungssystem und Herkunft sind hier vermerkt

DIE ERSTE ZIFFER ...steht für die Haltungsform: 0 = Ökologische Erzeugung, 1 = Freilandhaltung, 2 = Bodenhaltung, 3 = Käfighaltung

LÄNDERCODE Die folgenden zwei Buchstaben stehen für den EU-Mitgliedsstaat, in dem das Ei produziert wurde. Die letzte Zahlenfolge kennzeichnet den konkreten Betrieb

Eier- und Fleischlieferanten

Wer nicht bis 2022 warten möchte, um Eier aus Erzeugung ohne Kükenschreddern zu kaufen, sollte auf Hinweise wie „Bruderhahn-Aufzucht“ oder „Eier ohne Kükentöten“ auf dem Eierkarton achten. Aus Tierschutzsicht ist wohl die dritte Alternative zum Kükentöten die beste: die Zucht sogenann-ter Zweinutzungshühner. Dabei handelt es sich um Geflügel, das sowohl als Eier- als auch als Fleischlieferanten gehalten wird – so wie es früher üblich war. Die weiblichen Küken wachsen als Legehennen heran, während die männlichen gemästet und geschlachtet werden. Das Problem dabei: Zweinutzungshühner legen deutlich weniger Eier als ihre Artgenossen aus speziell getrimmten Hochleistungs-Legerassen. Und die Hähnchen gewinnen deutlich langsamer an Gewicht als Tiere aus reinen Mastlinien. Damit Bäuerinnen und Bauern wirtschaftlich arbeiten können, muss die Haltung dieser Zweinutzungshühner bislang im Rahmen spezieller Programme quersubventioniert werden.

Ein erster wichtiger Schritt

Bis alle Hühner und Hähne ein Leben in Würde führen können, wird es also noch dauern. Mit dem Ausstieg aus dem Kükentöten ist ein erster wichtiger Schritt getan. Auf das gesetzliche Verbot des Schredderns mussten Tierschützer*innen ohnehin lange warten: Gut sechs Jahre hat es von der Ankündigung bis zur Umsetzung gedauert. Erst als das Bundesverwaltungsgericht Leipzig 2019 diese tierschutzwidrige Praxis nur noch vorübergehend legitimierte, kam Bewegung in die Sache. Die Bundesverwaltungsrichter entschieden damals, dass das Töten männlicher Küken gegen das Staatsziel des Tierschutzes verstoße, das 2002 ins Grundgesetz aufgenommen wurde. Nach heutigen Wertvorstellungen beruhe das Kükentöten auf keinem vernünftigen Grund, hieß es. Um die Brutbetriebe nicht zu überfordern, blieb das Kükenschreddern übergangsweise erlaubt – die Politik und die Geflügelbranche wurden durch das Urteil zum Handeln gezwungen. Nun muss der Weg weiter konsequent verfolgt werden, um endlich allen (Nutz-)Tieren ein Leben ohne unnötiges Leid zu ermöglichen.

“Hühner und Hähne verdienen ein Leben in Würde”