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„Jedes Schreiben sollte ein Evangelium sein“


Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 186/2019 vom 10.10.2019

Kafkas würdigster Nachfolger:Mircea Cartarescu und sein gewaltiges Romanopus „Solenoid“ sprengen die Dimensionen herkömmlicher literaturkritik. eine metaphysisch-ethische Reise zu den letzten Dingen. Verrückt, wahnwitzig, surreal, großartig erzählt.


SEIN UMFANGREICHES, überwältigendes Werk beschreiben zu wollen – das ist so, als würde man versuchen, den Inhalt der „Göttlichen Komödie“ in drei Worten wiederzugeben. Der Rumäne Mircea Cărtărescu, 63, ist ein Monolith der Gegenwartsliteratur. Vierzehn Jahre schrieb er an seiner 1808 Seiten gewaltigen „Orbitor“-Trilogie(„Die Wissenden“, „Der Körper“, „Die ...

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Bildquelle: Buchkultur, Ausgabe 186/2019

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... Flügel“), die mit dem apokalyptischen Sturz des Ceaușescu-Regimes endet und die, wie er selbst behauptete, unlesbar sei: „Weltliteratur“ attestierte ihm das Feuilleton, einig wie selten.


„Ich liebe es, mir Gedanken über die Natur der Wirklichkeit zu machen, über die Bedeutung des Wortes, sein‘, aber auch über unser Schicksal in der Welt.“


WAS GILT ES AUS einem brennenden Haus zu retten? Kunst oder Leben? Das Neugeborene, aus dem vielleicht ein Verbrecher an der Menschheit wird, oder das geschriebene, gemalte oder komponierte Meisterwerk, in dem sich die Humanität selbst definiert? In „Solenoid“ ist die Liebe eine unerwartete Auflösung: Der Protagonist, „früher ein Mystiker ohne Empathie, entschlossen, sich selbst zu retten, die ‚reale‘ Wirklichkeit alleine zu betreten“, entscheidet sich, das Kind vor dem Feuer zu retten. Er „erkennt, dass er nicht alleine ist, sondern Teil der Menschheit, mit der er in Liebe verbunden ist. Am Ende öffnet sich das Tor für ihn, aber er lehnt ab: Er wird in der Welt bleiben – mit seiner Frau, seinem Kind und dem Rest der Menschheit.“

UNGLAUBLICH, doch anhand seiner Manuskripte nachlesbar: „Orbitor“ entstand ohne Konzept, per Hand in Notizbücher geschrieben, praktisch ohne Korrekturen. Nicht anders war es bei „Solenoid“. Was in Druck geht, ist die erste und einzige Fassung.
In Rumänien kennt man ihn immer noch hauptsächlich als Lyriker. Das 1990 erschienene 7000-Verse-Epos „Levantul“ hielt er für unübersetzbar. Seit 1993 schreibt er ausschließlich Prosa. Dass er auch leicht, zart, komisch und knapp sein kann, davon handeln die Erzählbände „Warum wir die Frauen lieben“ oder „Die schönen Fremden“.
Der 1956 in einfachste (Arbeiter-)Verhältnisse in Bukarest Geborene lebt heute nicht mehr im vielbeschriebenen Plattenbau, sondern in einem Reihenhaus am Rande der Stadt. Verheiratet mit der Lyrikerin Ioana Nicolaie, ist er der erste Intellektuelle seiner Familie. „Wir hatten zu Hause keine Bücher. Ich machte mir als Schüler meine eigene kleine Bibliothek. Ich war schüchtern und zurückgezogen und begann mit siebzehn, Gedichte zu schreiben und Tagebuch zu führen. Meine Eltern waren nicht erfreut darüber, dass ich über sie schrieb. Sie verboten es mir sogar. Meine Mutter ist nun neunzig Jahre alt. Sie liest meine Bücher nicht, aber sie ist ziemlich stolz, wenn sie mich im Fernsehen sieht.“

2015 wurde Mircea Cartarescu der Österreichische Staatspreis für europäische Literatur von Kunst-und Kulturminister Josef Ostermayer (r.) verliehen.


ER SELBST BEZEICHNETE sich einmal als unter Ceaușescu unpolitische Person. Die Literatur half, zu überleben. Fragen zur „Schein-Revolution“, wie er sie nannte, mag er nicht mehr beantworten – er tat es aber in „Orbitor“: Die rumänische Revolution in Gestalt eines riesigen Bauernmädchens wird dort reihum von den neuen, zwergenhaften Machthabern im Schlaf geschändet.
Die Verbitterung über die „ausnahmslos korrupte“ politische Klasse Rumäniens ist mit ein Grund, weshalb er sich seit zehn Jahren stark gegen das System engagiert, das er „Kleptokratie“ nennt. Wie zum Beweis, ging Liviu Dragnea, ehemaliger Chef der Sozialdemokraten, vor kurzem ins Gefängnis. Dennoch: Der EU-Eintritt „war ein großer Fortschritt. Die letzten zwei Jahre zeigten, dass die Menschen reifer geworden sind, sich ihrer Rechte und ihrer Macht bewusster, politisch gebildeter. Der Versuch der politischen Klasse, wieder ein autoritäres Regime zu errichten und sich die Justiz zu unterwerfen, traf auf eine sehr starke Opposition. Nun ist der Möchtegern-Diktator in Haft, und eine neue politische Klasse entsteht, die uns eine gewisse Hoffnung für die Zukunft bringt.“
Fürchtet er den zunehmenden Nationalismus und Rechtsruck in Europa? „Nein. Die anti-demokratische Welle wird bald verebben. Denn sie ist eine künstlich provozierte. Die Welle des Populismus wurde von den Politikern gebracht, die die Angst der Menschen ausnutzten. Aber wir befinden uns heute nicht in der Hitlerzeit, wir leben in der Ära des Internets. Das verändert alles. Die Menschen werden die Lügen und Manipulationen bald satt haben.“ Trump, der die Europäer „Feinde“ im Handelskrieg nannte, sei die „große Herausforderung“ und traurigerweise „heute genauso gefährlich für das vereinte Europa wie Putin.“
Wie ein literarischer Tesserakt: Cărtărescus „Solenoid“ hebt die Schwerkraft auf. Unmöglich, sich diesem Sog zu entziehen.
Das Interview in voller Länge demnächst zum Nachlesen auf www.buchkultur.net

Der 1956 in Bukarest geboreneMircea Cartarescu studierte Philologie, arbeitete als Gymnasiallehrer und unterrichtet an der Bukarester Universität. Er verfasste Lyrik („Levantul“) und seit 1993 ausschließlich Prosa: „Nostalgia“ beschwört (s)eine Kindheit im Bukarest der Sechziger und Siebziger Jahre herauf. Es folgten der Roman „Travestie“ und Erzählungen. Mit der „Orbitor“-Trilogie schrieb er Literaturgeschichte. Er wurde vielfach ausgezeichnet: Leipziger Buchpreis, Österreichischer Staatspreis, Thomas-Mann-Preis.
Solenoid Übers. v. Ernest Wichner, Zsolnay, 912 S.
Die schönen Fremden. Erzählungen Übers. v. Ernest Wichner, dtv, 304 S.


FOTO: BARNA NEMETHI

FOTO: ANDY WENZEL/BKA