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JENNY CAPITAIN EIN LEBEN MIT DER FOTOGR AFIE


digit! - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 27.08.2021

Artikelbild für den Artikel "JENNY CAPITAIN EIN LEBEN MIT DER FOTOGR AFIE" aus der Ausgabe 4/2021 von digit!. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: digit!, Ausgabe 4/2021

Die Ikone: Jenny Capitain, fotografiert von Helmut Newton in der Pension Florian, Berlin 1977. Copyright Helmut Newton Estate. Courtesy Helmut Newton Foundation.

Jenny Capitain stammt aus Selb in Oberfranken, einer für ihr Porzellan bekannten Stadt. Sie kam nach Berlin, um Fotografie und Grafik zu studieren, 1969/70 richtete sich die Aufmerksamkeit an deutschen Universitäten jedoch mehr auf Marx und das Kapital. Jenny Capitain zog in eine Fabrik- Dachetage in der Kreuzberger Zossener Straße. Dort traf sie Claudia Skoda, und die beiden begannen mit der Produktion avantgardistischer Strickmode.

In der Inselstadt West-Berlin fand zu dieser Zeit ein kultureller Urknall statt, und die „FabrikNeu“ getaufte Dachetage fand sich mitten in diesem gesellschaftlichen Umbruch wieder. Modenschauen, Partys und Ausstellungen wechselten sich ab. Die Musiker von Kraftwerk waren zu Gast, Iggy Pop und David Bowie, die in Schöneberg wohnten, kamen zum Essen vorbei. Der Ausnahmekünstler Martin Kippenberger, den Capitain und Skoda auf Ibiza kennengelernt hatten, zog ein und ...

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... hinterließ der WG einen aus 1.300 Fotos zusammengesetzten Fußboden. Jennys Schwester Gisela, die als Grundschul-Lehrerin arbeitete, gründete nach einer Partie Mau-Mau mit ihm das Büro Kippenberger – der Start ihrer Karriere als Galeristin.

1976 zog Capitain nach Paris. Nach nur einer Woche dort lief sie Helmut Newton über den Weg. Eine ältere Dame im weißen Kittel sprach Jenny an, hinter ihr tauchte ein Mann mit runder Brille auf, der ihr bekannt vorkam. „Hallo, ich bin Helmut Newton. Was machen Sie hier? Sie haben die besten Beine, die ich seit Langem gesehen habe!“, so begrüßte er sie. Sie entgegnete, dass sie gerade aus Berlin komme.

Helmut Newton, 1920 in Berlin geboren, wollte mit Jenny arbeiten: „Ich habe eine Idee für Berlin, da fahren wir hin!“ Es kam jedoch immer etwas dazwischen, und es sollten noch eineinhalb Jahre vergehen. Jenny Capitain jobbte in der Zwischenzeit bei Jean-Paul Gaultier. Helmuts Anruf – „Hol dir dein Ticket ab, wir fahren nach Berlin“ – kam unpassend: Das rechte, ausgerenkte Knie steckte in Gips. Newton lachte und sagte: „Das passt genau in meine Geschichte.“

In Jean Renoirs Film „Die große Illusion“ trägt Erich von Stroheim als deutscher Offizier ein Stützkorsett, ein Look, der Newton zu einer Serie inspirierte. Es fehlte nur noch die passende Location. Ein Freund Jennys empfahl die Pension Florian in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms. Im Stil einer vergangenen Epoche gestaltet und leicht anrüchig, wurde sie von den Nazis als Abhörstation genutzt. Genau das war es, was Newton suchte. Der Fotograf war wie immer gut vorbereitet, das Shooting fand ohne Assistenten in totaler Konzentration statt. Nach zwei Stunden war die ikonische Aufnahme im Kasten.

In Paris war Helmut Newton Stammgast im chinesischen Restaurant Davé in der Rue de Richelieu. Hier traf er sich gerne mit Freunden zu Spare Ribs und Zitronenhuhn. Bei einem gemeinsamen Essen traf Jenny auf Polly Mellen, die Modechefin der amerikanischen Vogue. Sie Lud Jenny zum Shooting nach New York ein. Capitain blieb in der Stadt und wechselte als Redakteurin der frisch gegründeten amerikanischen Elle hinter die Kamera. Nebenbei arbeitete sie frei für die Vogue. Als Anna Wintour die Chefreaktion übernahm, wurde daraus eine Festanstellung. Jenny Capitain arbeitete mit Fotografen wie Arthur Elgort* 1 , Bill King* und Irving Penn, den sie als perfekten Gentleman in Erinnerung hat (kein Essen am Set oder Hintergrundmusik. Nur konzent-riertes Arbeiten). Als Ellen von Unwerth vom Modeln hinter die Kamera wechselte, gab Capitain der Fotografin die ersten Aufträge bei der Vogue.

Nach einem Abstecher als Modedirektorin zur französischen Vogue und drei Jahren Paris kehrte sie 1996 nach New York zurück. Der Hearst-Verlag brachte im April 2000 „O“, ein begleitendes Magazin zu Oprah Winfreys erfolgreicher Talkshow heraus. Jenny Capitain übernahm ab 2002 freiberuflich die Produktion von Covern und Modestrecken.

Heute ist sie wieder öfter in Berlin zu sehen. Die Spree-Metropole mag nicht mehr der kulturelle Schmelztiegel der 1970er-Jahre sein, doch Spuren der Zeit im FabrikNeu finden sich allerorten. Jennys Freundin Claudia Skoda wird mit einer großen Ausstellung im Kulturforum am Mathhäikirchplatz gefeiert, und die Galerie Capitain Petzel ihrer Schwester Gisela zeigt in einem großzügig sanierten Pavillon in der Karl-Marx-Allee internationale Kunst. An die Pension Florian erinnert außer Jenny Capitains Foto nichts mehr.

Am 31. Oktober 2021 wäre Helmut Newton 101 Jahre alt geworden. Ab dem 31. Oktober 2021 zeigt die Berliner Helmut Newton Stiftung die große Retrospektive „HELMUT NEWTON. LEGACY“.

Helmut Newton Foundation Museum für Fotografie Jebensstraße 2, 10623 Berlin

helmut-newton-foundation.org

Telefon: +49 30 3186 4825

Di., Mi., Fr., Sa. & So. 11-19 Uhr, Do. 11-20 Uhr, Mo. geschlossen

Bei Brezeln mit Jasmin-Marmelade hatte ich die Gelegenheit, Jenny Capitain Fragen zu Fotografie und Helmut Newton zu stellen.

TW: Was bedeutet Fotografie Ihnen?

Jenny Capitain: Ich liebe Fotografie. Ich finde sie superaufregend. Das war Helmut Newtons Einfluss, es war faszinierend, wie er mit Fotografie umging. Wir sprachen oft über Trends, zeigten und empfahlen uns gegenseitig Fotografen oder Ausstellungen. Dies setzte sich über viele Jahre fort. Helmut half mir, ein Auge zu entwickeln. Als wir uns 1976 kennenlernten, dominierten er und Guy Bourdin (1928 -1991, Lehrling von Man Ray) die Vogue, in jedem Heft hatten sie über Jahre mindestens zwei Strecken. Die beiden ergänzten sich sehr gut. Das Studio war auf der anderen Straßenseite gegenüber der Redaktion, dort arbeiteten sie Rücken an Rücken.

TW: Wie wichtige war Newton die technische Seite?

JC: Er war technisch sehr engagiert und hat Nächte mit seinem Printer in Paris im Labor verbracht, um das erwünschte Bildergebnis zu bekommen.

Das Besondere an Helmut ist dieses Berliner schwarzweiße Licht. Oft haben wir in der Mittagssonne Fotos gemacht, er konnte mit den Kontrasten umgehen. Geblitzt hat er fast nie. Das nächtliche Paris von Brassaï war auch immer ein Einfluss bei ihm. Zwischendurch hat er viel mit einer kleinen Autofokus-Sucherkamera gearbeitet. Als ich anfing, mit ihm zu arbeiten, machte er sehr komplizierte Lichtgeschichten, mit fünf verschiedenen Leuchten, die stundenlang eingerichtet werden mussten. Das hat er dann aufgegeben. Newton verschwendete kein Material, er überließ nichts dem Zufall. Eineinhalb Rollen Film reichten ihm konsequenterweise für ein gutes Bild. Die Redaktion bekam daher auch nur das Endprodukt zu sehen, so etwas wie Kontakte zur Auswahl gab es bei ihm nicht.

TW: Wie waren June und Helmut privat?

JC: Sie hatten ein sehr enges Verhältnis, und June hatte großen Einfluss auf seine Arbeit. Sie kuratierte seine Bücher und Ausstellun-gen. June hielt ihm den Rücken frei und inspirierte ihn, sie sagte „Mach, mach, mach!“. Unter dem Namen Alice Springs hatte sie ja lange vor ihm begonnen, Portraits zu fotografieren, und warf ihm im Scherz vor, ihre Idee gestohlen zu haben. Die beiden waren von Paris nach Monaco gezogen, nachdem François Mitterand französischer Präsident geworden war. Die Winter verbrachten sie im Chateau Marmont* 3 am Sunset Boulevard. Seine Frau war das gesellschaftliche Zentrum seines Lebens, ob in Ramatuelle oder anderswo, und das Geheimnis seines Erfolgs.

TW: Modefotograf Richard Avedon kämpfte lange um die Anerkennung als Künstler, wie sah Newton das?

JC: Er war selbstsicher und hatte die richtige Partnerin. Seine Art zu fotografieren, verursachte ja auch Skandale. Der von unten fotografierte Jean-Marie Le Pen mit Hund erinnerte viele an Hitler mit Blondie. Oder der am Mord seiner Frau per Insulin-Überdosis verdächtigte Claus von Bülow, mit Lederjacke in arroganter Heldenpose. Seine Portraits waren immer „edgy“, sie hatten eine soziale Aussage. Er sagte stets: „Ich bin kein Künstler, I am a gun for hire“.

* 1 1940 in New York geboren, etablierte sich Arthur Elgort in den 1970er-Jahren mit einem neuen, vom Studio befreiten Stil und gehört zu einem der meistkopierten Fotografen der Welt.

* 2 (1939 -1987) Früh an Aids gestorbenes Wunderkind der Modefotografie, heute in Vergessenheit geraten.