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Jenseits der Angst


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 08.02.2022

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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 3/2022

ALLES IM GRIFF

Alex Honnold an einem Überhang im kalifornischen Yosemite Nationalpark: Selbst kleine Fehler sind in seiner Welt verboten.

Ein ganz normales Wochenende im Hause Honnold.

„Ist das dein Rucksack oder der von Jimmy?“, fragt Alex Honnold im Vorbeihuschen. Ich bin mir kurz nicht sicher, wie ich darauf antworten soll. Jonathan Griffith, Honnolds Freund und Kameramann von Dokumentationen wie „Der Alpinist“ und dem brandneuen „Alex Honnold: The Soloist VR“, kommt mir zu Hilfe: „Jimmy Chin treibt sich irgendwo hier auf dem Grundstück herum.“ (Chin ist Kletterer, Fotograf und Oscar-Gewinner; er war Regisseur des Honnold-Epos „Free Solo“; Anm.)

Es ist ein milder Samstagvormittag im November, ich sitze gemütlich am Esstisch in Honnolds Haus in der Nähe von Las Vegas. Durch die Fensterfront bietet sich mir ein unglaublicher Ausblick auf leuchtendrote Sandsteinfelsen. Trotzdem interessiere ich mich ...

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... mehr für das, was im Raum passiert. Es ist spannend, Honnold bei etwas so Banalem wie Aufräumen zu beobachten: Wenn er in seinem Wohnzimmer mit ein paar Handgriffen für Ordnung sorgt, macht er das mit der gleichen Präzision, mit der er auch tausend Meter hohe Felswände ohne Seilsicherung erklimmt. Hier sieht man, was Honnold ausmacht: Er ist keiner, der herumredet. Er macht die Dinge einfach.

Honnold verräumt Chins Rucksack in der Küche, da stellt sich ihm das nächste Hindernis in den Weg: eine Babyspielmatte. Einen Augenblick hält er verdutzt inne, als würde er sich fragen, was erdfarbene Babysachen in seinem Wohnzimmer zu suchen haben. Dann zuckt er mit den Schultern und verstaut das Ding im Schrank. Auf dem Weg zurück in die Küche hält er kurze inne, um einen ungefähr fünf Zentimeter dicken Stapel Fanpost durchzusehen.

Die ganze Szenerie ist ein Musterbeispiel für jene Effizienz, die Alex Honnold auszeichnet, jenen Mann, der seit 25 Jahren die unglaublichsten Leistungen im Klettern vollbringt, der große und kleine Felsen erklomm, mit und ohne Seil. Der 2017 als erster Mensch die tausend Meter hohe, beinahe senkrechte Steilwand El Capitan im Yosemite- Nationalpark ohne Sicherung hinauf kletterte. Der oscarprämierte Dokumentarfilm über dieses Husarenstück machte ihn zum globalen Kletterweltstar. Aber jetzt beginnt ein ganz neues Kapitel seines Lebens.

Ehe. Kinder. Klettern. Free Solo. Wie geht sich das alles aus?

Familie

„Ich glaube, ich war auf jedes meiner Kletterabenteuer besser vorbereitet als auf mein Kind“, sagt Honnold und lacht. „Vor einem Kletterprojekt lese ich tonnenweise Bücher, lerne, trainiere. Bücher über Kindererziehung habe ich noch kein einziges gelesen. Wir werden rausfinden, wie es geht, während wir es tun.“

An ihrem ersten Hochzeitstag gaben Honnold und seine Frau Sanni McCandless-Honnold auf Instagram bekannt, dass sie im Februar 2022 eine Tochter erwarten. Kletterfans aus der ganzen Welt gratulierten den beiden unter ihrem Posting, aber unter die Gratulationen mischten sich auch Zwischentöne. Fragen, Zweifel, was denn all das für den Kletterer Alex Honnold und seine einzigartige Karriere bedeuten würde.

Honnold ist für viele der wichtigste Kletterer auf diesem Planeten, er ist das Gesicht eines Sports, der selbst in seinen entspanntesten Momenten kaum mehr als ein paar Millimeter Sicherheitsabstand zum Tod gewinnt. Wie passt so ein Sport zur Rolle eines Familienvaters? Für einige seiner Fans gar nicht. Für Honnold selbst sehr wohl. Er hatte immer geplant, eine Familie zu gründen – unabhängig davon, was das für sein Klettern bedeuten würde.

„Ich war auf meine Kletterabenteuer besser vorbereitet als auf mein Kind.“

ER HAT GUT LACHEN

Alex Honnold steht 2022 vor einem neuen Lebensabschnitt. Er wird erstmals Vater, und seine erste Virtual-Reality- Kletter-Doku erscheint.

ER WEISS, WAS ER TUT

Honnold im Juni 2017 bei seiner Free-Solo- Besteigung von El Capitan im Yosemite- Nationalpark. Wenn er ohne Sicherung klettert, kann er jeden Griff auswendig.

2016 scannte eine Forscherin Honnolds Gehirn. Ergebnis: Sein Angstzentrum blieb „cool“.

„Ich bin quasi auf alles vorbereitet“, sagt er, nachdem er sich auf eines der zwei runden Sofas in seinem Wohnzimmer gesetzt hat. „Könnte sein, dass die Vaterschaft das Klettern für mich verändert. Könnte sein, dass sie es nicht tut. Ich gehe ja schon jetzt keine unnötigen Risiken ein.“

Wie auf Stichwort unterbricht ein zaghaftes Klopfen die Unterhaltung. Honnold hebt seinen Blick zum Fenster hinter mir. Dort hält eine freundliche junge Frau ein glücklich brabbelndes Baby im Arm, das Spuckebläschen gluckst und mit den Beinchen strampelt. Als sie die Kameras im Raum sieht, duckt sich die Frau hinaus, Honnold entschuldigt sich. „Tut mir leid, das ist meine Schwägerin. Sie wohnt mit ihrem drei Monate alten Baby im anderen Haus auf dem Grundstück“, sagt er. „Das ist mein Übungsbaby.“

Honnold fühlt sich mit dem Konzept von Familie und vor allem mit Kindern wohl. Was eigentlich keine Überraschung ist, wenn man seine eigene Kindheit bedenkt. Er wurde 1985 in Sacramento geboren, als jüngeres von zwei Kindern von Charles Honnold und Dierdre Wolownick, typische Mittelschicht, beide Eltern waren Sprachlehrer an einer Volkshochschule in der Nähe; der Vater unterrichtete Englisch als Zweitsprache, die Mutter Französisch. Die Familie war nicht perfekt, aber funktionierte. Seine Eltern ließen sich scheiden, als Alex im ersten Studienjahr war. Wenig später starb der Vater an einem Herzinfarkt.

Aber Honnold erinnert sich daran, wie stark er den familiären Halt als Kind spürte, und er wollte schon immer selbst eine Familie gründen.

Alex zeigte schon früh, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Als kleiner Junge vertiefte er sich stundenlang in Problemlösungsspiele wie Lego; im Kindergartenalter begann er mit dem Klettern. Als Zehnjähriger hatte er sich voll und ganz dem Sport verschrieben, auch wenn er damals nicht der Beste darin war. „Ich habe es geliebt“, erinnert er sich. „Einfach draußen zu sein, das war immer schon ein wichtiger Teil meines Lebens.“

Während er das sagt, deutet er aus dem Fenster auf die roten Felsen in der Ferne. „Bist du da schon einmal geklettert?“, fragt er und legt den Kopf schief. Ich gebe zu, dass mich Klettern nie wirklich interessiert hat. „Da verpasst du wirklich was“, sagt er mit einem breiten Grinsen. „Definitiv.“

Angst

Es kommt nicht oft vor, dass ein Zeitwort nach einer Person benannt wird, aber Honnold ist genau das passiert. 2008 kletterte er allein eine 22 Seillängen lange Route über die Nordwestwand des Half Dome im Yosemite-Nationalpark.

Ein ikonisches Foto davon verbreitete sich im Internet: Honnold steht, roter Kapuzenpulli, schwarze Kletterhose, auf einem winzigen Felsvorsprung, Rücken und Fersen fest gegen die Wand gepresst; seine Zehen ragen fast über den Rand.

Unter ihm klaffen 500 Meter Nichts.

So entstand das Verb „honnolding“, das so viel heißt wie mit dem Rücken zur Wand zu stehen, an einer unsicheren Stelle, und dem Abgrund und der Angst ins Gesicht zu schauen.

Über die Jahre ist Honnolds Angst – oder viel mehr das offensichtliche Fehlen derselben – zu einem echten Thema geworden. Die wenigsten von uns können sich vorstellen, Leistungen wie er zu vollbringen, ohne von lähmender Angst ergriffen zu werden. Als die Normalsterblichen, die wir sind, gibt es für uns also nur eine mögliche Erklärung:

Honnold muss furchtlos sein, vielleicht genetisch bedingt? Vielleicht durch eine seltene Fehlbildung im Gehirn? Dieses Narrativ setzte sich so sehr durch, dass er sein Gehirn 2016 von der Neurowissenschaftlerin Jane Joseph untersuchen ließ. Dabei lag der Schwerpunkt auf der Amygdala, dem Angstzentrum im Gehirn. Das Ergebnis war aufschlussreich, aber nicht überraschend: Es ist nahezu unmöglich, Honnolds Amygdala zu stimulieren. Egal was Joseph ihm während der Untersuchung zeigte: Honnolds Angstzentrum blieb unbeeindruckt.

So weit die wissenschaftlichen Daten. Alles andere ist reine Spekulation. Die Tatsache, dass es Alex Honnold Freude bereitet, senkrechte 1000-Meter-Anstiege im Alleingang und ungesichert zu klettern, lässt darauf schließen, dass seine Amygdala „cooler“ sein könnte als die der meisten anderen. Fast die ganze Welt hat 2018 den Film „Free Solo“ gesehen, in dem Honnold die Erstbegehung der Freerider-Route an El Capitan im Allein­ gang schaffte. Die meisten Leute würden so etwas nie in Betracht ziehen, selbst wenn sie über Honnolds Kletterfähigkeiten verfügten.

GANZ OBEN

Alex Honnold 2017 am Ziel seiner Träume – am höchsten Punkt der legendären Felswand El Capitan

Ausgerechnet in den Alpen geriet der Kletter-Titan an seine Grenzen.

Honnold selbst streitet beharrlich ab, dass er furchtlos ist; er weiß, sagt er, sehr wohl, was es heißt, Angst zu haben. Er meint, dass er sich die Angst bis zu einem gewissen Grad abtrainiert hat. Bedeutet das, dass er auch seine Amygdala trainiert hat? Schwer zu sagen – es gibt keine Vergleichsdaten aus der Zeit, bevor er mit dem Free Solo begonnen hat.

„Ich habe definitiv Angst wie andere auch. Und ich habe immer noch Angst vor dem Tod“, sagt er. „Ich bin nur mit der Zeit unempfindlicher geworden und kann gut damit umgehen.“

Unter „kann gut damit umgehen“ versteht er wohl das, was er am besten kann: Ruhe bewahren, Selbstvertrauen ausstrahlen, Professionalität und vor allem Logik anwenden. Wir alle lesen von seinen waghalsigen Alleingängen, aber was wir nicht sehen, sind die Hunderte von Stunden, die er damit verbringt, die Routen in der Vorbereitung mit Seil zu klettern, wieder und wieder. Wenn er sich dazu entschließt, die Sicherung aufzugeben und ohne Seil zu klettern, hat Honnold bereits vollstes Vertrauen in seine Fähigkeit gefunden, die jeweilige Route zu klettern. Völlig ohne Zweifel.

Bei den Dreharbeiten von „Alex Honnold: The Soloist VR“ im vergangenen Sommer lernte Honnold die andere Seite der Angstgrenze kennen, als er mit der Filmcrew und einer Gruppe anderer Kletterer in den französischen Alpen drehte.

Die neue Aufgabe: Kann man Familie und Free Solo kombinieren?

Er ist Felskletterer, kein Bergsteiger. „Bergsteigen ist für mich Landschaftstourismus“, sagt er. „Manche Leute machen Kreuzfahrten, um das Meer zu sehen. Ich ‚mache‘ hin und wieder Alpinismus, um schöne Berge zu sehen.“

Aber da stand er nun, mit Eispickel, Steigeisen und schweren Bergschuhen. Honnold bahnte sich seinen Weg über den Gebirgskamm und versuchte, mit dem Schweizer Bergsteiger Nicolas Hojac mitzuhalten. Er war nicht perfekt ausgerüstet, was sowohl sein Equipment betraf wie auch sein Nervenkostüm. „Ich war echt nicht gut drauf“, gesteht er. Der vorangehende Hojac musste umdrehen, um den Kletterweltstar zu retten.

„Nico ließ seinen Rucksack fallen und rannte den Kamm hinunter. Er gab mir seinen Pickel, stapfte dann gemütlich über die Platte zurück. Währenddessen klammerte ich mich mit jeder Hand an einem Pickel fest und kämpfte mich mühsam Meter um Meter vorwärts.“

Zukunft

Wenn es ein wiederkehrendes Thema in Alex Honnolds Leben gibt, dann ist es analytisches Denken. Das Entschlüsseln einer Lego-Konstruktion. Die Bewertung von Kletterrouten. Das Berechnen des Risikos einer Entscheidung.

Wie analysiert er die Frage, welche Zukunft sich ergibt, wenn man seinen gefährlichen Beruf als weltbester Free- Solo-Kletterer mit der Liebe zu seiner Familie kombiniert?

Nach stundenlangen Gesprächen verstehe ich, dass selbst er nicht weiß, wo er in einem Jahr stehen wird. Aber er ist darauf vorbereitet, dass sich die Dinge ändern werden.

„Ich muss nicht mehr ständig reisen und klettern. Ich habe viele Dinge, die ich tun wollte, schon getan“, sagt er.

„Jetzt habe ich eine Frau und bald auch ein Kind. Diese Dinge verdienen ein bisschen mehr Zeit.“

Während ich meine Sachen wieder in meinen Rucksack packe, ruft Honnold Jon Griffith und mich zu sich ins Wohnzimmer, um ihm zu helfen. Wir haben im Laufe des Vormittags einige Möbel umgestellt. Er will sichergehen, dass sie zurück an ihren richtigen Platz kommen.

„Kannst du mir helfen, die Couch zu bewegen?“, fragt Honnold. „Es muss genau so aussehen wie heute Morgen, sonst bringt Sanni mich um.“

Fast scheint ein wenig Angst in seiner Stimme mitzuschwingen, aber das bilde ich mir sicher nur ein.

Instagram: @alexhonnold