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Jenseits von Öffentlichkeit Die geheimen Forschungen zu Chemiewaffen


WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 160/2020 vom 01.02.2020

Es gehört zu den Herausforderungen der 1997 in Kraft getretenen inter-nationalen Chemiewaffenkonvention, neue Chemiewaffen auszuschlie-ßen. Das Wissen über bereits bekannte Nervengifte ist vielen Spezialisten zugänglich. Forschung und Entwicklung stehen auch in diesem Bereich nicht still. Zwar ist die Konvention ein robustes Vertragswerk mit soliden Überprüfungsmechanismen, aber sie bietet Interpretationsspielräume und hat Schwachstellen. Ein Teil der Konvention erfasst militärisch relevante Fragen. Was in den Chemiewaffenlaboren der Welt geschieht, ist streng geheim. Seriöse wissenschaftliche ...

Artikelbild für den Artikel "Jenseits von Öffentlichkeit Die geheimen Forschungen zu Chemiewaffen" aus der Ausgabe 160/2020 von WeltTrends. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: WeltTrends, Ausgabe 160/2020

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... Veröffentlichungen und gezielte Desin-formation gehen in dem Bereich Hand in Hand.


Im Jahr 1991 kam es zu einem einzigartigen Vorgang. Wil Sultanowitsch Mirsayanow, ein sowjetischer Chemiewaffenspezialist, machte das geheime sowjetische Forschungsprogramm zu Nervengiften öffentlich, mit dem die Sowjetunion mit der US-Forschung gleichziehen wollte. Mirsayanow war überzeugt, dass es Kräfte um Gorbatschow gab, die die geplante Chemiewaffenkonvention unterlaufen wollten. Er wusste, dass die Ausgangsstoffe der erforschten sowjetischen Gifte legitime chemische Produkte waren, was die Enttarnung nahezu unmöglich mache. Er war davon überzeugt, dass die Konvention nicht strikt genug bezüglich der Forschungsbestimmungen war. Mirsayanow verpasste diesen Giften den Namen „Nowitschok“ und beschrieb sie als Supergifte. 1992 gingen seine Enthüllungen um die Welt. Drei weitere sowjetische Chemiewaffenspezialisten unterstützten damals Mirsayanow. Seither besteht auf westlicher Seite die Mutmaßung, Russland habe bei der Offenlegung seiner Chemiewaffen in den 1990er-Jahren nicht die Wahrheit gesagt. Offen konfrontierte niemand Russland - angeblich, um die Chemiewaffenkonvention zu retten. Mit einer Ausnahme (Substanz 33) fehlen die sogenannten Nowitschok-Gifte in den Anhängen der Konvention.

„Nowitschoks“ und Skripal

Im Jahr 2018 machten „Nowitschoks“ wegen des Skripal-Falls Schlagzeilen. Russland wurde durch Großbritannien sowie durch den damaligen Generalsekretär der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), die mit der Chemiewaffenkonvention (CWK) 1997 entstand und ihren Sitz in Den Haag hat, beschuldigt, ein geheimes, militärisches Forschungsprogramm zu Nervengiften zu haben. Bestätigt wurden diese Anschuldigungen nicht. Im Gegenteil! Durch die Art und Weise, wie Großbritannien die OPCW nutzte, wurde ausgeschlossen, dass die OPCW der Verdächtigung durch Inspektionen nach Art. IX auf den Grund gehen könnte, obwohl Russland die Anwendung von Art. IX CWK forderte. Schon 2007 kritisierte Jonathan B. Tucker, Experte auf dem Gebiet von Massenvernichtungswaffen, dass die Unwilligkeit aller Vertragsparteien, Verdachtsinspektionen durchzuführen, die Konvention schwäche.

Die Befürchtungen der sowjetischen Whistleblower waren, wie sich im Lauf der Zeit herausstellen sollte, nicht aus der Luft gegriffen. Kapitel 4 von Weapons of Mass Destruction Technologies des Pentagon aus dem Jahr 1998, aber auch Tuckers Buch War of Nerves (2006) legen nahe, dass auch auf westlicher Seite intensiv daran geforscht wurde, Nervengifte aus alltäglichen und damit schnell verfügbaren chemischen Substanzen zu schaffen. Zudem brachte ausgerechnet der Skripal-Fall ans Tageslicht, worüber lange der Mantel des Schweigens gebreitet worden war: Die sowjetischen „Nowitschoks“ waren in ausgewählten westlichen Chemiewaffenlaboren heimisch geworden. Wann und wie die „Nowitschoks“ den Westen erreichten, ist nicht eindeutig belegbar. Folgt man der öffentlichen Spur, dann begann es mit Mirsayanow. Nach seiner Emigration in die USA veröffentlichte er 1995 (Stimpson Center) eine Aufstellung zu unitären und binären Giften, die aus sowjetischer Entwicklung stammten, einschließlich des Standes ihrer militärischen Beurteilung. Nur die binäre Variante dieser Gifte nannte er „Nowitschoks“, aber diese feine Unterscheidung ging schnell verloren.

Nicht enthalten in dieser Liste war „Nowitschok“ A 234, die mutmaßliche Tatwaffe im Skripal-Fall. A 234 wurde erstmals in einem geheimen US-Papier vom 24. Januar 1997 erwähnt, das die Washington Times am 4. Februar 1997 zitierte. Verfasser dieses Geheimdokuments war der Chemiker James W. Poarch vom National Ground Intelligence Center. Die veröffentlichten Auszüge belegen, dass Poarch das sowjetische Programm gründlich ausgewertet hatte. Zwei renommierte Chemiewaffenexperten, Steven Hoenig und D. Hank Ellison, veröffentlichten 2006 bzw. 2007 Informationen zu „Nowitschoks“. Hoenigs Werk enthielt Formeln, Ellisons Werk die Molekulargewichte. Dann veröffentlichte Mirsayanow 2009 im Eigenverlag ebenfalls Formeln von „Nowitschoks“, die sich jedoch von den Veröffentlichungen Hoenigs und Ellisons unterschieden. 2011 befassten sich tschechische Wissenschaftler mit den verschiedenen Werken.1 Sie folgerten, dass Mirsayanows Formeln korrekt seien, während die von Hoenig und Ellison Analoge von „Nowitschoks“ abbildeten. Das heißt nichts anderes, als dass die westliche Forschung nach neuen Mitgliedern der Familie „Nowitschok“ im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends offenbar in vollem Gange war.

Gifte der neuen Generation

Über solche Nervengifte, die unter Insidern als „Gifte der neuen Generation“ bezeichnet wurden, sollte keine Öffentlichkeit bestehen. 2003 wurde der britische Chemiker Robinson wegen seines Interesses an „Nowitschoks“ gemaßregelt. Die USA intervenierten 2006 in Tschechien, weil deren Chemiewaffenexperte Jirí Matoušek in einem westlichen Gremium über sogenannte „Nervengifte der neuen Generation“ zu viel gesagt hatte. Die USA erklärten damals intern, nicht an „Nowitschoks“ zu forschen. Sie sprachen sich gleichzeitig gegen die Aufnahme dieser Gifte in die Anhänge der Chemiewaffenkonvention aus. Das ist anhand von Wikileaks-Dokumenten nachweisbar. Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, dass Russland auch keine Anstalten unternahm, Transparenz herzustellen.

Mirsayanows Veröffentlichung hatte unter Experten in der OPCW einigen Staub aufwirbelt. Erneut wurde auf Betreiben der USA jede wissenschaftliche Diskussion in der OPCW abgewürgt. Mehr noch, der beratende wissenschaftliche Ausschuss der OPCW befand sowohl 2011 als auch 2013, nicht über genügend Informationen zu „Nowitschoks“ zu verfügen. Erst 2018, als „Nowitschok“-Gift A 234 wegen des Skripal-Falls in die Schlagzeilen geriet, wurde die Katze aus dem Sack gelassen. Der damalige US-Außenminister erklärte am 13. März, diese Gifte seien nur „in wenigen Laboren“ der Welt verfügbar. Porton Down, das geheime britische Chemiewaffenlabor, räumte ebenfalls den Besitz ein, bestand aber darauf, dass es nicht aus dem Labor entkommen könnte. Die Tschechen gaben zu, einmal ein „Nowitschok“ synthetisiert, dann aber vernichtet zu haben. In Deutschland wurde publik, dass der Bundesnachrichtendienst sich ebenfalls in den 1990er-Jahren eine Probe verschafft hatte. In der OPCW taten alle so, als wüssten sie von nichts. Die Einzigen, die sich offenbar völlig korrekt verhielten, waren iranische Wissenschaftler, die 2015 / 2016 unter Aufsicht der OPCW mehrere „Nowitschoks“ synthetisierten.

1 Halamek, Emil / Kobliha, Zbynek (2011): Potencialni bojove chemicke latky. In: Chemicke Listy 105 (5), S. 323-333.

Inspektoren der OPCW bei einer Übung


CC BY-NC 2.0

Das Schweigekartell zu „Nowitschoks“ beziehungsweise zu den „Nervengiften der neuen Generation“ zeigte im Skripal-Fall Wirkung. Sie wurden dort als „seltene“ oder „exotische“ Gifte russischen Ursprungs beschrieben, obwohl sie längst internationalisiert, weder exotisch und leider auch nicht mehr selten waren. Wie schon in den 1990er-Jahren stand ihre angebliche extreme Giftigkeit im Zentrum der Aufmerksamkeit. Mirsayanow betonte, dass es nur 1 Milligramm brauchen würde, um einen Menschen zu töten, 2 Milligramm „um sicher zu gehen“. Zwei Studien, vom Skripal-Fall inspiriert, folgerten Ende 2018 bzw. Anfang 2019, dass Mirsayanow irrte. Wie bereits Poarch im Jahr 1997 kamen sie zu dem Ergebnis, dass „Nowitschok“ A 234 hinsichtlich der Letalität mit dem chemischen Kampfstoff VX vergleichbar sei.

Der alleinige Blick auf die Letalität verhinderte, dass eine andere Eigenschaft der „Nowitschoks“ Beachtung fand: ihre Therapieresistenz. Auch dazu findet sich im erwähnten Papier von James W. Poarch ein Hinweis. Er formulierte: „Diese neuen Gifte […] sind so giftig wie VX, resistent gegen Therapien, so wie Soman […].“ 2016 kam Kelli Johnson in einem Auftragswerk der US-Army (Vertragsnummer W81XWH-14-R-0102) zu dem Ergebnis, dass „Nowitschoks“ eine hohe Letalität mit Therapieresistenz kombinieren. Er verglich sie deshalb mit dem Nervenkampfstoff GV. Dieses Gift fehlt ebenfalls in den Anhängen der Chemiewaffenkonvention.

Wladimir Uglew, einer der damaligen sowjetischen Whistleblower, sagte der Zeitung The Bell am 20. März 2018, dass es gegen „Nowitschoks“ kein Gegenmittel gäbe. Gleichlautend äußerte sich der Leiter von Porton Down Anfang April 2018. Aber niemand fragte, warum das so wäre? Denn grundsätzlich existieren solche Gegenmittel. Sie müssen allerdings schnell verabreicht werden, bevor das Gift im menschlichen Körper altert. Sobald die Alterung eines Giftes im menschlichen Organismus begonnen hat, können dessen schädigende Wirkungen nicht mehr rückgängig gemacht werden. VX beispielsweise lässt der Medizin einen Interventionsspielraum von 36,5 Stunden, sofern die Dosis nicht unmittelbar tödlich war. Sarin altert innerhalb von 4 Stunden.

Die Frage der Gegenmittel

James W. Poarch setzte an diesem Punkt die „Nowitschoks“ mit Soman gleich. Soman altert rapide, in einer Zeitspanne von nur einer bis sechs Minuten. Richard Stone („How to Defeat a Nerve Agent“, Januar 2018) bemaß den Zeitraum der Alterung von Soman auf 2 Minuten. Diese extreme Heimtücke von Soman bzw. die eines „Nowitschok“ bewirkt, dass alle ärztliche Kunst bei einem Vergiftungsfall versagen muss, weil Gegenmittel immer zu spät kommen. Deshalb erholte sich auch der sowjetische Chemiewaffenforscher und Whistleblower Andrei Schelesnjakow niemals von seinem Laborunfall 1987, bei dem er eine geringe Dosis „Nowitschok“ inhaliert hatte. Er verstarb, schwer geschädigt, fünf Jahre später. Aus diesem Grund hat die aktuelle Forschung nach Gegenmitteln zum Ziel, präventive Mittel zu finden, die vorab verabreicht werden können. Der letzte Bericht des wissenschaftlichen Ausschusses der OPCW, der darauf hinweist, datiert aus dem Jahre 2015. Wenn ein „Nowitschok“ derartig schnell altert, wie konnten dann die Skripals, die angeblich einer tödlichen oder nahezu tödlichen Dosis „Nowitschok“ A 234 ausgesetzt waren, völlig genesen? Der öffentliche OPCW-Bericht geht nicht auf die Frage ein, mit welcher Dosis die Skripals konfrontiert waren. Ihre Blutwerte, die Rückschlüsse zulassen würden, sollen im nichtöffentlichen Teil fehlen.

Es ist völlig unklar, wie viele „Nowitschoks“ es heute gibt. Aber das Versteckspiel ist vorbei. Im November 2019 sind sie in die Liste der verbotenen Substanzen der OPCW-Konvention aufgenommen worden.

Für Entwarnung besteht kein Anlass

Niemand weiß, ob es nicht bereits andere, noch bösartigere Stoffe gibt, die in Experimenten aus Versehen oder absichtlich das Licht der Welt erblicken. Sicher ist nur, dass die wissenschaftlichen Fortschritte zur Entschlüsselung der biochemischen Prozesse im Menschen das Potenzial vergrößern, sie zu kriegerischen Zwecken zu nutzen. Was, wenn panische Angst oder vollständige Angstfreiheit erzeugt werden können oder die Triebkontrolle ausgeschaltet würde? Isaac Asimow hielt einem Kodex für Roboter im Umgang mit Menschen für notwendig. Richtiger wäre es, einen weltweiten Forschungskodex zu vereinbaren, damit ausgeschlossen wird, dass sich Erkenntnisse aus Forschung und Innovation gegen den Menschen richten. Wie dringlich das ist, zeigt nicht zuletzt das US-Patent 9,200,877 „Biological Active Bullets, Systems, and Methods“ aus dem Jahr 2015. Patentiert wurde ein biologisches Geschoss, bestens geeignet für verdeckte Morde. Nahezu alles, was je an scheußlichen Giften synthetisiert wurde, könnte, laut Patent, in den menschlichen Körper geschossen werden, ohne eine Spur des Eindringens zu hinterlassen: von Ricin bis zu den „Nowitschoks“.

Dr. Petra Erler

Politikwissenschaftlerin und Publizistin, 2006-2010 Chefin des Kabinetts des EU-Kommissars Günter Verheugen, seit 2010 Geschäftsführerin von The European Experience, Potsdam

pe@european-experience.de