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Jenseits von richtig und falsch


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maas - epaper ⋅ Ausgabe 24/2022 vom 15.03.2022

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Das sagt mir mein Bauch« oder »Höre doch einfach auf dein Herz« oder »Eine innere Stimme sagt mir, dass dies das Richtige und jenes das Falsche ist«.

Wie problematisch es in Beziehungen werden kann, wenn wir aus solchen Empfindungen eine für alle gültige Wahrheit ableiten, das haben wir die letzten zwei Jahre erleben können.

»Gibt es die eine Handlungsweise, die in größeren Gemeinschaften für alle als stimmig und gut erachtet werden könnte?« Das werde ich in meiner Praxis als Psychotherapeutin und Philosophin besonders in den letzten Monaten häufiger gefragt. Leider ist es nicht so einfach mit uns Menschen. Denn: wir sind vielschichtig.

__Ein Modell: 3 Schichten unserer Seele

Um die Vielschichtigkeit zu verdeutlichen, könnte man sagen, wir leben in drei Schichten um einen Wesenskern herum. In jeder Schicht organisiert sich unsere Seele auf bestimmte ...

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... Weise. Je weiter weg vom Kern, desto weiter weg sind wir von dem, was uns wesentlich ausmacht. Wir leben dann in der Fremde von uns selbst.

Ein Beispiel: Susanne, 54 Jahre alt, hat in ihrer Kindheit immer gehört: »Ach, du bist viel zu sensibel«, »Das ist nicht schlimm, jetzt hab dich nicht so« oder »Warum bist du so kompliziert?«. Ihre Eltern wurden im Zweiten Weltkrieg traumatisiert. Bei einer Traumatisierung schließt sich unsere feine Seele und wir wechseln in den Funktionsund Überlebensmodus. Es ist ein Segen, dass es so vielen Menschen damals gelungen ist, trotz all der Verluste weiterzumachen, Kinder zu bekommen und Familie zu leben. Für diese Generationen war es stimmig, sich nie wieder in der Tiefe ihrer Herzen für all das Leid zu öffnen. Damit mussten sie sich für Berührbarkeit verschließen. Hätten sie sich geöffnet, dann wäre so viel Verzweiflung und Trauer mit aufgebrochen, dass sie nicht mehr lebensfähig gewesen wären.

Allerdings ist es für jedes Vater-Herz und für jedes Mutter-Herz im Grunde stimmig und wird sehr ersehnt, die Liebe zum Kind zum Ausdruck zu bringen sowie sich vom Kind berühren zu lassen. Hätten sie jedoch mitbekommen, dass dies nur noch sehr eingeschränkt möglich ist aufgrund der Traumatisierung, dann wäre eine zusätzliche Verzweiflung entstanden. So mussten sie die Kunst aufbringen, Liebe auszudrücken und Nähe zuzulassen, ohne sich wirklich tief in liebender Schwingung zu erleben. Für das Weitermachen war das von unglaublicher Wichtigkeit.

Wenn so traumatisierte Eltern ein sehr sensibles Kind haben, wie Susanne es war, dann wird das sehr kompliziert für sie.

__Sensible Kinder rühren an den Herzen der Eltern

Sensible Kinder wissen mit feinen Fühlern die Eltern an ihren wunden Stellen zu berühren. Sie machen das in der kindlichen Liebe, um den Eltern ein liebevolles Licht in die Dunkelheit ihrer Seele zu schicken. Würden traumatisierte Eltern dies zulassen, würde das Grauen von damals, durch dies Licht leicht erhellt, plötzlich zu Tage treten. Ihre Stabilität wäre gefährdet. Dies gilt es natürlich vehement abzuwehren. Susanne hat also früh die Erfahrung gemacht, dass ihre Sensibilität unpassend, falsch und gefährdend ist. Aus dieser Erfahrung heraus hat sich die oberflächlichste, die 3. Schicht der Seele gebildet: ein Regelwerk, wie sie sich zu verhalten hat und wie nicht. In ihm steht geschrieben, was richtig und was falsch ist. Der innere Kritiker, das schlechte Gewissen und das Schuldgefühl passen als Wächter darauf auf, dass sie diese Regeln befolgt.

__3. Schicht: Die Regeln, der innere Kritiker, das Schuldgefühl

Je heftiger die Wucht, mit der die Eltern das Wesen ihres Kindes abwehren mussten, desto heftiger ist die erfahrene und verinnerlichte Aggression gegen das eigene Wesen und desto heftiger ist auch die spätere eigene Abwehr gegen das eigene Wesen. Die Intensität des inneren Kritikers, des moralischen Gewissens und der Schuldgefühle hält uns in einem Gefängnis von richtig und falsch, von Angst und Bedrohung. Wenn wir darin ganz und gar unser Leben leben, dann sind wir sehr erleichtert und froh, wenn uns jemand sagt, was richtig und falsch ist. Wir sind gewillt, dem zu folgen.

Aus Liebe zu den Eltern sind wir bereit uns anzupassen und ihnen nicht noch mehr Sorgen und Schmerzen zu bereiten. So hat Susanne gelernt, ihre Sensibilität zu unterdrücken. All die feinen Wahrnehmungen, die sie zu Tränen rühren würden, hat sie mit »das ist eine Schwäche und damit falsch« abgetan. Eine innere Stimme sagte ihr stets: »Das ist Schwäche, das ist nicht gut.« Ihr Bauch verkrampfte sich, ihr Herz verschloss sich.

__2. Schicht: Die liebende und verletzte Kinderseele

Aus tiefer Liebe zu den Eltern sind wir bereit, zu demjenigen oder zu derjenigen zu werden, die unsere Eltern gebraucht haben. Susanne hatte Zugang zu den tieferen seelischen Bedürfnissen ihrer Eltern. Ihre Mutter war sehr ängstlich. Wenn Susanne sie beruhigte durch Zuhören und seelisch für sie Dasein, dann entspannte sich etwas in der Seele der Mutter. Susanne bekam dann eine gewisse Anerkennung und auch Liebe. Diese Umdrehung der Ordnung – die Mutter braucht etwas von der jungen Tochter, die Mutter nimmt und die junge Tochter gibt, das nennen wir in der Psychologie »seelischer Missbrauch«. Aus Liebe kann das Kind nicht anders, als diesem Missbrauch zuzustimmen. Als Kinder lernen wir in so einem Fall, dass lieben z. B. mit gebraucht werden oder mit sich ganz geben oder mithelfen zusammenhängt und auf diese Weise gelebt werden kann.

Susanne fühlte sich immer dann in ihrem Leben sinnvoll, wann immer sie gebraucht wurde. Nach 15 Jahren Familienleben war sie im Burnout. Sie musste ernst nehmen, dass sie nun auf sich schauen muss. Das Schlimmste für sie war jedoch, sie fühlte sich versagend, scheiternd sowie durch und durch sinnlos und wertlos.

Sie nannte es Glück, als die Pandemie begann. Nun wurde deutlich vorgegeben, wie sie sich zu verhalten hat, dass sie die alten Menschen schützt. Es wurde gesagt, was sie tun musste, um für die Gesellschaft, die Solidarität und unsere Zukunft dienlich zu sein. Ihr Glück war, dass sie etwas tun musste, das ihre Seele und ihre Nerven dringend brauchten: Pause, Rückzug, Nichts-Tun. Somit fühlte es sich für sie stimmig an, all diesen Vorgaben zu folgen: es gab Regeln, die sagten, was richtig ist und sie konnte durch ihr Handeln einen Beitrag für die Gesellschaft leisten. All diejenigen, die eine andere Perspektive eingenommen hatten, erlebte sie als enorm bedrohlich. Sie konnte sich nicht für sie interessieren.

__1. Schicht: Das Wesen und die Liebe zur Entwicklungsbewegung

Manche von uns fühlen in sich einen Ruf nach einem »Mehr«. Jenseits all dieser seelischen Schichten schwingt in uns unser Wesen. Wer wir eigentlich sind und sein könnten jenseits der Prägungen. Das hören manche von uns als eine Art Sehnsucht oder als Vermissen, manche als Hoffnung oder wie eine innere Stimme, die uns ruft. Wenn wir in unserem Wesen berührt und angesprochen werden, werden wir innerlich weit – »es geht etwas auf«. Ein innerer Raum öffnet sich. Mit ihm sind wir zu einer unglaublichen Großzügigkeit fähig: wir haben die Möglichkeit, uns für Unterschiedlichkeiten und unterschiedliche Perspektiven zu interessieren. Manchmal kann uns z. B. ein Musikstück so tief berühren, dass wir in eine allumfassende Liebe kommen, die uns für alle Lebewesen öffnet. Das Wesen aller Lebewesen ist in Verbindung zu sein. Alles was uns verbindet, führt uns näher und tiefer zu unserem Wesen.

Wären wir von den zwei oberen psychischen Schichten nicht überlagert, würden wir dem Wesentlichen auf natürliche Weise dienen. In der Verbundenheit haben wir ein natürliches Gespür für wesenhafte Stimmigkeiten und Unstimmigkeiten. So wie eine Mutter es spürt, wenn sie mit ihrem wesenhaften Mutter-Herzen in Verbindung ist, was und wann ihr Kind braucht, so würden auch wir spüren, was die Natur, die Lebewesen, die Menschen und wir selbst nun gerade brauchen.

In dieser Schicht sind keine über-ich-haften Regeln sowie keine Manipulation nötig, die mit Angst und Drohung agiert. In dieser Schicht lebt in uns ein Grundbedürfnis, das da heißt, der Schöpfung und damit der evolutionären Entwicklungsbewegung zu dienen. Wir entwickeln eine Freude am Lernen und Wachsen von uns selbst sowie unserer Mitmenschen und all der Lebewesen und Natur um uns herum.

__Eine Frage der Perspektive

Es kam eine Klientin, Evelyn, zu mir in die Praxis, deren Großmutter Polio hatte und ein Leben lang an den Nachfolgen zu leiden hatte. Ihre Großmutter wäre froh gewesen, wenn eine Impfung sie davor bewahrt hätte. Somit fühlte auch Evelyn sich ganz angesprochen von dem versprochenen Schutz durch Impfungen. Ebenfalls in dem Jahr kam ein Ehepaar neu in die Praxis. Sie haben einen Sohn, Robin, der nach einer Kinderimpfung in schweren Autismus fiel und nicht mehr daraus herauskam. Sowohl Evelyn als auch das Ehepaar wollten sich interessieren, inwiefern sie durch die Erfahrung und Prägung vielleicht eingeschränkt sind in ihrer Entscheidung. Sie wollten herausfinden, was denn nun echt ist oder noch besser, was denn nun richtig ist. Ihre inneren Stimmen sagten das, was die Schlussfolgerungen ihrer Lebensgeschichten waren. Evelyn: »Ich habe kein gutes Gefühl, mich nicht impfen zu lassen angesichts dessen, was meine Großmutter erleben musste.« Das Ehepaar: »Wenn wir auf unseren Sohn Robin schauen, dann können wir es doch nicht verantworten, uns und unsere anderen Kinder impfen zu lassen.«

Selbst wenn wir uns bereit erklären, uns für andere Perspektiven zu öffnen – was schon unglaublich reif ist – dann können wir trotzdem nur aus unserer Subjektivität zu Schlüssen kommen. Diese Schlüsse sind entweder auf der 3. Schicht getroffen, dann fühlen wir uns wohl in der Sprache »das ist richtig und das ist falsch«. Oder wir handeln aus der 2. Schicht, dann handeln wir aus Angst oder aus Schuldgefühl oder aus Liebe, für die wir bereit sind, uns aufzugeben und hintan zu stellen. Oder wir handeln und entscheiden aus der 1. Schicht, dann kann es sein, wenn wir die 3. und 2. Schichten nicht integriert haben, dass wir dann einen Höhenflug erleben im Sinne von »alles wird gut«. Oder aber wir handeln aus dem Kern mitsamt all den anderen Schichten, dem Wesen, der verletzten Kinderseele, den Regeln; dann sind wir derart auf unsere Subjektivität zurückgeworfen, dass wir zwar alle anderen Perspektiven respektieren können, jedoch letzten Endes unser Entscheiden nur verantworten können, wenn wir dahinterstehen.

Sehr interessant ist, dass wir auf allen Ebenen und in jeder noch so subjektiven Perspektive auf die Welt und ins Leben zu schauen, stets Fakten finden, die zu unserer Perspektive und unserem Wesen, unserer Einzigartigkeit passen. Es gibt anscheinend eine Fülle von Anzeichen und Fakten, dass jeder etwas herausfinden kann, was zu ihm passt.

__Ein Lösungsansatz: Einzigartigkeit und Demut

Wie können wir uns trotzdem verständigen und austauschen, wie wir nun als größere Gruppe handeln wollen, in der Verantwortung für uns und unsere Mitmenschen?

Wir brauchen eine grundlegende Anerkennung und Würdigung der Einzigartigkeit eines jeden Menschen. In der Haltung der Demut dessen, dass auch wir nur eine der zahlreichen möglichen Perspektiven einnehmen, können wir uns verbinden mit den anderen zahlreichen Perspektiven. Jenseits der unterschiedlichen Perspektiven und subjektiven Wahrnehmungen haben wir mit der Erschwernis zu tun, dass einige das Vertrauen in Berichte von anderen unserer Spezies verloren haben und damit noch mehr auf die Subjektivität zurückgeworfen werden. Andere trauen den Berichten so sehr, dass sie ihre eigenen Überlegungen und Wahrnehmungen hintanstellen. Wieder andere finden einen guten Mittelweg.

Eine Entwicklung unseres geistigen Erkennens, seelischen Erlebens und körperlichen Handelns ist möglich, wenn wir diejenigen, die sich in unserer Perspektive auf der Gegenseite befinden, nicht bekriegen oder mit Argumenten erschlagen, sondern wenn wir uns für die Suche nach gemeinsamen Lösungen öffnen. Folgen wir der einen Stimme, die sagt, was das EINE Richtige ist, dann folgen wir nicht der Entwicklungsbewegung, sondern einer mehr oder weniger tiefgründigen Spaltung. Folgen wir unserem Interesse und in Demut unserer Einzigartigkeit und der zu würdigenden Einzigartigkeit unseres Gegenübers mitsamt unserem subjektiven Wissen und Nicht-Wissen, dann ist es uns möglich, der evolutionären Entwicklung durch Zusammenschau verschiedener Perspektiven und deren Vereinigung zu folgen.

Ruft uns eine Stimme in diesem Raum zu etwas auf, zieht sie uns zu etwas hin, das ganz und gar uns allumfassend erfasst, dann bezeichne ich das als Intuition. Die Intuition dient ganz und gar dem Entwicklungsprozess deiner wesenhaften Einzigartigkeit und gleichzeitig der evolutionären Entwicklungsbewegung aller Lebewesen. Sie ruft dich im Ganzen, wer du im Eigentlichen bist, wer du geworden bist und wer du werden könntest, hin zu einem guten Leben, hin zu der Erfahrung, die dich wesenhaft entwickeln lässt und zum Wohle aller sein wird.

Karin A. Pixner (Erziehungswissenschaftlerin, Philosophin, Psychotherapeutin) arbeitet seit 1995 in eigenen psychotherapeutischen Praxen und Seminaren. Mit der Gründung einer Lebensschule ermöglicht sie Menschen aller Art, sich auf vielfältige und vielschichtige Weise zu entwickeln.

www.lern-und-wachstumsprozesse.de