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Jerusalem Mittelpunkt der Welt: Teil 1: Die Frühzeit bis Kaiser Konstantin


Karfunkel - epaper ⋅ Ausgabe 139/2019 vom 01.11.2019
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Bildquelle: Karfunkel, Ausgabe 139/2019

Für drei der großen Weltreligionen ist Jerusalem das Zentrum ihres Glaubens: Juden, Christen und Muslime. Von hier ist Mohammed in den Himmel aufgefahren, Pilger finden hier das Grab Jesu, den Tempel Salomons, die Klagemauer und vieles andere mehr. Man könnte meinen, dass ein Ort, der von so vielen Menschen als heilige Stadt angesehen wird und auch schon so lange angesehen worden ist, eine Stätte des Friedens und des Gebets sein sollte. Gebetet wurde und wird hier tatsächlich viel – Frieden hat die Stadt jedoch kaum jemals gesehen.

Erste Spuren menschlicher Besiedelung gab es hier schon in der ...

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... Kupferzeit. Scherben und Hausfundamente auf dem Ophel datieren in das 3. Jahrtausend v. Chr. Der Ophel ist ein Teil des Höhenrückens, der südlich des Jerusalemer Tempelberges verläuft und als „Keimzelle“ Jerusalems gilt. Um 1800 v. Chr. ist eine frühe Stadtmauer archäologisch nachweisbar – ansonsten liegen die Ursprünge dieser so bedeutenden Stadt im mythischen Dunkel.

Die Tel- Dan-Inschrift, eine in aramäischer Sprache verfasste Inschrift zur Erinnerung an den Sieg eines aramäischen Königs über die Reiche Israel und Juda, die sich auf Fragmenten einer schwarzen Basalt-Stele findet, die in Tel Dan entdeckt wurde; wenn der Ausdruck‘ (weiß markiert) tatsächlich „Haus David“ heißen soll, wäre das der erste archäologische Beleg für die Nennung eines David bzw. einer solchen Dynastie – ob der biblische David gemeint ist, muss vorerst offenbleiben. Unten: das Salomonische Siegel mit dem Davidstern am Löwentor in Jerusalem, 1538 unter Süleyman dem Prächtigen errichtet.


Jüdische Tradition

Das Alte Testament in der Bibel berichtet sehr anschaulich über die wechselvolle Geschichte Jerusalems zur Zeit der Könige – allerdings widersprechen sich die verschiedenen Erzählungen. Quellentechnisch sieht die Faktenlage noch viel dürftiger aus, denn die Archäologie konnte bisher keinerlei Nachweise für irgendwelche Ereignisse aus den Schilderungen über jene Epoche erbringen.

Für die jüdische Tradition ist aber gerade diese Frühzeit bedeutend, denn von den verschiedenen Erzählsträngen leitet sie einige ihrer Grundfesten ab. Es lohnt also durchaus, einen Blick darauf zu werfen. Die recht komplizierte biblische Überlieferung wird bei wikipedia sehr gut zusammengefasst:

„Die ältesten literarischen Angaben zu Jerusalem stammen aus dem Tanach, der hebräischen Bibel. Für sie fehlt oft eine außerbibli - sche Bestätigung, auch archäologi - scher Art, und sie entstanden in der heute überlieferten überlieferten Form erst Jahrhunderte nach den beschriebenen Begebenheiten. Nach Ri 1,21 EU und Jos 15,63 EU gehörte die Stadt zur Zeit der Landnahme Kanaans (etwa 1200– 1000 v. Chr.) den Jebusitern, in deren Nachbarschaft die Israeliten vom Stamm Benjamin und Juda siedelten. Der Ort hieß damals auch Jebus; die Israeliten bezeichneten ihn als Jebusiterstadt oder „Stadt der Fremden“ (Ri 19,10ff. EU). Deren Könige bildeten nach Jos 10 EU und Jos 18,16 EU mit anderen Gegnern der Zwölf Stäm - me Israels Kriegskoalitionen. Nach Ri 1,8 EU eroberte und zerstörte der Stamm Juda die Stadt als Auftakt zur Eroberung Kanaans. Diese Angabe widerspricht Ri 1,21 EU, wonach die Benjaminiter die Jebusiter nicht vertrieben, sondern friedlich neben ihnen wohnen blieben, und 2 Sam 5,6ff. EU wonach erst König David Jerusalem von den Jebusitern eroberte. Ri 1,8 gilt daher als ahistorische, später voran gestellte redaktionelle Notiz.

David eroberte Jerusalem laut 1 Sam 16ff. EU erst, nachdem er seinen Vorgänger König Saul entmachtet, die Nachbarvölker der Amalekiter und Philister besiegt hatte und dann auch von den daran unbeteiligten Stämmen der Israeliten als ihr König anerkannt worden war (2 Sam 5,1-5 EU). Daraufhin soll er seinen Regierungssitz um 1000 v. Chr. von Hebron nach Jerusalem verlegt haben, das etwa in der Mitte zwischen Norden und Süden Israels lag und auf das bisher kein Stamm der Israeliten Besitzansprüche erhoben hatte. Er nannte die Stadt fortan die „Davidsstadt“. So machte er Jerusalem zur Hauptstadt seines Großreiches. Indem er die Bundeslade, die als beweglicher JHWH-Thron die früheren Feldzüge der Israeliten begleitet hatte [s. u.], dorthin überführt haben soll, wurde die Stadt auch zum religiösen Mittelpunkt seines Reichs. Damals befand sich das Stadtzentrum südlich der heutigen Altstadt im Hinnomtal, der Platz des späteren Tempels auf einer Anhöhe nördlich der damaligen Stadt.“

Urvater David

David und sein Nachfolger Salomon sind zwei der wichtigsten Persönlichkeiten in der jüdischen Tradition. Eine wissenschaftliche Überprüfung ihrer Lebensgeschichten wirkt jedoch ernüchternd.

Tatsächlich war „König David“ nicht mehr als ein regionaler Herrscher, Jerusalem zu seiner Zeit mit rund 1500 Einwohnern kaum von Bedeutung. Das belegen archäologische Funde unzweifelhaft. Ein „Großreich Davids“, wie die biblische Überlieferung es schildert, hat nie existiert. Und selbst, wenn man die Archäologie völlig außer Acht lassen würde, gäbe es nicht einmal in den sonstigen schriftlichen Zeugnissen jener Zeit einen Hinweis auf seine Existenz. Zumindest hin und wieder müsste ein Herrschaftsgebiet, dessen Machtbereich über die kleinen regionalen Grenzen hinausreichte, in den Aufzeichnungen der benachbarten Hochkulturen auftauchen. Aber weder ägyptische noch assyrische Quellen enthalten auch nur eine einzige Notiz – und diese beiden Großreiche lagen in unmittelbarer Nähe.

Die heutige Bibelwissenschaft deutet die Erhöhung der Figur Davids als politische Propaganda. Der zur Zeit der Abfassung der entsprechenden Erzählungen regierende König Josias von Juda (640–609 v. Chr.) war im Begriff, das von den Assyrern geräumte Nordreich unter seine Kontrolle zu bringen. Eine Ideologie vom vereinten Großreich unter dem Helden David und dessen Sohn und Nachfolger Salomo konnte solchen Ambitionen ein festes Fundament geben. Die davidische und die salomonische Epoche als ideale, goldene Zeit zu stilisieren, stellte in Aussicht, dass bald wieder solch glanzvolle Zeiten einziehen würden.

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass im Neuen Testament Jesus in engem Bezug zu David steht: Die Vorstellung, dass der angekündigte und sehnlichst erwartete Messias aus dem Hause Davids stammen müsse, wird so auf Jesus zugeschnitten, dass er mehrfach als „Sohn Davids“ betitelt wird (Sohn im Sinne von Nachfolger). Die Evangelisten Matthäus und Lukas, die über Jesu Kindheit berichten, ziehen eine direkte genealogische Verbindung über seinen Vater Josef zu David und lassen Jesus sogar in der Davidsstadt Bethlehem zur Welt kommen.

Die Erhöhung Davids zieht sich noch im Mittelalter fort. Er wird als der ideale Herrscher angesehen, die mittelalterlichen Könige sehen sich in seiner Tradition. Karl der Große ließ sich als „der neue David“ ansprechen, ja sogar die Salbung Davids durch den Propheten Samuel wird in der Königssalbung der mittelalterlichen Könige fortgeführt, die einen wesentlichen Bestandteil der Krönung darstellte.

Blick auf die Jerusalemer Altstadt; im Vordergrund der Tempelberg


Vor Kurzem wurde in der Forschung die These diskutiert, dass David möglicherweise gar nicht existiert haben könnte. Tatsächlich gibt es keinen einzigen gesicherten Nachweis für ihn als Herrscher bzw. König außerhalb der biblischen Erzählungen. Nur eine einzige Inschrift, die um 840 v. Chr. datiert wird, erwähnt, dass die Könige Judas dem „Haus David“ zugeordnet werden (s. Foto S. 7), außerdem könnten eine moabitische Stele derselben Zeit sowie ein Relief aus Theben den Namen David verzeichnen. Die Lesarten dieser Quellen sind jedoch so umstritten, dass sie nicht als eindeutiger Beweis herangeführt werden können. Ein mesopotamischer Text be - inhaltet wiederum den Begriffdawidum als Synonym für „Held“ oder „Heerführer“. Vielleicht war „David“ demnach gar keine Person, sondern ein Titel?

Wie auch immer – auf dem Berg Zion in Jerusalem verehren die Pilger seit alters her das Davidsgrab, das als die Grabstätte Davids angesehen wird. Wissenschaftlich zu belegen ist das natürlich nicht. Dennoch ist es eine der wichtigsten heiligen Stätten des Judentums.

König Salomo und der Tempel

Den biblischen Erzählungen zufolge (namentlich das 1. Buch der Könige sowie das 2. Buch der Chronik) soll Salomo den Königsthron von seinem Vater David geerbt und 40 Jahre lang regiert haben. Das dürfte etwa zwischen 970 und 930 v. Chr. gewesen sein, so es denn stimmt. Denn histori- sche oder archäologische Belege fehlen auch für diesen namhaften König gänzlich. Im Gegenteil: Viele Berichte aus der Bibel lassen sich gerade durch die Archäologie widerlegen. Das betrifft vor allem die angeblich friedlichen Handelsbeziehungen, die in der Form in Wahrheit zwischen anderen Völkern zu späteren Zeiten bestanden haben und nur im Nachhinein auf Salomos Herrschaft zurückgestülpt worden sind. Dennoch wird heute allgemein angenommen, dass ein Herrscher dieses (oder eines ähnlichen) Namens um die Mitte des 10. Jh. v. Chr. in Jerusalem geherrscht hat – allerdings nicht über ein „Großreich“, wie wir bereits erläutert haben.

Laut dem Buch der Könige erbaute Salomo einen großen Palast und einen Tempel für JHWH, den schon sein Vater geplant habe. Durch diesen Tempel wurde Jerusalem das Zentrum des damaligen Judentums bis weit über die Grenzen Israels hinaus. Der Tempel lag auf dem heutigen Tempelberg, einem Hügel im südöstlichen Bereich der Jerusalemer Altstadt oberhalb des Kidron- Tals. Nach dem Talmud hat Gott aus der Erde auf diesem Berg den Lehm genommen, aus dem er Adam, den ersten Menschen, formte. Dieser brachte hier seine Opfer dar, und nach ihm Kain, Abel, Melchisedech und Noah.

Im Allerheiligsten des Tempels, einem besonders abgegrenzten Bereich, den im Prinzip jeder antike Tempel hatte und der nur von wenigen auserwählten Personen wie den Hohepriestern betreten werden durfte, wurden der Tempelschatz und die Bundeslade aufbewahrt. Und da wären wir wieder bei einem Mythos, an dem sich seit Jahrhunderten die Geister scheiden und der noch in unserer Zeit eine enorme Faszination ausübt. Die Existenz der Bundeslade wird übrigens nur in der Bibel „bezeugt“. Weder in anderen Schriftquellen finden sich Hinweise, noch gibt es irgendeine Form von archäologischen Belegen. In dieser großen hölzernen Kiste sollen die beiden Steintafeln mit den zwölf Geboten, die Moses direkt von Gott erhalten habe, aufbewahrt worden sein. Gab es sie? Möglich. Gab es jenen ersten Tempel auf dem Tempelberg überhaupt? Ja, ziemlich sicher. Mehr lässt sich leider nach dem aktuellen Forschungsstand nicht sagen.

Die Bundeslade in einem mittelalterlichen Manuskript ( Speculum Humanae Salvationis, Westfalen oder Köln, um 1360)


Israel und Juda

Die Bibel berichtet im Buch der Könige, dass es nach Salomos Tod (926 v. Chr.) zu Streitigkeiten kam. Die zehn nördlichen Stämme der Israeliten sagten sich vom Haus Davids los und gründeten das Nordreich Israel unter der Führung eines Königs namens Jerobeam. Im Süden blieben nur die Stämme Juda und Benjamin dem Nachfolger Salomos treu und gründeten ihrerseits das Königreich Juda mit Jerusalem als Hauptstadt.

Archäologische Befunde und außerbiblische Schriftquellen belegen, dass tatsächlich im Norden ein starkes Reich aus israelischen Stämmen und anderen Volksgruppen entstand, dessen Zentrum in Sichem und später in Samaria zu lokalisieren ist. Das Südreich Juda blieb hingegen schwach, bestand hauptsächlich um den Jerusalemer Tempel und ansonsten aus nomadisch lebenden Stämmen. Offenbar waren die Königinnenmütter bedeutender als die eigentlichen Könige, denn ihre Namen sind fast durchgehend überliefert, nicht aber die der Söhne auf dem Thron.

Judas Grenzen lassen sich nur ungefähr ziehen. Im Osten war es natürlich das Tote Meer und im Süden die Negev-Wüste, im Norden erstreckte sich der Einflussbereich bis vor Bet- El (Bethel), im Süden bis hinunter zu den Küstenstädten der Philister. Diese waren es denn auch, die dem schwachen Reich zusetzten, ebenso wie die Ägypter. Es dauerte nicht lange, bis der ägyptische Pharao Schoschenk I. mit einem Heer heranrückte, viele Siedlungen zerstörte und in Jerusalem selbst Tempel und Palast plünderte. Nur durch Tributzahlungen konnten sich die Könige von Juda fortan eine gewisse Ruhe vor den Ägyptern sichern. Hinzu kamen ständige Auseinandersetzungen mit dem Nordreich Israel.

Dieses Nordreich fiel schon zum Ende des 8. Jh. v. Chr. den Assyrern in die Hände. 722 v. Chr. hörte es dann schließlich ganz auf zu existieren und wurde in die assyrische Provinz Samerīna umgewandelt. Die israelitische Oberschicht wurde umgesiedelt und gilt seither als die „verlorenen Stämme Israels“, da sie in der sogenannten Diaspora allmählich ihre Identität verloren. Das Land selbst wurde von den Assyrern mit anderen unterworfenen Völkern neu besiedelt.

Von diesen Ereignissen profitierte zunächst das Südreich Juda. Zwar geriet es ebenfalls unter assyrische Vorherrschaft, konnte sich aber durch mehrfache Tributzahlungen für rund 130 Jahre weitgehende Unabhängigkeit bewahren.

Aus dieser Zeit stammt unter anderem der berühmte Hiskijas-Tunnel in Jerusalem, den König Hiskijas (725–697 v. Chr.) anlegen ließ, um im Falle einer Belagerung die Stadt mit Wasser versorgen zu können. Auch die Funktion des Tempels scheint sich mehrfach gewandelt zu haben, je nachdem, welcher Kult gerade von den Herrschern vorgeschrieben wurde. Erst König Josia, den wir bereits kennengelernt haben, führte endgültig den Jahweh-Kult wieder ein.

Dieser Herrscher war es denn auch, der das Reich Juda in den Norden auszudehnen versuchte. Das war möglich geworden, weil die neu erstarkten Babylonier im Jahre 612 v. Chr. die assyrische Hauptstadt Ninive erobert hatten.

Lange hielt sein Erfolg jedoch nicht: Er fiel 609 in der Schlacht bei Megiddo, und seine Nachfolger konnten die Ausdehnung Babylons nicht lange aufhalten. 597 v. Chr. eroberte der babylonische König Nebukadnezar II. Jerusalem und setzte einen Vasallenkönig ein; die jüdische Oberschicht wurde ins babylonische Reich deportiert.

Der Vasallenkönig hielt sich allerdings nicht an die Abmachungen, und so marschierte Nebukadnezar 586 v. Chr. zum zweiten Mal in Jerusalem ein.

Diesmal zerstörte er Tempel und Palast und verschleppte die verbliebene jüdische Elite sowie zahlreiche Gelehrte und Handwerker nach Babylon. Damit hörte auch das Südreich Juda auf zu existieren und mit ihm der Kult um Jahweh, denn dessen Hauptheiligtum, den Tempel in Jerusalem, gab es nicht mehr.

Das vermeintliche Davidsgrab auf dem Berg Zion


Herodes

Knapp 50 Jahre später eroberte der persische König Kyros II. Babylon und erlaubte 538 v. Chr. den weithin versprengten Judäern die Rückkehr in ihre Heimat. Unter dem persischen Statthalter Serubbabel durften sie einen neuen Tempel bauen, der in den folgenden Jahrhunderten mehrfach umgestaltet wurde. Jerusalem wurde wieder das Zentrum des Jahweh-Kultes, auch wenn dieser hin und wieder von anderen Gottheiten wie Baal oder Zeus Olympos kurzzeitig verdrängt wurde.

Herodes der Große war es schließlich, der eine umfangreiche Neugestaltung des Tempels vornehmen ließ. Wir kennen diesen Mann als Statthalter von Galiläa aus den Evangelien des Neuen Testaments. Laut der Weihnachtsgeschichte bei Matthäus soll er den Kindermord von Bethlehem befohlen haben (Mt 2 EU): Er habe alle männlichen Kinder unter zwei Jahren töten lassen, um sicher zu gehen, dass der neugeborene „Jesus von Nazareth, König der Juden“ beseitigt würde. Heute sind sich Historiker wie Bibelforscher einig, dass das mit ziemlicher Sicherheit reine Fiktion ist.

Tatsache ist jedoch, dass dieser in der christlichen Überlieferung als personifiziertes Böses dargestellte Herrscher eine schillernde Gestalt war, die in vielerlei Hinsicht großen Einfluss auf die Geschichte Jerusalems genommen hat. Selbst zwar der Religion nach Jude, aber nicht aus einer Familie stammend, die zu den „Stämmen Israels“ gezählt wurde, warf man ihm zeit seines Lebens vor, kein echter Jude zu sein. Um seine Machtstellung, die er von seinem Vater übernommen hatte, zu festigen, wandte er sich nach Rom und erhielt dort auch breite Unterstützung. Octavian, der spätere Kaiser Augustus, erhob Herodes zum König von Jerusalem und unterstellte ihm neben Judäa, Galiläa und Samaria weitere angrenzende Gebiete. Seine Herrschaft war zwar ein Klientelkönigreich von Roms Gnaden, da er sich aber stets loyal gegenüber dem Imperium verhielt, genoss er weitgehende Autonomie und war relativ frei in seinen Entscheidungen. Das brachte Jerusalem einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung und katapultierte die Stadt innerhalb kurzer Zeit zu einem wichtigen ökonomischen und weit über die Region hinaus bedeutsamen religiösen Zentrum des Judentums.

Das „Holyland-Modell“ ist ein riesiges 3D-Modell im Außenbereich des Israel-Museums in Jerusalem und zeigt eine Rekonstruktion der Stadt zur Spätzeit des zweiten Tempels (538 v. Chr.–70 n. Chr.) mit konkretem Bezugsjahr 66 n. Chr.; es hat einen Maßstab von 1:25 und misst knapp 1000 qm. Entstanden ist es in den 1960er-Jahren auf dem Areal des Holyland-Hotels in Jerusalem und wurde 2006 in das Museum transferiert. Einige Bereiche sind nach heutigem archäologischen Kenntnisstand umstritten.

Der Tempelplatz des Holyland-Modells zeigt den Tempel des Herodes.


Südlich von Jerusalem ließ Herodes einen künstlichen Hügel aufschütten und errichtete darauf seine große Palastfestung, die er in Anlehnung an griechische TraditionenHerodeion nannte. Auch in Jerusalem selbst baute er den alten Palast wieder auf, außerdem erhielt die Stadt ein komplett neues Wasserleitungssystem. In der Nähe des Toten Meeres ließ er die Felsenfestung Masada anlegen und im ganzen Herrschaftsgebiet neue Städte gründen, darunter Caesarea Maritima mit seiner bedeutenden Hafenanlage.

Der Herodianische Tempel

Das wohl berühmteste Bauwerk unter seiner Ägide ist aber der sogenannte „Herodianische Tempel“. 21 v. Chr. begann er den alten „Zweiten Tempel“ komplett umzugestalten. Dieser war im Laufe der Jahrhunderte baufällig geworden und hätte ohnehin längst ersetzt werden müssen. Herodes sah hierin aber eine Möglichkeit, sein jüdisches Ansehen zu verbessern – was ihm dennoch nicht gelinge sollte.

In nur anderthalb Jahren wurde eine großartige, weitläufige Tempelanlage aus dem Boden gestampft, die in dieser Form keine Parallele in der gesamten Antike hat. In den folgenden Jahren wurde zudem der gesamte Tempelberg-Komplex umgestaltet und ausgebaut. Es gibt zahlreiche Rekonstruktionsmodelle, die anhand der überlieferten Beschreibungen von Zeitgenossen ein recht genaues Bild dieses kolossalen Prachtbaus auferstehen lassen. Da der Bereich auf dem Tempelberg heute leider noch immer nicht freigegeben wird, durften bisher keine archäologischen Untersuchungen erfolgen, die Überreste des Herodianischen Tempels entdecken und dann auch auswerten könnten.

Einige Reste sind aber auch von außen eindeutig zu identifizieren. Die heutige Klagemauer beispielsweise ist ein Teil der westlichen Umfassungsmauer der gesamten Anlage.

Überhaupt sind Teile der alten Mauer in der derzeitigen erhalten geblieben, dazu vier Zugangstore im Westen, ein Stein mit der Inschrift „Platz für das Trompetensignal“ und im Schutt einige Kapitelle und Spolien.

Das Tempelarial lag so hoch, dass Herodes (bzw. seine Nachfolger) eigene Wege und Brücken anlegen ließ, damit das Volk es erreichen konnte. Von Süden her zog sich eine gut ausgebaute Pilgerstraße mit großen Treppen vom Teich von Siloah ausgehend zum Tempel hoch. Offenbar strömten jährlich tausende Menschen zum Heiligtum, was die Bedeutung Jerusalems als Zentrum des Judentums festigte.

Der Jüdische Krieg

So rasant der Aufstieg war, so schnell ging es auch wieder zu Ende. Die größten Schwierigkeiten hatte Herodes innerhalb der eigenen Familie. Zehn Ehefrauen und eine Menge Söhne bleiben einfach nicht friedlich, wenn man sie der Reihe nach verstößt, vor römischen Gerichten anklagt, wegen Hochverrats zu Exil oder zum Tode verurteilen oder sonst wie aus dem Weg räumen lässt. Und das macht auch keinen guten Eindruck bei den Untertanen.

Als er 4 v. Chr. im hohen Alter an den Folgen einer langwierigen Erkrankung starb, war er beim jüdischen Volk trotz all seiner Bemühungen um die jüdische Religion und Kultur so verhasst, dass keine Einheit mehr zustande kommen konnte. Seinem Erben gelang es nicht, die Machtbasis aufrecht zu erhalten.

Schon 6 n. Chr. wurde Judäa der römischen Provinz Syria angegliedert und von einem römischen Präfekten regiert. Das löste innerjüdische Spannungen aus. Es gab gemäßigte Vertreter innerhalb der Hohepriester- schaft, die sich mit Rom gut stellten und für eine gewisse Zeit eine eingeschränkte Selbstständigkeit erreichen konnten.

Ihre Gegner schürten jedoch Unruhen. Nach einigen Verwicklungen, an denen auch die Römer nicht ganz unschuldig waren, eskalierte die Situation 66 n. Chr. in einem Aufstand gegen das Imperium, der sich in langwierige militärische Auseinandersetzungen ausdehnte, die in der Geschichtsforschung als der „Jüdische Krieg“ bezeichnet werden – und dieser Krieg endete in einem blutigen Desaster.

70 n. Chr. gelang Titus, dem Sohn Kaiser Vespasians, nach kurzer Belagerung die Eroberung Jerusalems. Es war kurz vor dem Pessach-Fest, und die Stadt quoll über vor Pilgern. Auch wenn die jüdischen Chronisten sicherlich bei den Zahlen der Opfer übertreiben, können wir davon ausgehen, dass an diesem Tag rund ein Drittel der gesamten jüdischen Bevölkerung Israels ums Leben kam. Die römischen Soldaten machten die Stadt dem Erdboden gleich. Vom großen Tempel blieben nur Reste der äußeren Umfassungsmauer stehen, ein Stück davon ist heute die Klagemauer.

Der Titusbogen in Rom wurde anlässlich des römischen Sieges im Jüdischen Krieg aufgestellt; in seinem Durchgang zeigen Reliefs Szenen aus dem Triumphzug, u.a. die Zurschau - stellung des Tempelschatzes aus Jerusalem mit der Menorah (unten).


Das Ende des jüdischen Jerusalems

Die Folgen waren verheerend. Die Überlebenden wurden größtenteils in die Sklaverei verkauft oder als Zwangsarbeiter in die Silberminen und zur Flotte geschickt. Wer hatte fliehen können, lebte von nun an in der Diaspora, die sich rund um das Mittelmeer ausbreitete. Viele Juden zogen auch ins Persische Reich, weil hier die Lebensbedingungen für sie relativ günstig waren.

Jerusalem selbst wurde das Hauptquartier einer Legion; der Statthalter der Provinz Judäa bezog Residenz in Caesarea Maritima, siedelte römische Bürger in ihren Mauern an und erhob die Stadt zum Zentrum der Provinz. Fast alles an Grund und Boden in Judäa gehörte nun dem Kaiser, der es an Bauern verpachtete (coloni ; einheimische und angesiedelte Bauern).

Ohne einen Tempel hatte das Judentum sein religiöses und auch kulturelles Zentrum verloren. Es gab keinen Hohepriester mehr, der Priesteradel verschwand. Die bisherige Tempelsteuer, die für Jerusalem eine enorme wirtschaftliche Bedeutung gehabt hatte, musste nun als Fiscus Judaicus an den Jupitertempel in Rom gezahlt werden. Das jüdische Jerusalem existierte nicht mehr.

Wurzeln des Christentums

Zu dieser Zeit hatte eine neue religiöse Strömung bereits Fuß in und um Jerusalem gefasst. Um das Jahr 30 n. Chr. – die Forscher streiten noch heute über die genaue Datierung – war der aramäische Wanderprediger Jesus von Nazareth mit seinen Jüngern nach Jerusalem gezogen, festgenommen, zum Tode verurteilt und mittels Kreuzigung hingerichtet worden. Seine Anhänger hatten sich unmittelbar danach zunächst verstreut, weil sie selbst ein ähnliches Schicksal befürchteten. In kleinen Gruppen hielten sie jedoch das geistige Erbe aufrecht und blieben in losem Kontakt.

Wie genau sich daraus die ersten urchristlichen Gemeinden gebildet und bis über das Mittelmeer verbreitet haben, darüber lässt sich aus den Quellen kein einheitliches Bild herleiten. Zu viel ist ideologisch gefärbt, das meiste zudem erst Jahre bis Jahrzehnte nach den Ereignissen niedergeschrieben worden. Diese Fäden zu entwirren würde den Rahmen des Beitrags sprengen.

Die frühen Christen verstanden sich nicht als neue Religion, in der Forschung werden sie deshalb auch als Judenchristen angesprochen. Zentrale Elemente der jüdischen Religion, etwas der Tempeldienst, wurden auch in der Jerusalemer Urchristengemeinde beibehalten. Die traditionelle jüdische (und romtreue) Oberschicht ging jedoch mit aller Macht gegen die neuen Strömungen vor: 43/44 n. Chr. kam es zu einer ersten Verfolgungswelle innerhalb Jerusalems und Galiläas, 64 n. Chr. zu den berüchtigten Christenverfolgungen unter Kaiser Nero in Rom.

In Jerusalem selbst etablierten sich einige Orte, an denen Jesus gewirkt hatte, bereits jetzt als heilige Stätten neben den traditionellen jüdischen. Dem bereitete der Jüdische Krieg im Jahre 70 ein jähes Ende, wie wir schon gesehen haben.

Die Vertreibung der Juden aus Jerusalem unter Nebukadnezar in einer Illustration aus der Schedel‘schen Weltchronik (Blatt 63r) von 1493; Nebukadnezar II. eroberte Jerusalem 586 v. Chr., ließ die Stadt und ihren Tempel zerstören und schickte die Reste der jüdischen Führungsschicht ins Exil.


Römische Stadt

Erst Kaiser Hadrian kümmerte sich rund 60 Jahre später wieder um Jerusalem. Nach einem Besuch des Legionsquartiers beschloss er, das befes- tigte Lager mit einer zusätzlichen Siedlung auszustatten. Diese sollte nun aber nicht auf den Ruinen des ehemaligen Tempelberges angelegt werden, sondern etwas weiter seitlich.

Sein Vorhaben stieß auf vehemente Ablehnung. Mehrere weitere Faktoren kamen hinzu, sodass schließlich der nächste jüdische Aufstand folgte. In die Geschichte eingegangen ist er nach seinem Anführer Simon bar Kochba als Bar-Kochba-Aufstand und wird zwischen 132 und 136 n. Chr. datiert. An seinem Ende stand – wieder einmal – die vernichtende Unterwerfung alles Jüdischen. Mehreren Quellen zufolge soll Hadrian sogar den überlebenden Juden den Zutritt zur Stadt völlig untersagt haben.

Seine Siedlung wurde gebaut und „Aelia Capitolina“ genannt: Aelius war Hadrians Gentilname, Capitolina bezog sich auf Jupiter Optimus Maximus, den höchsten Gott im römischen Götterhimmel, dessen Tempel meist Capitolium genannt wurden. Hadrian änderte den Provinznamen Iudaea (Judäa) in Syria Palaestinae (Palästina), tilgte den Namen Jerusalem und bezeichnete das gesamte ehemalige Stadtgebiet nun als Aelia Capitolina. Diesen Namen sollte Jerusalem bis zur Eroberung durch die Araber im 7. Jahrhundert tragen.

Dieses „römische Jerusalem“ lag ungefähr auf dem Gebiet des heutigen Christlichen Viertels. Reste der beiden großen Querachsen, in antiken Städtendecumanus undcardo genannt, sind erhalten, außerdem von einigen neu errichteten Toren wie dem Goldenen oder dem Hulda-Tor. Unter Diokletian wurde die Legion in die Stadt hinein verlegt und ein befestigter Mauerring als Stadtmauer gezogen.

Im Laufe der Zeit wurde auf dem Bezirk des ehemaligen Jahweh-Tempels ein neuer Tempel für Jupiter Capitolinus und einer für Aphrodite errichtet. Die Ausübung des Judentums blieb weithin untersagt, auch die Judenchristen wurden schließlich verbannt. Die inzwischen immer stärker sich abspaltenden sogenannten „Heidenchristen“ waren hingegen ge - duldet, sodass sich innerhalb der vom Judentum abgegrenzten christlichen Urgemeinde eine frühe Hierarchie mit „Bistümern“ in Jerusalem und anderen Städten entwickeln konnte.

Es sollte jedoch bis ins 4. Jahrhundert dauern, bis das Christentum endgültig der Stadt seinen Stempel aufdrückte. Als Folgen des Konzils von Nikaia von 325 und der christlich gesinnten Politik Kaiser Konstantins wandelte sich Jerusalem zu einem christlichen Erinnerungsort, womit eine rege Bautätigkeit einherging.

Und darüber wollen wir in der nächsten Ausgabe im zweiten Teil unserer Jerusalem-Geschichte berichten.

Klaus Bringmann: Geschichte der Juden im Altertum. Vom babylonischen Exil bis zur arabischen Eroberung, Stuttgart 2005 Werner Eck: Herrschaft, Widerstand, Kooperation: Rom und das Judentum in Judaea/Palaestina vor dem 4. Jh. n. Chr., in: Ernst Baltrusch, Uwe Puschner (Hrsg.): Jüdische Lebenswelten. Von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt/ Main u.a. 2016, S. 31–52 Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman: David und Salomo. Archäologen entschlüsseln einen Mythos, München 2006 Hubert Frankemölle: Frühjudentum und Urchristentum: Vorgeschichte – Verlauf – Auswirkungen (4. Jh. v. Chr. bis 4. Jh. n. Chr.), Stuttgart 2006 Gerhard Konzelmann: Jerusalem. 4000 Jahre Kampf um eine heilige Stadt, erweiterte Auflage, München 1998 Hartmut Leppin: Die fruehen Christen, München 2018 Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. Die Biographie, Frankfurt am Main 2011 Markus Öhler: Geschichte des frühen Christentums, Göttingen 2018 Markus Sasse: Geschichte Israels in der Zeit des Zweiten Tempels. Historische Ereignisse, Archäologie, Sozialgeschichte, Religions- und Geistesgeschichte, Neukirchen- Vluyn 2004 Christopher Weikert: Von Jerusalem zu Aelia Capitolina. Die römische Politik gegenüber den Juden von Vespasian bis Hadrian (= Hypomnemata. Band 200), Göttingen 2016

Blick auf den Ölberg; im Vordergrund der jüdische Friedhof an seinem Südhang


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