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Jesus als Social-Media-Star


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 15.09.2021

Artikelbild für den Artikel "Jesus als Social-Media-Star" aus der Ausgabe 3/2021 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: blickpunkt musical, Ausgabe 3/2021

1. Das Ensemble von »Jesus Christ Superstar« St. Gallen, im Hintergrund das Symbol der Jesus- Anhänger, der urchristliche Ichthys

Hosanna! … Es gab wieder eine erste Musicalpremiere am Theater St. Gallen in der Schweiz. Dorthin kam man auch ohne größere Barriere. Weder wurde beim Grenzübergang kontrolliert, noch war ein negativer Test für den Einlass ins Theater nötig – lediglich das online gebuchte Ticket. Im Theater dagegen wurden die Hygienemaßnahmen eingehalten, es herrschte Maskenpflicht, und das nicht nur beim Betreten, sondern während des kompletten Aufenthalts, also auch während der Show am Platz. Und die Darsteller wurden zu ihrer eigenen Sicherheit vor jeder Vorstellung getestet.

Da in den letzten Monaten nicht gespielt werden durfte, wurde begonnen, das Theaterhaus von Grund auf zu sanieren.

Deshalb wurde quasi aus dem Nichts der UM!BAU hochgezogen, mitten auf der Wiese, gegenüber von Theater und Tonhalle. Die Interimsspielstätte ist weit mehr als ein Provisorium. Überwiegend aus Holz gebaut, mit 500 ansteigenden ...

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... Plätzen, hat sie alles, was ein Theater braucht, sogar im Vorderhaus eine Bar.

Aufgrund der Coronabestimmungen hatten zur Premiere von »Jesus Christ Superstar« nur 50 Zuschauer das Stück sehen können, ab Juni durfte dann vor 100 Zuschauern gespielt werden. Und statt der geplanten 40 Vorstellungen war das Stück zunächst nur 7-mal zu erleben, aber geplant ist die Wiederaufnahme für den 2. März 2022.

»Jesus Christ Superstar« war auch das erste Musical, das nach dem Lockdown in St. Gallen gezeigt wurde. Geschrieben von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice, ist das Rock-Musical inzwischen ein Klassiker, der – basierend auf dem Matthäus-Evangelium – von den letzten Tagen im Leben von Jesus von Nazareth erzählt. Doch wer das Stück kennt, erwartet keine Passionsspiele. Dennoch überrascht die Inszenierung von Erik Petersen, die 2018 am Oldenburger Staatstheater entstanden ist, später an die Oper Wuppertal angepasst wurde, wo sie 2021/22 erneut zu sehen sein wird. Für Petersen ist »Jesus Christ Superstar« ein »zeitloses Stück, das trotz seines 50-jährigen Jubiläums nichts an Aktualität eingebüßt hat.« Er zeigt einen Superstar dieser Zeit. Hatte sein Jesus in Oldenburg noch Boyband-Image, ist der St. Galler Jesus ein Rockstar. Er ist ein Influencer in der Social-Media-Welt von Instagram und Facebook. Folgerichtig wurden aus den Jüngern Follower, die ihn auf den Thron heben, aber auch wieder fallen lassen können. Nur dass sich das auch auf die reale Welt auswirkt. Die Apostel bilden seine Band, Maria Magdalena und die Soulgirls sind Backgroundsängerinnen. Kaiphas, Annas, König Herodes und auch Pontius Pilatus vertreten die religiöse und staatliche Macht.

Jesus, gespielt von Riccardo Greco (zuletzt »Ghost« in Stuttgart, »Catch Me If You Can«-Tour) erinnert mit seinem Aussehen ein bisschen an Bill Kaulitz (Leadsänger der Band »Tokio Hotel«). In typischer Rockermanier lümmelt er sich auf der Ledercouch seiner Garderobe, umgeben von jungen Mädels, den Soulgirls, in der Hand Handy und Zigarette. Da er die Vorhersage, dass er sterben soll, nicht verkraften kann, nimmt er Drogen, betrinkt sich und führt ein zügelloses Leben.

Neben Riccardo Greco ist auch sein »Kontrahent« Antonio Calanna (»Rocky« in Stuttgart, »Kinky Boots« in Hamburg) als Judas sehr präsent auf der Bühne. Dorina Garuci als Maria Magdalena überzeugt mit ihrer klaren, schönen Stimme. Die in Albanien geborene Darstellerin spielte u. a. mit Armin Kahl am Münchner Gärtnerplatztheater in »Priscilla – Königin der Wüste«. Nun stehen die beiden zusammen in St. Gallen auf der Bühne. Armin Kahl gelingt es großartig, die zerrissene Person des Pontius Pilatus darzustellen, der Jesus nicht verurteilen will, sich dann aber der Menge beugt. Enrico de Pieri als Herodes (zuletzt Dschinni in »Disneys Aladdin«, Peter in »Wahnsinn!«) vervollständigt die Riege der bekannten Darsteller. Ihm gelingt die Gratwanderung, den mächtigen König der Juden mit der Komik des Auftritts zu verbinden.

Schon beim Betreten des Saals fällt das Logo mit dem modern gestylten Ichthys-Fisch, dem Erkennungszeichen der Urchristen, auf. Das Bühnenbild ist eher minimalistisch, ein Drehobjekt mit einer langen Treppe, an deren oberen Ende sich die Garderobe des Superstars Jesus befindet. Durch Drehung wird daraus eine Hauswand mit vielen Türen und Fenstern, die auch als Leinwand für Videoprojektionen dient. Was am Bühnenbild eher minimalistisch ist, machen die Kostüme wett. Überhaupt muss man der Kostümabteilung unter der Leitung von Christine Krug ein großes Kompliment machen. Es wurde nicht gespart an Leder, Pailletten, Netzhemden, Kunstpelz. Die Kostüme wirken edel und trotzdem sehr rockig.

Gespielt wird in englischer Sprache und coronakonform 90 Minuten lang ohne Pause. Wobei das ganze Ensemble vor Spielfreude sprüht, sängerisch und auch tänzerisch hervorragend und mit großer Begeisterung bei der Sache ist.

Ingrid Kernbach

Nachgefragt

Regisseur Erik Petersen zu seiner Adaption des »Jesus Christ Superstar« am Theater St. Gallen

blickpunkt musical: Sie haben die ursprüngliche Inszenierung für das Oldenburger Staatstheater 2018 geschaffen. Wenn man die Bilder vergleicht, so haben Sie diese deutlich angepasst für das Jahr 2021 und St. Gallen. Was hat sich verändert? Was erwartet das Publikum?

Erik Petersen: Andrew Lloyd Webber und Tim Rice hatten dieses Musical nie als Stück gesehen, in dem wir einer Optik der Passionsgeschichte von Oberammergau nachgehen. Das hilft, um mit diesem Jesus »Superstar« aktuelle Bezüge zu finden. Was sind Superstars in der heutigen Zeit, was bedeutet es Superstar zu sein?

Ich habe immer wieder nach diesem »neuen« Superstar geschaut in meinen Inszenierungen und mich in St. Gallen für einen Superstar entschieden, der anhand seiner Follower auf allen Social-Media- Kanälen zum Erfolg gelangt ist, aber ohne Digitalität in der realen Welt seine Existenz, seinen Mythos und seine Follower immer mehr verliert. Dies gab so viele Ideen her, dass wir dadurch in St. Gallen eine wunderbare Inszenierung schaffen konnten, vor allem da auch eine neue Generation an Darstellerinnen und Darstellern auf der Bühne steht, die dieses Stück so lebendig, real und in die heutige Zeit transferieren konnte. Diese wunderbaren Menschen machen dieses Stück so real, so nah und zeigen uns alle Facetten, in denen wir uns heute befinden. Das ist die größte Stärke der Inszenierung.

blimu: Jesus, der heute ein Rockmusiker und Influencer ist, wird am Ende ausgepeitscht und gekreuzigt. Wie passt das in die heutige Zeit? Judas erschießt sich mit einem goldenen Revolver. Wäre es nicht stimmig gewesen, auch Jesus einen modernen Tod sterben zu lassen? Wie wollen Sie das verstanden wissen?

EP: Ich bin in meiner Auffassung immer für Werktreue und gehe daher auch damit um. Ein Judas begeht Selbstmord, daher war es für mich kein Thema, dieses in einer anderen Form darzustellen. Jesus hängt in jeder Kirche und Symbolik am Kreuz, wir haben daraus ein digitales Kreuz gemacht. Leider gibt es in der heutigen Zeit aber genau noch diese Art von Folterund Tötungsmethoden, es werden Frauen und Männer geköpft wegen ihrer Homosexualität, ihrer Religion, gesteinigt, erhängt, weil sie sich gegen eine Diktatur gewehrt haben, oder eben gekreuzigt, weil sie sich aufgelehnt haben. Das Gefühl lässt mich auch nicht los, dass es sogar wieder mehr wird – in der eigentlich so offenen Welt, in der so weiterentwickelten Welt. Unser Jesus stirbt an diesem berühmten Kreuz einen Tod, der ohne Religion nicht stattgefunden hätte.

blimu: Was bedeutet Ihnen diese Inszenierung?

EP: Sehr viel, es macht mich wahnsinnig stolz, mit so tollen Menschen gearbeitet zu haben. Auch dass wir in der Epidemie diese Inszenierung auf die Beine gestellt haben. Für mich ist es eine der Inszenierungen, in der wir alle Gefühle mit den Darstellern durchgehen, alle Empfindungen aufgreifen können und lernen, was Theater bedeutet. Dies schafft keine andere Stätte, auch kein Streamingdienst.

Die Fragen stellten Barbara Kern & Ingrid Kernbach