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„Jetzt ist die Zeit, für Visionen zu werben“


Buddhismus aktuell - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 30.06.2020
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Bildquelle: Buddhismus aktuell, Ausgabe 3/2020

Leben ist nicht nur angenehm und schön, inspirierend und erfüllend. Das weiß ich mit Kopf, Herz und Bauch. Ich gehöre zur „Goldenen Generation“ nach dem Krieg, für die es lange immer aufwärts ging: mehr Freiheit und mehr Wohlstand. Ich kenne aber auch schwierige Zeiten: Trennung und eigene Krankheit, Tod und Krankheit naher Menschen, emotionale Verletzungen, Zurückweisung und Misserfolg. Bislang habe ich das einigermaßen gut überlebt, denn mich trägt seit der Kindheit das Lebensmotto meiner Mutter: Wenn eine Tür zugeht, geht ein Fenster auf. Krisen sind Chancen, und ich frage mich in guten wie in schlechten Zeiten: Was kann ich daraus lernen? Dafür brauche ich auch Phasen der Stille und regelmäßige Retreats.

Die Corona-Krise im Frühjahr 2020 verstärkt die Mischung von Irritation und Inspiration, die ich seit ein paar Jahren spüre. Herz und Bauch sagen deutlicher denn je: Eine Epoche geht zu Ende. Mein Kopf versucht zu verstehen, was das bedeutet. Ich bin irritiert, weil ich die Umstände und Folgen der Krankheit und der wirtschaftlichen Unsicherheit nicht einschätzen kann. Und ich bin zuversichtlich, weil ich spüre, dass die derzeitige Vollbremsung unseres Lebensmodells von „weiter, schneller, mehr“ eine Umkehr ermöglicht, über die ohne diese Krise weiterhin nur wenige nachdenken würden.

Keine gute Tat ist verloren

Viele Menschen in allen Schichten und Altersgruppen schalten herunter, helfen ihren Nachbarinnen und Nachbarn, sehen die Natur mit neuen Augen und pflegen ihre Beziehungen. Meine Lebenserfahrung bestätigt die soziologische Faustregel: Wenn nur fünf Prozent der Bevölkerung ein Anliegen wichtig finden, entsteht daraus eine wirksame Bewegung. Dafür steht die Arbeiter- und Frauenbewegung der vorletzten Jahrhundertwende, und in unserer Zeit stehen dafür die Grünen mit der Klimaschutzbewegung. Es reicht, wenn fünf Prozent der Menschen in Deutschland die Verbundenheit untereinander und mit der Natur positiv erleben. Diese Bewegung kann sich für eine neue Kultur der Verbundenheit einsetzen und für sie werben. Und das braucht es, denn wenn wir im Modus des Kampfes bleiben – gegen Viren und Kapitalismus, gegen Finanzkapital, gegen die Rechten – bleiben wir im Modus der Getrenntheit, den ich für einen großen Irrtum halte.

Denn alles ist mit allem verbunden, und keine gute Tat ist verloren. Und wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt, wie die jüdische und die islamische Tradition wissen. Das buddhistische Mahayana hält die „Sicht der Getrenntheit“ für die Wurzel allen Leidens, denn sie führt zu dualistischem Handeln aus Gier, Hass und Verblendung. Wir sind verbunden mit allen und allem, mit Menschen und Natur, mit den Erwachten aller Zeiten und Räume und mit der Buddhanatur oder dem unfassbaren göttlichen Urgrund, aus dem alles entsteht und der alles trägt. Je mehr wir das ahnen, desto mehr entdecken wir kluges Handeln, wie etwa die Kreislaufwirtschaft ohne Abfall, weniger Kontrollwahn und weniger Bullshit-Jobs und damit mehr Zeit für: die Pflege von Beziehungen, Feste, Spiel und Muße, unsere Aufgaben als Bürgerinnen und Bürger, Ehrenamt und lokale Vernetzung. Und wir haben Zeit, für diese Vision zu werben. Darauf hoffe ich. Denn es kann auch gut gehen.

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Bildquelle: Buddhismus aktuell, Ausgabe 3/2020

Sylvia Wetzel, geboren 1949, ist buddhistische Meditationslehrerin mit politischfeministischer Zuversicht und Freude am christlich-katholisch-buddhistischen Dialog (sylvia-wetzel.de).

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