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Joanna Kiliszek: Den Künstlern Glauben schenken


Dialog - epaper ⋅ Ausgabe 130/2020 vom 18.02.2020

Das Kunstmuseum in Lodz ist – neben dem MOMA in New York – eines der ersten Museen auf der Welt mit einer Sammlung moderner Kunst. Dies ist die einzige nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa erhaltene und weitergeführte Sammlung von avantgardistischer Kunst, die gleichzeitig die aktuelle Entwicklung der gegenwärtigen Kunst präsentiert.


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Bildquelle: Dialog, Ausgabe 130/2020

Kunstmuseum in Lodz, Neoplastizistischer Saal entworfen von Władysław Strzemiński Muzeum Sztuki w Łodzi, Sala Neoplastyczna zaprojektowana przez Władysława Strzemińskiego


Agencja Gazeta

Im Jahr 1929 schrieb Władysław Strzemiński an seinen Freund, den Dichter Julian Przyboś: ...

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... „Die Gesprache uber die Grundung (…) einer Galerie fur moderne Kunst in Lodz der Gruppe a.r. gehen zu Ende (…) Wir werden etwas haben, was nicht jedes Europa hat.“ Die Internationale Sammlung Moderner Kunst der Gruppe „a.r.“ (, Revolutionare Kunstler), von Avantgarde-Kunstlern gesammelt und 1930 als Schenkung an Lodz ubergeben, war der Beginn des Kunstmuseums – eines Vorreitermuseums mit internationalem Rang und internationaler Bedeutung. Die Art, die neuste internationale Kunst zu zeigen, bevor sie bekannt wurde, das synkretische Verhaltnis zu verschiedenen Kunstrichtungen, die Interdisziplinaritat und Vielfalt der Sammlung, das gegenseitige Durchdringen der Kunstbereiche und das umfassende Bildungsprogramm waren den gangigen Museumspraktiken um Jahrzehnte voraus. Das Kunstmuseum in Lodz ist – neben dem MOMA in New York – eines der ersten Museen auf der Welt mit einer Sammlung moderner Kunst. Dies ist die einzige nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa erhaltene und weitergefuhrte Sammlung von avantgardistischer Kunst, die gleichzeitig die aktuelle Entwicklung der gegenwartigen Kunst prasentiert. Merkmale, die den Wert und die Besonderheit des Museums ausmachen, gibt es mehrere.

Eine einzigartige Sammlung

Es sind vor allem verschiedene Sammlungen. Den Anfang machte die eklektische Sammlung des Julian-und-Kazimierz-Bartoszewicz-Museums fur Geschichte und Kunst. Sie enthalt eine umfangreiche Sammlung polnischer Kunst des 19. Jahrhunderts, eine Bibliothek und ein historisches Archiv. Die Grundung des Bartoszewicz‘ Museums im Jahr 1930 in den ehemaligen Rathaussalen am Plac Wolności 1 gilt als Beginn des Kunstmuseums in Lodz. Seine Eroffnung zog die Aufmerksamkeit potenzieller Spender und Kunstliebhaber auf Lodz und die neue Institution, die mit dem ihr anvertrauten Erbe angemessen umging und es pflegte. Interesse zeigte Władysław Strzemiński, ein hervorragender avantgardistischer Kunstler und Theoretiker. Ausgangspunkt fur die Entstehung der Sammlung waren seine unistische Kunstidee und seine Uberzeugung von der Notwendigkeit, der Gesellschaft die aktuelle avantgardistische Kunst in Europa in status nascendi – im Moment ihrer Geburt – komplementar zuganglich zu machen. Seit seiner Ruckkehr aus Russland nach Polen im Jahr 1922 forderte er, avantgardistische Kunst zu sammeln und zu verbreiten. Dies folgte aus seinen Erfahrungen der engen Zusammenarbeit mit Kunstlern wie Kazimierz Malewicz und aus der Idee, dass Kunstler selbst Sammlungen fur die Gesellschaft im avantgardistischen Russland als „Museum der kunstlerischen Kultur“ erstellten.

Strzemiński begann mit voller Entschlossenheit und Uberzeugung einen Austausch von Werken und Schenkungen internationaler avantgardistischer Kunstler, die damals uberwiegend in Paris lebten. Er verwirklichte seine Idee zusammen mit Mitgliedern der Gruppe „a.r.“ – mit der Bildhauerin und seiner Ehefrau Katarzyna Kobro, dem Maler Henryk Stażewski und dem Dichter Julian Przyboś, vor allem aber mit dem in Paris aktiven Dichter Jan Brzękowski. Unermudlich trug Brzękowski mit Hilfe von unter anderem Stażewski und Wanda Chodasiewicz-Grabowska (Nadia Leger) eine imponierende Anzahl an Kunstwerken zusammen. Dem Museum wurden 1930 neun Werke und 1931 weitere 40 vermacht, im Jahr 1932 waren es schlieslich 75 Arbeiten und bis zum Jahr 1939 weitere 112.

Fur dieses beispiellose Projekt setzten sich Kunstler ein, die damals die Avantgarde der europaischen Kunst ausmachten, und deren Namen Meilensteine in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts sind, wie: Hans Arp, Alexander Calder, Sonia Delaunay, Theo Van Doesburg, Max Ernst, Fernand Leger und Pablo Picasso. Die meisten von ihnen gehorten zu der avantgardistischen Kunstlervereinigung „Cercle et Carre“.

Die Sammlung der avantgardistischen Kunst uberstand zu 75 Prozent den Krieg und war nicht – wie in Deutschland – verbrannt, unwiederbringlich verschollen oder verkauft worden. Die selbstlose Geste der avantgardistischen Kunstler war fur ihre Nachfolger verbindlich. In den folgenden Jahrzehnten wurde – und wird bis heute – die Sammlung konsequent ausgebaut und modernisiert. Der Sammlungsprozess wird in hohem Mase von den Kunstlern selbst und von Menschen der Kunst durch Schenkungen unterstutzt. Anknupfend daran, dass Kunstler der Internationalen Sammlung Moderner Kunst der „a.r.“-Gruppe ihre Werke gespendet hatten, schenkten Strzemiński und Kobro gleich nach dem Krieg im Jahr 1945 dem Museum ihre Werke, die uberdauert hatten. Im Jahr 1958 ubergaben weitere Kunstler – dank der Vermittlung von Brzękowski, Michel Seuphor, Denise Rene, Edouard Jaguer und Jerzy Kujawski – ihre Werke. Von den in Paris tatigen Kunstlern waren Enrico Baj, Serge Charchoune, Claude Georges, Karl Otto Gotz, Roberto Matta, Richard Mortensen und Victor Vasarely dabei.

Im Jahr 1975 vermachte Mateusz Bronisław Grabowski, ein Galerist aus London mit polnischer Herkunft, dem Museum 230 Werke internationaler Kunstler, vor allem junger Kunstler der britischen Kunstwelt aus den 1960er und 1970er Jahren, wie zum Beispiel Derek Boshier, Pauline Boty, Bridget Riley und Michael Kidner. Im Jahr 1981 besuchte Joseph Beuys das Museum und schenkte ihm uber 800 seiner Werke – einen Teil seines „Archivs“, genannt „Polentransport 1981“. Im selben Jahr uberlies der Vorstand der Solidarność von Lodz dem Museum als Dauerleihgabe eine Sammlung von Werken, die im Rahmen der internationalen Ausstellung „Konstrukcja w Procesie“ (Konstruktion im Prozess) unter anderem von Richard Nonas, Peter Downsbrough und Dan Graham erstellt und dem Vorstand von den Kunstlern geschenkt worden waren. Die herausragendsten Vertreter des polnischen avantgardistischen Films – die in London lebenden Kunstler Franciszka und Stefan Themerson – ubergaben der Sammlung Werke, die auf einer temporaren Ausstellung 1982 gezeigt wurden. Doch bereits im darauffolgenden Jahr kamen – trotz des Kriegsrechts in Polen und zahlreicher Beschrankungen der Freiheit und Reisemoglichkeiten – im Rahmen des internationalen Austausches mit dem 1982 neu entstehenden Museum of Contemporary Art in Los Angeles Werke von Sam Francis, John Baldessari, Christo, Les Levine, Lawrence Weiner und Keith Sonnier in die Sammlung des Museums. Diese Werke waren bei der Aktion „Echange entre artistes 1931–1982, Pologne – USA“ gesammelt worden, die von Henryk Stażewski, Anka Ptaszkowska, Pontus Hulten, der Galerie Foksal und dem Lodzer Museum anlasslich des 50-jahrigen Bestehens der „a.r.“- Sammlung initiiert worden war.

Das Museum erweitert bis heute seine Sammlung dank enger Kontakte mit hervorragenden Kunstlern und regelmasigem Erwerb der Werke von solchen Kunstlern wie Lyonel Feininger, Ernst Barlach, Max Beckmann, Karl Schmidt-Rottluff, Jiři Kolař, Stanislav Kolibal, und in den vergangenen Jahren Mirosław Bałka, Rineke Dijkstra, Monica Bonvicini, Liam Gillick, Rebecca Horn, Stuart Brisley, Ali Kazma und Nairy Baghramian.

Historische Standorte in der ganzen Stadt

Heute hat das Kunstmuseum drei Niederlassungen. Die erste ist ms1 in der Więckowskiego-Strase 36 im alten Maurycy-Poznański-Palais, das 1946 fur das Museum gewonnen wurde, wo sich neben dem legendaren neoplastizistischen Saal, den Strzemiński 1948 entworfen hatte, Sale mit temporaren Ausstellungen befinden. Die zweite Niederlassung ist ms2, ein Gebaude in der ehemaligen Fabrik von Izrael Poznański am Einkaufszentrum Manufaktura. Es gehort zu dem Ruinenkomplex der ehemaligen Fabrik, die noch bis 2001 als Produktionsbetrieb funktionierte. Das Gebaude wurde mit EU-Geldern, Geldern der Region und des Kulturministeriums saniert, an die Funktion eines modernen Museums angepasst und im November 2008 eroffnet. Dort wird die Sammlung moderner und zeitgenossischer Kunst dauerhaft gezeigt und es finden temporare Ausstellungen statt. In der dritten Niederlassung, im Museum des Herbst-Palais, sind polnische und europaische Sammlungen alter Kunst zu finden. Der derzeitige Direktor Jarosław Suchan plant den Ausbau von ms2: Eine ms3 mit neuen Ausstellungsraumen soll entstehen.

Visionäre

Ohne die Personlichkeiten, die sich bewusst fur die Entwicklung dieses Industrie- und Arbeiterortes eingesetzt haben, wurde es eine solche Sammlung in Lodz nicht geben. Im Fall des Kunstmuseums war der Visionar vor allem Strzemiński, der seit seinen Erfahrungen wahrend des Aufenthaltes in Sowjetrussland zu Beginn des 20. Jahrhunderts an die Fortschrittlichkeit der modernen Kunst und ihre Rolle beim Erschaffen des modernen Menschen in Europa glaubte. Man kann die Behauptung riskieren, dass seine Fahigkeit, in die Zukunft zu sehen, verbunden mit grundlicher und standiger Beobachtung der Entwicklung der avantgardistischen Kunst im Osten und im Westen Europas, die Vorwegnahme der heute immer starker anerkannten Reflexionspraktik war. Ziel der von ihm zusammengetragenen Sammlung zeitgenossischer Kunst war es, sie fur den Rezipienten zu bestimmen. Und zwar, um diesen intellektuell und kunstlerisch fur die kommenden Jahre auszurusten.

Der zweite Visionar war Przecław Smolik, der 1928 nach Lodz kam. Smolik war Organisator des kulturellen Lebens, Aktivist und Schoffe der Polnischen Sozialistischen Partei, dann Vorsitzender der Abteilung Bildung und Kultur des Magistrats der Stadt Lodz. Er leistete einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung kultureller Institutionen und zur Systematisierung des Museumswesens in der Stadt. Smolik war es, der die Sammlung der Bartoszewicz‘ aus Krakau holte und mit Strzemiński uber die Ubergabe der avantgardistischen Sammlung verhandelte.

1935 ubernahm als nachster Marian Minich die Direktion des Museums und leitete die Institution – mit einer Pause wahrend des Krieges – fast dreisig Jahre lang. Der Kunsthistoriker und Assistent am Lehrstuhl fur Kunstgeschichte der Jan-Kazimierz-Universitat in Lemberg trug zur endgultigen Professionalisierung des Museums bei. Sein grostes Verdienst liegt darin, die Sammlung systematisiert, den neoplastizistischen Saal (1948, 1960) geschaffen und gerettet zu haben und fur die Entwicklung der – avantgardistisch in den Aktionen und zugleich gesellschaftlich in der lokalen Dimension – Tragweite des Museums gesorgt zu haben. Hinsichtlich der historischen und politischen Situation hat Minich viel riskiert. Aber er war es, der trotz der damit verbundenen Gefahr als erster den Nachlass von Katarzyna Kobro und Władysław Strzemiński bewusst betreut hatte. Er fuhrte die Arbeit an der Erhaltung und Erweiterung der Sammlung fort.

Die vierte herausragende Gestalt war Ryszard Stanisławski, Direktor des Museums in den Jahren 1966 bis 1990. Der Zeitraum, in dem er das Museum leitete, war – trotz der politischen Isolation Polens – der interessanteste und reichste an internationaler Zusammenarbeit und Austausch des kunstlerischen Gedankens in der Geschichte des Museums. Seine kuratorischen Praktiken, die er als „Museum als kritisches Instrument“ bezeichnete, sind ein Vorbild fur die angewandte Reflexionspraktik. Sie bestanden in einem Experiment und darin, sich keiner Mode zu unterwerfen, sowie in der langjahrigen Zusammenarbeit mit den grosten neoavantgardistischen Kunstlern. Bis heute gilt in Profi-Kreisen seine auf Wissen und mehrjahrigen internationalen Erfahrungen beruhende Tatigkeit als bahnbrechend im Verhaltnis zu den Zeiten, in denen er lebte. Ein Beispiel dafur ist die Retrospektive des polnischen Kunstlers judischer Herkunft Jankel Adler im Jahr 1986. Der in Lodz geborene Kunstler lebte in Deutschland, spater in Paris. Polen unterhielt damals keine Kontakte zu Israel. Dennoch, dank Stanisławskis Beharrlichkeit und Glaubwurdigkeit, fand die Ausstellung in der Stadtischen Kunsthalle in Dusseldorf, im Tel Aviv Museum of Art und in Lodz statt. Der Nachlass des Kunstlers wurde an Orten und in Kontexten gezeigt, mit denen ihn seine Tradition verband.

Der aktuelle Direktor ist unbeirrt in Stanisławskis Fusstapfen getreten. Und zwar im wortlichen Sinne, denn die von ihm mitgestaltete Ausstellung uber Tadeusz Kantor in Brasilien im Jahr 2015 war eine Anknupfung an die Ausstellung des Kunstlers auf der Biennale Sao Paulo im Jahr 1975, die von Ryszard Stanisławski kuratiert worden war. Ebenso sind die aktuelle Reihe internationaler Ausstellungen des Nachlasses von Kata - rzyna Kobro und Władysław Strzemiński in der Malmo Konsthall und die im Oktober 2018 eroffnete Ausstellung ihrer Werke im Centre Pompidou in Paris nach 35 Jahren eine Ruckkehr zu den gleichen Orten.

Jarosław Suchan steht vor vielen Herausforderungen, insbesondere wegen der Situation vor Ort. Die Stadt Lodz hat sich nach 1989 mit den Transformationsprozessen und mit lauter fur postindustrielle Zentren charakteristischen Problemen auseinandersetzen mussen, das heist mit Armut, Arbeitslosigkeit und Entvolkerung. Ein Museum an einem solchen Standort zu fuhren, ist keine leichte Aufgabe. Dennoch hat Suchan mit seiner Arbeit innerhalb von 13 Jahren konsequent die Qualitat und die Marke dieses Ortes aufgebaut. Das Wertvolle an dem Museum sind vor allem seine Mitarbeiter. Sie zeichnen sich aus durch perfekte Vorbereitung, hohe berufliche Professionalitat, Respekt fur die Berufsethik und die Fahigkeit, sowohl in lokalen als auch internationalen Kreisen arbeiten zu konnen. Kurzlich wurde ein dauerhafter Vertrag uber die informell bereits seit langem existierende Zusammenarbeit und den Austausch mit dem Museum of Modern Art in New York unterschrieben. Das erlesene Ausstellungsprogramm gehort zu den besten in Polen. Das Lodzer Kunstmuseum bekam 2017 zwei der hochsten Auszeichnungen in Polen: im Rahmen des Wettbewerbs fur das Museumsereignis des Jahres Sybilla 2017 den Grand Prix, und den Hautpreis in der Kategorie „Kunstaustellungen“ fur die Reihe „100 Jahre Avantgarde in Polen“. Kein Wunder also, dass der Erste Kongress der Polnischen Museumsmitarbei- ter 2015 in Lodz stattfand, und der internationale Kongress der Museen fur Zeitgenossische Kunst auf der Welt CIMAM 2020 eben dort stattfinden wird.

ms2 - Kunstmuseum in Lodz
ms2 - Muzeum Sztuki w Łodzi


Der ständige Dialog mit dem Publikum

Der Prozess des Sammelns erganzt das originelle Ausstellungsprogramm im Museum selbst und auserhalb. Das Programm gibt den Kunstlern das Gefuhl des Dialoges, Subjekthaftigkeit und die Moglichkeit, ihre kunstlerische Vision voll umzusetzen. Und dem Publikum ermoglicht es, bewusst und aktiv an diesem Dialog teilzunehmen.

Zu den legendaren Ausstellungen, in denen Kunstler eine aktive kreative Rolle spielten, gehoren unter anderem: „Atelier 72“ auf dem Festival in Edinburgh, Ausstellung der Leistungen der polnischen Avantgarde unter dem Titel „Konstruktywizm w Polsce 1923–1936“ (Konstruktivismus in Polen 1923–1936) im Jahr 1973 im Museum Folkwang in Essen, die danach im Rijksmuseum Kroller-Muller in Otterlo gezeigt wurde, im Jahr 1975 in Stockholm, und 1976 im MOMA in New York, in Museen in Detroit, Buffalo, Montreal, 1979 in Rom, in Genua und Venedig, in Belgrad und Zagreb, in den Jahren 1984 und 1985 in Cambridge, Oxford in Danemark und Norwegen, und schlieslich 1990 in Budapest. Einer der grosten Erfolge war die Ausstellung „Presences Polonaises. L’Art vivant autour du Musee de Lodz“ im Centre Pompidou 1983, fur die sich die Franzosen mit der Ausstellung „4 x Paryż“ (4 x Paris) im Jahr 1984 in der Galerie Zachęta in Warschau revanchierten. Eine Bestatigung fur das originelle Programm sind die letzten Ausstellungen: die Retrospektive Tadeusz Kantors „Maquina Tadeusz Kantor“ im SESC Sao Paulo im Jahr 2015 und die im April 2017 eroffnete Ausstellung „Kobro and Strzemiński. Avant-Garde Prototypes“ im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia in Madrid, „Kobro & Strzemiński: New Art In Turbulent Times“ im Moderna Museet Malmo im Marz 2018 und „Katarzyna Kobro et Władysław Strzemiński“ im Centre Pompidou in Paris im Oktober 2018.

In den 88 Jahren seiner Existenz hat das Kunstmuseum seine auf der Welt einmalige eigene DNA geschaffen. In deren Rahmen werden die Kunstler zum Motor fur die Erstellung von Sammlungen, wobei sie oft die Richtung fur Veranderungen, auch fur gesellschaftliche Veranderungen, vorgeben. Die Kunstler identifizieren sich mit der Tradition des Museums, die durch ihre Aktivitaten einem Bewertungsprozess und den Fragen nach dem Wesen der Kunst ausgesetzt ist. Und diese Methode, die sich uber Jahre herausgebildet hat, verandert die Tradition permanent und entwickelt sie im Endeffekt weiter. Sammeln ist kein Prozess, der von ausen entsteht. Er entwachst dem Organismus des Museums selbst und dem Vertrauen und der Achtung fur die kunstlerische Freiheit und ihre offentliche Rezeption. Stanisławski beschrieb die Rolle der Kunstler einmal so: „Wir alle sind Schuldner der Kunstler, und zwar allein der Kunstler. Es geht um eine wesentliche Sache. Um den Blutkreislauf der Kultur, denn nur dort lasst es sich leben, und er gibt dank kreativen Individuen und Visionaren jedem Austausch der Grundsatze und jedem Denken und Fuhlen Sinn und Lebenskraft.“ Dieser Satz fasst die Hauptaufgabe in der aktuellen globalen und geopolitischen Situation, vor der das Kunstmuseum in Lodz in der Zukunft stehen wird, wohl am besten zusammen.

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

@ Joanna Kiliszek
Kunsthistorikerin und Kuratorin, lebt in Berlin und Warschau