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JOE JOYCE: DER BOX-PICASSO


BoxSport - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 10.03.2021

Joe Joyce ist ein außergewöhnlicher Schwergewichtler. Im Ring versucht er seine Gegner mit Physis und Schlagkraft zu brechen, doch außerhalb schwingt er als talentierter Künstler den Pinsel. BOXSPORT stellt den britischen Knockouter vor.


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Bildquelle: BoxSport, Ausgabe 3/2021

In seinem ersten Zwölf-Runder gewann Joe Joyce (r.) am 13. Juli 2019 gegen Bryant Jennings (l.)


Mike Tyson ist bekanntlich der jüngste Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten. 20 Jahre und 144 Tage war „Iron Mike” einst alt, als er sich 1986 zum Champion aller Klassen krönte. „The Greatest Of All Time”, Muhammad Ali, war bei seinem Titelgewinn 1964 immerhin schon 22. Da ...

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... hieß er noch Cassius Clay. Zum Vergleich: Joe Joyce, einer der englischen Hoffnungsträger im Schwergewicht, begann erst im Alter von 25 Jahren, ernst- haft Boxtraining zu betreiben. Davor war der „Juggernaut” (Lastzug) ein begnadeter Leichtathlet und Rugby-Spieler. Bei den Olympischen Spielen 2012 wollte Joyce unbedingt eine Medaille für seine Heimatstadt London erringen. Jedoch zwang eine Achillesfersenverletzung den 1,98 Meter großen Hünen, seine Olympia-Träume zu begraben. Vorerst.

Denn etwa zur selben Zeit, um 2011 herum, entdeckte Joyce seine Leidenschaft und Begeisterung für das Boxen. Ein Jahr zuvor beendete der Sohn einer Nigerianerin und eines ehemaligen irischen Kunstlehrers sein Bachelor-Studium in „Fine Art” (Note: 2,1) an der Middlesex-University in London. Joyce ist seit jeher ein talentierter Maler und Bewunderer der „schönen Künste”. Unter den zahlreichen Motiven, die der facettenreiche Boxer auf Instagram mit seinen Followern teilt, finden sich auch die Legenden des Sports wieder, allen voran Muhammad Ali oder die Martial-Arts-Ikone Bruce Lee.

SPÄTER START

Nachdem Joyce als Amateur seine ersten Commonwealth-Games und die Europameisterschaften 2015 in Baku gewann, ließ er die Malerei fürs Erste sein und konzentrierte sich fortan nur noch auf den Sport. Seine Begründung hierfür ist einleuchtend: „Ich möchte kein Alles-Könner sein und dafür nirgends Meister auf einem Gebiet.

Deshalb fokussiere ich mich momentan ausschließlich auf den Boxsport.” Und mit dieser Einstellung sollte Joyce bislang Recht behalten. Bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro schlug der smarte Brite unter anderem Bakhodir Jalolov und Ivan Dychko, ehe er im Finale knapp und äußerst umstritten an Tony Yoka aus Frankreich (2:1) scheiterte. Doch die Silbermedaille war ihm gewiss.

Ein Jahr später unterzeichnete der Normalausleger einen Profivertrag bei Richard Schaefers „Ring Star Sports” und David Hayes „Hayemaker Promotions”. Mittlerweile arbeitet Joyce allerdings unter dem Banner von „Queensberry Promotions” mit Promoter Frank Warren zusammen. Sein persönlicher Manager ist Sam Jones. Nach seinen ersten sieben K.o.-Erfolgen, traf der Juggernaut auf den ehemaligen Weltmeister Bermane Stiverne, welchen er ebenfalls in den Ringstaub beförderte. Daneben konnte Joyce auch den ehemaligen Klitschko-Herausforderer Bryant Jennings klar nach Punkten schlagen. Seinen bislang größten Coup landete der 35-Jährige allerdings mit dem vorzeitigen Sieg über Daniel Dubois (15-1-0, 14 K.o.), den Joyce mit seinem Jab regelrecht sezierte und in Runde zehn zur Aufgabe zwang.

ERNEUT GEGEN USYK

Durch diesen Triumph ist der Londoner 120-Kilo-Koloss nun in der Position, im April gegen Oleksandr Usyk um den Interimstitel der WBO zu boxen. Eine Begegnung mit dem ukrainischen Kosak gab es bereits bei der World Series of Boxing (WSB) 2013, als Rechtsausleger Usyk seinen damals noch unerfahrenen Kontrahenten klar nach Punkten bezwang. Dieser hat in der Zwischenzeit jedoch deutlich aufgeholt, weshalb alles auf ein spannendes 50:50-Duell hinausläuft. Bei Joyce ist vieles kurios und auf den ersten Blick nicht der gemeinen „Box-Norm“ entsprechend. In diesem Zusammenhang darf natürlich auch sein Kampfstil nicht unerwähnt bleiben. Dieser wird häufig mit dem des großen George Foreman in dessen „zweiter Karriere“ verglichen.

Will heißen: Sehr statisch, langsam wie eine Bahnschranke, mit mehr geschobenen als abgefeuerten Händen, aber einem Granitkinn, Power in beiden Fäusten und einer Workrate sondergleichen. Passend zu diesem Style erklärt sich auch sein Kampfname „Lastzug”. Durch seine immense Physis und Ausdauer gelingt es Joyce, seine Kontrahenten meist platt zu boxen. Nur an seiner Defensive muss der Juggernaut definitiv noch arbeiten. So scherzte sein früherer Coach Adam Booth einst: „Ich musste ihm zunächst beibringen, dass er die Schläge des Gegners nicht mit seinem Kopf blocken soll.“ Joyce wird derzeit von Ismael Salas trainiert, stand aber auch schon unter den Fittichen von Abel Sanchez. In dessen Camp in Big Bear (Kalifornien) trainierte der Londoner unter anderem gemeinsam mit Gennady Golovkin.

Auch seine Siege feiert der boxende Athlet mit ausgefeilten Moves. Während ein Teofimo Lopez (Champion im Leichtgewicht) seine Erfolge gerne mit einem Rückwärtssalto zelebriert, schlägt Joyce nach seinen Triumphen häufig ein Rad, wodurch seine verblüffende Athletik erneut zur Schau gestellt wird. Sollte der Sieg über Usyk gelingen, dann könnte Joyce als nächstes auf den Gewinner des Titanen-Kampfes zwischen Anthony Joshua und Tyson Fury treffen. Für die Zeit nach der aktiven Karriere hat der Juggernaut übrigens auch schon einen konkreten Plan. Er will seinen Master im Fach „Bildende Kunst“ nachholen. Bis dahin will sich das Ausnahmetalent allerdings ganz der „Boxkunst” widmen, um sich in der britischen Faustkampfgeschichte zu verewigen. Schließlich kann man es nur auf einem Gebiet zu wahrer Meisterklasse bringen.

Zur Entspannung zwischen Kämpfen und Trainingscamp malt Joe Joyce im Atelier der Middlesex-Universität, beispielsweise Boxgrößen wie Joe Louis


Markenzeichen: Mit einem Capoeira-Radschlag feiert Joyce seine Siege, hier seinen Erstrunden-Knockout gegen Joe Hanks am 1. Dezember 2018



Fotos: Getty Images (2), Privat (1), twitter.com/ _janeskyn (1)