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John Ehlers


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Traders - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 24.03.2022

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Bildquelle: Traders, Ausgabe 4/2022

Mehr von John Ehlers finden Sie auf der Internetseite: www.mesasoftware.com

TRADERS´: Wie hat Ihnen Ihr Hintergrund in der Signalverarbeitung beim Einstieg in die Technische Analyse und ins Trading im Allgemeinen geholfen?

Ehlers: Mitte der 1970er-Jahre wurden Gleitende Durchschnitte und andere Indikatoren noch mit Bleistift auf Papier berechnet. Mit meinem Hintergrund in digitaler Signalverarbeitung, Filtern und Computerprogrammierung sah ich mich zumindest als Einäugigen im Land der Blinden. Und ich erkannte, wie bestimmte Technologien unangemessen auf das Trading angewandt wurden.

TRADERS´: Haben Sie ein Beispiel?

Ehlers: In den 1980er-Jahren war die Fast-Fourier-Transformation ein beliebter Ansatz. Der Algorithmus setzt voraus, dass die zu analysierenden Zyklusperioden in Potenzen von zwei vorliegen müssen – also 2, 4, 8, 16, 32 und so weiter. Aber diese Auflösung reicht nicht aus, um die ...

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... Perioden des Marktzyklus genau zu bestimmen. Eine monatliche Zyklusperiode wäre zum Beispiel 20 Tage.

TRADERS´: Was ist Ihre Philosophie und Ihr allgemeiner Ansatz bei der Technischen Analyse?

Ehlers: Ich denke, mein Ansatz unterscheidet sich wesentlich von dem der meisten. Wenn ich eine Idee habe, entwickle ich sie zunächst anhand von deterministischen Wellenformen. Erst wenn das Konzept theoretisch bewiesen ist, wende ich es auf reale Marktdaten an. Ein Grund, warum ich es vorziehe, mit Zyklen zu arbeiten und Swingtrading zu betreiben, ist, dass ich über Hunderte von Trades aussagekräftige Statistiken über relevante Daten sammeln kann. Und nur auf Basis einer solchen statistischen Einschätzung möchte ich handeln.

TRADERS´: Wie viel Rauschen sehen wir an den Märkten und wie viel tatsächliches Signal?

Ehlers: Das Rauschen überlagert das Signal meist vollständig. Das lässt sich an der Signal-to-Noise-Ratio messen. Betrachten Sie dazu einen Schmal-und einen Breitbandbandfilter, die beide auf ein Signal abgestimmt sind. Wenn die Leistung der gefilterten Daten beiden Filtern gleich ist, dann gibt es kein Rauschen. Wenn jedoch die Leistung der gefilterten Daten des Breitbandfilters größer ist, dann muss die über das Signal hinausgehende Leistung vom Rauschen stammen. Wenn man dieses Experiment mit Marktdaten durchführt, ermöglicht der Breitbandfilter fast immer eine viel größere Leistung als ein Schmalbandfilter.

TRADERS´: Was sind die Stärken und Schwächen der klassischen Indikatoren, die viele Trader verwenden?

Ehlers: Die größte Schwäche klassischer Indikatoren besteht darin, dass die Händler nicht verstehen, was der Indikator anzeigt. Beispielsweise bleibt ein Stochastik an seiner oberen Schwelle hängen, wenn sich der Markt in einem Aufwärtstrend befindet. Händler sollten dem Indikator deshalb einen Hochpassfilter vorschalten, um die Trendkomponente zu entfernen, damit der Stochastik die kurzfristigen Schwankungen in den Marktdaten genauer anzeigen kann. Ein weiteres Beispiel sind Gleitende Durchschnitte und darauf aufbauende Indikatoren, die aufgrund ihrer Konstruktion eine deutliche Verzögerung („lag“) beinhalten. Oder nehmen wir den MACD, der häufig verwendet wird, um Konvergenzen und Divergenzen zu konstruieren. Tatsächlich sind diese Effekte aber nur auf die unterschiedlichen Frequenzgänge der beiden zu vergleichenden Wellenformen zurückzuführen.

B1 Tageschart EUR/USD mit Ehlers-Indikatorenbei

Der Chart zeigt einen Abwärtstrend des Währungspaares. Der Indikator im oberen Subchart entspricht der Signal-to-Noise-Ratio: Liegt er über der Nulllinie, dann läuft der Markt trendgemäß und man sollte nur in Trendrichtung handeln. Liegt der Indikator unter null, wirkt die aktuelle Bewegung gehemmt und das Marktrauschen ist besonders groß. Das erzeugt eine gute Kombination, wenn der Trader in Trendrichtung innerhalb einer Konsolidierung einsteigen möchte. Im unteren Subchart ist der Ehlers-Universalindikator zu sehen, ein Momentumindikator mit Hochpassfilter. Die typische Verzögerung eines Momentumindikators wird durch den Filter minimiert. Befindet sich der Markt in einem Trend, dann empfiehlt Ehlers die Kreuzungen mit der Nulllinie als Signalgeber. Ist der Markt dagegen in einer Seitwärtsbewegung, sind Umkehrbewegungen im hohen oder tiefen Extrembereich lukrativ.

Quelle: AmiBroker

„Fundamentale Daten haben immer Vorrang vor technischen Daten.“

TRADERS´: In der Regel haben Indikatoren gewisse Standardeinstellungen, was die verwendeten Periodenlängen betrifft. Haben diese Einstellungen einen Wert an sich oder nur aufgrund der Tatsache, dass viele Händler mit ihnen arbeiten?

Ehlers: Ganz und gar nicht. Zwar verwenden private Trader zum Beispiel einen 14-Perioden-RSI, aber diese Händler bewegen nicht den Markt. Jeder Trader muss verstehen, dass er das härteste Spiel der Welt gegen die klügsten Menschen der Welt spielt.

TRADERS´: Wie sieht es mit Indikatoren wie Bollinger-Bändern oder adaptiven Gleitenden Durchschnitten aus, die sich gewissermaßen an das Marktverhalten anpassen?

Ehlers: Bei adaptiven Indikatoren kommt es besonders häufig zum Nachlauf. Die erste Verzögerung tritt bei der Berechnung des Gleitenden Durchschnitts auf. Außerdem benötigen Sie historische Daten, um die Volatilität zu berechnen. Durch die Anpassung der Indikatoren auf das jeweilige Zeitfenster wird die Verzögerung in der Berechnung nicht beseitigt.

TRADERS´: Mit welchen Techniken arbeiten Sie?

Ehlers: Ich verwende meine eigenen Filter und Indikatoren, um den Rechenrückstand und die Phasenverschiebung über das jeweilige Frequenzband zu minimieren. Dabei passe ich meine Indikatoren nicht an den Markt an, sondern lasse den Markt zu mir kommen. Das heißt, ich habe bestimmte Handelsdauern, mit denen ich mich am wohlsten fühle. Ich verwende relativ breitbandige Filter, um die Verzögerung zu minimieren, und diese liefern mir ausreichend zeitnahe Signale in meiner Komfortzone. Ich handle zum Beispiel nicht gerne mehr als einmal pro Tag auf Basis von Intradaydaten und halte eine Position gerne zwei bis drei Wochen, wenn ich tägliche Daten verwende.

TRADERS´: Wie definieren und erkennen Sie Zyklen in der Praxis?

Ehlers: Die Definition eines Zyklus ist der Kern der Funktionsweise von Marktdaten. Ein Zyklus ist schlicht und einfach eine Systemreaktion auf eine Störung. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie eine Glocke anschlagen, eine Geigensaite zupfen oder eine Pfeife blasen. Alle diese Instrumente erzeugen Töne als Reaktion auf eine Störung. Das „System“ an sich ist aber in jedem Fall anders. Beim Trading ist das System der gesamte Markt und da gibt es jede Menge Störungen. Das Ergebnis dessen ist, dass Marktdaten als nichtstationäres (also sich nie wiederholendes) Rauschen beschrieben werden können, das ein sogenanntes „Pink Spectrum“ aufweist. Aber Rauschen ist nicht gleichbedeutend mit Chaos. Das Pink Spectrum bedeutet, dass die Komponenten mit größerer Wellenlänge proportional größere Amplituden haben. Die für den Handel nützlichen Zykluskomponenten können deshalb durch Herausfiltern der unerwünschten Komponenten aus den Daten wiedergewonnen werden.

TRADERS´: Können Sie dazu bitte das Konzept der maximalen Entropie erklären?

Ehlers: Die Entropie ist ein Maß für die Unordnung, die ein System aufweist. Im Jahr 1978 wurde die maximale Entropie als fortschrittliche mathematische Technik bei der seismischen Suche nach Öl eingesetzt. Der Vorteil des Ansatzes bestand darin, dass nur eine geringe Menge an Daten erforderlich ist, um präzise Antworten zu erhalten. Ich erkannte, dass dies bei der Verarbeitung von Marktdaten wichtig sein könnte, da Marktzyklen häufig sind und die Verwendung einer kurzen Datenprobe zu einer genaueren Messung führen könnte. Der Algorithmus funktioniert so, dass auf einen Datenblock ein zunehmend komplexer werdender Filter angewendet wird, um möglichst alle zyklischen Komponenten zu entfernen. Innerhalb der Grenzen, die durch die Komplexität der verwendeten Filter vorgegeben sind, enthält die verbleibende mathematische Ungenauigkeit dann die geringste Menge an zyklischer Energie beziehungsweise eine geringe Entropie.

TRADERS´: Wie wenden Sie dieses Ergebnis dann an?

Ehlers: Für den jeweiligen Filter wird ein Wobbelgenerator (Erzeuger von Sinuswellen) angewandt, der eine Wellenform mit linear variierender Frequenz und konstanter Amplitude erzeugt. Der Filterausgang stellt damit eine Momentaufnahme des Spektrums der Daten dar. Dann wird das betrachtete Datenfenster wie bei einem Gleitenden Durchschnitt um einen Balken weitergeschoben, um ein mehr oder weniger kontinuierliches Bild von der Verschiebung des Spektrums als Funktion der Zeit zu erhalten. Als Ergebnis meiner Methode entstand letztlich die Maximum-Entropie-Spektrumanalyse, kurz MESA. Sie gilt heute noch als führende Methode zur Messung des Marktspektrums.

TRADERS´: Wann haben Sie das alles entwickelt und programmiert?

Ehlers: Für Trader habe ich MESA schon in den ersten Ausgaben des Magazins „Stocks & Commodities“ beschrieben. Und ehe ich mich versah, verkaufte ich Handelsprogramme dafür. Im Jahr 1992 wurde das R-MESA-Intradayprogramm für den Handel mit dem S&P 500 geschrieben. R-MESA wurde von Futures Truth über mehr als zehn Jahre hinweg als eines der zehn besten Handelssysteme für den S&P 500 bewertet.

TRADERS´: Wie entsteht ein typischer Marktzyklus?

Ehlers: Ich möchte einem Marktzyklus keine Kausalität zuschreiben. Aber wir wissen, dass jedes Unternehmen, von der mittleren Führungsebene aufwärts, jeden Monat seine Zahlen vorlegen muss. Es ist logisch, daraus zu schließen, dass in den Indexdaten wahrscheinlich ein überwiegend monatlicher Zyklus enthalten ist. In der Tat zeigen die MESA-Analysen, dass dies der Fall ist.

TRADERS´: Welche verschiedenen Arten von Zyklen gibt es?

B2 S&P 500 mit Ehlers-Spektrumindikator

Dieser Ehlers-Indikator bietet eine spezielle Sichtweise auf den Kursverlauf. Im übertragenen Sinn soll es ein Herzfrequenzchart sein. Je höher der Indikatorwert, desto größer ist der dominante Zyklus und damit der Trendeffekt. Fällt der Indikator in den unteren Bereich, haben die Zyklen kleinere Amplituden und stören den Kursverlauf. Anhand des Indikators zeigt sich, dass schon ab Juli 2021 Störungen im Trend vorhanden waren.

Quelle: AmiBroker

Ehlers: Der Markt ist ein Kontinuum aller Zyklusperioden. Die statistische Form des Pink Spectrum bedeutet, dass die Komponenten mit längerer Wellenlänge einen größeren Amplitudenschwung aufweisen. Im Zeitbereich bedeutet das Pink Spectrum, dass die Marktdaten ein Gedächtnis haben. Zum Beispiel erinnern sich viele Trader noch an das Jahr 2008. Marktzyklen sind eigentlich zeitlich variable Phasenverschiebungen wie die FM-Modulation im Radio. Man kann schnelle Änderungen der Zyklusperiode innerhalb einer kurzen Zeitspanne beobachten („chirps“).

TRADERS´: Für welche Märkte verwenden Sie Ihre Analysen?

Ehlers: Ich verkaufe keine Indikatoren oder Strategien mehr, sondern bin als privater Trader aktiv. Hier handle ich mit dem größten Markt, den E-Mini-S&P-Futures, um die Mittelungseffekte (Mean Reversion) über die einzelnen Aktien und die Zeit zu erhalten. Aber das spielt eigentlich keine Rolle, denn die Konzepte der digitalen Signalverarbeitung und der Zyklen sind universell. Sie hängen nicht von der „Persönlichkeit“ eines bestimmten Wertpapiers ab.

TRADERS´: Wie sieht es mit Zyklen einzelner Aktien oder Sektoren aus?

Ehlers: Ich denke, Sektoren lassen sich am besten durch ETFs abbilden. Sie werden größtenteils genau wie Futures gehandelt. Ich habe noch nie mit Einzelaktien auf Intradaybasis gehandelt, daher habe ich hier keine Kenntnisse. Meiner Meinung nach sollten Einzelaktien nur auf der Long-Seite gehandelt werden, und zwar aus einer Vielzahl praktischer Gründe.

TRADERS´: Kann man herausfinden, was einen Zyklus überhaupt in Gang setzt?

Ehlers: Ich habe einem Professor an der Uni genau dieselbe Frage gestellt. Seine Antwort lautete: „Was löst einen Herzschlag aus?“ Ich bin zu folgendem Schluss gekommen: So etwas wie einen perfekten Zyklus gibt es nicht. Alle Oszillatoren haben ein gewisses Flimmerrauschen, aber das kohärente Signal baut sich nach jeder neuen Störung wieder auf. Dieses Konzept ist bei allen Zyklusgeneratoren gleich.

TRADERS´: Ist es auch möglich, einen neuen Zyklus mit einer sehr kurzen Zeitverzögerung zu antizipieren, etwa ein Ereignis mit extremer Volatilität?

Ehlers: Die kurze Antwort lautet Nein. Fundamentale Daten haben immer Vorrang vor technischen Daten.

TRADERS´: Wie zuverlässig oder robust ist die Länge eines Zyklus in der Zukunft?

Ehlers: Da die Marktdaten nicht stationär sind, ist die Dauer eines kohärenten Zyklus variabel. Aber im Allgemeinen ist die Hälfte der Zykluslänge eine gute Faustregel für den Zeitraum, den man für Indikatoren verwenden sollte.

TRADERS´: Ist das Warten auf eine Signalbestätigung bei klassischen Indikatoren etwas, was zwar in der Vergangenheit funktioniert hat, jetzt aber nicht mehr?

Ehlers: Ich bin mir nicht sicher, ob das Warten auf Bestätigung jemals funktioniert hat. Jedenfalls nicht, wenn man Zyklen verwendet. Vielleicht hat es beim Trendhandel funktioniert, wenn die Haltedauer relativ lang ist. Betrachten Sie das Problem bei Zyklen folgendermaßen: Angenommen, die Marktdaten haben eine Zyklusperiode von 20 Kursbalken, etwa bei einem monatlichen Zyklus mit täglichen Balken. Man könnte hier nun eine Filter-oder Berechnungsverzögerung von fünf Balken erwarten, um ein Einstiegssignal zu erhalten. Da Sie jedoch erst im nächsten Balken nach dem Signal einsteigen können, ergibt das schon eine Verzögerung von sechs Balken. Wenn Sie noch vier weitere Balken (= 10) hinzufügen würden, wäre Ihr Handelseinstieg genau phasenverschoben zu den realen Marktdaten. Das heißt, Sie müssten Ihre Regeln quasi auf den Kopf stellen, um eine funktionsfähige Strategie zu entwickeln: Sie müssten kaufen, wenn Sie ein Verkaufssignal bekommen und umgekehrt.

BEISPIEL FÜR EINEN ZYKLUSINDIKATOR

Eine Zyklusperiode ist abgeschlossen, wenn ihre Phase 360 Grad durchlaufen hat, woraufhin ein neuer Zyklus beginnt. Die Beziehung zwischen der Wellenform im Zeitbereich auf der linken Seite und dem Phasenwinkel des Phasors auf der rechten Seite ist in Bild a dargestellt. Der Phasor dreht sich gegen den Uhrzeigersinn und der Schatten seiner Pfeilspitze auf der vertikalen Achse gibt eine Sinuswelle wieder. Daher ist die Änderung der Phasenlage gleichbedeutend mit der Frequenz im Zeitbereich. Der Zweck des Indikators besteht darin, die Form der Phasenänderung abhängig von der Zeit zu untersuchen. Ist die Änderungsrate konstant, so liegt ein gleichmäßiger Zyklus vor. Ist die Änderungsrate nicht linear, so muss sich die Zyklusfrequenz ändern.

Wir beginnen die Anzeige bei –180 Grad und verfolgen die Messung, bis wir +180 Grad erreichen. Damit ist eine Zyklusperiode abgeschlossen. Für die Anzeige erfolgt dann ein Rücklauf auf –180 Grad, um den nächsten Zyklus zu beginnen. Bei dieser Konvention liegt das Zyklustal einer Sinuswelle bei –90 Grad und die Zyklusspitze einer Sinuswelle bei +90 Grad. Stellen Sie sich die Daten als Sinuswelle und ihre Änderungsrate als Kosinuswelle vor.

Die Schritte zur Erstellung des Indikators beginnen also mit der Filterung der Rohdaten, um eine einigermaßen glatte Nachbildung der Daten als Oszillator zu erhalten. Dann wird die Änderungsrate der Daten als Differenz zweier Balken genommen. Die Amplituden der Daten sowie ihre Rate of Change müssen dann normalisiert werden. Schließlich berechnet man den Arkustangens des Verhältnisses und löst die Zweideutigkeit auf, was den Phasenindikator ergibt.

Der Winkelindikator, angewandt auf etwa ein Jahr des E-Mini-S&P-Tagescharts, ist in Bild b zu sehen. Er ist so eingestellt, dass er den monatlichen 20-Bar-Zyklus anzeigt. Die gemessene Zyklusphase ist in Rot dargestellt und reicht von –180 Grad bis +180 Grad. Die weiße Linie ist das Null-Grad-Niveau und die cyanfarbenen Linien sind die Niveaus –90 und +90 Grad. Der Chart zeigt, dass die 20-Bar-Zyklusperiode in den ersten drei Quartalen des Jahres 2021 relativ konstant war. Der monatliche Zyklus ist jedoch seit Oktober 2021 ausgefallen, da die Phasenänderung als Funktion der Zeit hier nicht linear war.

Monatlicher Phasenverlauf des E-Mini-S&P für etwa ein Jahr

Quelle: John Ehlers

TRADERS´: Berücksichtigen Sie auch Chartmuster sowie Unterstützung und Widerstand?

Ehlers: Nein. Die Marktdaten sind wie gesagt nicht stationär. Und das reicht als Erklärung aus, um den Nutzen der Verwendung von Chartmustern zu entkräften. Ich kenne eine ganze Menge optischer Täuschungen, die meiner Meinung nach mit Chartmustern vergleichbar sind.

TRADERS´: In welchem Zeitrahmen handeln Sie selbst und warum?

Ehlers: Ich betreibe automatisierten Intradayhandel mit 15-Minuten-Charts. Für diesen Zeitrahmen habe ich mich deshalb entschieden, weil ich im Durchschnitt etwa einen Trade pro Tag durchführen möchte.

Pink Spectrum

Isaac Newton erfand das Wort Spektrum, als er entdeckte, dass er klares Licht mit einem Prisma in Farben aufteilen konnte, sodass es wie ein Regenbogen aussah. Später entdeckte man, dass die Unterschiede zwischen den Farben aus ihren unterschiedlichen Wellenlängen resultieren. Klares Licht setzt sich aus Energie zusammen, deren Wellenlängen von Infrarot bis Ultraviolett reichen. Wenn die Energie bei der roten Wellenlänge am stärksten ist und im Verlauf zum violetten Ende hin abnimmt, wird das Ganze als Pink Spectrum bezeichnet, weil die Energie in den längeren Wellenlängen überwiegt. Ein weiteres Beispiel für ein Pink Spectrum ist das Geräusch eines sanften Regenschauers. Manchmal kann man fast die einzelnen Regentropfen hören, die das niederfrequente Ende des Spektrums ausmachen, und diese sind lauter als das hochfrequente Gemisch des Regens in der Ferne. Andererseits hat das Rauschen, das man hört, wenn man ein Radio auf einen unbenutzten Kanal einstellt, bei allen Tonfrequenzen die gleiche Amplitude. Dies ist ein weißes Spektrum.

15-Minuten-Charts bieten eine ausreichende Auflösung dafür und haben noch genügend Schwungkraft beim Signal, um einen akzeptablen durchschnittlichen Gewinn pro Trade zu ermöglichen. Während eines Handelstages gibt es 27 solcher 15-Minuten-Kursbalken. Ich suche also nach Zyklusperioden im Tagesverlauf, die ungefähr zwischen 27 und 54 Balken liegen. Denken Sie aber daran, dass die Marktdaten ein Pink Spectrum haben. Wenn ich einen zyklischen Bereich mit halb so langen Perioden verwenden würde, dann würde ich erwarten, dass mein durchschnittlicher Gewinn pro Trade auch nur halb so hoch ist. In diesem Fall müsste ich also doppelt so oft handeln, um einen gleich hohen Nettogewinn zu erzielen.

TRADERS´: Warum ist es so schwierig, selbst mit adaptiven Modellen robuste Strategien zu entwickeln?

Ehlers: Der Grund dafür ist auch wieder, dass die Marktdaten nicht stationär sind. Man kann nicht vorhersehen, was der Markt in einem sinnvollen Zeitrahmen tun wird. Es braucht Daten und Zeit, um die Bedingung zu messen, die eine Anpassung erforderlich macht. Wenn Sie sich also auf eine neue Marktbedingung einstellen, ist das Ereignis bereits vorbei und Sie verwenden im Grunde alte Daten, um mit den aktuellen Bedingungen zu handeln. Anstatt eine zyklische Bedingung zu antizipieren, ist es besser, sich auf das einzulassen, was der Markt einem bietet.

TRADERS´: Viele erfolgreiche diskretionäre Händler sagen, sie täten einfach mehr von dem, was am besten funktioniere. Können Sie zustimmen, dass sich quantitatives Trading in dieser Hinsicht nicht so sehr unterscheidet?

Ehlers: Das Problem ist, dass diskretionäre Händler in der Regel auf statistische Angaben zur Erfolgswahrscheinlichkeit verzichten, es sei denn, sie haben diese durch ihre Erfahrung unbewusst in ihr Konzept eingebaut. Ich halte das für gefährlich. Deshalb müssen alle meine Filter, Indikatoren und Strategien zunächst mit theoretischen Wellenformen arbeiten, bevor sie mit realen Daten belastet werden, und deshalb teste ich meine Strategien über Hunderte von Trades. Ich habe auch meine eigenen Walk-Forward-Optimierer entwickelt, die zeigen, inwieweit die Strategie in der Vergangenheit außerhalb der Stichprobe funktioniert hat.

TRADERS´: Wie viel „rocket science“ braucht man eigentlich, um einen quantitativen Handelsansatz zu beherrschen?

Ehlers: Jeder von uns verwendet Mathematik im Alltag. Das bedeutet nicht, dass man Algebra oder Infinitesimalrechnung gründlich verstehen muss. Mit dem quantitativen Trading verhält es sich ähnlich. Die digitale Signalverarbeitung kann kompliziert sein und für manche ist sie ein Beruf. Händler müssen nicht alles davon beherrschen. Sie können aber erheblich davon profitieren, wenn sie ein paar grundlegende Prinzipien verstehen. Das ist es, was ich in meinen jährlichen Workshops lehre.

TRADERS´: Was sind die häufigsten Fehler, die Händler bei der Arbeit mit Zyklen im Allgemeinen machen?

Ehlers: Es gibt zwei große Fehler. Der erste bezieht sich auf die Zyklen. Viele Trader erwarten, dass sie durch Filtern einen Zyklus zum Handeln finden. Um die gefilterte Wellenform besser aussehen zu lassen, neigen sie dazu, die Bandbreite des Filters zu verringern. Das Problem ist, dass Filter zwangsläufig eine Phasenverschiebung über ihre Bandbreite aufweisen, die in der Größenordnung von 180 Grad liegt. Infolgedessen liefert das Handelssystem manchmal perfekte Ergebnisse, aber später produziert dieselbe Strategie nur noch Verluste. Das Problem ist aber nicht, dass die Strategie versagt, sondern dass sich die Zyklusperiode der Marktdaten verschiebt. Abhilfe kann hier nur durch die Verwendung von Filtern mit einer relativ großen Bandbreite geschaffen werden, sodass die Phasenverschiebung der gefilterten Daten im Bereich der erwarteten Zyklusperioden der Daten relativ gering ist.

TRADERS´: Und was ist der andere Fehler?

Ehlers: Der zweite große Fehler, den Händler machen, besteht darin, die Auswirkungen von Verlusten zu unterschätzen. Zum Beispiel kann eine Handelsstrategie, die 60 Prozent Gewinner hat, ziemlich gut sein. Aber sie hat zwangsläufig auch 40 Prozent Verluste. Die Wahrscheinlichkeit, zwei Verluste in Folge zu haben, beträgt also 0,4 mal 0,4 gleich 16 Prozent. Wenn man diesen Prozess fortsetzt, beträgt die Wahrscheinlichkeit, sechs Verluste in Folge zu haben, immer noch 0,4 Prozent. Das klingt ziemlich niedrig. Aber wenn Sie intraday mit einem Trade pro Tag handeln, werden Sie in einem Jahr etwa 250 Geschäfte tätigen. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe eines Jahres sechs Verluste in Folge zu haben, ist also plötzlich sehr groß. Ich glaube nicht, dass viele Händler in der Lage sind, sechs Verluste in Folge zu verkraften, ohne ihren Handel zu stoppen oder ihre Strategie zu ändern, aber es ist statistisch gesehen wahrscheinlich, dass es passiert. Man muss sich bewusst darüber sein, dass Verlieren ein Teil des Tradings ist, bevor man damit beginnt.

TRADERS´: Gibt es sonst noch etwas, was Sie unseren Lesern auf Basis Ihrer Erfahrung empfehlen möchten?

Ehlers: Ich möchte Trader ermutigen, die Grundsätze der quantitativen Analyse zu studieren und zu verstehen. Mein Test besteht zum Beispiel darin, jede Behauptung bis zu ihrem logischen Extrem zu führen. Wenn die Behauptung dann scheitert, verstehen Sie, warum, oder Sie verstehen die Grenzen, die der Behauptung auferlegt sind.

Das Interview führte Marko Gränitz.