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JUDAS PRIEST: HISTORY: SCHARF GESCHOSSEN


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 13.03.2019

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Stahlwalzwerke, Gießereien, suppiger, grauer Hinter grund. So trostlos beschreibt Kenneth Downing Jr. seine ersten Kindheitserinnerungen an die Geburts stadt Hilltop nahe West Bromwich in der kürzlich erschienenen Autobiografi e ‘Leather Rebel: Mein Leben mit Judas Priest’ (I.P. Verlag). Viel authentischer kann ein Leben für den Heavy Metal bezüglich der nächsten Umgebung kaum beginnen. Und auch die Jugendjahre an der Seite des spielsüchtigen, cholerischen, hypochondrischen, von Zwangsstörungen getriebenen Vaters sind hart. Laut K.K. Downing verfolgen ihn die Erinnerungen daran bis heute. „Die Zeit zwischen der Geburt und dem Teenager-Alter prägt bekanntermaßen entscheidend die Persönlichkeit“, erläutert der Gitarrist, der dem häuslichen Horror bereits mit 15 Jahren den Rücken kehrte. „Manches, was ich erlebt habe, lässt sich gar nicht aufarbeiten. Ich kann nur versuchen, es zu vergessen. Es bringt auch nichts, an so einer Situation irgendwas ändern zu wollen – man muss da raus, in der Hoffnung, im weiteren Verlauf seines Lebens auf bessere Menschen zu treffen. Dies war in meinem Fall glücklicherweise so. Das Schreiben der Biografi e war sowohl schmerzlich als auch heilend. Es ist kein Wunder, dass meine zwei Schwestern und ich nach unseren Erfahrungen jeweils kinderlos geblieben sind.“ Eine der Folgen: Downing ist fast schon harmoniebesessen. Auseinandersetzungen, die er aus seiner Kindheit zur Genüge kennt, geht er aus dem Weg. Bevor es zur großen Explosion kommt, gibt er lieber klein bei. Ein durchaus sympathischer Charakterzug, der ihm in späteren Jahren bei Judas Priest aber noch zum künstlerischen Nachteil gereichen soll. Doch zunächst fi ndet er dank Jimi Hendrix den Weg zum Rock. Die Konzerte der Gitarrenlegende avancieren in Downings Dasein zum Erweckungserlebnis. „Er besaß das komplette Paket: Charisma, Talent, Technik, Hingabe – sein Spiel war schillernd und farbenfroh!“, begeistert sich K.K. Downing noch heute für die Musiklegende, die 1970 nach einem tödlichen Mix aus Schlaftabletten und Alkohol viel zu früh verstarb. „Meiner Meinung nach hat Hendrix uns in Stücken wie ‘Purple Haze’ oder ‘Foxy Lady’ die Türen zum Metal geöffnet. Er komponierte fortschrittlicher als beispielsweise Led Zeppelin. Davon wollte ich unbedingt Teil sein. Hendrix hat mein Leben verändert.“ Die Arbeitsethik von Downing ist aus geprägt. Anstatt wie andere die erste Gitarre als breites Experimentierfeld zu sehen, möchte er den Aufbau der Lieder verstehen, bevor er den ersten Akkord anstimmt. Neben seinen Alltags-Jobs widmet er sich intensiv dem Studium der Musiktheorien und analysiert die Tonfolgen. Das erste Vorspielen bei der Vorgänger-Band von Judas Priest, welcher Al Atkins als Frontmann vorsteht, führt nicht zum Erfolg. K.K. Downing hat keinen Bock auf Blues, sondern möchte progressivere Sachen ausprobieren. „Nichtsdestotrotz habe ich aus Geldsorgen eine Zeitlang in einer Kapelle gespielt, die Songs von Engelbert Humperdinck gecovert hat“, lacht Downing schallend. „Das klingt wie ein Klischee, aber es war tatsächlich so: Ich war jung und brauchte das Geld. Ich bin bis heute kein großer Pop-Fan, diese Musik gibt mir emotional nichts. Meine Schwestern haben mich schon als Kind mit ihren Radios in den Wahnsinn getrieben.“ Als die Band von Atkins – mittlerweile Judas Priest getauft – das Zeitliche segnet, formiert sich die Urbesetzung der Metal-Legende, in der auch bald ein Dauerrivale Platz fi ndet.

METALLISCHER RIVALE

Es ist fast schon eine Ironie, dass ausgerechnet zwischen der kongenialen Kombination K.K. Downing und Glenn Tipton, einem der besten, einfl ussreichsten und weltweit respektierten Gitarristenduos, persönlich nie ein großer Draht besteht. Die unterschwellige Dauerrivalität nimmt einen bedeutenden Platz in der Erzählung von ‘Leather Rebel: Mein Leben mit Judas Priest’ ein. K.K. Downing ist es, der noch vor dem Einspielen des Debüts ROCKA ROLLA (1974) einwilligt, einen zweiten Gitarristen in die Band zu holen. Das damalige Label möchte Judas Priest 1974 ein besonderes Merkmal aufdrücken. Die exzentrischen Vorschläge reichen von einem zusätzlichen Keyboarder bis hin zum Saxofonisten und sorgen bei Downing nur für Kopfschütteln (diesmal sogar abseits der Bühne). Hin gegen erkennt er das Potenzial, welches ein zweiter Gitarrist offenbaren könnte. Zum damaligen Zeitpunkt existiert eine derartige Line-up-Konstellation eher bei softeren Kapellen wie The Allman Brothers Band, Wishbone Ash oder Grateful Dead. „Meine Wunschvorstellung waren jedoch ‘Heavy Harmonien‘“, so Downing, der bereits in den ersten Tagen den Eindruck gewinnt, dass Tipton persönliche Beziehungen nur zu seinen Bedingungen aufbaut. Er und sein Band-Kollege bleiben sich bis auf einige wenige Momente seltsam fremd. „Uns war aber von Beginn an klar, über welche außergewöhnliche Arbeitsebene wir verfügen“, blickt Downing zurück. „Letztendlich haben Glenn und ich etwa 150 Lieder zusammen komponiert, das ist schon eine beachtliche Leistung. Irgendwie hat es also doch funktioniert, wie bei einem alten Ehepaar. Dafür bin ich dankbar. Außer unserer Liebe zum Tennis und Golf teilten wir aber nicht viele Gemeinsamkeiten. Wir sind grundverschiedene Persönlichkeiten. Da gibt es in 40 Jahren automatisch Probleme, die einen nerven. Wahrscheinlich wird Glenn dasselbe über mich erzählen.“ Die Entscheidung pro Tipton wird entscheidend die Weichen in eine erfolgreiche Zukunft stellen. Judas Priest ohne das brillante „Zwillingsspiel“ an den Gitarren? Unvorstellbar. In den jungen Jahren werden die unterschiedlichen Standpunkte der Protagonisten noch vom Adrenalin ertränkt. Ständig gibt es neue Bühnen, neue Städte und neue Grou pies zu erobern. Doch bereits mit demm zweiten Werk SAD WINGS OF DESTINY (1976) vertieft sich beim Gitarristen der Eindruck, dass seine Song-Ideen versanden, während Tiptons Vorschläge allesamt auf dem Album landen. Downing beißt sich zugunsten der Band-internen Atmosphäre auf die Zunge und stimmt beispielsweise entgegen seiner Überzeugung zu, die Ballade ‘Last Rose Of Summer’ („Das klang viel zu sehr nach Queen!“) einzuspielen. Das Gefühl der schleichenden Entmachtung setzt sich fort, Tipton übernimmt Stück für Stück die Band-Führung. „1978 begannen die Schwierigkeiten erst richtig“, entsinnt sich Downing an die Studiozeit zur vierten Scheibe STAINED CLASS. „Einer der größten Fehler meiner Karriere war, dass ich Glenn gestattet habe, die Soli an sich zu reißen. Letztendlich hatte er fünfmal so viel Spielzeit in den Instrumentalteilen wie ich – und zusätzlich noch die auffälligeren Passagen. Diesbezüglich war ich viel zu nachgiebig. Das hätte ich mir nie gefallen lassen dürfen!“ Das Gesamtgefüge wird nicht stabiler, als Tipton Mitte der Achtziger mithilfe einer vertrauten Management-Assistentin auch die geschäftlichen Band-Geschicke in seine Obhut nimmt. Alle wichtigen Entscheidungen gehen über seinen Tisch, und die einstige Demokratie mutiert zur Autokratie, wie es Downing bezeichnet. Zudem kritisiert er Band-intern, dass Tipton auf der Bühne zu schlampig spiele und die Fans, die viel Geld für ihre Tickets bezahlt und weite Anreisen auf sich genommen hatten, damit hängen lasse. „Ab einem gewissen Zeitpunkt existierte eine Abwärtsspirale“, seufzt der 67-Jährige. „Es gab ein Gefühl der Sättigung. Judas Priest waren einfach nicht mehr die unschlagbare Macht früherer Jahre. Glenn zog auf der Bühne sein Rock’n’Roll-Ding durch – das machte mich nervös. Ich kam mir vor, als ob wir im Auto mit einem Typen am Lenkrad saßen, der ein paar Bier intus hat. Kein gutes Gefühl… Ich kenne viele großartige Künstler, die Shows ähnlich angegangen sind – Bon Scott, Keith Richards, Slash –, aber diese Haltung passte nicht zu Judas Priest. Ich wollte, dass die Band bezüglich Timing und Ton perfekt ist. Das war mit Glenn bereits in den Achtzigern nicht mehr möglich. Unser Drummer Dave Holland ist genau deswegen ausgestiegen. Ihn hat das damals ebenso genervt wie mich.“ Neben Glenn Tipton gibt es einen weiteren Charakter, der die Geschicke von Judas Priest im Lauf der Jahre entscheidend bestimmt.


„EINER DER GROSSTEN FEHLER MEINER KARRIERE WAR, DASS ICH GLENN GESTATTET HABE, DIE SOLI AN SICH ZU REISSEN.“ K.K. DOWNING (HIER L. MIT GLENN TIPTON)


METAL-GOTT AUF ABWEGEN

Ohne Rob Halfords Stimme wäre die Karriere dieser Band niemals möglich gewesen. Das weiß K.K. Downing nur zu gut. Schon bei den ersten gemeinsamen Proben erkennt er das außergewöhnliche Talent dieses Sängers und raunt Bassist Ian Hill zu: „Es gibt kein Limit, wie weit uns dieser Junge bringen kann.“ Dass Halford homosexuell ist, ist in der Band nie ein Thema. Während die anderen Jungs ihre Blowjobs backstage genießen, verschwindet Rob „The Queen“ Halford (so auf einem der frühen Poster getauft) mitunter eben auf der Herrentoilette. Sein Vortrag am Mikro prägt im Lauf der Dekaden nicht nur Judas Priest, sondern das gesamte Genre. Beim legendären Live-Album UNLEASHED IN THE EAST muss dennoch im Studio nachgeholfen werden. Halford ist bei den zwei Aufnahmen in Tokio im Februar 1979 gesundheitlich schwer angeschlagen, einige der schwereren Gesangs-Parts werden im Nachgang neu aufgenommen. „Ich habe dahingehend überhaupt kein schlechtes Gewissen“, wehrt Downing jeglichen Vorwurf der Manipulation ab. „Die Band hat super gespielt, wir wollten unbedingt ein Live-Album aus Asien. Das mindert die Qualität von UNLEASHED IN THE EAST in keiner Weise.“ Wenn man an „die“ Metal-Stimme schlechthin denkt, muss – neben Bruce Dickinson und Ronnie James Dio – zwangsläufi g auch der Name Rob Halford fallen. Neben seiner beeindruckenden Reichweite ist es vor allem das narrative Element, die Charakter entwicklung in der Erzählperspektive, welche ihn von anderen Sängern unterscheidet. ‘Victim Of Changes’, ‘Beyond The Realms Of Death’, ‘Electric Eye’, ‘The Sentinel’, ‘Painkiller’ – dies ist nur ein kleiner (wenn auch markanter) Auszug der Höhenfl üge, die der 67-jährige Frontmann der Szene schenkt und die ihn schon zu Lebzeiten unsterblich machen. So außergewöhnlich die beiden Gitarristen auch sein mögen: Dieser Sänger prägt mit seinen Fähigkeiten das Bild von Judas Priest in Reihe eins. „Es liegt an uns, mit ihm mitzuhalten. Wenn wir das nicht tun, verlieren wir ihn“, weissagt Downing früh. Die Furcht, dass ihn andere Bands abzuwerben vermögen, bestätigt sich im Lauf der Jahre allerdings nicht. Die Prophezeiung erfüllt sich jedoch trotzdem, wenngleich aus anderen Gründen. Rob Halford ist es, der vom Imagewechsel auf BRITISH STEEL (1980) am meisten profi tiert. „Ich hatte das Gefühl, dass uns etwas Entscheidendes fehlt, um ganz nach oben zu kommen“, erklärt K.K. Downing seine damaligen Gedankenspiele. „So sehr ich die Pop-Musik aus den Radios auch verabscheute – Bands wie The Beatles, Freddie & The Dreamers oder Gerry & The Pacemakers setzten auf einen einheitlichen Look. Wir sahen in den ersten Jahren hingegen aus wie Kraut und Rüben, jeder trug das, was er mochte. Mir war klar: Wir brauchen eine Uniform. Etwas, das uns auch in der Außendarstellung eint. 1. Es musste zur Musik passen; also Lederkluft. 2. Die Klamotten dürfen nicht rot, grün oder gelb, sondern mussten komplett in schwarz gestaltet sein. Und das hat sich ausgezahlt. Als wir uns auf der Tour zu BRITISH STEEL (1980) erstmals mit unserem neuen Image präsentierten, bemerkten wir ein unbeschreibliches Gefühl der Gemeinschaft. Wir waren eine echte Gang.“ So klischeehaft es klingen mag: Laut Downing genießt speziell Halford die neue Optik, die seinem Innersten, das er nicht wie die anderen komplett öffentlich leben kann, Ausdruck verleiht. Das Leder- und Nietenimage prägt ab 1980 sein Auftreten. Dass seine sexuelle Ausrichtung niemals innerhalb der Band diskutiert wird, ist höchst lobenswert, verhindert zugleich aber auch, dass Halford seine Emotionen thematisieren kann. Über die Jahre wächst bei Halford das Gefühl, dass ein wichtiger Teil seiner Persönlichkeit brachliegt. Die Unzufriedenheit steigt und mündet 1991 in einer weitreichenden Entscheidung: Rob Halford kündigt nach Ende der „Painkiller“-Tour seinen Ausstieg an. „Es hatte sich vorher schon angebahnt, dass Rob sein Schwulsein offener ausleben wollte“, erinnert sich Downing an Promoauftritte in entsprechenden Outfi ts mit sozialpolitischen Botschaften. „Dazu besaß er jedes Recht. Die Frage ist nur, ob es im Sinn der Band war. Zu jenem Zeitpunkt hatte er bereits einen eigenen Manager – und ich glaube, der Plan war, dass Rob eine erfolgreiche Solokarriere wie Ozzy Osbourne startet. Judas Priest waren nicht mehr Teil des Konzepts.“ Was damals niemand ahnt: Fast zeitgleich plant K.K. Downing, die Band zu verlassen.

Judas Priest 2002: Scott Travis, Glenn Tipton, Tim „Ripper“ Owens, K.K. Downing und Ian Hill


TAGE DES RIPPERS

Auf dem Flug von Montreal nach Los Angeles setzt der Gitarrist sein Kündigungsschreiben auf, schickt es aber nicht sofort ab, sondern will sich noch einige Tage Bedenkzeit gönnen. „Rob kam mir zuvor, daher ergab dieser Brief keinen Sinn mehr – die Band stand somit ohnehin kurz vor dem Ende“, erinnert sich Downing an seine damaligen Gedanken. „Und das, obwohl PAINKILLER vielleicht das perfekte Album war. Ich weiß bis heute nicht, wie wir diese Scheibe zustande gebracht haben.“ Anstatt die Brocken hinzuwerfen, raffen sich Judas Priest nach einigen Jahren des Stillstands noch einmal auf und versuchen einen Neuanfang mit frischem Blut. Von der Idee, Ralf Scheepers (ehemals Gamma Ray, heute Primal Fear) als Halford-Ersatz zu verpfl ichten, nimmt die Band jedoch Abstand. „Ralf ist ein großartiger Metal-Sänger“, lobt Downing den deutschen Frontmann. „Aber wir woll ten einen Unbekannten am Mikro, jemanden ohne Vorgeschichte. Das hätte den Neustart nur belastet.“ Die Wahl fällt 1996 auf den damals 29-jährigen Tim „Ripper“ Owens, mit dem die Band zwei Alben, JUGULATOR (1997) sowie DEMOLITION (2001), einspielt und sich stilistisch von einer überraschend harschen Seite zeigt. Vom Enthu siasmus der ersten Tage bleibt auf Strecke aber nicht viel übrig. „Speziell die Arbeiten an DEMOLITION zogen mich komplett runter“, blickt Downing zurück. „Glenn wollte produzieren und das Honorar ein sacken, alles fühlte sich komisch und manipulativ an. Deswegen habe ich an dieser Scheibe viel weniger als sonst partizipiert. Nichtsdestotrotz liebte ich es, mit Tim die Bühne zu teilen. Er traf alle Töne, war ein guter Entertainer und ein starker, loyaler Charakter. Aber das spielte bei den Fans überhaupt keine Rolle: Nach jedem Konzert war die erste Frage, wann Halford zurückkehren würde. Es hat mir leidgetan, Tim wieder gehen zu lassen.“ Für die Rolle rückwärts sprechen auch wirtschaftliche Gründe. Sharon Osbourne möchte die wiedervereinten Judas Priest auf dem Ozzfest 2004 präsentieren. Downing sieht zudem die Möglichkeit, seiner Lethargie, die ihn mittlerweile bezüglich des Song writings mit Glenn Tipton befallen hat, zu entkommen. Beide Seiten springen über ihren Schatten, im Sommer 2003 wird die Reunion verkündet und von den Fans bejubelt. Die Stimmung trübt sich allerdings schnell wieder: Halford benötigt ab sofort einen Teleprompter auf der Bühne, zudem touren Judas Priest nicht mehr in dem Umfang wie einst gewohnt. „Es war offensichtlich, dass sich etwas auf der Bühne verändert hatte. Wir konnten nicht mehr dieselbe Kraft entfalten wie früher“, bilanziert Downing den Neuanfang. „Dass Rob sich nicht mehr an den Text von ‘Breaking The Law’ erinnern konnte, einen Song, den er jahrzehntelang jeden Abend gesungen hatte, leuchtete mir auch nicht ein. Im Sommer tourten wir gar nicht mehr und ich frage mich bis heute, wieso? Und warum spielten Priest nur auf einem Festival anstatt auf mehreren? Das war alles auf Glenns Mist gewachsen.“ Das Comeback-Werk ANGEL OF RETRIBUTION (auch beim Titel, der laut Downings Meinung besser JUDAS RISING gelautet hätte, zieht er gegen Tipton den Kürzeren) entfacht 2005 dennoch neue Begeisterung unter der Anhängerschaft. Eine größere Zuneigung hegt Downing aber zu dem kontrovers diskutierten, über hundert Minuten langen Konzeptalbum NOSTRADAMUS von 2008. Für Downing ist es musikalisch wie inhaltlich eine der Sternstunden im Schaffen von Judas Priest – und wäre ein geeigneter Schlusspunkt in der Ver öffentlichungshistorie dieser Band gewesen. „Ich mag NOSTRADAMUS wirklich sehr und war von dieser Idee von Anfang an angetan“, lobt er das Doppelalbum. „Aber auch dabei hätte viel mehr rumkommen müssen. Vielleicht sogar eine eigene Show in Las Vegas; die Geschichte war brillant. Das hätte man weltweit an Theatern in der Form vom ‘Das Phantom der Oper’ umsetzen können.“ Die zu neh menden Zipperlein auf der Bühne (Halfords Knie, Drummer Scott Travis’ Handgelenke, die aus Sicht von Downing fortwährend unzureichende Performance von Tipton) lassen im Gitarristen den Plan reifen, das Kapitel Judas Priest würdevoll zu schließen: „Aus meiner Sicht war es mit den Studioproduktionen vorbei. Ich hätte gerne noch ein paar Jahre getourt, vor allem in den Ländern, in denen Judas Priest noch nie aufgetreten sind: Ägypten, Neuseeland, Indien. Ich hatte Angst, dass wir den idealen Zeitpunkt verpassen.“ Als die Plattenfi rma Downing auffordert, Lieder für eine EP zu komponieren und Rob Halford kurz hintereinander zwei Soloalben veröffentlicht, platzt ihm der Kragen. „Das Flaggschiff hat Priorität! Ich war im Gegen satz zu anderen Leuten immer loyal zu Judas Priest. Im Grunde war es Rob irgendwann egal, wer mit ihm auf der Bühne steht: Judas Priest oder seine Solo-Band. Die Hingabe schwand. Die Gründe, warum ich 1991 aussteigen wollte, waren immer noch nicht ausgemerzt, sondern hatten sich im Gegenteil noch verschlimmert!“ Nun zieht er es durch: 2011 gibt K.K. Downing nach über 40 Jahren seinen Austritt aus der Band bekannt und schickt noch einen zweiten Brief hinterher, in dem er Tipton mitteilt, dass er ihn seit 1985 gehasst habe. „Nicht jeden Tag, nicht immer persönlich, aber aufgrund der Entscheidungen, die gefällt wurden. Er und unsere Managerin hatten ein Regime installiert, das mich jahrzehntelang unterdrückte. Judas Priest zu verlassen war die härteste Entscheidung meines Lebens.“

Reunion mit Rob Halford: Judas Priest im Jahr 2004



WENN BEIDE BANDS AUS ALLEN ROHREN FEUERN, SIND JUDAS PRIEST IMMER MEHR HEAVY METAL ALS IRON MAIDEN.“
K.K. DOWNING


Riff-Duo nach Downings Abgang 2011: Richie Faulkner (l.) und Glenn Tipton


Foto: J. Hale/Getty Images, J. Borucki (PR)

EISERNES ERBE

Von Judas Priest meldet sich mit Ausnahme von Scott Travis („Dafür bin ich ihm sehr dankbar!“) niemand mehr nach Downings Abschied. Die Kommunikation verstummt einfach. Das hinterlässt bei dem sensiblen Gitarristen bis heute ebenso Spuren wie die Frage, warum Judas Priests Karriere nicht noch erfolgreicher verlaufen ist. Ein Gefühl der Unzufriedenheit prägt seine Bilanz – speziell, wenn die Sprache auf Iron Maiden kommt, die Downing einst in den Achtziger Jahren aufgrund ihres respektlosen Verhaltens von der gemeinsamen Tour kicken wollte. „Ich bin enttäuscht, dass uns Iron Maiden von der Spitze ver drängen konnten und weltweit erfolgreicher sind“, grübelt Downing über die Gründe: „Das kann nicht mit musikalischen Faktoren zusammenhängen, sondern liegt am guten Management. Wenn beide Bands aus allen Rohren feuern, sind Judas Priest immer mehr Heavy Metal als Iron Maiden. Aber ich erkenne natürlich an, was sie für die Szene geleistet haben. Im Gegensatz zu uns verfolgten Maiden immer eine konkrete Linie. Wir gingen viel mehr auf Risiko. Am Ende hat uns das geschadet. Ein Album wie TURBO (1986), das uns meiner Meinung nach auf eine Stufe mit Def Leppard oder Van Halen hätte hieven müssen, wäre bei Maiden nie möglich gewesen. SEVENTH SON OF A SEVENTH SON (1988) gefällt mir am besten von ihnen; im Lauf der Jahre verbesserte sich auch ihr Gitarrenspiel. Ich habe die Band vor Kurzem in Belgien gesehen – da war kaum ein Unterschied zu ihren Shows in den Achtziger Jahren zu erkennen. Sehr professionell, sehr energetisch. Je älter man wird, umso jugendlicher muss man auftreten. Und genau das hat Judas Priest am Ende gefehlt.“ Nichtsdestotrotz existiert die Band weiter. Auch ohne K.K. Downing, und das nicht unerfolgreich. Die beiden Werke REDEEMER OF SOULS (2014) und FIREPOWER (2018) erhalten sehr gute Resonanz. Richie Faulkner heißt der Mann, der nun an Downings Stelle abrockt. Für den Gitarristen ist aber eindeutig klar, warum die Konzerte von Judas Priest weiter gut besucht sind. „Auf beiden Alben befi nden sich zu viele schwache Lieder. Man hätte speziell REDEEMER OF SOULS kürzen sollen“, kritisiert Downing die Scheiben nach seiner Ära. „Konzert-Tickets werden einzig und allein wegen Rob Halford verkauft. Er gehört zu Judas Priest wie Mick Jagger zu den Stones, Freddie Mercury zu Queen und Bruce Dickinson zu Iron Maiden. Frontmänner kann man nicht kopieren, Gitarristen schon. Es gibt unzählige Hochbegabungen, auch Frauen, die meinen Job hätten übernehmen können. Gib ihnen meine Lieder, meine Frisur, mein Bühnen-Outfi t – fertig. Richie hatte ja gar keine andere Wahl, als mich zu kopieren. Faulkner ist ein Klon von mir. Ich bin nicht der einzige, der das so sieht. Ich wünschte, dass er die Möglichkeit hätte, sein eigenes Image zu entwickeln.“ Was Downing noch mehr schmerzt als die Tatsache, ein juveniles Ebenbild seiner selbst in der Band zu sehen, die er über 40 Jahre prägte, ist die Tat sache, dass ihn die Ex-Kollegen nicht als Ersatz in Erwägung zogen, als bekannt wurde, das Glenn Tipton aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung nicht mehr in der Lage sein würde, auf Tour zu gehen. Spätestens hier hätte er sich einen Anruf gewünscht. „Nach heutigem Stand bin ich immer noch länger in der Band als Rob und sehe mich weiterhin als Teil von Judas Priest!“, besteht Downing auf sein Vermächtnis. „Als Glenn krank wurde, wäre es richtig gewesen, mich ins Line-up zurückzuholen. Die Leute gehen zu Konzerten von Judas Priest und sehen weder mich noch Glenn Tipton auf der Bühne. Das hinterlässt schon ein seltsames Gefühl bei mir. Ich hätte alles daran gesetzt, Judas Priest wieder auf das Liveniveau zu bringen, das man aus den Siebzigern und den Achtzigern kennt. Bei allem, was wir erreicht haben: Über 50 Millionen verkaufte Tonträger, davon allein fünf Millionen im Zuge der Veröffentlichung von SCREAMING FOR VENGEANCE (1982) – die Karriere von Judas Priest ist eine Geschichte von verpassten Möglichkeiten. Ich kenne keine zweite Metal-Band auf diesem Planeten, die solch einen qualitativ hochwertigen Song-Katalog besitzt – nicht mal meine Lieblingsbands, die Scorpions oder Black Sabbath.“


Foto: P. Natkin/Getty Images, R. Marino/Getty Images

Foto: M. Hutson/Redferns, Sony BMG (PR)