Lesezeit ca. 6 Min.
arrow_back

Jüdische Kultur am Rhein


Logo von daheim
daheim - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 15.10.2022

WELTERBE

Artikelbild für den Artikel "Jüdische Kultur am Rhein" aus der Ausgabe 6/2022 von daheim. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: daheim, Ausgabe 6/2022

WELTERBE: SCHUM-STÄDTE

Im Juli 2021 wurden der Judenhof in Speyer, der Synagogenbezirk in Worms und die historischen Friedhöfe von Worms und Mainz zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt. Damit ist dieser besondere Städtebund Teil von derzeit 1154 Welterbe-Stätten weltweit, von denen 51 sich in Deutschland befinden. In der Begründung heißt es: An keinem anderen Ort könne ein vergleichbares Spektrum jüdischer Gemeindezentren und Friedhöfe die kulturellen Leistungen europäischer Jüdinnen und Juden in der Formationsphase der lebendigen Tradition des aschkenasischen Judentums bezeugen.

Uralte Steine – verwittert, von Moos bedeckt, umgestürzt, gebeugt, die Inschriften kaum lesbar. Andere Grabsteine stehen noch aufrecht, die einen schlicht, die nächsten mit Ornamenten verziert. Manche erinnern an gotische Kirchenfenster. Oder zeigen zwei Hände, geformt zur Segensgeste der Kohanim, einem jüdischen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von daheim. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2022 von Liebe Leserinnen und Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen und Leser,
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von EIBSEE IM WINTER, GRAINAU. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
EIBSEE IM WINTER, GRAINAU
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von Unsere Leser schreiben …. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Unsere Leser schreiben …
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von DAS LIEBEN WIR!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DAS LIEBEN WIR!
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Auftakt zum Advent
Vorheriger Artikel
Auftakt zum Advent
Gans schön festlich
Nächster Artikel
Gans schön festlich
Mehr Lesetipps

... Priestergeschlecht.

Claudia Maria Strehl führt eine Besuchergruppe über den öffentlich zugänglichen Teil des Mainzer Judensands. Der mittelalterliche Friedhof aus dem Jahr 1012 gilt neben dem Heiligen Sand in Worms als ältester jüdischer Friedhof Europas. Wenn sie gefragt wird, warum die Steine nicht besser gepflegt werden, erklärt die Gästeführerin: „Die Totenruhe ist nach jüdischem Verständnis unantastbar.

Deshalb darf hier kein Stein gesäubert, restauriert oder aufgerichtet werden.“

Nicht begehbar ist der höher gelegene Teil des Friedhofs. Mehr als 200 Grabsteine aus dem 11. bis 15. Jahrhundert sind dort versammelt. Gefunden wurden sie bei Grabungen in Mainz, beim Abriss von Befestigungsanlagen oder während der Rheinbegradigung. Seit 2021 ist der Judensand Unesco-Welterbe – als Teil der jüdischen Kulturstätten der SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz. SchUM setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der mittelalterlichen hebräischen Städtenamen zusammen: Schin (Sch) für Schpira/ Speyer, Waw (U) für Warmaisa/Worms sowie Mem (M) für Magenza/Mainz.

Diese drei Rheinstädte gelten als Geburtsstätte der Aschkenasim, wie sich die Juden in Mittel- und Osteuropa selbst bezeichnen. Im 12. Jahrhundert war dieses „Jerusalem am Rhein“ das Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit in Europa. Aharon Ran Vernikovsky, bis 2021 Rabbiner (also Lehrer und Oberhaupt) der jüdischen Gemeinde in Mainz, nennt die SchUM-Städte frühe „think tanks“, Denkfabriken.

Leonard Cohen vertonte ein altes jüdisches Gebet

Hier entwickelten sich das jüdischkulturelle Leben, die religiösen Bräuche, Gesetze, Liturgien, Gebete und die sakrale Architektur der ältesten monotheistischen Weltreligion fort. „Die Art und Weise, wie wir heute jüdische Theologie verstehen, ist ohne den Beitrag der SchUM-Gelehrten nicht vorstellbar“, erklärt der Rabbiner.

Von einem dieser alten liturgischen Gebete zum Gedenken an die Judenverfolgungen des Mittelalters hat sich auch der kanadische Sänger Leonard Cohen für sein Lied „Who by Fire“ inspirieren lassen. Eine Besucherin zieht erstaunt die Brauen hoch. „Dieser Hintergrund war mir unbekannt“, sagt sie.

Im Bombenhagel der Alliierten während des Zweiten Weltkriegs wurden die Judenviertel der SchUM-Städte zerstört. In Mainz lag die Innenstadt komplett in Schutt und Asche. In Worms ist das Viertel immerhin in seiner Topografie noch erkennbar. Neben der von den Nazis zerstörten und später neu errichteten Synagoge befindet sich auch wieder eine„Frauenschul“. Sie gilt als die älteste bekannte Frauensynagoge und ist ein Zeichen für den hohen Stellenwert, den die Frauen in den SchUM-Städten genossen.

DER BESONDERE TIPP

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich auch Frankfurt am Main zu einem Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Das Jüdische Museum, untergebracht im ehemaligen Wohnhaus der berühmten Bankiersfamilie Rothschild (Am Untermainkai 14–15), war das erste Museum dieser Art in Deutschland. Eröffnet wurde es am 9. November 1988, genau 50 Jahre nach der Reichspogromnacht.

Die Blütezeit der SchUM-Städte endete mit der Pest

Nicht weit entfernt von den jüdischen Stätten in Worms, im Bischofshof neben dem Dom, weigerte sich der Reformator Martin Luther auf dem Reichs- tag 1521, seine Schriften zu widerrufen. Auf dem Gelände befindet sich heute ein schöner Park mit alten Bäumen und Wasserspielen. Hier kann man sich von der Wucht der geschichtlichen Großereignisse wunderbar erholen.

In Speyer zählt das Gemeindezentrum Judenhof mit seiner Mikwe, dem Ritualbad, zu den steinernen Zeitzeugen jüdischer Geschichte. Angelegt wurde die Mikwe etwa 1120, damit ist sie die älteste Anlage dieser Art in Europa. Ein Treppenhaus führt in einen Schacht mit Kreuzgratgewölbe und romanischen Ornamenten. Unzählige Frauen und Männer sind hier im Laufe der Jahrhunderte hinabgestiegen, um im kalten Grundwasser unterzutauchen und rituelle Reinheit zu erlangen.

Die SchUM-S tädte waren frühe Denkfabriken

Im ehemaligen religiösen Zentrum des jüdischen Viertels lassen die Überreste von Synagoge, Frauenschul sowie die Fundamente der jüdischen Hochschule erahnen, wie viele Menschen hier einst lernten und beteten. Das taten jahrhundertelang in nicht immer guter Nachbarschaft auch die Christen im Dom zu Speyer. Ein Besuch der größten erhaltenen romanischen Kirche der Welt lohnt sich unbedingt. Anschließend kann man die Maximilianstraße entlangbummeln, die Einkaufsmeile mit ihren schönen Barockhäusern.

Viele berühmte Persönlichkeiten des Judentums haben in den SchUM-Städten gelebt und gelehrt. Dazu gehört etwa der Mainzer Rabbi Gerschom ben

Jehuda, Licht der Diaspora genannt. Besonders mit den Rheinstädten verbunden ist Salomon ben Isaak, besser bekannt als Raschi, der um 1060 im damals europaweit bekannten Wormser Lehrhaus studierte. Das Raschi-Haus, einst die mittelalterliche Talmud-Schule, beherbergt heute das jüdische Museum und das Stadtarchiv. Im Talmud erklären und kommentieren die Gelehrten die Gebote und Verbote der Thora, also der auf Pergament geschriebenen fünf Bücher Moses. Die heiligen Texte werden bis heute zusammengerollt aufbewahrt.

Wie in der gesamten Geschichte des Judentums blieben auch die Menschen in den rheinischen Hochburgen jüdischer Gelehrsamkeit nicht von gewaltsamen Verfolgungen verschont. Die Blütezeit der SchUM-Städte ging ihrem Ende entgegen, als 1349 die Pest am Rhein wütete und die Juden als Schuldige ausgemacht wurden. Der Vorwurf: Brunnenvergiftung.

In Mainz ist das Judentum noch immer lebendig

Überall am Rhein wurden die jüdischen Gemeinden zerstört, ihre Bewohner ermordet oder vertrieben. Zwar siedelten sich immer wieder jüdische Familien an, aber eine derartige Blüte erlebten die Städte nie wieder. Auch in der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung wurde ein großer Teil des jüdischen Erbes in Deutschland und Europa ausradiert. Der Historiker und Stadtführer Elmar Rettinger versucht, seinen Besuchern mit Fotos von alten Gemälden ein Bild davon zu vermitteln, wie es im alten Mainzer Judenviertel einmal ausgesehen hat: In den schmalen Gassen herrschte geschäftiges Treiben – ähnlich wie heute, wenn an Samstagen beim Marktfrühstück am Dom Einheimische und Gäste sich den von regionalen Winzern angebotenen Wein schmecken lassen.

Eine kleine Geschichte der Bewahrung kann der Historiker im Landesmuseum Mainz dennoch erzählen. Dort sind Exponate ausgestellt, die nur durch Zufall den Holocaust überstanden haben. Sie waren von den Nazis beschlagnahmt und in einer Kiste ins Archiv gebracht worden. Viele Jahrzehnte wagte niemand einen Blick hinein. Erst 1982 öffnete der damalige Leiter den Deckel und staunte nicht schlecht. Die etwa 150 jüdischen Exponate, darunter eine prächtige Thorarolle, bilden heute die Mainzer Judaica-Sammlung.

In der Reichspogromnacht, in der vom 9. auf den 10. November 1938 deutschlandweit die Synagogen brannten, wurden auch die großen Gotteshäuser in Worms, Speyer und Mainz zerstört. Seinen Rundgang beendet Elmar Rettinger deshalb gerne an einem Ort, an dem das Judentum in Mainz immer noch lebendig ist: an der 2010 eingeweihten neuen Synagoge. Das viel bewunderte futuristische Bauwerk trägt eine hebräische Inschrift, die an Gerschom ben Jehuda erinnert: „Licht der Diaspora.“

HIER WIRD TACHELES GEREDET

Bis zur Schoah, dem Holocaust, lebten in Deutschland mehr als 500000 Bürger jüdischen Glaubens. Viele von ihnen sprachen Jiddisch, das sich aus dem mittelalterlichen Deutsch und der hebräischen Sprache entwickelte. Zahlreiche damals entstandene Begriffe und Redewendungen benutzen wir bis heute. Doch Vorsicht: Einige dieser Worte haben im deutschen Sprachgebrauch zu Unrecht eine abwertende Bedeutung.

ausgekocht:Stammt vom hebräischen Wort „chacham“ oder „chochem“ ab und bedeutet: klug und weise.

betucht:Steht im heutigen Sprachgebrauch für wohlhabend. Die Herkunft des Wortes ist das hebräische „batach“ für Vertrauen.

Guten Rutsch!Im Hebräischen heißt das Neujahrsfest Rossh ha-Schana. Rutsch kommt wahrscheinlich von Rosch. Die Herleitung gilt allerdings als strittig.

Ganove:Abgeleitet vom hebräischen Wort „gannaw“ für stehlen.

Hals- und Beinbruch!Geht auf den hebräischen Segenswusch „hazlacha uwracha“ – Erfolg und Segen – zurück. In seiner jiddischen Variante „hazloche und broche“ schloss man mit dieser Formel ein Geschäft ab. Im Deutschen wurde daraus der Hals- und Beinbruch.

jemanden abzocken:Kommt vom jiddischen „zchoke“, was eigentlich lachen bedeutet.

Kaff:Pate steht das hebräische Wort „kafar“ für Dorf.

malochen:Die hebräische Ursprungsbedeutung „melocho“ meint Arbeit oder besser Schwerstarbeit. mauscheln:Seinen Ursprung hat das Wort entweder in der Koseform für Moses, Moischele, oder im hebräischen „maschal“ – eine stichelnde Rede oder ein Gleichnis.

meschugge:Im Hebräischen meint „meschuga“ genau dasselbe wie im Deutschen: Da ist jemand nicht ganz richtig im Kopf.

Miesepeter:Das jiddische „mis“ steht für ekelhaft und schlecht. Auch die Miesen auf unserem Konto stehen mit diesem Wort in Verbindung.

Mischpoke:Vom hebräischen „mischpacha“ für Familie.

Pleitegeier:Vom jiddischen „plejte“ oder dem hebräischen „peleta“ für die Flucht aus einer Notlage. „Plejte gejen“ bezeichnet das Fliehen eines Schuldners, der seine Schulden nicht zahlen kann. Daraus wurde der Pleitegeier.

Reibach machen:Vom hebräischen „rewah“. Das Wort bedeutet Gewinn.

schachern:Ursprünglich kommt der Ausdruck vom jiddischen „sachern“ und bedeutet einfach Handel treiben.

Schlamassel:Der Begriff setzt sich aus dem deutschen „schlimm“ und dem hebräischen „masal“ für Glück zusammen.

Schmiere stehen:Kommt vom jiddischen „schmiro“ für Wachposten oder Wächter.

Tacheles reden:Abgeleitet vom jiddischen „tachles“, steht es wie im Deutschen für Klartext reden.

zocken:Seinen Ursprung hat das Wort im jiddischen „zchoken“, was spielen oder scherzen bedeutet.