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JÜRGEN BEHRENDT: Ein 3-Insel-Frachter wird restauriert


Modellwerft - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 12.02.2020

Fast jeder Schiffsmodellbauer ist regelmäßig auf eBay oder eBay-Kleinanzeigen auf der Jagd nach Schnäppchen. Ich nehme mich davon nicht aus. Beim Stöbern fiel also irgendwann Anfang 2017 mein Blick auf ein eben solches Angebot. Zum Verkauf standen drei Schiffe: eine Elke von Graupner, ein Rennboot und….ein Frachter.


Nach kurzen Verhandlungen mit dem Verkäufer wechselte er den Besitzer und kam kurz darauf auf dem Postweg bei mir an. In meiner Kellerwerft wurde der Frachter dann erstmal genauer unter die Lupe genommen.

Bestandsaufnahme

Bei dem Modell handelt es sich um ein sogenanntes 3-Insel-Schiff, der ...

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Bildquelle: Modellwerft, Ausgabe 3/2020

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... Begriff ist abgeleitet aus der Silhouette von der Seite. Er ist 91 cm lang und knapp 14 cm breit. Kein Baukasten, sondern ein Eigenbau auf Spanten mit teilweise Polystyrol-Aufbauten. Außer einem Motor war nur noch ein Servo für die Lenkung verbaut. Der Gesamteindruck war etwas schlechter wie auf dem Foto, der Rumpf hatte einige Schrammen, einer der Masten war locker und das Servo fest. Die Aufbauten waren etwas lieblos und ohne Details, mit den Spuren einer verhunzten Lackierung und Ausbesse- rungsversuchen. Aber die Basis für eine Restauration war gut. Ein Größenvergleich mit Figuren neben meinen Flower Class-Korvetten ergab den gleichen Maßsstab 1:72. Das passt! Denn die beiden Geleitschiffe sollen etwas zum Geleiten bekommen. Aber nicht sofort, andere Projekte hatten Vorrang, so wanderte der Frachter erst einmal ins Regal.

Der Trampdampfer »Steinfels«

Der Urfrachter vor den Flower Class-Korvetten


Das Witt-Projekt

Zur Juni-Versammlung 2018 meines Vereins SMC Weiden hatten wir einen Gast der ortsansässigen Firma Witt eingeladen. Dieser Herr hatte kurz zuvor bei mir angeklingelt und mir seinen Wunsch vorgetragen: Für eine größere Präsentation innerhalb der Firma Witt Anfang August, bei der es auch um Logistik ginge, benötige er unter anderem ein Frachtschiff. Ich war fest im Glauben, dass wir mindestens eines im Verein hätten, das wir zur Verfügung stellen könnten, aber bei der anschließenden Recherche wurde ich eines Besseren belehrt.
Was tun? Absagen wollte ich nicht unbedingt. Also kramte ich meinen bei Ebay-Kleinanzeigen geschossenen kleinen alten Frachter aus dem Regal, machte ihn etwas sauber und nahm ihn mit auf die Versammlung. Im Gespräch erfuhr ich, wie wichtig dem Vertreter das Modell für die Präsentation war und so vereinbarten wir, dass der (noch namenlose) Frachter für den Zweck genügen werde und er in der August-Versammlung noch einmal komme, um ihn zu holen.
Zuhause angekommen, stellte ich ihn auf die Werkbank und begann zu grübeln. Schnell war mir klar: Nein, so kannst Du den nicht abgeben. Da steht dann vielleicht noch Dein Name dabei oder wenn einer fragt, wer den gebaut hat, heißt es: „Der Schiffsmodellbauclub“. Das geht gar nicht!

Ein paar Wochenenden hatte ich ja Zeit, abzüglich der kommenden Veranstaltungen des Vereins. So schrieb ich mir erst einmal eine To-Do-Liste mit den Kriterien: Was schaffst Du in der kurzen Zeit, was muss sein, was kann so bleiben?
Auf der Liste stand dann: Rumpf und Deck ausbessern und neu lackieren, Schriftzüge, Messingpropeller, provisorische Ladebäume mit Takelage, Schiffständer, Transportkiste.

Erster Umbau

Los geht’s: Zuerst habe ich alles abmontiert, was stört. Dann begann ich den Rumpf abzuschleifen und im selben Zug Dellen oder kleine Löcher zuzuspachteln und abschließend mit Spritzspachtel zu grundieren.
Parallel dazu habe ich gleich Holz für eine maßgefertigte Transportkiste sowie einen neuen Schiffständer beschafft und zusammengebaut. Im nächsten Arbeitsgang wurde das Unterwasserschiff von mir mit 2K-Acryllack in einer Mischung aus Oxidrot und Kaminrot (2:1) lackiert, das Überwasserschiff wurde schwarz matt. Das Deck wurde grau gestrichen, eine Beplankung war mir in der kurzen Zeit nicht möglich…! Nach dem Lackieren kamen die inzwischen eingetroffenen weißen Schriftzüge drauf (Danke Günter Lingl!). Der Frachter hieß jetzt Stein fels in der Oberpfalz, benannt nach einem kleinen Ort nahe meinem Elternhaus. Die provisorischen ersten Ladebäume wurden noch aus (zu dicken) Holzstäben gefertigt und zusammen mit den Masten gelb gepinselt. In der letzten Woche vor dem Termin wurde dann alles Restliche montiert: Der Messingpropeller, die Takelage sowie eine deutsche Flagge am Heck.
An der Elektronik hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts gemacht. Mir war wichtig, hier auf die Schnelle ein vorzeigbares, kleines, als Frachter erkennbares Modell auf die Beine, bzw… auf den Ständer zu stellen, mit dem ich mich nicht schämen muss. Der Begriff Schnellrestaurant ist ja jedem bekannt, jetzt wissen Sie, verehrte Leser auch, was eine Schnellrestauration ist. Am vereinbarten Tag wurde der Frachter samt Transportkiste übergeben und kam dann auch auf der Präsentation zum Einsatz.

Noch glänzt der Rumpf, nach dem Trockenen wird er matt


Die Zwischenlösung ist fertig


Der Frachter bei der Präsentation


Das Vorschiff ist beplankt


Als Stromquelle dient ein 6-Volt-/4-AH-Bleiakku


Das Achterdeck wird beplankt


Die schwarzen Aufkleber am Brückenhaus sind entfernt


Die Anfertigung der Bullaugen


Stellprobe des Aufbaus am Modell


Epoxidharz als Fenster auf der Brücke


Zweiter Umbau

Mitte Oktober kam nun die Steinfels zu mir zurück. Die Präsentation bei der Fa. Witt war gelungen, das Modell hat den ihm zugedachten Zweck erfüllt. Nachdem ich also mit der Restauration bereits angefangen hatte, wollte ich jetzt natürlich auch weitermachen.
Zuerst einmal kam die Fahrelektronik an die Reihe. In meinem kleinen Testbecken im Keller fand ich schnell heraus: Neben den Einbauten wie Akku, Regler usw. muss noch eine ordentliche Portion Blei rein. Meine Vorgehensweise war dabei wie damals bei der Jule. Ich verwende Bleischrot, streue es an der tiefsten Stelle in den Rumpf und versiegle das Ganze mit Epoxidharz. Neben dem Gewicht an der bautechnisch besten Stelle sorgt das Harz für Wasserunempfindlichkeit und Stabilität. Der restliche Rumpf wurde innen mit Eze Kote ausgestrichen. Ein neuer Servomotor für das Ruder samt Befestigung, Thor-Fahrtregler und ein 6-Volt-Bleiakku fanden ebenfalls Platz, die Halterung für den Bleiakku musste ich neu bauen. Das graue Deck gefiel mir von Anfang an nicht, hier wollte ich mit einer Beplankung dem Frachter einen authentischen Decksbelag verpassen. Die Beplankung selbst besteht aus 4-mm-Mahagonistreifen, 1 mm stark, und wurde mit Holzleim aufgeklebt. Zuerst die Laibhölzer rund um die Luken, danach eine genau angepasste Linie in der Mitte, dann wurde von innen nach außen verlegt. Nach Abschluss kamen zwei Schichten Bootslack (Glue) und eine Schicht Klarlack Acryl 2K in matt drauf. Am Bug wurden die Löcher für die Klüsen gebohrt und Messingnieten eingebaut. Die Ankerwinde am Vorschiff bekam Ketten und Anker spendiert.

Fast alle Details an Bord


Auch das Peildeck wird beplankt


Das Brückenhaus

Zunächst entfernte ich alle hässlichen schwarzen Aufkleber, welche als Bullaugen und Fenster gedacht waren. Als nächstes habe ich anstelle der Aufkleber Löcher gebohrt und - wo angedacht - zu Fenstern aufgefeilt. Dann wurden alle Teile der Aufbauten angeschliffen, mit einem 1K-Schnellschleifgrund von Brunox auf Epoxidharzbasis versiegelt und weiß matt lackiert. Das achtere Maschinenhaus erhielt vorher noch einen selbstgebauten Aufsatz mit Oberlichtern. Weiter ging es mit den Bullaugen. Hier verwendete ich Nieten, die auf ein Klebeband aufgestellt und mit Harz verfüllt wurden. Da sie zu dominant wirkten, färbte ich die Ränder noch weiß ein. Ebenfalls aus 5-Minuten-Epoxidharz entstanden so auch die Fenster. Sowohl das Brückenhaus als auch das Maschinenhaus erhielten Beplankung in der gleichen Art wie das Hauptdeck.

Eine Figur zum Größenvergleich mit den selbstgebauten Davits


Davits an ihrem Platz auf der Brücke, noch ohne Boot


Eigenkonstruktion der Anlenkung für die Ladebäume


Die Montage der Ladebäume von vorne betrachtet


Fertig, Beiboote klar zum Aussetzen


Kleine Schiffskunde

Die Brücke besteht aus dem Ruderhaus und den beiden Nocks beidseitig. Meist war hinter dem Ruderhaus die Funkbude und das Kartenhaus. Oben drauf befindet sich das Peildeck. Da steht der eigentliche Kompass und ggf. ein Schrank mit Flaggen. Und von dort gehen die Flaggenleinen und Funkantennen zu den Masten bzw. in diesem Fall zu den Stahlseilen, die oben zwischen den Masten gespannt sind. Da wurde häufig Holz verbaut, wohl um den Kompass wenig zu stören. Ein Deck tiefer waren oft die Kammern von Kapitän und Leitendem Ingenieur oder die Offiziersmesse. Also habe ich diese Front der Brücke mit Holz verkleidet. Als ich fertig war, sah das Ganze dann doch etwas zu wuchtig aus, so trennte ich die Front noch mit einem breiten weißen Streifen. Das Peildeck wurde oben auf das Ruderhaus aufgesetzt, anschlie ßend kam noch eine Persenning (ein mit Holzleim getränktes Taschentuch) drum herum.

Stellprobe der Winden auf den Windenhäusern


Die Brücke wird von der Mannschaft besetzt


So viele Seile kommen auf der Steinfels zum Einsatz


Die Stützen sind aus dem Eisenbahnzubehör


Davits, Beiboote und Schornstein

Die Beiboote hatte ich aus früheren Tagen noch auf Lager liegen, bei den Davits hab ich mir die Konstruktion von meinem norwegischen Langleinenfischer abgeschaut. Im Eigenbau entstanden aus Holz also vier Davits, die nach dem Lackieren links und rechts auf die Brücke angebaut wurden. Der Schornstein bekam Leiter, Spannseile und Dampfrohr. Ein bei Ebay gekaufter, sehr leichter 6-Volt-Rauchgenerator sorgt dafür, dass auch Rauch aus dem Schornstein kommt. Wie bei meinen Flower Class-Korvetten verwendete ich wieder die bewährten 14-mm-Stützen mit zwei Durchzügen und baute sowohl für die Brücke als auch an den anderen Stellen am Schiff eine Reling aus Messing sowie Niedergänge aus ABS-Kunststoff.

Masten und Ladebäume

Nun kam der schwierigste Teil: Zuerst entfernte ich wieder die provisorischen und viel zu dicken Ladebäume. Dann konstruierte ich nach Vergleichsbildern aus dem Internet authentische Anlenkungen für insgesamt acht Ladebäume (vier pro Mast) sowie einen Hilfskran, der auf dem Achterdeck Platz finden sollte. Als Material verwendete ich Polystyrol-Profile und Holzstäbchen. Die fertigen Ladebäume wurden dann rund um die Masten angebaut.

Fertig zur Jungfernfahrt


Ein Modellbaukollege (Danke Tobias Bock!) druckte nach meinen Vorgaben insgesamt neun Seilwinden als Bausätze. Die vier bereits vorhandenen Winden wurden mitverwendet. Wie bei den Originalen (Danke Stefan Schmischke für die konstruktive Kritik) entstanden noch aus ABS vier Windenhäuser, je zwei links und rechts der Masten. Die vorhandenen vier Winden verschwanden im Inneren, die Gedruckten wurden nach dem Lackieren auf der Oberseite der Windenhäuser platziert.
Es folgte eine „Fuzzelarbeit“, um alle Winden zu beschnuren, alle Bäume anzulenken und die Luken anzuhängen. Auf den Luken fand umfangreiches Ladegut Platz. In meinem Falle Gittermasten aus dem Eisenbahnzubehör sowie Kisten, welche ich in Friedrichshafen auf der Messe gefunden hatte. Die Takelage der Masten erfolgte mit einer elastischen grauen Schnur. Leitern und auch eine Reling an den Rahen sorgte für eine Begehbarkeit der Masten. Dies ist auch bei den Originalen so zu finden.

Finale Details

Beim Bau meiner Korvetten sind Figuren übriggeblieben, welche nun etwas umgearbeitet wurden und als Besatzung an Bord meines Frachters Verwendung fanden. So steht am Peildeck der Kapitän vor dem Kompass, Matrosen sind über das ganze Schiff verteilt und kümmern sich um herumliegende Seile, gehen Ausguck oder bedienen den achteren Hilfskran. Mit kleinen Kisten, Schränken und Pollern wurde für weitere Detailierung gesorgt, den Abschluss bildet die britische Flagge am neu gebauten Flaggenstock am Heck. Moment! Britische Flagge? War die Steinfels ursprünglich nicht mal deutsch? Zur Erklärung fällt mir folgendes ein: Da dies ein zwar authentischer, aber fiktiver Frachter ohne konkretes Vorbild ist, wurde die Steinfels zwar mal auf einer deutschen Werft gebaut, lag aber bei Kriegsausbruch im September 1939 in einem englischen Hafen und wurde dort konfisziert. Sie fährt daher jetzt mit deutschem Namen (ein englisches „Stone Rock“ klang mir zu abgefahren) aber unter britischer Flagge im Dienste Ihrer Majestät, der Königin, für England kriegswichtige Güter und wird daher auch von britischen Geleitschiffen beschützt…! Puuhh, Kurve gekriegt!

Jungfernfahrt

Jetzt fehlte nur noch die abschließende Jungfernfahrt auf dem vereinseigenen Weiher Nähe Weiden. An einem sonnigen, leicht windigen Sonntag im März war es soweit. Die Korvetten blieben (vorerst) noch zuhause, der Frachter wurde nach etwas Nachtrimmen auf die Reise geschickt. Er ist etwas windanfällig, vermutlich aufgrund der hochgezogenen Ladebäume, läuft aber dank des tief verbauten Bleiballastes stabil. Sein Gesamtgewicht liegt jetzt bei 3.800 Gramm. Das Fahrbild überzeugt, der Gesamteindruck ist stimmig, das Modellbauerherz freut sich. Aus dem hässlichen Entlein ist nun meiner Meinung nach ein stolzer Schwan entstanden. Die Steinfels wurde am 1. April 2019 in meine Flotte aufgenommen.