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Jürgen Schröter: Teilhard de Chardin


Tattva Viveka - epaper ⋅ Ausgabe 77/2018 vom 01.12.2018

Als französischer Jesuitenpater und Naturwissenschaftler erwacht Teilhard de Chardin in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges zum Mystiker. In diesem Szenario blickt er erstmalig hinter den Schleier der dramatischen Gegensätzlichkeit von »Gut und Böse«, »Freund und Feind«, »Krieg und Frieden« und zu guter Letzt auch von »Leben und Tod«.


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Bildquelle: Tattva Viveka, Ausgabe 77/2018

Dieser Artikel knüpft an meinen Artikel in der Tattva Viveka 76 über New-Age-Philosophen als Pioniere der Verbundenheit von spiritualitat und Wissenschaft an. In diesem Artikel wurde schon der französische Jesuitenpater und Naturwissenschaftler Pierre Teilhard de ...

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... Chardin (1881–1955) herausgestellt, der ein neues Kapitel der Verbundenheit von Mystik und Naturwissenschaft aufgeschlagen hat. Wir wollen dies nun vertiefen. Der Artikel bezieht sich ebenfalls auf den Artikel von Brigitte Halewitsch »Sri Aurobindo und C. G. Jung« als moderne Bewusstseinspioniere in der Tattva Viveka 75. Dazu gehört Pater Teilhard de Chardin sicher auch.

»Teilhards Überzeugung, im Herzen der Materie schlage das Herz eines Gottes, ist der kühnste Brückenbau, der zwischen Wissenschaft und Glaube, Mensch und Materie, Vergangenheit und Zukunft bisher versucht worden ist.«

Teilhard-Biograf Günther Schiwy (Lesebuch, S. 13)

Pater Teilhard de Chardin strahlt eine charismatische Faszination aus, die bis heute nicht nachgelassen hat. Er ist ein in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs erwachter Mystiker. Als Geologe, Paläontologe und Anthropologe ist er ein anerkannter Naturwissenschaftler. Er ist der erste christliche Theologe und Religions-Philosoph, der die darwinsche Evolutionstheorie mit dem christlichen Bibel-Dogma in Einklang gebracht hat. Er ist der Prophet für ein neues Christentum, der Religion der Liebe und der Evolution.

Er ist auch ein charismatischer, stattlicher und liebenswerter Mann, dem Frauen zu Füßen lagen.

Wir suchen heute noch nach der »Religion der Zukunft«. Pater Teilhard hat sie bereits skizziert – als weibliche Religion, als feministische spiritualitat, als christlicher Feminismus: das »Ewig-Weibliche« und seine Anziehungskraft. Die Liebe ist für ihn die Kraft, die – gegen die Kräfte des Bösen und der Entropie – alles zum »Punkt Omega« führt, der Vergöttlichung des Kosmos im »Leib Christi«. Damit hat er auch eine spirituelle Evolutionstheorie der Liebe im Ansatz erschaffen.


Seine Mystik ist eine Mystik der Liebe, die er bei einer Frau erfahren hat und über die Liebe zur Materie auf den ganzen Kosmos überträgt.


© Bilder: www.pixabay.com

Die Hausaufgaben, vor die Pater Teilhard als »Prophet der Zukunft« die Menschheit gestellt hat, sind noch nicht ansatzweise gelöst. Wenn die Disruption durch die digitale Revolution verklungen ist, der »Neuaufbau« der Welt im Sinne der Neuen Menschheit und der Neuen Erde wieder essenziell auf der Tagesordnung steht, können wir wieder auf die umfangreichen Vorarbeiten von Pater Teilhard zur Zukunft der Menschheit zurückgreifen.

Pierre Teilhard de Chardin hat durch das Publikationsverbot seines Jesuitenordens nicht viele Bücher hinterlassen, im Grunde nur vier: »Das göttliche Milieu« (1926), »Der Mensch im Kosmos« (1949), »Das Herz der Materie« (1950) und »Die Entstehung des Menschen« (1950). Die weitaus meisten Schriften sind Essays, die in den Werkausgaben zu finden sind (im Französischen in 13 Bänden, im Deutschen in zehn). Umfangreich sind auch Tagebücher und Briefe an Freunde, Verwandte oder Frauen. Frauen waren wichtige Adress-aten seiner Briefe, die Musen seiner allumfassenden Liebe. Diese Briefe an Frauen sind die umfangreichsten, die uns das innere Leben Pater Teilhards besonders nahebringen. Mit ihnen diskutiert er immer auch Glaubensfragen, sei es eine Autorin der Literatur, eine Feministin, eine Marxistin, eine Geologin oder eine Künstlerin. Vergessen wir nicht, dass Pater Teilhard als Weltreisender noch viel Zeit auf Schiffen oder in Zügen wie der Transsibirischen Eisenbahn verbrachte. Diese Zeit nutzte er ausführlich zum Schreiben von Briefen und Essays.

Das äußere Leben von Teilhard de Chardin

Marie-Joseph (!) Pierre Teilhard de Chardin wird am 1. Mai 1881 als viertes von elf Kindern in einer französischen Landadels-Familie gut behütet und »hochwohl « in der Nähe von Clermont-Ferrand (Zentralmassiv) geboren. Er hat zeit seines Lebens als Edelmann etwas Aristokratisches und Ritterliches. Die Familie ist streng katholisch, die Mutter eine sehr fromme »Herz-Jesu«-Frau, der Vater ein naturverbundener Mann, der in den Kindern das Interesse für die Natur, Mineralien, Fossilien, Pflanzen und Insekten weckt. So findet Pierre in seinen Eltern beide Seiten seines späteren Lebens: das Religiöse und das Naturwissenschaftliche.

Die theologische Ausbildung bei den Jesuiten und seine wissen-schaftliche Ausbildung sind umfangreich, mit 18 tritt er als Novize in den Jesuitenorden ein, bis er dann 1911 zum Priester geweiht und 1922 zum außerordentlichen Professor für Geologie am Institut Catholique von Paris berufen wird.

In dieser Zeit liest er recht begeistert das Buch von Henri Bergson »Schöpferische Evolution«, das 1907 in Paris erscheint. Bergson ist Jude und sieht in der Entwicklung der Schöpfung sicherlich nicht den »kosmischen Christus« erwachen. Teilhard ist 1911 noch skeptisch, dass sich Theologie und Evolutionstheorie miteinander vereinbaren lassen. Er hat sein paläontologisches Studium noch nicht abge-schlossen, ist noch nicht zum Mystiker erwacht. Doch irgendwie fasziniert ihn die Idee der Evolution in dieser Zeit: »Dieses magische Wort ›Evolution‹, das in meinem Denken immer wieder kam wie ein Refrain, wie ein Geschmack, wie ein Versprechen und wie ein Apell.« (Zitiert nach Schiwy, Bd. 1, S. 206/Das Herz der Materie, S. 41)

Während des Ersten Weltkrieges leistet er zwischen 1914 und 1919 den Kriegsdienst als Sanitäter und Bahrenträger unmittelbar an der Front ab und macht hier seine mystischen Erfahrungen. In diese Zeit fällt auch seine erste sicher platonische Liebesbeziehung zu einer Frau, seiner Cousine Marguerite Teillard-Chambon. Bis 1922, einundvierzigjährig, ist die Seele von Pierre Teilhard de Chardin als »Prophet der neuen Zeit« ausgereift. Seine Mystik ist eine Mystik der Liebe, die er bei einer Frau erfahren hat und über die Liebe zur Materie auf den ganzen Kosmos überträgt, die er als »Leib Christi« erfährt und im kosmischen Christus vollendet sieht.

Pater Teilhard de Chardin


Seine wichtigsten Thesen sind in Essays aufgeschrieben und von Rom und seinem Orden mit einem Veröffentlichungsverbot belegt, meistens auch von einem Vortragsverbot begleitet. 1923 beginnt seine erste Reise nach China, das bis über das Ende des Zweiten Weltkrieges 1946 als »zweite Heimat« – unterbrochen von vielen Studienreisen nach Frankreich, Indien, Äthiopien und andere – zum Exil wird.

1950 wird er von der französischen Akademie der Wissenschaften zum Mitglied berufen, die größte Ehrung, die Frankreich an seine Wissenschaftler zu vergeben hat.

Schon 1947 erleidet er in Frankreich seinen ersten Herzinfarkt, von dem er sich noch erholt. Ab 1948 besucht er erstmals Amerika, das bis zu seinem überraschenden Tod am Ostersonntag, den 10. April 1955, vierundsiebzigjährig, in New York zu seinem zweiten Exil wird. Es ist schon tragisch, dass dieser »Mann des Herzens« und »Sohn der Erde« einen Herzinfarkt bekam und an einem Hirnschlag verstarb. Sein Herz zerbrach sicherlich aber auch an den unerfüllten Beziehungen seiner Liebe zu Frauen.

Soweit das »äußere Leben«, die Eckdaten seiner Biografie. Viel wichtiger zu seinem Verständnis ist sein »inneres Leben «, was ihn zeit seines Lebens wirklich bewegt hat.

Jesuit mit Herz und Seele

Es ist sinnvoll, sich etwas mit dem Gründer der »Gemeinschaft Jesu«, dem Spanier Ignatius von Loyola (1491–1556) zu beschäftigen, um zu verstehen, warum Pierre Teilhard de Chardin seinem Orden zeit seines Lebens absolut treu geblieben ist


Kriege sind Krisen des Egoismus unter stärkster Spannung.


Ignatius und sein Orden waren eine nahezu »militärische Speer-spitze« (gegen die Reformation) mit dem Ziel, an die Reformation verlorene Gebiete im Sinne Roms und des Papstes zurückzuerobern. Sie verstanden sich als »kämpfende Ritter«, als »Soldaten Christi«. Der Orden war aber auch dem Judentum gegenüber nicht freundlich gesonnen, man könnte es auch »Antisemitismus« nennen. Beim Tod des Ignatius von Loyola zählte der Orden bereits 1.000 Mitglieder. Die Hierarchie des Jesuitenordens war militärischen Rängen angelehnt – bis hin zum »Ordensgeneral«. Disziplin war Pflicht. Der in unseren Alltagsgebrauch eingeflossene Begriff des »Kadaverge-horsams« stammt ursprünglich von Ignatius.

Der Jesuitenorden engagierte sich auch politisch, wir würden heute sagen: reaktionär. So wurde er als »militante Speerspitze des Katho-lizismus« überall im liberal werdenden Europa zu unterschiedlichen Zeiten verbannt und aufgelöst, auch 1902 wegen Antisemitismus aus Frankreich im Rahmen der Dreyfus-Affäre verbannt. Teilhard musste auf der englischen Kanalinsel Jersey seine Ordensausbildung fortsetzen. Gerade zwanzigjährig wird er zum ersten Mal aus Frankreich verbannt – mit seinem ganzen Orden. Nach Jersey folgen 1901 Studienjahre in Kairo und Hastings (Wales) bis 1912.

Raimund Badelt interpretiert Ignatius von Loyola in seinem Büchlein »Energie der Liebe« zusammenfassend mit den Worten: »Das heißt, Gott selbst wirkt durch die Natur im Menschen; er lädt den Menschen zur Kooperation in der ›immerwährenden Schöpfung‹ (creatio continua) ein.« (S. 32)

Genau das ist das Grundmotiv von Teilhard, dass die Schöpfung noch (lange) nicht zu Ende ist, sondern durch den Menschen im Geiste Gottes fortgeführt wird, »… wir bauen an der Schöpfung, letztlich am kosmischen Leib Christi« (Badelt, S. 37). »Ebenso wie die Schöpfung dauert auch die Menschwerdung Gottes (Inkarnation) an, solange die Welt besteht.« (Badelt, S. 46)

Teilhard hat Ignatius niemals kritisiert. Er müsse nur um die kosmische Evolution erweitert werden. Zwei fundamentale Stränge in dem Leben Pater Teilhards lassen sich auf Ignatius zurückführen: einmal der Priester-Soldat und Mystiker von der Front und zum anderen die Liebe zur Natur als göttliche Schöpfung.

Der Mystiker von der Front

Im August 1912 schickt der Jesuitenorden Pierre Teilhard nach Paris zum Studium der Paläontologie und verwandter Fächer. Er ist wieder in seiner französi-schen Heimat, mit Frankreich und seinem Orden versöhnt.

Teilhard diente nicht nur diszipliniert seinem Orden, sondern auch seinem Land Frankreich als Sanitäter im Ersten Weltkrieg 1914–1918 unmittelbar in den Schützengräben – auch acht Monate in der »Hölle« von Verdun. Teilhard drängt es an die Front. Sein Orden bietet ihm die weitere Ausbildung an (das »Terziat« als drittes Probejahr, das er bis zu seiner Berufung Wochen später sogar antritt), doch Teilhard will unmittelbar an die Front, ganz vorn in die Schützengräben.

Was in dieser Zeit passiert, ist das eigentliche Wunder. Teilhard war alles andere als ein Pazifist. Er war konservativ erzogen, und der französische Chauvinismus war ihm nicht fremd. Der Jesuitenorden war merkwürdig patriotisch, auf der französischen wie auf der deutschen Seite, als ob er sich den befeindeten Kriegsherrn jeweils andienen wollte. Man liest bei ihm in den Tagebüchern »kriegsverherrlichende Worte«, die einen sehr irritieren können:

»Der gegenwärtige Krieg ist schön; weil logisch, über alles Maß ehrlich, klar in seinem Prozeß – er ist eine sehr reine Geste – seit langem (vielleicht seit jeher?) der erste Krieg, der seine Definition und seine Natur als Aufeinanderstoßen zweier Völker voll verwirklicht.« (Schiwy, Bd. 1, S. 245)

»Du kannst mir glauben, ich würde hundertmal lieber Handgranaten werfen oder ein Maschinengewehr bedienen, als so überzählig zu sein. Es ist vielleicht nicht sehr orthodox, was ich dir jetzt sage – und dennoch glaube ich, daß ein Kern Wahrheit daran ist: Mir scheint, daß ich auf diese Weise mehr Priester wäre. Ist der Priester nicht derjenige, der das Gewicht des Lebens zur Gänze tragen und an sich zeigen muß, wie die menschliche Arbeit und die Liebe zu Gott sich verbinden können? Ich wüßte gerne, wie viele von uns Priester-Soldaten so denken«, schreibt er am 15. Februar 1917 an seine Cousine Marguerite. (Hemleben, S. 59 f.)

Man könnte fast denken, hier schreibt ein »Gotteskrieger«, der im »Heiligen Krieg« kämpft. Hier tritt der Anspruch von Ignatius von Loyola von seinem Orden als Soldaten und als Heer Christi deutlich zutage.


Teilhard denkt nicht in Jahrzehnten, er denkt in Jahrhunderten.


Doch er schreibt auch Sätze wie: »Wer die ›Front‹ gekostet hat, hat das Unendliche gekostet.« (Schiwy, Bd. 1, S. 255) Und wer das Unendliche gekostet hat, für den verschwinden die Dichotomien von »Gut und Böse«, »Freund und Feind«, »Krieg und Frieden«, »Leben und Tod« in ihrer dramatischen Gegensätzlichkeit und es werden relative, versöhnliche Begriffe. Der Krieg erscheint wie eine mächtige Naturkatastrophe – eine Eruption sich verstärkender Spannung hin zur Entspannung der Entladung eines Vulkans. Kriege sind Krisen des Egoismus unter stärkster Spannung. Pater Teilhard sah in den Leiden des Krieges auch bereits das Aufblühen der Liebe danach, die Versöhnung und das kooperative Zusammenwachsen der Menschen nach der Katastrophe. Teilhard denkt nicht in Jahrzehnten, er denkt in Jahrhunderten.

Es ist auch nicht zu vergessen, welche Rolle das Leiden im Christentum spielt, dass jeder »sein Kreuz« zu tragen hat.

Kriege waren für Pater Teilhard so etwas wie »das Kreuz der Menschheit«, das es zu ertragen und zu überwinden gilt. Nach dem Kreuz am Tod folgt die Auferstehung. Pater Teilhard ist allerdings ein Theologe, für den die Auferstehung viel wichtiger ist als der Tod am Kreuz. Die Auferstehung der Menschheit ist letztlich der Punkt Omega. Dieser Gedanke der Auferstehung steht mehr im Zentrum des Neuen Christentums. Seine mystischen Erfahrungen macht Pater Teilhard an der Front in ständiger Todesgefahr. Diese Zeit, er ist 33- bis 38-jährig, ist die intensivste Zeit seines Lebens. Er erlebt im Feuer des Krieges seine eigene Feuertaufe. Sein Biograf Günther Schiwy schreibt: »Die Kriegsjahre an der Front sind für Teilhard die Geburtsjahre eines Propheten.« (Bd. 1, S. 254)

In seinem (sehr autobiografischen) Buch »Das Herz der Materie« von 1950 im Rückblick schreibt er in der Einleitung »Der brennende Dornenbusch« (S. 28) von dieser mystischen Erfahrung:

»Purpurnes Leuchten der Materie, unmerklich übergehend in das Gold des Geistes, um sich schließlich in die Glut eines Universal-Personalen zu verwandeln; – all dies durchwirkt, beseelt, erfüllt von einem Atem der Einigung, – und des Weiblichen. Das habe ich im Kontakt mit der Erde erfahren: Das Durchscheinen des Göttlichen im Herzen eines brennenden Universums. – Das Göttliche, strahlend aus den Tiefen einer feurigen Materie: Das ist es, was ich versuchen möchte, hier erahnend und daran teilhaben zu lassen.«

Pierre Teilhard de Chardin ist kein Prophet des Nichts-Tuns. In seinem ersten Hauptwerk »Das Göttliche Milieu« (»Le Milieu divin«), 1926–1927 in China verfasst, thematisiert er im ersten von drei Teilen seines Buches »Die Vergöttlichung des Tuns«. Die Kriegsfront wird für ihn zu einem Symbol, an der Front der göttlichen Evolution zu kämpfen, als »General« für die Entfaltung des kosmischen Christus. Kurz nach dem Krieg gründet er 1947 mit Freunden in Paris einen kleinen Zirkel »Le Front humain« (Die menschliche Front), was deutlich macht, dass für ihn der Begriff »Front« meint, »an vorderster Front« zu wirken. Der moderne Begriff »cutting-edge« erinnert daran, am »Puls der Zeit« zu sein.

Sein deutscher Biograf Günther Schiwy schreibt dazu (Bd. 1, S. 262): »Teilhard begreift sich an der Front des Ersten Weltkriegs als einer, der sein Leben lang an der vordersten Front Gottes stehen wird, die für ihn identisch ist mit der Linie des Fortschritts für die Menschheit. Das ist seine Berufung, die er sich nicht ausgedacht hat, sondern die ihm zuteil geworden ist wie dem Moses: im brennenden Dornenbusch. An der ›Front‹ hat Teilhard ›gesehen‹, deshalb wird ihn die ›Sehnsucht nach der Front‹ nie wieder verlassen.«

Er verfasst in diesen Kriegsjahren und den Nachkriegsjahren des Ersten Weltkriegs in Paris nicht weniger als 16 Essays, die den Kern seines künftigen Werkes im Samen darstellen wie »Das kosmische Leben« (1916), »Der Kampf gegen die Vielheit« und »Der mystische Bereich« (1917), »Das Ewig-Weibliche«, »Der Priester« und »Mein Universum« (1918), »Die Namen der Materie« und »Die geistige Macht der Materie« (1919), »Notiz über den universellen Christus«, »Über die Weisen des göttlichen Wirkens im Universum«, »Bemerkungen zum Fortschritt« (1920) – der Prophet ist geboren, wie Schiwy schreibt, doch die Rückkehr nach Paris wird »die eigentliche Front seines Lebens«. (Schiwy, Bd. 1, S. 294)

Die Essenz seiner mystischen und theologischen Schriften fasst Pater Teilhard schon 1916 in drei Zeilen zusammen:

Es gibt eine Kommunion mit Gott.
Es gibt eine Kommunion mit der Erde.
Es gibt eine Kommunion mit Gott durch die Erde.
(»Das kosmische Leben«)

Pater Teilhard und die Frauen

Pater Teilhard wirkte besonders faszinierend auf Frauen, und er liebte die Frauen. Ohne diese tiefe Liebe zum Weiblichen ist seine Liebe zur Natur, zum Kosmos und zum kosmischen Christus nicht zu verstehen, seine im Kern »feministische Theologie«.

Seine erste Liebe gilt natürlich seiner Mutter, die er zeit seines Lebens geehrt und geheiligt hat. Jungfrau Maria als »Mutter Gottes« findet bei ihm eine besondere Liebe. (Er trägt auch ihren Namen im ersten Vornamen Maria-Joseph.) Sie repräsentiert für ihn das »Ewig-Weibliche «, sodass er genauso gut von der »kosmischen Christa« hätte sprechen können statt vom kosmischen Christus. Der Leib Christi ist letztlich männlich und weiblich zugleich, das »ganz Andere «.

Diese Liebe zum Mütterlichen war für ihn so groß, dass er auch den Planeten Erde im naturmystischen Sinne als »Mutter Erde« erkannte und anbetete. Nicht zu vergessen übrigens, dass Pater Teilhard vom Tierkreiszeichen ein Stier ist (1. Mai), das erdverbundenste Tierkreis-zeichen von allen zwölf.

Doch seine Liebe zu Frauen ist auch irdischer, sinnlicher Art.

Seine erste bekannte und das Leben anhaltende Liebe ist die zu seiner Cousine Marguerite Teillard-Chambon. (Man beachte die unterschiedliche Schreibweise von Teilhard und Teillard.) Auch wenn die Korrespondenz zwischen Marguerite und Pierre um die Kriegszeit am intensivsten war, brach sie bis zum Tode von Pierre niemals ab.

Diese Nähe in Paris vor und nach dem Ersten Weltkrieg war letztlich zölibatär nicht lebbar. Beide flohen vor der Nähe, Marguerite in eine Krankheit und einen Genesungsaufenthalt nach Italien, Pierre zu seiner ersten Chinareise 1923. Sicher gab es damals schon theolo-gische Differenzen zum Jesuitenorden, doch seine Reisen nach China und in andere Teile der Welt waren persönlich auch meistens damit motiviert, vor körperlicher Nähe zu Frauen zu fliehen. Neben dem Aspekt der theologischen Verbannung gab es immer auch den Aspekt der »Flucht« vor leibhaftigen Frauen. Marguerite wurde nach dem Genesungsaufenthalt in Italien dann Lehrerin für Literatur in Paris und hat später als Schriftstellerin unter dem Autorennamen Claude Aragonnès Bücher veröffentlicht. In ihrem ersten Roman von 1925 »La Loi du faible« (Das Gesetz der Schwäche) verarbeitete sie ihre Beziehung zu Pierre.

Ida Friederike Görres schreibt über diese Liebe zusammenfassend: »Mit ihr, durch sie, hat Teilhard sein ›Modell‹ weiblicher Freund-schaft empfangen, die Norm und das Maß für alle späteren: die Frau als Ebenbürtige, als Freund und als Jüngerin, als Begleiterin seiner inneren Wege.« (Sohn der Erde, S. 139 f.)

Pater Pierre hatte in Paris auch die erste Doktorin in Philosophie auf der französischen Universität Sorbonne, Léontine Zanta (1872–1942) kennengelernt, eine nahezu 20 Jahre ältere Schriftstellerin und kämpferische Feministin, mit der er in einem regen Briefwechsel stand. Sie war auch eine verehrte Lehrerin von Marguerite. Er sprach sie in den Briefen mit »liebste Freundin« an. Es ist beachtenswert, dass Pater Teilhard über viele Jahre mehr als nur im Briefkontakt zu einer der großen Pariser Feministinnen stand und sich mit ihr austauschte. Auch ein Buch von ihr, das 1934 erscheint, wird sich auf Pierre Teilhard beziehen.

Ihr vertraut er an, was an Klarheit in keinen anderen Briefen zu finden ist: das »wandelnde Gottesbild«, der »Umsturz aller Perspek-tiven«, die kommende »neue Religion« eines »besseren Christen-tums, wenn Sie wollen –, ein Neo-Christentum …« (Ida Friederike Görres, S. 144). Was für eine Offenheit! Hier braucht er nicht zu fürchten, von seiner Briefpartnerin missverstanden oder gar denunziert zu werden. Durch den Einfluss dieser französischen Feministin wurde seine Theologie zu einem christlichen Feminismus!


»Ich liebe täglich vollkommener. Es ist der Mann, den zu finden ich mein ganzes Leben lang geträumt habe, doch warum hat sich Gott dabei jenen kleinen Witz erlaubt und ihn zum Priester gemacht!« (Lucile Swan)


Die dritte Freundin, die Pater Teilhard im Winter 1924/25 kennenlernte und mit der er spätestens seit 1926 bis 1952 Briefe wechselte, war die Marxistin und amerikanische Kommunistin Ida Treat. Sie ist auch Geologin und arbeitete im Naturhistorischen Museum in Paris wie Pierre unter dem gemeinsamen Lehrer Professor Boule. So ist Pater Teilhard auch »gezwungen«, sich intensiver mit dem Marxismus und Kommunismus zu befassen. (Hierzu gibt es einen ganzen Sammelband »Briefe an eine Marxistin«.) Von ihrem Einfluss geprägt schreibt Pierre Teilhard de Chardin sogar an sie: »Meiner Meinung nach ist es mehr und mehr der Kommunismus, der gegenwärtig das wahre menschliche Wachstum repräsentiert und monopolisiert.« (Schiwy-Biografie, Bd. 2, S. 150)

Doch Pierres nächste große Liebe, die am längsten anhält und ihm vielleicht am treuesten ist, das ist die amerikanische Künstlerin Lucile Swan, die er 1929 in China kennenlernt. Sie modellierte den Kopf des »Peking-Menschen«, an dessen wissenschaftlicher Aus-wertung Teilhard de Chardin intensiv beteiligt war, und erschuf zwei Büsten ihres geliebten Pierre. Diese Beziehung wühlt Pierre wohl am meisten auf, und voller Selbstzweifel fragt er sich in einem Brief an sie: »Aber wer lebt wirklich auf dem Grund meiner Seele – der Christ, der Heide oder der Mann?«

Und Lucile Swan schreibt selbst: »Ich liebe täglich vollkommener. Es ist der Mann, den zu finden ich mein ganzes Leben lang geträumt habe, doch warum hat sich Gott dabei jenen kleinen Witz erlaubt und ihn zum Priester gemacht!« (Schiwy, Eine heimliche Liebe, S. 69)

Diese Liebesbeziehung ist wohl die emotional aufwühlendste und bleibt bis zum Tod Pater Teilhards in New York bestehen. Lucile ist Amerikanerin und lebt auch in New York.

Pater Teilhard hatte schon 1935 auf Forschungsreisen Rhoda de Terra kennengelernt, die während des zweiten Exils von Pater Teilhard auch in New York lebte und zu der Pierre ebenfalls eine intensive Beziehung (Briefe, Besuche) pflegte. Sie begleitete ihn – anders als die Künstlerin Lucile – auch auf verschiedenen Forschungsreisen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es wohl vor allem Rhoda de Terra, zu der Teilhards Kontakt am intensivsten war. Sie ließ sich auch – wie Lucile – von ihrem Mann scheiden. Als Pierre Teilhard dann Ostersonntag 1955 (am Tag der Auferstehung der Christen) in New York starb, war es in der Wohnung von Rhoda, nicht in der von Lucile.

Pater Teilhard suchte in der Liebe zwischen Mann und Frau den »Dritten Weg« »zwischen der Ehe einerseits und dem von Ordens-gelübde und Zölibatsversprechen geforderten Verzicht auf zwischenmenschliche Liebe andererseits. « (Günther Schiwy: »Eine heimliche Liebe. Lucile Swan und Teilhard de Chardin«, S. 10)

Dieser Weg ist »nicht ein mittlerer, sondern ein höherer« (Teilhard de Chardin, Das Herz der Materie, S. 86), die Vision einer neuen Liebe zwischen Mann und Frau, die sich nicht in Sexualität und monogamer Ehe verwirrt, sondern beiden dient, um geistig zu wachsen.

Pater Teilhard war ein leidenschaftlich liebender Mann, der seinem Zölibatsversprechen treu blieb so wie seinem Orden. Gerade seine intensiven Beziehungen zu Frauen machen ihn so menschlich.

Lesen Sie im zweiten Teil in der nächsten Tattva Viveka noch mehr Einsichten Teilhards über das Ewig-Weibliche, über das Neue Zeitalter und einiges Informatives über ihn als Person.

Literaturverweise

Ausführliche Literaturverweise und Buchbesprechungen in meinem Buchblog: https://buch-blog.info/teilhard-de-chardin

Zum Autor

Jürgen Schröter (Jahrgang 1951) ist von Hause aus Pädagoge, war Lehrer in der Erwachsenenbildung und hat sich 1989 selbstständig gemacht. Hier hat er als Texter und Lektor gearbeitet, ist Autor (»Zahlenmystik als spiritueller Weg«), hat eine Autorenschule und den Verlag DIE SEELE gegründet. Er war der erste Herausgeber des an Ken Wilber orientierten Online-Magazins »integral informiert«. Seine Vision ist es, Schöpfungsmythologie und Evolutionstheorie in einer Theorie der Selbst-Bildung der Geist-Seele zu integrieren. Er lebt mit Sohn und Enkeln in Südfrankreich. https://juergen-schroeter.de

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