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Jugendliche Heldinnen unter dem NS-Terror


Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 7/2021 vom 02.07.2021

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Artikelbild für den Artikel "Jugendliche Heldinnen unter dem NS-Terror" aus der Ausgabe 7/2021 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

In Lüneburg schlendert Sophie Scholl fröhlich durch einen hellen Wald; in Hamburg marschiert sie über ein Schlachtfeld, ihr Gesicht bleibt unsichtbar, dafür erkennt man Tote und Verstümmelte. Zwei kurze Impressionen aus zwei Aufführungen der Kammeroper „Weiße Rose“ von Udo Zimmermann, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Nur die Grundidee des Bühnenbildes eint die beiden Inszenierungen von David Bösch an der Hamburgischen Staatsoper und Friedrich von Mansberg am Theater Lüneburg. In Lüneburg sind die Umrisse der Zellen, in denen Hans und Sophie Scholl auf ihre Hinrichtung warten müssen, auf den Bühnenboden gemalt, in Hamburg sind sie wie helle Bilderrahmen hochkant gestellt. Doch die sieht der Zuschauer am Streamcomputer erst, wenn die vielen Anklagepunkte in alter Maschinenschrift zu den Klangschlägen Zimmermanns auf den Bildschirm getackert sind: „Sabotage“, ...

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... „Wehrkraftzersetzung“, „Führerbeleidigung“.

HAMBURG: GRAPHIC OPERA

Dann endlich die Protagonisten: Links Hans (Michael Fischer), rechts Sophie (Marie-Dominique Ryckmanns), beide aus dem Off singend. Hoch und hell klingt Sophies „… ich entschlafe des Todes“. Sie zeichnet eine schwarze Rose an die weiße Wand, presst beide Hände dagegen, als könnte sie das mit dem Bruder in der anderen Zelle verbinden. Nach diesem starken szenischen Auftakt beginnt, was Bösch sowie Patrick Bannwart und Falko Herold, beide für Bühnenbild und Animation zuständig, eine Graphic Opera genannt haben: Ryckmanns wird in einem engen Gang gefilmt, sie wühlt in der dort liegenden Erde, daraus erblüht eine leuchtend weiße Rose. Dann donnern Hakenkreuzbomber über sie hinweg, rotes Feuer, Schreie folgen. Historische, aber stark bearbeitete Aufnahmen, überblendet mit scherenschnittartigen bedrohlichen Motiven, grundieren eine düstere Graphic Novel, die David Bösch nutzt, um „reale Spielszenen und animierte Sequenzen zu verbinden“: ein Versuch, ein „eigenes Genre“ zu schaffen.

LÜNEBURG I: KARGE SZENERIE

Dahinter steht in Hamburg wie auch in Lüneburg der Anspruch, mit dieser besonderen Form neue Publikumsschichten zu erreichen: Die Kammeroper soll zum „interaktiven Opern- und Vermittlungsprojekt“ werden, wie es in Lüneburg heißt. Das schwarz-graue Bühnenbild ist hier noch strenger als in Hamburg: In den weißen Zellenquadraten sind Tisch, Stuhl, Waschschüssel, selbst die Bibel penibel ausgerichtet. In diese karge Szenerie klingen die Tonschläge schier zerstörerisch herein, erst einzeln, dann doppelt auf- und absteigend. Sophies (Franka Kraneis) „Ich entschlafe des Todes“ klingt erst sehnsüchtig, dann furchtsam-schrill; Hans (Christian Oldenburg) ermahnt sich singend, wach zu bleiben, dann verschränken sich ihre Stimmen, asynchron. Auch hier wird meist aus dem Off gesungen, Regisseur Friedrich von Mansberg legt Aufnahmen des Orchesters darunter; später kommt der filmische Waldspaziergang dazu. Hier nutzt man den Film vor allem, um die lebensfrohe junge Frau zu zeigen, die Widerstand und Wagemut mit dem Tod büßen muss. Doch die Inszenierung kehrt immer wieder zur Bühne, zu ihren Protagonisten zurück. Hans’ flehendes „Schießt nicht!“ begleitet ein Klanggewitter; Sophie singt von der Rose, er von Menschenhügeln: „Erde, Erde, dunkle Erde, die Gräber zuzudecken.“ So wechselt die Aufführung immer wieder zwischen dem Wald der glücklichen Zeiten und der Haft, zwischen Totale und sehr naher Nahaufnahme. Die Untertitel werden zum Friedensappell, die Geschwister verlassen die Bühne, auf die zu Zimmermanns aufwühlender Musik Flugblätter fallen.

LÜNEBURG II: ALT UND JUNG

Franka Kraneis war in Lüneburg zuvor auch schon die Titelheldin in Grigori Frids Mono-Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“. Regisseurin Kerstin Steeb wählte allerdings ein riskantes Konzept: Die alte Dame, die da mit schweren Schritten, brav kariertem Kleid und Brille die Bühne betritt, ist nicht Anne, sondern jene fiktive Kitty, an die Anne ihre in Briefform gehaltenen Tagebucheintragungen adressiert. Sie, Kitty, sei die Freundin, die Anne nie haben konnte, sei so alt, wie Anne heute wäre – das „wenn nicht …“ bleibt unausgesprochen. Diese Kitty also flirtet mit der Kamera, versucht sich an der Technik der „jungen Leute“ samt Selfie. Natürlich ist das der Versuch, ein erhofft junges Publikum anzusprechen, es führt aber zu Irritationen. Mal liest diese „Kitty“ die Briefe an Kitty, mal muss sie gleichzeitig schreiben, vorlesen und singen. Und wenn aus der Stille heraus Klavier und Kraneis’ Stimme Ton auf Ton den „Unterschlupf“ besingen, der schützt und ängstigt zugleich – dann ist sie plötzlich Anne, nicht Kitty. Später legt sie dann mit der weißen Perücke auch die Kitty-Figur ab, Mädchenzöpfe werden sichtbar – und schon wird die Streamaufführung nachdenklicher, weniger auf Wirkung bedacht. Musikalisch ist die Produktion gelungen, Kraneis gibt hoch, klar, scharf die „Kitty“, nachdenklich-verletzt die Anne.

DIE AUFFÜHRUNGEN

» Udo Zimmermann: „Weiße Rose“. Staatsoper Hamburg. Regie: David Bösch. Bühne/Animation: Patrick Bannwart, Falko Herold. Sophie Scholl: Marie-Dominique Ryckmanns. Hans Scholl: Michael Fischer

» Udo Zimmermann: „Weiße Rose“. Theater Lüneburg. Regie: Friedrich von Mansberg. Sophie Scholl: Franka Kraneis. Hans Scholl: Christian Oldenburg

» Grigori Frid: „Das Tagebuch der Anne Frank“. Theater Lüneburg. Musikalische Leitung: Kanako Sekiguchi. Inszenierung: Kerstin Steeb. Bühnen- und Kostümbild: Barbara Bloch. Anne Frank: Franka Kraneis

» Grigori Frid: „Das Tagebuch der Anne Frank“. Carl-Maria-von-Weber-Theater Bernburg (Saale). Regie: Klaus-Peter Fischer. Anne Frank: Miriam Sabba. Mitteldeutsche Kammerphilharmonie Schönebeck

» Grigori Frid: „Das Tagebuch der Anne Frank“. Staatstheater Karlsruhe/ Staatstheater Cottbus. Regie: Patric Seibert-Wolf. Kostüme: Mara Wedekind. Anne Frank: Ilkin Alpay Und das Klavier klingt eindringlich.

KARLSRUHE/COTTBUS: GEZACKTE LINIEN

Ebenfalls die Klavierfassung dieser Mono-Oper wählte man auch für eine Koproduktion der Theater Karlsruhe und Cottbus. Und auch hier mischt Musikdramaturg und Regisseur Patric Seibert-Wolf verschiedene Medien. Das beginnt als Film: Anne (Ilkin Alpay), im Kapuzenshirt und mit Fingerhandschuhen, sprayt Graffiti auf eine Mauer. Dann blättert sie in einem Raum, so dunkel wie der ganze Stream, im dicken (Tage-)Buch, singt daraus hoch und expressiv, Virginia Breitenstein am Klavier setzt dunkle Akzente dazu. Plötzlich verliest Barbara Dussler aus dem Off die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden in der deutschen Wirtschaft“ – die (nicht synchronen) Schallwellen ihrer Stimme laufen quer durchs Bild. Der Stimme und den gezackten Linien begegnet man noch häufiger, so wie dieses „Tagebuch“ mehr und mehr zum Film wird. Dass es teilweise auf einer Bühne spielt, ist erst gegen Ende zu ahnen. Die Kamera klebt förmlich an Alpay, an den meist aufgerissenen Augen, an jeder Bewegung und Geste. Inhaltlich kommt Seibert-Wolf schnell auf den Punkt: „Nicht in die Hände der Faschisten fallen“, die aufkeimende Liebe zu ihrem Freund Peter, dem sie Botschaften aufs Smartphone tippt. Alpay spielt und singt eine intensive Anne Frank, häufig aber klingt das Klavier bedrohlicher, als es die Szenen sind. Nach 40 Minuten ist der Theaterfilm mit dem Einstundenwerk durch, Paul Celans „Todesfuge“ lässt die Schallwellen erstarren, die Klavierklänge verwehen.

BERNBURG: VERDREHTE WELT

Musikalisch die eindrucksvollste Frid- Inszenierung gelang im Theater Bernburg mit der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck. Die Orchesterklänge ahnen hier Annes Schicksal schon, als diese im Frühlingskleid noch vom Leben träumt. Das junge Mädchen (von Miriam Sabba eindringlich gesungen und gespielt) und ihr Tagebuch stehen einzig im Mittelpunkt, von Klaus-Peter Fischer stringent und realistisch inszeniert. Da zündet Anne fröhlich ihre Geburtstagskerze an, doch ihre expressive Stimme läßt das Kommende ahnen. In nur einem Satz kann sich Helle in Dunkelheit, froher Mut in Furcht wandeln. Auch die Kammerphilharmonie unter der Leitung von Jan Michael Horstmann bietet facettenreiche Klänge: Annes Welt (ver-)dreht sich wie in einem dunklen Tanz, Trommel, Bläser und Streicher begleiten den Weg ins Versteck mit einem sanften Marsch. Hält Fischer sich anfangs noch streng an Frids Vorlage, geht er später auch freier und eindringlicher mit ihr um – und Miriam Sabba ebenso. Wie sie, als Pietà, „Warum hast du mich verlassen“ singt oder wie ihr flehendes „Lieber Gott“ mit harten Einzelklängen einhergeht – das sind Gänsehautszenen!

Opera animé haben David Bösch, Patrick Bannwart und Falko Herold ihre in Hamburg entstandene Inszenierung auch genannt, und das trifft es gut: Hakenkreuze sind allgegenwärtig, an den düsteren Werwölfen, in Hitlers Augen, an Panzern. Stiefel trampeln ein hungriges Mädchen tot, Bomben fallen, Häuser brennen. Selbst auf dem Papier in Hans’ Schreibmaschine feuern Stalinorgeln. Das fügt sich zum vehementen Antifaschismusfilm, der die Geschwister und Zimmermanns Musik fast ins Hintertreffen bringt. Zu Unrecht: „Das ist der Tod“ singt Hans, Sophie „die Sonne scheint noch“ dagegen. Und wenn sie im düsteren Bunker Hand und Stimme erhebt, ihren Verlobten Fritz und ihre Zukunft besingt: Dann fragt und staunt die Flöte dazu. Das geht unter die Haut.