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JUNG UND WEISE


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Nylon - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 15.04.2022
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Bildquelle: Nylon, Ausgabe 1/2022

„Schule ist wichtig. Es gibt Orte, an de dch de Musik nicht bringen wird, und ein Abschlusszeugnis spricht für sich.“

Rema kann sich selten Zeit lassen, das letzte Mal war vielleicht im Mutterleib. Neun Monate lang bleibt er ohne Tritt im Bauch, auch nach zehn Monaten will er sich der Welt noch nicht zeigen. „Geben sie ihm einen Push“, habe der Arzt damals zu seiner Mutter gesagt. „Und dann kam ich am Ende doch schreiend raus“, erzählt Rema, einer der gefragtesten nigerianischen Musiker, am Telefon. Für seinen bürgerlichen Vornamen – denn Rema ist sein Künstlername – wählt seine Mutter daraufhin ein englisches Wort, das die Erfahrung der Geburt für sie am besten beschreibt: Divine. Göttlich, himmlisch, heilig. „Divine“, so heißt auch der erste Song auf Remas Debütalbum „Rave & Roses“, das im März erschienen ist. Mit 22 Jahren singt der Rapper in 16 Songs über Themen wie Liebe, Sex, unter anderem ...

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... aber auch über die schwierigen Seiten seines Lebens, denn das war bisher schon ereignisreich, gelinde gesagt: Geboren in der Millionenstadt Benin City, wächst Rema mit seinen Eltern und Geschwistern auf. Als er acht Jahre alt ist, stirbt sein Vater, Jahre später auch sein Bruder, da ist Rema 17. Die besondere Beziehung, die er und seine alleinerziehende Mutter seit jeher haben, wird von der Zeit geprägt, in der Rema miterlebt, wie seine Mutter versucht, die Familie zu ernähren und ihr ein Zuhause zu bereiten. „Es war wirklich hart zu sehen, wie man sie in unserer Hood behandelte beziehungsweise mit welchen Struggles sie konfrontiert war. Sie nachts weinen zu hören war nichts, was ich zu managen wusste. Aber auch wenn ich ihr damals nicht viel geben konnte, lag ich oft neben ihr und habe sichergestellt, dass sie jemanden an ihrer Seite hat.“

Für andere zu sorgen ist seitdem Teil von Remas selbst geschriebenem Masterplan. Sein Handeln ist durchzogen von einem für sein Alter vielleicht überdurchschnittlichen Pragmatismus: „Alles, was ich tue, mache ich nicht zum Spaß, sondern weil ich weiß, dass es sich auszahlen wird“, sagt er. „Ich bin einfach dieser Typ, der immer weitermacht. Ich werd’s mir nicht in meiner Safe-Zone bequem machen.“ Parallel zur Musikkarriere studiert Rema seit Kurzem Kreative Künste an der Universität Lagos – auch um seine Mama stolz zu machen. Für einige mag es antizyklisch klingen, als weltweit erfolgreicher Musiker mit einem frisch gelaunchten Debütalbum erst mal im Hörsaal zu sitzen. Warum also ist es für Rema jetzt genau der richtige Zeitpunkt zu studieren? „Schule ist wichtig“, antwortet er. „Es gibt Orte, an die dich die Musik nicht bringen wird, und ein Abschlusszeugnis spricht für sich.“ Und: „Ich bin noch jung. Ich schaffe das.“ Seinem Team habe er trotzdem versprochen, sein Leben bald mehr auszubalancieren, auch mal runterzufahren, mehr zu schlafen, erklärt Rema. Seine Copingstrategien für den Stress bestimmt er selbst, auch die Arbeit hilft ihm. Songs nimmt er allein auf, maximal in Anwesenheit von Toningenieur*innen, oder zeichnet seine Album-Artworks für die Grafik-Teams vor. Wenn er sich doch mal ganz rausziehen muss, taucht Rema ein in die Graffiti-Community oder trifft sich mit Skater*innen in Lagos. Er nennt das die „Freiheit, in seiner eigenen Energie herumzustreifen“. In solch poetischen Sätzen spricht er oft im Interview und in malerischen, aber prägnanten Sinnbildern. Ein warmer Flow, wie man ihn auch aus seiner Musik kennt.

Seinen Weg in die Musikindustrie findet Rema, als er vor wenigen Jahren ein Video postet, in dem er freestyle über den Song „Gucci Gang“ von D’Prince rappt. Kurz darauf landet er einen Plattenvertrag bei D’Prince’ eigenem Label Jonzing World. Rema mixt Lovesongs, aber auch gesellschaftskritische Lyrics, verpackt in leichten Sounds mit wechselnden, internationalen Einflüssen und einer sprachlichenKombination aus Englisch und regionalen Sprachen Nigerias. Ein Jahr später ist er auch international ein Thema von Feuilleton bis Indie-Modemagazin. Er wird zu einem neuen Gesicht des weltweiten Vormarschs von Afrobeats gekürt.

Dabei will sich Rema selbst wie viele seiner Kolleg*innen nicht in eine musikalische Schublade stecken lassen. Zwar sagt er auch in unserem Gespräch, dass er in der Repräsentation von Afrobeats sein Bestes geben möchte, seiner eigenen Musikrichtung hat Rema vor einiger Zeit dann aber doch ein eigenes, anderes Label aufgedrückt: Afrorave. Zu dieser Zeit wurde er bereits gefeiert, aber auch kritisiert, unter anderem dafür, sich in seiner Musik zu vieler internationaler Einflüsse zu bedienen. Als seine Songs jedoch immer beliebter wurden, tauchten Rema zufolge Kopien auf. „Deshalb musste ich meiner Musik schnell einen Namen geben, einen Stempel, um sie mit meinen Fans zu verbinden, ich nenne sie Ravers. Außerdem sehe ich meinen Sound als Medium, das ein Movement in Gang setzt, und das hat er getan. Ich habe dem Sound einen Namen und damit einen Wert und Nutzen verliehen. Das hat die Fans dazu inspiriert, härter abzugehen und an etwas Neues, Frisches zu glauben. Seither wächst meine Fanbase immer weiter.“

Wenn es um seine Songs geht, betonte Rema vor zwei Jahren sein junges Alter und erklärte, warum es ihm wichtig sei, in seinen Videos und Songs beispielsweise keine allzu sexuellen Inhalte auszuspielen. Zwei Jahre später sieht das ganz anders aus, dafür muss man nur die Lyrics und Videos zu Rema-Songs wie „Soundgasm“ oder „Bounce“ googlen, in denen sexuelle Szenen detaillierter sind als in mancher Fanfiction. Auch einen Song über seine Liebe zu Frauen in allen Shapes und Sizes hat Rema seitdem geschrieben. Was ist passiert? Einmal

GET THE Rema LOOK

„ Einer der Hauptgründe, warum ich schreibe und meine eigene Musik singe, ist, meine Familie zu ernähren.“

im Tourbus sei ihm die Idee für einen Sexsong gekommen, sagt er, „Soundgasm“. Mit über 37 Millionen Streams gehört er heute zu den meistgespielten Rema-Tracks auf Spotify. Für den Sänger geht es besonders darum, in der Musik seine Realität abzubilden. Und dazu gehört eben auch Sex – mittlerweile: „Als ich die Idee hatte, konnte ich den Song nicht schreiben, weil ich eben noch keinen Sex hatte, verstehst du? Also wartete ich Monat um Monat, bis es so weit war.“ Rema lacht, als er die Geschichte erzählt. Am Valentinstag sei’s dann passiert („I had a great time“), dann habe er den Song geschrieben. Er schlussfolgert: „Manchmal ist es einfach auch ein strategischer Move, nicht wahr?“

Strategien für Veränderung schmiedet Rema manchmal auch außerhalb der Musik. Seine Äußerungen gegen die Gewalt der Polizeieinheit SARS in Nigeria sind viel dokumentiert. Darüber hinaus hält er sich in Sachen gesellschaftspolitische Äußerungen aber an eine Maxime, an der sich einige ein Beispiel nehmen könnten: erst lernen, dann sprechen. Auf die Frage, ob er seine Plattform in Zukunft auch weiterhin für Themen wie soziale Gerechtigkeit nutzen würde, verweist Rema zuerst auf seine Fans. „Menschen, die für mich da waren, würde ich immer diese Ehre erweisen, daran gibt es keinen Zweifel. Ich würde aber nur Dinge ansprechen, die ich auch verstehe. Jede Situation, in die ich gerate, untersuche ich gemeinsam mit einem ,Ältestenrat‘: Meist sind das die älteren Mitglieder meines Teams. Mit ihnen gehe ich Themen durch und versuche dann, meine Tweets zu kuratieren oder Veränderungen zu erwirken. Mir geht es bei alledem darum, junge Menschen zu unterstützen.“

Tipps von Vertrauten einholen – ein Ratschlag, den Remas Mutter ihm mit auf den Weg gegeben hat. Ein weiterer kommt von Rema selbst. Danach gefragt, wie er den Druck balanciere, seine Herkunft und ihren Sound zu repräsentieren, ohne darauf reduziert zu werden, winkt Rema ab – natürlich mit Pragmatismus – und kehrt zu seinen Kernmotiven zurück: „Einer der Hauptgründe, warum ich schreibe und meine eigene Musik singe, ist, meine Familie zu ernähren. Warum sollte ich meinen Geist damit überschatten, was die Welt gegen mich hat? Ich hatte schon Ziele, lange bevor ich in die Musikindustrie kam. Ich werde mir diesen Druck nicht zu Kopf steigen lassen.“ Und warum sollte Rema das auch? Er ist schließlich jung. Er kann sich Zeit lassen. ◆