Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

Jung und wild


myself - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 09.01.2019

Sie denken quer und brechen Regeln, weil sie wissen: Kreativität ist die Währung der Zukunft. Sieben unkonventionelle Rolemodels


Die (Überlebens-) Künstlerin

Janina Roider, 32, führt ihr Atelier wie ein Start-up – und verdient damit besser als je zuvor

Mit den schwarzen Doc Martens an den Füßen sieht Künstlerin Janina Roider aus, als würde sie gleich eine Großdemonstration anführen. Die Gibsol-uitarre, die in ihrem Atelier lehnt, kann man sich gut in ihren Händen vorstellen. So wie die farbverschmierten Pinsel und Sprühdosen. An der Frau mit den wilden Locken wirkt vieles so, als würde es sich nur schwer ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von myself. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2019 von // Horoskop. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
// Horoskop
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Das Beste im Februar. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das Beste im Februar
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von 20 Dinge, die Licht ins Leben bringen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
20 Dinge, die Licht ins Leben bringen
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Gefeuert!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gefeuert!
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Das Smartphone wird Arzt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das Smartphone wird Arzt
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Female Forward: So habe ich’s gemacht. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Female Forward: So habe ich’s gemacht
Vorheriger Artikel
Das Beste im Februar
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel 20 Dinge, die Licht ins Leben bringen
aus dieser Ausgabe

... bändigen lassen.

Während einem auf Instagram eine endlose Selfieflut entgegenschwemmt, widmet sich die Augsburgerin unter anderem einem der klassischsten Sujets überhaupt: dem Porträt. Mit einem Unterschied: „Ich male keine Abbilder.“ Janina Roider nutzt bekannte Formen als Schablone und verwertet sie neu. Die Motive ihrer großformatigen, meist titellosen Bilder sind uneindeutig, sie stören den gewohnten Blick. „Ich will das flüchtige Sehen herausfordern“, sagt sie. Kreativität bedeutet für sie: freies Denken, losgelöst von gesellschaftlichen Zwängen. 2017 verletzte sie sich an der Hand, sechs Monate konnte sie nicht arbeiten. Ihren Teilzeitjob als Kunstlehrerin hatte sie zuvor hingeworfen, die langjährige Zusammenarbeit mit ihrer Galerie aufgekündigt. „Ich wollte frei arbeiten – und plötzlich war ich am Existenzminimum.“ Da dachte sie: Die Welt kann mich mal. Kurz darauf erhielt sie ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung, es läuft noch bis März. „In den letzten Monaten habe ich so viel gelernt wie noch nie“, sagt sie. Und zwar von Leuten, die mit Kunst überhaupt nichts zu tun haben. Wie von ihrer Lebensgefährtin, einer Start-up-Gründerin. Unternehmerisch denken, sich strukturieren – und vor allem in sich selbst investieren. Seither verkauft sie gut.

„Man kann von Kunst ziemlich gut leben“, sagt Janina Roider, „aber es kommt nicht von alleine.“

Janina Roiders Atelier. Nicht im Bild: ihre Gitarre – und Hündin Aila.


Elizaveta Porodina in New York – als Selbstporträt, 2018.


Fotografin mit Psycho-Blick

Die deutsch-russische Elizaveta Porodina, 31, gilt als Foto-Revolutionärin

Kraftvoll, surreal und traumwandlerisch, inszeniert bis ins kleinste Detail. Man kann sich verlieren in den Fotografien von Elizaveta Porodina, fasziniert von der Intensität, mit der sie Menschen porträtiert. Mit ihrer Kamera offenbart sie Innerstes, ohne ihre Modelle bloßzustellen. Dass sie sich dabei hemmungslos an Elementen der verschiedensten Stilepochen und Kulturen bedient, wild experimentiert mit Unschärfen und Überzeichnungen, analogen und digitalen Techniken, und daraus eine völlig eigene Kunstsprache schafft, hat der Autodidaktin den Ruf einer Revolutionärin eingebracht. Modemagazine und internationale Designer reißen sich darum, mit ihr zu arbeiten, auf Instagram hat sie über 100 000 Follower, ihre Ausstellungen sind Publikumsmagnete. Sie selbst ist darüber ein wenig erstaunt: „Letztlich tue ich einfach, was ich tun muss. Kreatives Arbeiten ist für mich wie atmen oder essen.“ Fotografie, sagt die 31-Jährige, die in Moskau geboren wurde und mit 13 mit ihrer Familie nach München kam, sei für sie in erster Linie ein Mittel zur Kommunikation. Der Austausch liegt ihr am Herzen. Vor ihrer Karriere studierte Elizaveta Porodina Psychologie und arbeitete zwei Jahre in der Psychiatrie. „Mich interessiert die Tiefe einer Person, das, was unter der Oberfläche liegt.“ Dabei geht es ihr nicht etwa um Düsternis, sondern um aufrichtiges Interesse am anderen, um das Entdecken von Gemeinsamkeiten. „Schließlich hätten wir letztlich alle nur eine Intention: gesehen und geliebt zu werden.“


„Ich würde nie Produkte vorstellen, von denen ich nicht überzeugt bin. Aber mit Demokratie habe ich bisher nur gute Erfahrungen gemacht“


Die Influencerin

Moderatorin Sophie Passmann, 25, hat im Influencer-Kosmos eine Marktlücke entdeckt: Politik

Anfang 2017 hatte Sophie Passmann auf Twitter gerade mal 100 Follower. Heute sind es 64 000 und auf Instagram noch mal 43 000. Sophie Passmann ist das, was man eine Influencerin nennt: jemand, auf dessen Meinung andere Wert legen, im Netz und anderswo. Doch bei ihr geht es weder um Kajalstifte noch um Fashion. Sondern um Politik. Beim Kartoffelschälen erklärt sie, warum es ratsam sei, das Werbeverbot für Abtreibungen aufzuheben. Vor der Bundestagswahl packt sie Wahlunterlagen vor der Kamera aus. Ihr Kommentar: „Ich würde nie Produkte vorstellen, von denen ich nicht überzeugt bin, aber ich habe bisher nur gute Erfahrungen mit Demokratie gemacht.“ Dieser Humor ist typisch für die 25-Jährige aus Ettenheim, und er ist Teil ihrer Strategie: „Wenn man eher nicht so politisch interessierten Menschen politische Inhalte näherbringen will, muss man sie einbetten in ein diffuses Gefühl von: Oh, die finde ich irgendwie cool“, sagt sie. Die Autorin will, dass ihre Gedanken viele erreichen. Das schafft sie auch. Das Wahlwerbe-Video wurde zum viralen Hit. Ihr eigentlicher Job als Radiomoderatorin ist längst in den Hintergrund gerückt. Dass sie das politische Tagesgeschehen auch im „Neo Magazin Royale“ oder im Deutschlandfunk kommentiert, wirkt da eher wie eine Zugabe. Ihr eigentliches Publikum ist nur einen Post weit entfernt.

Moderatorin mit Biss: Sophie Passmann.


Die Galerie im Wohnzimmer

Die beiden Berlinerinnen Johanna Neuschäffer, 36, und Anne Schwanz, 39, denken Kunst ganz neu

Wie es sich für ein Start-up gehört, sitzen Johanna Neuschäffer und Anne Schwanz in einem Wohnzimmer in Berlin-Mitte. Und eben nicht in einemWhite Cube, einem Raum also, dessen Wände nach Kunstwerken verlangen. „Post Gallery“ nennen die beiden das, was sie mit ihrem UnternehmenOffice Impart sein wollen, es klingt radikal. Sie tauschen das bekannte Modell – ein Raum, ein fester Stamm an Künstlern, mehrere Messen im Jahr – gegen die Freiheit, nur noch zu tun, was sie wollen: ohne Ort und feste Vorgaben. „Wir sind immer noch eine Galerie“, sagt Johanna Neuschäffer. „Aber wir wollen die Bedeutung des Begriffs erweitern.“ Derzeit bedeutet er: eine Villa in Hamburg mit einer Ausstellung füllen, einen Vortrag an der Berliner Volksbühne halten oder am Rande derArt Berlin mit dem Fahrradkurier Kunst nach Hause liefern lassen. Auch einen wöchentlichen Newsletter mit Empfehlungen verschicken sie. Ein gutes Jahrzehnt arbeiteten sie für die renommierte Galerie Eigen + Art. Wie klassische Galeristen bekommen Johanna Neuschäffer und Anne Schwanz Prozente, wenn sie Werke von Künstlern verkaufen. Sie beraten aber auch Firmen und führen junge Sammler zu interessanter Kunst. „To impart“ bedeutet zu vermitteln. Aus dem Wohnzimmer ziehen sie auch bald aus, ein Büro haben sie bereits gemietet. Sicher ist nur, dass dort nie eine Ausstellung stattfinden soll.


„Wir sind immer noch eine Galerie, aber keine im klassischen Sinn“


„To impart“ bedeutet vermitteln. Im Fall von Neuschäffer (links) und Schwanz: Kunst.


„Chemie ist alles!“ Auf jeden Fall für Mai Thi Nguyen-Kim.


Wissenschaft – ein Vergnügen

Als „Chemikerin unseres Vertrauens“ verpasst Mai Thi Nguyen-Kim, 31, Naturwissenschaften, was ihnen bislang fehlte: Spaß

Es gibt Frauen, die nagen wochenlang an Karotten und fragen sich nach einer Weile frustriert, warum das mit dem Low Carb nicht funktioniert. Entweder nagt man dann mies gelaunt weiter, oder man sieht sich ein Video von Mai Thi Nguyen-Kim an. Darin erklärt die Chemikerin aus Heppenheim, was genau mit Kohlenhydraten passiert, wenn wir sie essen. Und warum es eben nicht genügt, einfach darauf zu verzichten. Danach möchte man sich nicht nur guten Gewissens ein Butterbrot schmieren. Man fragt sich außerdem, warum einem bis dato noch nie ein Chemielehrer begegnet ist, der Stoffwechselbasics so simpel und spannend erklärt. „Für mich bedeutet Wissenschaft Leidenschaft, und so vermittle ich meine Themen. Ich glaube, die Leute spüren das“, sagt die Hessin, die in Mainz und am renommierten MIT studierte und ihre Doktorarbeit in Harvard und dem Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung abschloss. Die 31-Jährige ist Edutainerin, also jemand, der „education“ (Bildung) und „entertainment“ (Unterhaltung) verbindet. Seit drei Jahren spricht sie auf ihrem Youtube-Channel „maiLab“ über die unterschiedlichen Hirnstrukturen von Männern und Frauen. Sie erklärt, welche Folgen Schlafmangel hat, wie Solarautos funktionieren und ob man sich auch mit Roggenmehl die Haare waschen kann. Jedes Video, ein Liebesbrief an die Wissenschaft.

Die Ideel-uieferantin

Henrike Krämer, 25, entwirft für die Berliner Agentur Dojo nicht einfach nur Texte. Sondern ein Lebensgefühl

Als Henrike Krämer ihre erste große Kampagne live sah, stand sie im Fitnessstudio auf dem Laufband. Von den schwitzenden Menschen um sie herum interessierte keinen, dass sie dafür monatelang im stillen Kämmerlein Ideen verworfen und neu gedacht hatte. „Die Werbung nach Wochen im Fernsehen oder auf der Straße zu sehen ist großartig“, sagt sie. Als Copywriterin hantiert Henrike Krämer nicht einfach nur mit Buchstaben und Slogans, sie entwickelt maßgeschneiderte Werbekonzepte und macht ein Image cool. Ihre Strategie: um die Ecke denken. Für den Bundestagswahlkampf 2017 machte sie das Wahlprogramm der CDU sprichwörtlich begeh- und begreifbar. Vor Kurzem launchte sie eine Obdachloseninitiative One Warm Winter. „Mit jedem Kunden habe ich die Chance, neu zu denken“, sagt die 25-jährige Wahlberlinerin, die Journalismus und Publizistik studierte und anschließend in Hamburg eine Ausbildung zum Texter und Konzepter machte. Dass ihr unkonventioneller Ansatz ständig hinterfragt wird, nimmt sie gelassen. Auch, dass sie als junge, kleine, blonde Newcomerin häufig noch nicht ernst genommen würde. „Ich weiß, was ich will und kann. Und was ich kann, kann ich gut“, sagt sie. Ob sie jetzt schon ihren Platz gefunden hat? Da will sich die gebürtige Bielefelderin nicht festlegen. „Ich bin flexibel, und mit der Digitalisierung wird sich noch vieles ändern“, sagt sie. Ideen habe sie jedenfalls genug.

Halleluja: Die Büroräume der Agentur Dojo liegen im ersten Stock der Kreuzberger Heilil-ureuz-Kirche.


„Ich wünsche mir vor jeder Vorstellung, dass ein paar Leute mit einer veränderten Sicht auf die Welt das Theater verlassen“


Schauspielerin? Nein, Naturgewalt!

Die österreichische Schauspielerin Stefanie Reinsperger, 30, stellt mit ihrer Bühnenkunst das Publikum auf die Probe

Stefanie Reinsperger steht fast nackt auf der Bühne. Sie trägt nur einen fleischfarbenen Slip, der nicht einmal versucht, vom Übrigen abzulenken, den groben Schultern, den blassen Brüsten, den fülligen Hüften. Das Schöne an diesem üppigen Körper ist, dass er keine Ambitionen zeigt, gewohnheitsmäßig schön zu sein. Er ist weder dünn noch definiert. Sondern echt. Kritiker sind sich bei der Schauspielerin einig. Sie beschreiben sie als „Naturgewalt“. Von einem „Bühnennahkampf“, den die Österreicherin, die in Belgrad und London aufwuchs, jedes Mal veranstaltet, wenn der Vorhang hochgeht. So etwas wie Scham oder Angst kennt sie nicht. Ästhetik ersetzt sie durch Wucht. Und wenn Zuschauer davon irritiert aus dem Saal rennen, wie bei der eingangs geschilderten „Selbstbezichtigung“ von Peter Handke, nimmt sie das als Beleg dafür, dass ihr Spiel Wirkung zeigt. „Ich wünsch mir vor jeder Vorstellung, dass ein paar Leute mit einer veränderten Sicht auf die Welt das Theater verlassen“, sagt Stefanie Reinsperger. Schon in der Garderobe ziehe sie sich ihre Figur an, mache sich bereit für die Reise – offen für alles. Damit hat sie vor ihrem 30. Geburtstag schon nahezu alles bekommen, was es zu holen gibt: Ausbildung am Max Reinhardt Seminar, Burgschauspielerin, Einladungen zum Berliner Theatertreffen, „Beste Nachwuchsschauspielerin“, „Schauspielerin des Jahres“ in den Umfragen vonTheater heute, Nestroy-Preis. Seit 2017 ist sie Mitglied des Berliner Ensembles. Ihr Ansporn dort: „Ich möchte für meine Haltung einstehen und sie gleichzeitig im nächsten Moment über Bord werfen können, um auf was Neues zu stoßen.“

Eine Herausforderung, diese Frau.


FOTOS: NIKOLAS FABIAN KAMMERER

FOTO: ELIZAVETA PORODINA/SONJA HEINTSCHEL

FOTO: PATRICK VIEBRANZ

FOTO: OFFICE IMPART

FOTO: VIET NGUYEN-KIM

FOTO: NILS STELTE

FOTO: KATHARINA POBLOTZKI