Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 12 Min.

Junge Geflüchtete zwischen Jugendhilfe und ordnungsrechtlichen Paradigmen


Forum Erziehungshilfen - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 13.12.2019

Nerea González Méndez de Vigo, Johanna Karpenstein

Fachkräfte, die in der Unterstützung junger Geflüchteter tätig sind, agieren in einem politisierten, diskursiven Raum, der durch eine zunehmende Normalisierung von Exklusionsmechanismen geprägt ist. Die immer unübersichtlicher und komplexer werdende Gesetzesentwicklung, insbesondere auf der Ebene des Asyl- und Aufenthaltsrechts, wird durch Diskursformationen begleitet, die exkludierende Entwicklungen ermöglichen und öffentlich für legitim erklären. Die umso notwendiger werdende Reflexion des eigenen professionellen Selbstverständnisses verliert zugleich ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Forum Erziehungshilfen. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 5/2019 von KOMMENTAR. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
KOMMENTAR
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von Erstaufnahme-/AnkER-Einrichtungen1 sind keine Lebensorte für Kinder und Jugendliche. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Erstaufnahme-/AnkER-Einrichtungen1 sind keine Lebensorte für Kinder und Jugendliche
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von Wer ist hier schutzbedürftig?!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wer ist hier schutzbedürftig?!
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von Die Familie zieht nach. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Familie zieht nach
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von Junge Geflüchtete in der Jugendhilfe: Ambivalenzen, Doppelbödigkeit und Exklusion. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Junge Geflüchtete in der Jugendhilfe: Ambivalenzen, Doppelbödigkeit und Exklusion
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von MAGAZIN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MAGAZIN
Vorheriger Artikel
KOMMENTAR
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Erstaufnahme-/AnkER-Einrichtungen1 sind keine Lebensorte für…
aus dieser Ausgabe

... in der Dynamik migrationsrechtlicher und -politischer Veränderungen zunehmend an Raum. Gegen diese Tendenzen wendet sich der Eingangsbeitrag

Einleitung
An der Tatsache, dass (gefluchtete) Minderjahrige und junge Volljahrige besondere Unterstutzung benotigen und ein Recht auf Schutz und Forderung nach dem SGB VIII haben, hat sich in den letzten Jahren nichts geandert. Auch dass dieser Bedarf insbesondere in ordnungsrechtlichen Kontexten nur unzureichend berucksichtigt wird, ist nicht neu. Das Primat der Kinder- und Jugendhilfe gilt und raumt der Kinder- und Jugendhilfe klar den Vorrang fur die Identifizierung, bedarfsgerechte Versorgung und Unterbringung von unbegleiteten minderjahrigen Gefluchteten ein. Auch fur begleitete Minderjahrige, also solche, die im Familienverbund einreisen, steht die Angebots- und Leistungspalette des SGB VIII von Beginn an offen (§ 6 Abs. 4 SGB VIII).
Dennoch wird in der Fortbildungs- und Beratungspraxis des Bundesfachverbandes unbegleitete minderjahrige Fluchtlinge e.V. (BumF) und auch in den jahrlichen Online-Umfragen1 des BumF zur Situation von unbegleiteten minderjahrigen Gefluchteten unter Fachkraften der Kinder und Jugendhilfe immer haufiger eine sich verandernde Praxis der Jugendhilfe geschildert, die als Einzug ordnungsrechtlicher Logiken in die Praxis der sozialen Arbeit beschrieben werden kann. Mit ordnungsrechtlichen Logiken sind solche gemeint, die primar auf Gefahrenabwehr, Sicherheitsinteressen und Migrationsteuerung gerichtet sind.
Die soziale Arbeit mit jungen Gefluchteten sieht sich mit wachsenden Herausforderungen konfrontiert: Komplexe und vermehrt auf Ausschluss zielende migrationsrechtliche Regelungen sind immer schwerer zu durchblicken. In den letzten drei Jahren wurden allein auf Bundesebene mehr als 25 Gesetze verabschiedet, die den Fluchtbereich betreffen. Zugleich findet eine Diskursverschiebung statt, die – auch minderjahrige – Gefluchtete kriminalisiert.2 Unbegleitete minderjahrige Gefluchtete wurden in den letzten Jahren in den offentlichen Debatten und medialen Inszenierungen immer ofter pauschal im Kontext des Alters unter Betrugsverdacht gestellt.3 Ihnen wurde so (medial) sukzessive ihre besondere Schutzbedurftigkeit abgesprochen.4 Gleichzeitig wurden Menschen, die Gefluchtete unter- stutzen, abschatzig als „Gutmenschen“ betitelt und damit ihre Solidaritat mit Gefluchteten diffamiert.5 Rassistische Diskurse sind salonfahiger geworden und bleiben fur die Tater haufig folgenlos.6

Diese rechtlichen Verscharfungen und Diskurse populistischer Pragung beeintrachtigen Alltag und Zukunftsgestaltungen der jungen Menschen selbst, bedrohen ihre Rechte und wirken sich daruber hinaus auch auf die sozialpadagogische Praxis aus. Die rechtliche Komplexitat, die die Arbeit mit jungen Gefluchteten pragt, fuhrt partiell zu Uberforderungen. Die jene gesetzliche Situation rahmenden Diskurse – oft populistischer Pragung – sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, legitimieren die auf Ausschluss gerichtete Gesetzgebung und pragen die Arbeit mit jungen Gefluchteten. Mitunter wird sich ihrer da, wo rechtliche Konstrukte nicht mehr ohne grosen Qualifizierungsaufwand nachvollziehbar sind, in handlungsleitender Weise bedient. Recht und Diskurs verschwimmen zu einer gefahrlichen Mischung, indem Politik und Medien rechtliche Kategorien in ihre Rhetorik aufnehmen und damit „gefuhltes Recht“ erzeugen.
In Anbetracht des Schwierigkeitsgrads der Materie und dem schwindenden Gestaltungsspielraum braucht es aus Sicht der Autorinnen eine nachhaltige Starkung parteilicher Fachlichkeit. Darunter verstehen wir eine qualifizierte sozialarbeiterische und/oder jugendhilferechtliche Praxis, die sich an der Seite der jungen Gefluchteten verortet, Ausschlussmechanismen identifiziert und sich ihnen entgegenstellt.
Der rechtlich-diskursive Bezugsrahmen der beobachtbaren Verschiebungen in der Praxis soll im Folgenden skizziert werden. Anhand von Fallbeispielen aus der Beratungsarbeit und der aktuellen Online-Umfrage des BumF sollen anschliesend die Anzeichen des Einzugs hierauf zuruckzufuhrender ordnungspolitischer Logiken in einen Teil der sozialen Arbeit aufgezeigt werden.7

Rechtliche und diskursive Verschiebungen und Verschärfungen
Das Feld der Sozialen Arbeit mit jungen Gefluchteten hat sich in Folge der Entwicklungen von 2015 und 2016 – der sogenannten „Fluchtlingskrise“ –, der zahlreichen gesetzlichen und untergesetzlichen Novellierungen sowie des gesellschaftlichen Klimas verandert und wird fur Fachkrafte herausfordernder und zugleich zum Querschnittsthema in allen sozialen Diensten. Wahrend die Dynamik der gesetzlichen Veranderungen und das Thema „Flucht“ in unterschiedlichen Schattierungen prasent sind, bleiben die Auswirkungen diskursiver Verschiebungen wenig sichtbar. Dabei liegen ihre Anfange bereits im Jahr 2015 und zeigen sich schon in der Verwendung des Wortes „Fluchtlingskrise“ und im Gebrauch von Begriffen, die im Bereich von Naturkatastrophen verortet sind, wie „Fluchtlingswelle“ oder „Fluchtlingsansturm“, die allesamt ein Narrativ des Kontrollverlustes etablierten.8 Dieses Bild – eng verbunden mit Merkels angeblichem Rechtsbruch9 2015 – und der daraus argumentierten Notwendigkeit alles tun zu mussen, um die („verlorene“) Kontrolle zuruckzuerlangen, hat sich bis heute gehalten. Zu den zahlreichen legislativen und untergesetzlichen Reformen, die seit 2015 in diesem Kontext erfolgt sind, gehoren:
• Die massive Verschärfung migrationspolitischer wie rechtlicher Hierarchisierungen durch die Einfuhrung der einzelfallunabhangigen Kategorie der sogenannten guten oder schlechten Bleibeperspektive10 mit dem Asylpaket I11 und hiermit herkunftslandabhangige Zugangssperren zu sozialen Rechten, zu Bildung, zum Arbeitsmarkt und zu bedarfsgerechter Unterstutzung sowie die Erweiterung der Liste der sogenannten sicheren Herkunftsstaaten nach Anl. II zu § 29a AsylG und die Einfuhrung beschleunigter Verfahren und besonderer Aufnahmeeinrichtungen fur diese Gruppe mit dem Asylpaket II12
• die sukzessiven Verschlechterungen in verfahrensrechtlicher und Unterbringungs- und Versorgungshinsicht fur Personen aus sogenannten sicheren Herkunftslandern mit den Asylpaketen I und II und den beiden Gesetzen zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht13

• die Etablierung von AnkER14 – und ankerahnlichen Einrichtungen in bestimmten Bundeslandern15 und die Verlangerung der Dauer der Wohnpflicht in Aufnahmeeinrichtungen in der gesamten Bundesrepublik seit 2015, die hiermit einhergehende Selektion zwischen „guten“ und „schlechten“ Fluchtlingen und ihr (Nicht-)Zugang zu sozialer Teilhabe sowie die Verscharfung von Haft im Bereich Abschiebung mit dem Zweiten Gesetz zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht
• die Aussetzung und nachfolgend die Neuordnung des Familiennachzugs mit dem Asylpaket II, dem Gesetz zur Verlangerung der Aussetzung des Familiennachzugs zu subsidiar Schutzberechtigten16 sowie dem Familiennachzugsneuregelungsgesetz.17
All diese Anderungen auf gesetzlicher und untergesetzlicher Ebene erfolgten eingebettet in entsprechende offentliche Diskurs- und Argumentationsmuster. Jene diskursiven Legitimationsgrundlagen lassen sich besonders deutlich im Kontext der Restriktionen des Familiennachzugs ausmachen, in dessen Vorfeld das Bild der „Anker-Kinder“ – der zum Zwecke der Einreiseermoglichung nach Europa vorgeschickten unbegleiteten minderjahrigen Gefluchteten – machtvoll gepragt wurde und das in der gesetzlichen Begrundung nach wie vor zu finden ist.3 Im Bereich sanktionsbewahrter Mitwirkungspflichten ist das Bild des „Integrationsverweigerers“ etabliert worden.19 Diskreditierungen von Unterstutzungsstrukturen manifestierten sich etwa im Begriff der „Antiabschiebeindustrie.“ 20 Hierdurch gepragt wurden insbesondere das Integrationsgesetz von 201621 sowie die Diskussionen um das Zweite Gesetz zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht.22
Kriminelle Taten einzelner umF haben im Jahr 2017/2018 die Diskussion um das Verfahren der Alterseinschatzung zentral dominiert. 23 Zu beobachten war hier insbesondere eine Berichterstattung, die ein Bild von umF nicht mehr als vulnerable Personen, sondern in erster Linie als Straftater*innen und Betru-ger*innen vermittelte.24 Aktuell nimmt diese Diskussion erneut an Fahrt auf.25 Aber auch im kinder- und jugendhilferechtlichen Bereich hat etwa der Diskurs um die „Selbststandigkeit“ junger Gefluchteter den SGB VIII Reformprozess nicht unerheblich gepragt.26
Angesichts dieser Entwicklungen steht eine parteiliche Fachlichkeit vor immensen Herausforderungen. Zu beobachten ist, dass Logiken des Ausschlusses von Gefluchteten unter Verweis auf asyl- und aufenthaltsrechtliche Regelungen beziehungsweise auf entsprechende gesellschaftliche Diskursmuster Einzug nehmen in die Praxis der Jugendhilfe, in jenen Bereich also, der der individuellen und bedarfsgerechten Forderung der jungen Menschen verpflichtet ist und Benachteiligungen vermeiden und abbauen soll. Dies soll im Folgenden anhand von konkreten Fallbeispielen, in deren Fokus unbegleitete minderjahrige Gefluchtete und gefluchtete junge Volljahrige stehen, aufgezeigt werden. Um die Fallbeispiele nicht im luftleeren Raum zu platzieren, erfolgt jeweils im Anschluss eine kurze Einordnung, die aber, dem Rahmen dieses Beitrages geschuldet, nicht den Anspruch an eine abschliesende rechtliche Bewertung erhebt.

Aus der Beratungspraxis und der Online-Umfrage des BumF
Fall A.:„Das örtliche Jugendamt knüpft die Hilfe für junge Volljährige an den Aufenthaltsstatus und nicht an den bestehenden Hilfebedarf. Junge Erwachsene mit einer schlechten Bleibeperspektive erhalten deutlich weniger Unterstützung.“ (Zitat einer Fachkraft aus Mecklenburg-Vorpommern, Online-Umfrage 2019, BumF)
Die „gute“ oder „schlechte Bleibeperspektive“ ist ein 2015 eingefuhrter Begriff27 , der gesetzlich nicht definiert ist und der in erster Linie eine Aussage daruber trifft, ob fur ein Herkunftsland bei den Entscheidungen uber Asylantrage eine Schutzquote uber oder unter einer bestimmten Prozentzahl besteht.28 Diese „Bleibeperspektive“ entscheidet in der Praxis daruber, ab wann Asylbewerber*innen Zugang zu Teilhaberechten, etwa zu Integrationskursen erhalten. Sie trifft aber keine Aussage daruber, ob jemand ein Bleiberecht erhalten wird oder nicht. Die Bleibeperspektive ist lediglich eine auf sich andernde Schutzquoten gestutzte Prognose uber den Ausgang des Asylverfahrens. Fur die Heranziehung dieser Kategorie im Rahmen der Hilfegewahrung gibt es im SGB VIII keine gesetzliche Grundlage. Die „Bleibeperspektive“ spielt fur die Frage, ob Hilfe fur junge Volljahrige gewahrt werden muss, keine Rolle. Allein ausschlaggebend ist der individuelle Bedarf, dies ist das Kernprinzip des SGB VIII.

Fall B.:„Ich würde Sie um eine kollegiale Beratung bezüglich einer Beratungsanfrage bitten. Einem 16-jährigen Geflüchteten in der Jugendhilfe, seit 8 Monaten in Deutschland, im Klageverfahren des Asylverfahrens droht das Jugendamt schriftlich, wenn er nicht der Altersdiagnostik-Untersuchung nachkommt, mit: Beendigung der Jugendhilfe bzw. Verlegung in eine niederschwellige Jugendhilfeeinrichtung; Auferlegung der entstehenden Kosten; Information an die Ausländerbehörde und BAMF bzgl. mangelnder Mitwirkung am Hilfeplanziel sowie Anregung der Rückführung ins Heimatland. Ist das rechtens? (Einzelfallanfrage aus der Beratung des BumF Marz 2019) Auch in diesem Fall erfolgt eine Verquickung verschiedener Rechtsbereiche in der Argumentation als auch in der Folge: Unter Heranziehung eines im Asyl- und Aufenthaltsrechts gebrauchten engen Mitwirkungsbegriffs – fur den es im SGB VIII wiederum keine gesetzliche Grundlage gibt – werden Folgen angedroht, die nicht ansatzweise im Bereich der Jugendhilfe liegen. Die Rechtswidrigkeit eines solchen Vorgehens ist offensichtlich und liegt eben in jener Vermischung der Rechtsbereiche begrundet.
Fall C.:„Die Alterseinschätzung durch Mitarbeiter des Jugendamtes vor Ort ist häufig für Jugendliche nicht transparent. Grund für Zweifel ist immer derselbe: Die Fluchtgeschichte ist nicht plausibel. Andere Gründe werden dann nicht in Erwägung gezogen – z. B., dass Jugendliche aus Angst nicht von Schleppern erzählen. Dann heißt es meist: ,Wenn Du bei der Fluchtgeschichte schon Unwahrheiten erzählst, glauben wir Dir dein Alter auch nicht.‘ Der Jugendliche bekommt dann einen Bescheid ausgehändigt und muss die IO direkt verlassen, um in die Erstaufnahme zu fahren. (…).“ (Zitat einer Fachkraft aus NRW, Online-Umfrage 2019, BumF) Auch hier werden wie im obigen Beispiel Bereiche miteinander vermischt. Das BAMF ist zustandig fur die Prufung der Glaubwurdigkeit in der personlichen Anhorung im Asylverfahren. Im Kontext der Alterseinschatzung durch das Jugendamt nach § 42f SGB VIII besteht keinerlei rechtliche – und erst recht nicht fachliche – Grundlage, um aus moglichen Widerspruchen in der Fluchtgeschichte Ruckschlusse auf das Alter ziehen zu durfen.29 Die Bezugnahme auf angeblich nicht stichhaltige Fluchtgrunde speist sich aus einem offentlich dominanten Diskurs uber nicht legitime Schutzgesuche.
Fall D.:Eine Betreuerin aus einer Jugendhilfeeinrichtung schreibt uns mit der Bitte um Unterstützung: Ein Jugendlicher aus Senegal werde keine Ausbildungsduldung erhalten, da die zuständige Ausländerbehörde seine gut dokumentierten aber vergeblichen Bemühungen, ein Identitätspapier zu erlangen, zum Anlass nimmt, seinen Antrag abzulehnen. Laut Betreuerin möchte der ASD daher die Hilfen beenden, da der Jugendliche, der nun keine Ausbildung absolvieren kann, mangels Alternativen über keine Tagesstruktur verfüge, die den Zielstellungen der Jugendhilfe entsprächen. (Fallbeispiel aus der Einzelfallberatung des BumF, Marz 2019)
Eine verkehrte Welt. In dem Moment, in dem Jugendhilfe durch ein strukturierendes Angebot den Jugendlichen hatte auffangen mussen, macht sich der ASD die Argumentation und damit die rechtlichen Grundlagen des Aufenthaltsrechts zu eigen. Die Jugendhilfe orientiert sich an der durch die Auslanderbehorde getroffenen Entscheidung, obgleich ein Vorgehen gegen diese Entscheidung ebenso wie die Fortfuhrung der padagogischen Unterstutzung dem Wohl des Jugendlichen entsprechen wurden. So schafft Perspektivlosigkeit Perspektivlosigkeit. Auch fur dieses Vorgehen gibt es im Kinder- und Jugendhilferecht keine rechtliche und fachliche Grundlage.
Fall E.:Einem Amtsvormund wird von der ABH mitgeteilt, dass sein Mündel am nächsten Tag abgeschoben wird. Der Vormund stellt sich und sodann uns nun die Frage, ob er verpflichtet ist sein Mündel darüber aufzuklären? (Anfrage aus der Einzelfallberatung des BumF, April 2019)

Auch an diesem Beispiel wird deutlich, dass eine Hinterfragung aufenthaltsrechtlicher Entscheidungen in ihren Auswirkungen auf das Kindeswohl sowie ein Abgleich mit dem professionellen Selbstverstandnis nicht immer erwartbare Reaktionsmuster sind.
Die Fallbeispiele zeigen, dass jungen Gefluchteten im Jugendhilfebezug mitunter aufgrund der Besonderheit des asyl- und aufenthaltsrechtlichen Status eine Behandlung zukommt, die anderen jungen Menschen nicht droht und die zudem die ohnehin schwierige Perspektiventwicklung zusatzlich erschwert: ein Ruckgriff auf ordnungsrechtliche Prinzipien, die per se und seit den jungsten gesetzlichen Novellierungen umso mehr auf Exklusion abzielen. Dies steht kontrar zu dem Ziel der individuellen Personlichkeitsentwicklung, welchem die Jugendhilfe verpflichtet ist. Dominante Diskurse der Ausgrenzung gegenuber Gefluchteten schreiben sich in den oben genannten Beispielen in die Praxis der Jugendhilfe ein. Die hiervon betroffenen jungen Menschen konnen sich dann nicht auf eine an ihren Interessen orientierte padagogische Handhabe oder Interessensvertretung verlassen – ob die sogenannte Bleibeperspektive als Ausgangspunkt fur die Frage der jugendhilferechtlichen Anspruchsberechtigung oder aber des Bedarfs zugrunde gelegt wird (Fallbeispiel A) oder aber „Mitwirkungspflichten“ konstruiert werden, die bei Nichteinhaltung Sanktionen nach sich ziehen, die zum Teil nicht einmal im Wirkbereich der Jugendhilfe liegen, zum Aufbau einer Drohkulisse jedoch durchaus taugen (Fallbeispiel B).

Herausforderungen in der Praxis
Die sozialarbeiterische Praxis bleibt – dies zeigen die Fallbeispiele – von gesetzlichen Verscharfungen und gesellschaftlichen Diskursen nicht unberuhrt. Es steht auser Frage, dass sich viele Fachkrafte Tag fur Tag trotz Sachzwangen und gesellschaftlichem oder professionellem Druck engagiert fur die jungen Menschen einsetzen und mit ihrer Arbeit dafur sorgen, dass diese trotz aller Schwierigkeiten Ruhe und Schutz finden. Auch das zeigen die Fallbeispiele, werden sie doch grostenteils von engagierten Kolleg*innen an uns herangetragen. Ihr Engagement benotigt starken Ruckhalt.
Die Ursachen fur die Ubernahme ordnungsund migrationsrechtlicher Muster und Konzepte sind selbstverstandlich auch nicht eindimensional verortbar. Neben dem geanderten gesellschaftlichen Klima – Rechtspopulismus und rassistische Denkmuster sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen – verursachen auch die in rasender Geschwindigkeit verabschiedeten gesetzlichen Veranderungen einen anhaltend hohen Qualifizierungsbedarf der Fachkrafte zu den rechtlichen Grundlagen, um uberhaupt zwischen offentlichem Diskurs und Recht unterscheiden zu konnen.30 So werden etwa bei den Vormundschaften nach wie vor die zum Teil unzureichende Qualifizierung und die Arbeitsuberlastung insbesondere bei den Amtsvormundschaften als zentrales Problem genannt31 .
Konnen die Fachkrafte aber aufgrund fehlender Qualifikation politische Rhetorik und „gefuhltes Recht“ nicht von sachlichen Grundlagen unterscheiden, hat dies gravierende Auswirkungen auf die jungen Menschen. So fuhrte beispielsweise die Debatte um die Sicherheitslage in Afghanistan und das wiederholte „Afghanistan ist sicher“32 des damaligen Bundesinnenministers Thomas de Maziere dazu, dass Vormund*innen tatsachlich der Auffassung waren, Afghanistan sei ein sicheres Herkunftsland im Sinne von Anl. II § 29a AsylG. Die Folgen hiervon waren fatal, denn ein Teil der Vormund*innen stellten daraufhin keine Asylantrage mehr fur ihre Mundel. Diese Jugendlichen hatten dann mit Erreichen der Volljahrigkeit haufig keinen Aufenthaltstitel und waren unmittelbar von Abschiebung bedroht. Zudem waren fur sie die Moglichkeiten des Familiennachzugs versperrt.
Schlussendlich zu beachten ist, dass sich die Diskurse nicht nur auf die Fachkrafte, sondern unmittelbar auch auf die jungen Menschen selbst auswirken. Erfolge, die im Rahmen padagogischer Arbeit gemeinsam mit den jungen Menschen erreicht werden, werden durch externe Faktoren wie Medienberichte und politische Entscheidungen konterkariert. So ergab eine Umfrage des BumF im Jahr 2017 mit 33 Ruckmeldungen aus Wohngruppen, Schulen sowie Pflegefamilien im gesamten Bundesgebiet zur Situation von afghanischen Jugendlichen, dass diese durch den politischen Diskurs um die Sicherheitslage in Afghanistan und die damit einhergehende Furcht vor Abschiebung erheblich belastet waren und ihre Leistungen etwa in der Schule erheblich abnahmen:

„Ich war letztes Jahr sehr erschrocken als unser Präsident mit Frau Merkel einen Deal gemacht hat. Jetzt habe ich mehr Angst als damals. Ich warte – ich befürchte, dass etwas sehr Schlechtes passieren wird – dass ich in den Krieg, in die Explosionen geschickt werde. Das ist schlecht! Man stirbt nur einmal – mir ist alles egal.“ „Wir reden jetzt in der Schule immer über die Nachrichten –zum Beispiel: ,Kennst du jemanden, der zurückgeschickt worden ist?‘ Mir vergeht die Lust, in die Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen.“

Fazit
Dieser Text kann und mochte keine fertige Analyse vorstellen. Die exemplarisch skizzierten Erfahrungen und Beobachtungen problematischer Entwicklungen sollen jedoch notwendige Diskussionen in Fachoffentlichkeit und Praxis anstosen.
Dazu mussen Strukturen und Denkweisen wie die oben skizzierten identifiziert, verortet und thematisiert werden, es braucht Auseinandersetzungen zu Haltungsfragen; vor allem braucht es Ruckhalt fur engagierte Fachkrafte innerhalb der Jugendhilfe, innerhalb der Jugendamter. Es braucht Klarheit zum Auftrag und Selbstverstandnis der Jugendhilfe und daruber, dass diese weder unter Kosten- noch unter Herkunftsvorbehalt steht. Fachlichkeit und Qualifizierung muss „gefuhltem Recht“entgegengestellt werden. Das erkampfte Primat der Kinder- und Jugendhilfe fur unbegleitete minderjahrige Gefluchtete nicht nur als rechtlicher, sondern auch als fachlicher Anspruch darf weder durch populistische Stimmen noch durch schleichende oder gesetzliche Entwicklungen torpediert werden. Dazu gehort auch in einer anstehenden SGB VIII Reform selbstverstandlich einzufordern, dass die Unterstutzung fur umF nicht unter einem Kostenvorbehalt gestellt wird und dass auch begleitete Kinder wie alle anderen Kinder endlich ihren Anspruch auf Schutz und Forderung nach dem SGB VIII umfanglich einlosen konnen.33
Der Beitrag ist daher als Denkanstos zu verstehen und als Auftakt, mehr, intensiver und kampferischer an gemeinsamen Handlungsstrategien zu arbeiten, die eine parteiliche Arbeit mit und fur junge Gefluchtete erfordert.

Nerea González Méndez de Vigo, Monitoringstelle UN-Kinderrechtskonvention, Deutsches Institut fur Menschenrechte, gonzalez@institut-fuer-menschenrechte.de

Johanna Karpenstein, Bundesfachverband unbegleitete minderjahrige Fluchtlinge e.V., j.karpenstein@b-umf.de

1 Der Bumf fuhrt jedes Jahr eine Online-Umfrage unter Fachkraften zur Situation unbegleiteter minderjahriger Gefluchteter durch. Die diesjahrig bevorstehende Online-Umfrage beinhaltet zudem einen Fragekomplex zu Minderjahrigen, die in Familienbegleitung eingereist sind.

7 Nicht in Vergessenheit geraten soll dabei naturlich, dass auch fiskalische Debatten die Jugendhilfepraxis steuernd beeinflussen und die bedarfsgerechte Forderung und Wahrung der Rechte von Kindern und jungen Menschen allgemein beeintrachtigen konnen.

3 BT-Drucksache 19/2438, S. 3.

Recht und Diskurs verschwimmen zu einer gefährlichen Mischung, indem Politik und Medien rechtliche Kategorien in ihre Rhetorik aufnehmen und damit „gefühltes Recht“ erzeugen.

Logiken des Ausschlusses von Geflüchteten [halten] unter Verweis auf asyl- und aufenthaltsrechtliche Regelungen bzw. auf entsprechende gesellschaftliche Diskursmuster Einzug in die Praxis der Jugendhilfe – in jenen Bereich also, der der individuellen und bedarfsgerechten Förderung der jungen Menschen verpflichtet ist und Benachteiligungen vermeiden und abbauen soll.

Können die Fachkräfte aber aufgrund fehlender Qualifikation politische Rhetorik und „gefühltes Recht“ nicht von sachlichen Grundlagen unterscheiden, hat dies gravierende Auswirkungen auf die jungen Menschen.

Aus Grunden der Nutzer*innenfreundlichkeit befinden sich die Fusnoten dieses Artikels sowie weitere Materialien erganzend zum Haupttext in einem interaktiven PDF-Dokument. Dieses bietet per Hyperlink direkten Zugang zu den verwendeten Quellen. Die Fusnoten sind darin wie in der im Text angebenen Reihenfolge gelistet. Wir empfehlen, Haupttext und interaktive Materialzusammenstellung parallel zu lesen. Online unter:
www.igfh.de > Publikationen > Forum Erziehungshilfen > ForE 2019 > ForE 5/2019

Expertise: Migration in der Pflegekinderhilfe von Laura de Paz Martínez und Heinz Müller

Zentrale Erkenntnisse zum Handlungsfeld Migration in der Pflegekinderhilfe sowie Einschätzungen aus der Praxis werden zusammengefasst und die fachlich-theoretische Debatte zur interkulturellen Pädagogik kritisch skizziert, Frankfurt 2018, 12,- €.

Bestellung und Download unter igfh.de & Publikationen > Broschüren & Expertisen.