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Jungen- und Mädchenklassen auf Zeit


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 02.12.2019

Die gesellschaftspolitische Diskussion um die Situation der Jungen in der Schule wirft die Frage nach neuen Konzepten der Jungenförderung auf. Am Mariengymnasium Essen-Werden, einer früheren Bischöflichen Mädchenschule, werden seit 2010 auch Jungen unterrichtet, jedoch in den Klassen 5 bis 9 geschlechtergetrennt. Was bedeutet das für den Unterricht?


Parallele Monoedukation am Gymnasium

Die Gründung der katholischen Mädchenschulen ging mit dem Anspruch einher, bildungsfernen Teilen der Gesellschaft, damals den Mädchen, uneingeschränkten Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen. Im 21. Jahrhundert stehen ...

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Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 12/2019

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... wir vor veränderten gesellschaftlichen Bedingungen: Die Bildungsverlierer sind nicht mehr die Mädchen, sondern häufig die Jungen. Die erreichten Schulabschlüsse fallen hinter denen der Mädchen zurück (Ickten 2011, S. 29). Zugespitzt formuliert: Unser heutiges Schulsystem benachteiligt Jungen! So ist es nur konsequent, ein Schulkonzept zu etablieren, das sowohl Jungen als auch Mädchen optimal fördert.

BVB oder Blümchen: Mädchen und Jungen haben in der 7.


Klasse zuweilen sehr verschiedene Auffassungen von der Gestaltung ihrer Ablagen


Mädchen und Jungen der Unterund Mittelstufe leben in unterschiedlichen Realitäten. Das sieht in der Praxis auch schon mal so aus, dass der eine Klassenraum ein Traum in Rosa ist, während der andere einem Weltraumspaziergang ähnelt, und dass im Deutschunterricht entweder verträumte Einhorn-Geschichten geschrieben werden oder actiongeladene Abenteuergeschichten. Es kommt auch gar nicht so selten vor, dass die Einhorn-Geschichten im Weltraum-Klassenraum entstehen und die Abenteuergeschichten im rosa Klassenraum. Kein Schüler, keine Schülerin muss Sorge haben, dass das jeweils andere Geschlecht sich lustig macht, sondern kann im geschützten Raum nach eigenen Wünschen agieren. Besonders interessant ist zu sehen, dass sich Jungen in der Parallelen Monoedukation extrem tolerant gegenüber vermeintlichen Außenseitern verhalten. In Jungenklassen herrscht manchmal ein etwas rauer Ton, aber der Alltag ist fast immer von Fairness geprägt.


Es scheint einen äußerst positiven Einfluss auf die Zusammenarbeit zu haben, wenn nicht alle Höhen und Tiefen der Pubertät von Mädchen und Jungen gegenseitig intensiv verfolgt wurden.


Jeder wird so akzeptiert, wie er ist, auch wenn er Angriffsflächen bietet. Der Druck, sich gegenüber den Mädchen als derjenige etablieren zu müssen, der den Ton angibt, entfällt und hat Auswirkungen auf den Umgang der Jungen miteinander.

In gemischten Gruppen dagegen fallen Jungen und Mädchen schnell in jene Rollen zurück, von denen sie denken, dass sie von ihnen erwartet werden (typisch Mann, typisch Frau). Parallele Monoedukation entlastet den Unterricht und den Alltag vom geschlechterspezifischen Erwartungsdruck. Dabei werden Interessen und Fähigkeiten entwickelt, die sich in koedukativen Gruppen nicht oder nur verdeckt artikulieren würden.

Auch das Geschlecht der Lehrperson ist für das Erreichen von Lernzielen bedeutsam. So sind in geschlechtshomogenen Gruppen Gespräche über emotionale Themen und persönliche Sachverhalte möglich, die sonst wegen der Scham vor dem anderen Geschlecht nicht geführt würden. Andererseits ist natürlich auch von Bedeutung, dass Jungen Erfahrungen mit Lehrpersonen machen, die in ihren Augen untypische Fächer vertreten. So wird Physik von einer Lehrerin unterrichtet, während der Kollege für Fremdsprachen zuständig ist. Auf diese Weise nehmen Jungen vermeintlich typisch männliche Qualifikationen als Selbstverständlichkeit bei Frauen wahr und vermeintlich typisch weibliche Qualifikationen als Selbstverständlichkeit bei Männern.


Jungen verhalten sich in der Parallelen Monoedukation extrem tolerant gegenüber vermeintlichen Außenseitern.


Im Mariengymnasium machen wir die Erfahrung, dass Jungen und Mädchen sich nicht nur für geschlechtsuntypische Fächer interessieren, sondern darin auch Höchstleistungen hervorbringen, wenn monoedukativ unterrichtet wird. Sie können ein Interesse an den Fächern ausbilden und Begabungen entwickeln, wenn nicht schon die alltäglichen Geschlechtsstereotypen eine solche Wahl als untypisch konnotieren, sanktionieren oder gar diffamieren. Hier schafft die Parallele Monoedukation einen Freiraum für individuelle Entscheidungen.

Was heißt das für den Unterricht?

Im Unterricht bevorzugen Jungenklassen zentrierte Unterrichtssituationen, Mädchen zeigen größeres Interesse an kooperativen Lernformen. Hier gilt es, diese Vorlieben nicht ausschließlich zu unterstützen, sondern gezielt daran zu arbeiten, auch das nicht favorisierte Lernmodell gewinnbringend einzusetzen. Für die Praxis heißt das, dass Jungen durchaus die Fähigkeit zum selbstständigen und kooperativen Lernen entwickeln, jedoch mehr Anleitung dazu brauchen als die Mädchen. Während Fünftund Sechstklässlerinnen ohne starke Kontrolle der Lehrperson durchaus sehr gute Ergebnisse zum Beispiel beim Arbeiten an Stationen erzielen, sieht das in gleichaltrigen Jungenklassen anders aus. Hier ist von der Lehrkraft eine viel engmaschigere Kontrolle der Arbeitsergebnisse nötig: Haben die Schüler alle Stationen vollständig bearbeitet? Haben sie die Unterlagen im Ordner gesammelt? Ist die Schrift einigermaßen leserlich? Stimmt die Reihenfolge?

Oft ist auch eine zusätzliche Motivation nötig, um mit der Arbeit zu beginnen. Während Mädchen häufig Wert auf die äußere Form legen, ist das für die meisten Jungen nicht besonders wichtig. Das heißt aber auch, dass Jungen schneller mit der Bearbeitung der Aufgaben fertig sind. Sie brauchen einen noch klarer definierten Zeitrahmen als die Mädchen, auch damit sie nicht abgelenkt sind und die anderen durch Störungen von der Arbeit abhalten. Hier reicht es als Lehrkraft nicht, in die Rolle des Moderators zu schlüpfen. Mit zunehmendem Alter gleicht sich die Arbeitshaltung von Jungen und Mädchen an. Wenn die Lehrperson auf die unterschiedliche Herangehensweise in Jungen- und Mädchenklassen eingeht, dann sind die Leistungen der Jungen auch in kooperativen Lernformen hervorragend.

Jungen sprechen besonders positiv auf einen wettbewerbsorientierten Stundenaufbau an. So lässt sich Unterricht gut strukturieren und spannend gestalten. Ein Beispiel aus dem Chemieunterricht der 7. Klasse: Um die Möglichkeiten der Stofftrennung kennenzulernen, bereiten die Schüler verunreinigtes Steinsalz so auf, dass reines Speisesalz gewonnen wird. Ihre Motivation steigt enorm, wenn die Versuche als Wettbewerb gestaltet werden, etwa unter der Fragestellung »Welche Gruppe isoliert die größte Menge Speisesalz?« oder »Welche Gruppe hat nachher das reinste Speisesalz?«. Im Fremdsprachenunterricht zeigt sich, dass Jungen die Sprache gerne über die Grammatik erschließen. Was liegt also näher, als über grammatikalische Phänomene das Sprechen zu üben? Zahlreiche spielerische Grammatikübungen können hier zum Ziel führen.


Jungen sprechen besonders positiv auf einen wettbewerbsorientierten Stundenaufbau an.


Ein großer Vorteil der Monoedukation liegt in der Leseförderung. Häufig liegen Leseinteresse und Leseerfahrung zwischen Jungen und Mädchen weit auseinander. Hier kann eine passgenaue Leseförderung stattfinden. Beide Gruppen können dort abgeholt werden, wo sie stehen. In der Monoedukation finden es Jungen auch nicht peinlich, mal einen Ausschnitt aus einem Mädchenroman zu lesen. Dabei stellen sie fest, dass die Lektüren, die ihre Altersgenossinnen bevorzugen, durchaus lesenswert sind. Auch in der Rechtschreibförderung lässt sich die Monoedukation klar als Vorteil beschreiben: Viele Mädchen verlassen die Grundschule schon mit soliden Rechtschreibkenntnissen. Häufig sieht das bei den Jungen anders aus. Also werden sie in diesem Bereich intensiv gefördert, ohne das Gesicht vor den Mädchen zu verlieren.

Bemerkenswert ist auch das Interesse von Jungen an literarischen Texten. Hier zeigen sie im monoedukativen Unterricht eine deutlich höhere Emotionalität als in koedukativen Gruppen. Es werden häufig sehr persönliche Texte und Gedichte verfasst und in der Klasse vorgelesen.

Ein besonderer Vorteil liegt in der Möglichkeit, das Jugendförderprogramm »Lions-Quest – Erwachsen werden«, das fester Bestandteil des Curriculums der Orientierungsstufe am Mariengymnasium ist, passgenau auf die Bedürfnisse der Schüler abzustimmen. Denn das Erwachsenwerden folgt bei Jungen und Mädchen nicht in der gleichen zeitlichen Abfolge. Im Mittelpunkt dieses Programms steht die planvolle Förderung der sozialen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern anhand altersgerechter Übungen und Rollenspiele.

Ausblick nach neun Jahren Paralleler Monoedukation

Das Fazit fällt durchweg positiv aus! Natürlich wäre es falsch zu behaupten, dass die Umstellung ohne Schwierigkeiten verlief. Natürlich verlangte es von den Lehrkräften enormen Einsatz und das Umdenken aus eingefahrenen Strukturen. Natürlich kann das Unterrichten von 28 Jungen anstrengender als das von 28 gleichaltrigen Mädchen sein, weil Jungen körperlich aktiver sind, häufig auch sehr kreativ in den Strategien der Unterrichtsvermeidung und manchmal fordernder als Mädchen. Natürlich musste in der Schule, die über 150 Jahre ausschließlich Mädchen unterrichtet hat und erst seit 2010 auch Jungen aufnimmt, manches geändert werden – sei es ein neues Trainingsraumkonzept oder konsequente Sanktionierungen von Verstößen gegen die Schulordnung. Doch alle notwendigen Veränderungen der Schulstruktur kommen eindeutig auch den Mädchen zugute und verändern das Schulklima nicht nur, sondern gestalten es positiv.

Mit der Umstellung auf die wieder neunjährige Gymnasialzeit ist das Konzept der Parallelen Monoedukation evaluiert worden. Alle beteiligten Gruppen der Schulgemeinde äußern eine große Zufriedenheit mit dem Konzept und der Umsetzung. Es stellte sich nun die Frage, ob die Koedukation weiterhin mit dem Eintritt in die Oberstufe beginnen soll und damit ein Schuljahr später als bisher oder ob die Koedukation um ein Jahr vorgezogen werden soll. Auch hier ist das Votum eindeutig: In Zukunft wird der Beginn der Koedukation mit Eintritt in die 9. Klasse erfolgen, da die entwicklungsbedingten Unterschiede zu diesem Zeitpunkt nicht mehr signifikant erscheinen.

Literatur

Ickten, Angela (2011): Jungen und Männer in der Gleichstellungsproblematik. In: Dokumentationen der Fachtagung des DPhV: Bildungsbenachteiligung von Jungen. Berlin.
Niehaus, Markus (2013): Parallele Monoedukation am Mariengymnasium Essen-Werden. In: Christian Fischer (Hrsg.): Schule und Unterricht adaptiv gestalten. Fördermöglichkeiten für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Münster.

Angela Peters-Bukowski ist Studiendirektorin am Bischöflichen Mariengymnasium in Essen-Werden, unterrichtet Deutsch und Chemie und ist dort zuständig für die Parallele Monoedukation und das Qualitätsmanagement. angela.peters@mariengymnasium.net