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JUNGJÄGER EINST UND HEUTE: NACHWUCHS AUS DEM DURCHLAUFERHITZER


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 70/2018 vom 22.06.2018

Vielfach ist zu hören, zu sehen, aber auch zu erleben, dass die heutigen Jungjäger nicht mehr das sind, was sie früher einmal waren. Woran liegt das?Dr. Florian Aschehat sich des Themas einmal angenommen.


Artikelbild für den Artikel "JUNGJÄGER EINST UND HEUTE: NACHWUCHS AUS DEM DURCHLAUFERHITZER" aus der Ausgabe 70/2018 von JÄGER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: JÄGER, Ausgabe 70/2018

Das Jägerhandwerk lernt man nicht an einem Tag. Es ist keine Schande, sich von einem erfahrenen Lehrprinzen anleiten zu lassen.


Meine Jagdfreundin und ich hatten uns längere Zeit nicht mehr gesehen und trafen uns aus einem weniger schönen Anlass wieder. Es hatte einigen Ärger mit einem Jagdpächter gegeben, der vor Gericht endete. Regelmäßig ergeben sich bei so einem Termin ein paar ruhige Minuten, in ...

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... denen man den Fall besprechen kann und auch noch Zeit für ein privaten Plausch bleibt. „Und? Wie war deine Drückjagd? Zufrieden?“ Sie schaut mich fassungslos an. „Ach, es ist gut, dass du nicht dabei warst. Du wärst durch die Decke gegangen.“ Fragender Blick retour. „Naja, wir hatten doch dieses Ehepaar eingeladen, das wir im Urlaub kennengelernt hatten. Die beiden hatten gerade den Jagdschein gemacht. Du kennst doch diesen Kompaktkurs auf Gut Waldau. Naja, sie kamen an wie aus dem Katalog gesprungen, waren wirklich sehr freundlich, und wir hatten auch ganz großzügig freigegeben, Hirsche bis zum Achter. Beim Damwild sollten es allerdings nur Spießer sein.“ „Und?“ „Ach, es war schrecklich. Sie hat einen 14-endigen Kronenhirsch vom siebten Kopf geschossen, und er meinte, er habe vorbeigelangt. Drei Tage später haben wir dann einen 18-Ender vom elften Kopf verludert gefunden. Die Kugel war mittendrauf.“ Meine Gesichtszüge entgleisten tatsächlich in alle denkbaren Richtungen. Eine derartige Inanspruchnahme der Gastfreundschaft kommt auch dem Anwalt selten vor. Natürlich fällt unsereins dann als erstes ein, dass die bewusste Übertretung einer Freigabe durchaus Jagdwilderei sein kann. Doch was hilft das den Freunden im konkreten Fall weiter? Die beiden Hirsche sind zur Strecke, und das Verhältnis zu den Jagdgästen ist ohnehin zerstört. Interessanter ist es, die Gründe für solche Fehlleistungen zu untersuchen. Natürlich gab meine Freundin dem Jagdschulzirkus alle Schuld. „Früher ist man ein dreiviertel Jahr zum Kurs gegangen, hat Bäume gepflanzt und war auf dem Schießstand. Heute geht alles husch-husch. Was soll da schon hängenbleiben?“


„HEUTE GEHT ALLESHUSCH-HUSCH . WAS SOLL DA HÄNGENBLEIBEN?“


WEISSE TEUFEL

Kann man es sich so leicht machen? Zunächst ist die Jagd keine Insel. Sie teilt, häufig zu ihrem Nachteil, die allgemeine gesellschaftspolitische Entwicklung. Und da sieht es tatsächlich nicht besonders gut aus mit dem Lernen. Durch Handy, E-Mail, WhatsApp und andere Kommunikationsformen ist der Mensch im Medienzeitalter dauernd getrieben. Alles soll schnell gehen, obwohl wir ja dauernd älter werden. Schon den Konfirmationsunterricht absolviert man heute auf einer „Konfi-Freizeit“ innerhalb von zwei Wochen. Die zukünftigen Kirchenerwachsenen kochen und essen gemeinsam, lernen, dass man sich liebhaben soll, und singen allerlei Kirchentagslieder. Vom Abendmahlstreit oder der lutherischen Rechtfertigungslehre haben sie keine Ahnung. Harte Fakten stören die weichen Seelen nur. Luther hätte die heutige Konfirmationspolitik der Evangelischen Kirche als das Werk „weißer Teufel“ verflucht.

SCHEITERN VERBOTEN

Das Abitur gibt es jetzt wieder nach zwölf Jahren. Mehr als die Hälfte aller Schulabgänger bringt das Reifezeugnis nach Hause. Vor 30 Jahren waren es nur gut 25 Prozent. Sind die Schüler heute auf wundersame Weise doppelt so schlau geworden? Natürlich nicht. Doch da in Amerika jede Kochoder Krankenschwesterausbildung als Studium bezeichnet wird, kommt man auch hierzulande darauf, dass wir angeblich viel zu wenige Studenten haben. Dummfolgsam wie das gute Deutschland ist, fehlt uns der Stolz auf das eigene duale System. Stattdessen schrauben wir lieber die Leistungsstandards Richtung Abitur herunter. Das Studium soll dann so weit wie möglich verschult und jenseits des Risikos akademischen Scheiterns in sechs Semestern absolviert werden.

Der erste Bock ist ein einschneidendes Erlebnis – es darf sich dabei ruhig um einen Jährling oder Abschussbock handeln.


FOTO: KARL-HEINZ VOLKMAR

JUNGJÄGER EINST UND HEUTE

Nicht-freigegebenes Wild zu erlegen ist verzeihlicher, wenn’s das 100ste Stück im Jägerleben ist und nicht das erste oder zweite.


FOTO: REINER BERNHARDT

Wer als Helfer lernt, was richtig oder falsch ist, wird als Jäger so manches Fettnäpfchen auslassen.


FOTO: REINER BERNHARDT

GEFÜHLE VOR FAKTEN

Wir leben im Zeitalter der Kompaktkurse. Doch nicht nur die Länge des Lernens hat sich verändert. Auch die Form ist eine vollständig andere geworden. Anstatt in Geschichte sorgfältige Quellenanalyse zu betreiben und auch einmal Langeweile ertragen zu können, führt das Lehrpersonal heute gern Spielfilme vor, ob sie zum Thema passen oder nicht. Auch hyperventilierte „Tutorials“ auf YouTube sind allgemein beliebt. Statt über harte Fakten tauschen sich deutsche Schulklassen gern über innere Befindlichkeiten aus. So verteilte die Geschichtslehrerin in der Klasse meiner Tochter ein Bild aus dem Grabenkampf des Ersten Weltkriegs und fragte dazu: „Was fühlt ihr dabei?“ Das Ergebnis derartiger Bildungserosionen präsentierte sich mir in einem Vorstellungsgespräch. Als ich abseits der üblichen Personalfragen gegenüber einer Bewerberin ein, zwei historische Themen anriss, da wurden ihre Augen groß und größer. „Also, der Hitler, der war voll schlimm!“ Mein Versuch, das etwas kryptische „voll schlimm“ in eine brauchbare historische Bewertung zu wandeln, stieß auf hartnäckiges Unverständnis. „Ach, keine Ahnung, voll schlimm eben, wegen den Juden und so.“

STANDARDS SINKEN

Dass wir uns in den Zeiten wachsender Lebenszeit keine Zeit mehr für das Wissen über unser Leben nehmen, das schmerzt. Zugleich ist unsere Gesellschaft von einem allgemeinen Gerechtigkeitswahn getrieben. Dabei bedeutet „Gerechtigkeit“ natürlich nicht, dass für gleiche Leistungen gleiche Noten verteilt werden und jeder Bildungschancen hat. Gerechtigkeit im Jahr 2018 bedeutet, dass die Schule jedem noch so schwachen Schüler ein Zertifikat ausstellen muss, das ihm im Leben weiterhilft. Dieses Zeugnis ist dann nichts anderes als eine Wiedergutmachung dafür, dass sie oder er es im Leben schon so schwer hatte. Gerechtigkeit 2018 ist nichts anderes als Nachsicht 2.0. Damit die dazu notwendigen Noten nicht durch Handauflegen vergeben werden müssen, ist logische Folge dieses Bildungssystems die dauernde Absenkung von Leistungsstandards.

WISSEN MUSS SICH SETZEN

Ein wenig differenzierter liegt die Sache bei der Jagd. Dort sind die Lerninhalte weitestgehend gleich geblieben, und auch die stundenmäßige Lehrzeit ist weitestgehend unverändert. Wenn es um das Lernen geht, spielen jedoch nicht allein die nackten Lehreinheiten und Stundenzahlen eine Rolle. Ebenso wie bei guten Weinen muss der Wissenstransfer auch die Zeit haben, sich zu setzen, reflektiert zu werden und quasi zu einem neuen Produkt zu fermentieren. Dafür ist keine Zeit, wenn man ab 7.00 Uhr morgens dauerbeschallt wird, aus einer Jagdschulstunde heraustorkelt, um dann gleich die nächste Einheit abzuwettern. Da bleibt kein Gesprächszeitraum für Diskussionen über jagdliche Ethik, die richtige Kaliberwahl, die Wildbiologie der Sauen oder Abrundungsprobleme zwischen Jagdbezirken. Wenn sich dieses Hyperventilieren dann nach der Prüfung fortsetzt und kein Lehrprinz da ist, der für die Vertiefung aller Eindrücke sorgt, dann braucht man sich keine falschen Vorstellungen darüber zu machen, welche schlechten Erlebnisse auf den Jungjäger warten.

HARTE PRAXIS MACHT PERFEKT

Nicht umsonst lernte jeder kleine Bub auf dem Lande vor hundert Jahren zunächst, mit dem Tesching umzugehen, den Spatzen nachzustellen oder Ratten auf dem Heuboden zu schießen. Das alles geschah natürlich unter den kritischen Augen älterer Geschwister, des Vaters und des Großvaters. Die Zehnjährigen wühlten sich durch die Jagdpresse, die für einen Teil der Landbevölkerung die Hauptlektüre darstellte. Mit zwölf Jahren gab es die Flinte in die Hand, ab vierzehn die Büchse. Der Jungjäger löste zeitgleich auch den ersten Jagdschein, sofern die Eltern derartige Formalien für nötig hielten. Scheinfreies Jagen war ein Kavaliersdelikt wie Falschparken. Wenn man sich überlegt, dass auf nahezu jedem Landgut ein oder zwei schwerbewaffnete Teenager herumliefen, dann überrascht es, dass Amokläufe oder Fahrlässigkeitstötungen weitestgehend unbekannt waren. Ein Grund dafür dürfte der strenge Umgang mit Fehlleistungen des Jungjägers gewesen sein. Laszlo Studinka, der legendäre ungarische Berufsjäger, beschreibt eine Jagd, die sein Vater, damals Güterdirektor bei Esterhazy, leitete. Eine Wachtel strich tief durch die Schützenlinie, und der kleine Lazi zog in seiner Überhitzung durch. Der Vater ruft ihn zu sich, nimmt ihm die Flinte ab und gibt ihm „patsch-patsch“ links und rechts eine Watschen. „Weißt du, wofür das war?“ „Ja, Vater.“ „Dann wirst du die kommenden Tage mit den Treibern gehen.“ Harte Praxis macht perfekt. Doch auch die reine Mußezeit, die ein Jungjäger mit der Naturbeobachtung verbrachte, mit dem anscheinend nutzlosen Herumstromern in Wald und Feld, mit dem Lernen vom eigenen Hund, knetet eine Jägerfigur zurecht. Muße hat aber nur der, der keine sonstigen Ablenkungen hat, keinen Fernseher, kein Smartphone und keinen Laptop. Es war vor hundert Jahren schlicht einfacher, zum Jäger zu werden, in einer Welt ohne Konkurrenzen.

Wer von klein auf mit dabei ist, hat vieles schon vor dem Jagdkurs gelernt, was sich der Quereinsteiger erst hinterher aneignen muss.


FOTO: JÜRGEN GAUSS

Früher war’s gang und gäbe, erst einmal mit der Jagd auf Raubwild zu beginnen.


FOTO: KARL-HEINZ VOLKMAR

KEIN APPLAUS

Umso wichtiger ist es, dass sich heute Jungjäger die Zeit für ihre praktische Reife nehmen, gerade wenn sie aus einer Jagdschule kommen. Gerade das überfordert viele. Die Tinte auf dem Prüfungszeugnis ist kaum trocken, da wird die erste Auslandsreise gebucht und über einen Strohmann das erste Revier gepachtet. Neulich strahlte mich ein Mitfünfziger an, er habe zwei Wochen nach seiner Prüfung in Namibia „richtig Kasse gemacht“ und war dann beinahe verstimmt, als ich mich weigerte zu applaudieren. In solchen Gesprächen scheint es mir notwendig, dass ausgereifte Jäger vom Nachwuchs Reifezeit auch einfordern und nicht alles beklatschen, was in jugendlicher Naivität da veranstaltet wird. Man muss nicht jedem frischgebackenen Jagdscheininhaber zum Start einen guten Bock aufnötigen, ein Jungfuchs oder ein Kitz tun es auch. Man sollte sich auch nicht scheuen, Jungjägern auf Drückjagden einen Begleiter beizugeben und auch Revierarbeit zu erwarten. Dadurch entstehen viele Naturerlebnisse und viel jagdliches Miteinander. Man muss die Dramaturgie der Jagd einhalten. Dann können auch Produkte aus dem Durchlauferhitzer ausgezeichnete Waidmänner werden.


FOTO: DIETER HOPF