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KAMPF STATT SPIEL: MOBBING UNTER HUNDEN


SitzPlatzFuss - epaper ⋅ Ausgabe 36/2019 vom 10.07.2019
Artikelbild für den Artikel "KAMPF STATT SPIEL: MOBBING UNTER HUNDEN" aus der Ausgabe 36/2019 von SitzPlatzFuss. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Shutterstock/ Jaromir Chalabala)

Eine alltägliche Situation: Zwei Hunde machen ein Rennspiel auf einer ausgedehnten Rasenfläche. Die Körpersprache der beiden ist entspannt, das Kräfteverhältnis ziemlich ausgeglichen. Plötzlich entdecken sie in einiger Entfernung einen dritten, deutlich kleineren Hund, der sich, auch im Freilauf, schnüffelnd nähert. Die beiden Hunde rennen direkt auf den kleineren zu. Kurz vor ihm bremsen sie abrupt ab und beginnen, ihn körperlich zu bedrängen, indem sie ihn umrunden und von verschiedenen Seiten beschnüffeln.

Die Körpersprache des kleinen Hundes verrät, dass ihm ...

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... dabei sehr unwohl ist. Er macht sich noch kleiner, legt die Ohren an und kneift den Schwanz ein. Zudem leckt er sich mit seiner Zungenspitze immer wieder hektisch über die Schnauze und hebt seine Vorderpfote an. Nach einem kurzen Erstarren versucht er, sich mit einem Sprint zwischen den Beinen der größeren Hunde hindurch in Sicherheit zu bringen.

Die beiden sind ihm aber körperlich deutlich überlegen und haben ihn schnell eingeholt. Sie jagen ihn mehrere Minuten lang quer über die Wiese, schneiden ihm immer wieder den Weg ab und rempeln ihn dabei unsanft an. Schließlich überrennt der eine der beiden ihn so, dass der kleine Hund sich nicht mehr auf den Beinen halten kann und verängstigt liegen bleibt. Erst dann lassen sich die größeren Hunde von ihrer Besitzerin abrufen, die das Geschehen beobachtet hat, dabei aber unsicher war, wie sie die Situation einschätzen soll. Hätte sie früher eingreifen sollen? Oder machen die Hunde solche Situationen besser unter sich aus? Schließlich ist kein Hund ernsthaft verletzt worden.

Dass es sich dabei um eine Mobbingsituation gehandelt hat, hat sie nicht erkannt.

Nicht jede Konfiktsituation zwischen Hunden hat etwas mit Mobbing zu tun. (Foto: Shutterstock/alexei_tm)


Mobbing unter Hunden – was ist damit gemeint?
Während der Begriff Mobbing unter Menschen in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend Gegenstand von Forschung wurde und in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt ist, wird er seit einigen Jahren auch im Zusammenhang mit hündischem Sozialverhalten diskutiert.
Häufig wird der Begriff dabei aber schwammig verwendet und nicht klar von anderen sozialen Verhaltensweisen, wie einem Streit oder beispielsweise ressourcenbedingter Aggression, abgegrenzt.
Dabei wurde das Phänomen tatsächlich zuerst nicht etwa bei Menschen, sondern bei Tieren beschrieben. In den 1960er-Jahren beobachtete der Verhaltensforscher Konrad Lorenz eine Gruppe Gänse, die sich zusammenrottete und so gemeinsam einen Fuchs durch gezielte Angriffe vertrieb. Unter dem Begriff „Hassen“ beschrieb er das Verhalten erstmals wissenschaftlich. Erst in den 1970er-Jahren wurde das Konzept zunehmend auch auf menschliches Verhalten übertragen (vgl. Engel).

Mobbing wird heute definiert als Verhalten, welches zum Ziel hat, ein Lebewesen aus einer sozialen Gruppe herauszudrängen oder fernzuhalten. Es ist an folgenden Punkten zu erkennen (vgl. Seydl, 2007):

1. Das Verhalten soll das Opfer schädigen, ausgrenzen oder herabsetzen und so gleichzeitig die Machtposition der Täter stärken.
Mobbing soll dem Opfer körperlich und psychisch schaden. Es ist auf ein soziales System ausgerichtet und schwächt systematisch die Position und den sozialen Status des Opfers.

2. Es besteht ein deutliches Machtgefälle zwischen Täter und Opfer.
Opfer sind den Tätern deutlich unterlegen. Dies kann dadurch bedingt sein, dass das Mobbing von zwei oder mehr Hunden ausgeht. Ein Machtgefälle kann aber auch durch eine deutliche körperliche Überlegenheit in Bezug auf Größe oder Schnelligkeit entstehen.

3. Das Verhalten findet wiederholt statt.
Während bei Mobbing unter Menschen ein wichtiges Merkmal ist, dass das ausgrenzende Verhalten mehrere Wochen andauert, genügt bei Tieren, wenn es während einer Begegnung wiederholt gezeigt wird.

Typ1


Typ 2 (Abb.: K Andres)


Anhand dieser Kriterien lässt sich zeigen, dass die meisten Konflikte unter Hunden keine Mobbingsituationen sind. Entsteht beispielsweise zwischen zwei Hunden ein Konflikt um einen Ball als Ressource, so steht dessen Besitz im Zentrum. Hat ein Hund sich durchgesetzt, den Ball erkämpft und der unterlegene Hund akzeptiert dies, so ist der Konflikt beendet. Damit hat der unterlegene Hund die Möglichkeit, die Situation zu beenden, bevor er ernsthaft zu Schaden kommt.
Bei Mobbing jedoch steht dem Opfer diese Möglichkeit nicht offen. Ziel von Mobbing ist sein Vertreiben oder seine Schädigung, und es hat durch die eigene Unterlegenheit keine Möglichkeit, die Situation selbst zu beeinflussen. Die eingangs geschilderte Situation des kleinen Hundes, der von den beiden größeren Hunden bedrängt wird, lässt sich damit als klare Mobbingsituation erkennen. Die beiden größeren Hunde waren dem kleinen Hund körperlich und zahlenmäßig überlegen. Sie zeigten über mehrere Minuten hinweg ein Verhalten, das ihre Machtposition gegenüber dem kleineren Hund stärkte und ihn physisch und psychisch schädigte, obschon sich der kleinere Hund bereits zurückziehen wollte und sich unterwarf.
Noch nicht geklärt ist damit aber die Frage, weshalb Hunde als soziale Lebewesen ein solches Verhalten überhaupt zeigen.

Warum wird gemobbt?

Die Gründe für das Auftreten von Mobbing sind vielschichtig. Ursachen lassen sich sowohl auf der Seite der Täter als auch der Opfer finden.

Die Seite der Täter: Mobbing fühlt sich gut an
Bei den klar überlegenen Tätern löst das Verhalten schlicht positive Empfindungen aus. Es fühlt sich gut an, die eigene Stärke auszuleben und sich selbst mächtig zu fühlen. Insbesondere der Einsatz des eigenen Körpers, beispielsweise beim Jagen eines Opfers, führt zu einer Ausschüttung von körpereigenen Glückshormonen und ist damit selbstbelohnend. Mobbing kann zudem den Zusammenhalt innerhalb einer Gruppe von Tätern stärken. Gerade Hunde, die selbst unsicher sind und sonst einen eher schwachen Stand haben, zeigen oft besonders intensives Mobbingverhalten und versuchen so, ihre eigene Position in der Gruppe zu stärken.
Diese Hunde werden aber häufig auch selbst Opfer von Mobbingattacken, wie wir noch sehen werden.
Mobbingsituationen entstehen zudem häufig bei einer generell hohen Anspannung der Beteiligten. Ist das Erregungslevel eines Hundes sehr hoch, steigt auch seine Bereitschaft zu aggressivem Verhalten. Zudem erkennt er körpersprachliche Signale anderer Hunde schlechter und zeigt eher grenzüberschreitendes Verhalten wie beispielsweise das Übertreten der Individualdistanz. Dies liegt daran, dass die hohe Anspannung dazu führt, dass Stresshormone ausgeschüttet werden, die das bewusste Denken des Hundes behindern und eine unmittelbare Kampf- oder Fluchtreaktion auslösen können (vgl. Wested, 2013).
Bei einem hohen Erregungslevel steigt entsprechend die Wahrscheinlichkeit, dass der Hund selbst grob kommuniziert und gleichzeitig auch auf Signale des Gegenübers aggressiv reagiert.
Auffällig ist daneben aber auch, dass oft Hunde gemobbt werden, die in Hundebegegnungen selbst sehr angespannt und unsicher wirken. Dabei lassen sich zwei Typen von Hunden unterscheiden:

Typ 1: Unterwürfig und ängstlich wirkende Hunde
Diese Hunde zeigen eine sehr defensive Körpersprache. Sie machen sich klein und zeigen Beschwichtigungssignale. Sie verteidigen sich nicht, wenn andere Hunde ihnen zu nahe kommen und ihre Individualdistanz unterschreiten, sondern erstarren oder versuchen zu flüchten. Damit zeigen sie Schwäche und werden öfter zum Ziel von Mobbingattacken. Der Hund im eingangs beschriebenen Beispiel gehörte zu diesem Typ von Hunden.

Typ 2: Aus Unsicherheit aggressiv kommunizierende Hunde
Wie bereits festgehalten, kann eine hohe Anspannung dazu führen, dass Hunde aggressives Verhalten zeigen. Kennzeichnend für Hunde dieses Typus ist beispielsweise, dass sie sich bei einer Begegnung mit fremden Hunden zu Beginn steif beschnuppern lassen und plötzlich stark aggressives Verhalten zeigen wie etwa wildes Um-sich-Schnappen. Damit verraten sie die eigene Unsicherheit und Schwäche. Zudem provozieren sie eine Reaktion des anderen Hundes. Wenn dieser sich deutlich überlegen fühlt und seinen eigenen sozialen Status verteidigen will, wird er schnell zum Mobber.
Möglich ist aber auch, dass diese unsicheren Hunde mit ihrer aggressiven Strategie Erfolg haben und den fremden Hund verunsichern und beeindrucken. Dann können sie schnell selbst zu Mobbern werden, die sich auf Kosten anderer als stark und gefährlich inszenieren, um so den eigenen sozialen Status verbessern.

Als Besitzer sollte man jedes Spiel gut im Auge behalten. (Foto: Shutterstock/ Arman Novic)


Die Folgen von Mobbing: Täter und Opfer verlieren

In Mobbingsituationen entsteht eine Dynamik, die sich selbst verstärkt. Die bereits unsicheren Mobbingopfer erleben einen totalen Kontrollverlust. Sie stellen fest, dass sie sich nicht selbst schützen können, und werden panisch. Durch ein Verstärken der eigenen Verhaltensstrategie, also entweder Unterwerfen und Fluchtversuche oder dem aggressiven Verteidigen und Vertreiben, versuchen sie, die eigene Sicherheit wiederherzustellen. Da sie aber klar unterlegen sind, kann ihnen dies nicht gelingen und führt nur dazu, dass die Täter ihr Mobbing verstärken.
Diesen macht es zunehmend Spaß, je stärker überlegen sie sich fühlen. Sind mehrere Hunde beteiligt, verstärkt die Gruppendynamik das Mobbing oft noch.
Wird die Situation nicht unterbrochen, steigert sich die Aggression auf beiden Seiten immer weiter. Entweder gelingt es dem unterlegenen Hund doch noch, sich in Sicherheit zu bringen, weil er in der Angst um sein Leben weitere Kräfte mobilisieren kann, oder die Täter werden irgendwann müde und wenden sich anderen Beschäftigungen zu. Möglich ist aber auch, dass die Täter die Grenzen des Opfers immer weiter überschreiten.
Sie werden durch die aufgeheizte Stimmung zunehmend enthemmt und können so das Opfer ernsthaft verletzen oder gar töten.
Auch wenn es nicht so weit kommt, verlieren bei Mobbingsituationen immer alle Beteiligten.
Die Opfer sind durch den Kontrollverlust und die Angst, die sie erlebt haben, bei zukünftigen Hundebegegnungen noch stärker verunsichert als zuvor. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie durch die größere Unsicherheit und Anspannung erneut zu Opfern werden.
Die Täter haben erlebt, dass es sich gut anfühlt, die Grenzen anderer Hunde zu überschreiten. Bei ihnen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie erneut zu Tätern werden und damit entweder weitere Hunde schädigen oder aber dass sie selbst einmal von einem Hund, der sich zur Wehr setzt, verletzt werden.
Wenn also die genannten drei Kriterien von Mobbing zutreffen, muss die Situation schnellstmöglich unterbrochen werden. Dabei stehen die Bezugspersonen von Opfern und Tätern gleichermaßen in der Pflicht.
Mobbing ist ein soziales Phänomen, und es ist die Aufgabe von Hundehaltern, ihren Hunden als Sozialpartner auch in solchen Situationen zur Seite zu stehen und sie zu unterstützen, ein angemessenes Sozialverhalten erlernen zu können.

Mobbingsituationen sicher erkennen

Nach den beschriebenen drei Kriterien ist eine Mobbingsituation theoretisch gut zu erkennen. Im Alltag ist dies aber häufiger nicht so einfach. Wichtigstes Merkmal ist das Machtgefälle zwischen Opfern und Tätern. Oft ist es aber bei Hundebegegnungen schwierig einzuschätzen, wie das Machtverhältnis verteilt ist.

Den besten Anhaltspunkt dafür bietet das Erregungs- und Stresslevel der beteiligten Hunde, das von ihrer Körpersprache abgeleitet werden kann. Zeigt ein Hund massive Stressanzeichen und wird weiter von anderen Hunden bedrängt, in seiner Bewegung eingeschränkt, angerempelt oder überrannt, ohne sich zurückziehen zu können, muss von einer Mobbingsituation ausgegangen werden.

Körpersprachliche Anzeichen für Überforderung
Bereits auf größere Distanz kann eingeschätzt werden, mit wie viel Anspannung Hunde in eine Begegnung hineingehen. Anzeichen für eine freundliche Kontaktaufnahme sind eine weiche, entspannte Körperhaltung, ein locker herabhängender Schwanz und ein entspannter Gesichtsausdruck. Vorsicht ist geboten, wenn ein Hund steif auf den anderen zugeht oder sich starr hinlegt, ihn mit Blicken fixiert oder in hohem Tempo in gerader Linie auf den anderen zurennt. Besonders das Beobachten von Konfliktreaktionen ist eine Möglichkeit, das Stresslevel von Hunden sowohl zu Beginn der Begegnung als auch während des Kontakts einzuschätzen.

Richtiges Handeln in Mobbingsituationen

Wenn Mobbing richtig erkannt wurde, sind die anwesenden Menschen gefordert, richtig zu handeln. Da das Verhalten für die Täter selbstbelohnend ist und die Opfer es nicht aus eigener Kraft beenden können, müssen die Menschen es unterbrechen.
Zentral ist dabei, dem Opfer so schnell wie möglich wieder Sicherheit zu bieten und die Täter daran zu hindern, weiter grenzverletzendes Verhalten zu zeigen. Alle Hunde müssen deshalb sofort abgerufen und gesichert werden. Wenn Hunde, die Opfer wurden, Schutz bei ihren Besitzern suchen, sollten diese sie unbedingt konsequent schützen und so zeigen, dass sie zuverlässige Sozialpartner sind, auf die sich ihre Hunde im Ernstfall verlassen können. In der Verhaltensbiologie spricht man bei diesem Verhalten von „Social Support“, der Unterstützung von Sozialpartnern in ängstigenden und überfordernden Situationen. Dieses Verhalten zeigen sowohl Wölfe als auch Hunde untereinander. Auch Menschen können ihrem Hund diesen „Social Support“ bieten. Um Mobbing in Zukunft zu verhindern, muss anschließend sowohl mit Tätern als auch mit Opfern ganzheitlich trainiert werden.

Durch das Training von Opfern und Tätern Mobbing nachhaltig verhindern

Wie bereits aufgezeigt, ist die Grenze zwischen Mobbingopfern und Tätern oft fließend. Gemeinsam ist allen ein hohes Erregungslevel bei Hundebegegnungen. Die Bezugspersonen können ihre Hunde auf unterschiedlichen Ebenen stärken und damit die Wahrscheinlichkeit von weiteren Übergriffen in Zukunft vermindern:

Sicherheit schaffen:
Durch das Schaffen von Sicherheit in Hundebegegnungen kann das Erregungslevel der beteiligten Hunde gesenkt und das Entstehen von Mobbing verhindert werden.
Das Fundament dafür ist die verlässliche Bindung zum Menschen als Sozialpartner, der bei Unsicherheit oder Überforderung Unterstützung und Schutz bietet. Wenn der Hund sich darauf einstellen kann, dass fremde Hunde, die ihn an der Leine unerwartet umrennen oder bedrängen wollen, von seiner Bezugsperson abgeblockt werden, gibt ihm das viel Sicherheit.
Der Mensch sollte auch einschätzen, ob von einem fremden Hund eine Gefahr ausgeht oder eine Begegnung ein positives Erlebnis für den eigenen Vierbeiner darstellt. Im Zentrum stehen sollte immer die Frage, was der eigene Hund aus einer Hundebegegnung mitnehmen kann. Überwiegen positive Aspekte wie ein entspanntes gemeinsames Spiel oder Erkunden der Umgebung, macht ein gemeinsamer Freilauf Sinn. Ist eine Begegnung für die beteiligten Hunde aber vor allem Stress, sollte darauf verzichtet werden. Sicherheit bieten können auch klare Rituale bei Hundebegegnungen. Wenn ein unsicherer Hund im Freilauf einen anderen Hund treffen soll, empfiehlt es sich, beide Hunde erst an der Leine in einigem Abstand nebeneinanderher gehen zu lassen, bis sie eine entspannte Körpersprache zeigen und ohne Anzeichen von Stress nahe beieinander laufen können.

Nach Mobbing-Erfahrungen können Hundebegegnungen zum Problem werden.


(Foto: Shutterstock/Skamai)

Die Dauer der Phasen des gemeinsamen Freilaufs sollte bei unsicheren Hunden kurz gehalten und auf Anzeichen von Überforderung sollte geachtet werden. Auf eine Freilaufsequenz, die je nach Erregungslage der Hunde nur wenige Minuten dauert, sollte wieder eine ruhige Entspannungsphase folgen, bei der sich die Hunde bei kurzen Übungen oder dem ruhigen Erkunden der Umgebung wieder entspannen können. Oftmals können die Hunde sich schneller wieder entspannen, wenn sie dabei angeleint sind.

Übergriffiges Verhalten abbrechen
Überschreitet ein Hund die Grenzen des anderen Hundes wiederholt, muss das Verhalten konsequent abgebrochen werden, damit er mit dieser Strategie nicht Erfolge erlebt. Er muss lernen, dass er damit sein Ziel nicht erreicht. Am besten eignet sich dafür ein gut auftrainiertes Abbruchsignal. Ist das Erregungsniveau des Hundes bereits so hoch, dass er nicht mehr ansprechbar ist, sollte unbedingt eine Entspannungsphase eingeleitet werden.

Positive Lernerfahrungen mit anderen Hunden ermöglichen
Wenn unsichere oder schnell erregbare Hunde auf sozial gefestigte Hunde treffen, Freundschaften schließen und von diesen ein angemessenes Sozialverhalten lernen können, kann sich dies sehr positiv auf ihren Umgang mit anderen Hunden auswirken. Sie üben sich in Kommunikation und lernen, die Signale von anderen Hunden besser zu lesen. In Stresssituationen können sie sich zudem an den sicheren Hunden orientieren.

Das Selbstbewusstsein stärken
Mit einem gestärkten Selbstbewusstsein reagieren Hunde souveräner auf anspruchsvolle Situationen und können sich auch besser gegenüber anderen Hunden durchsetzen.

Die Individualdistanz

Hunde haben, genau wie Menschen, das Bedürfnis nach einem gewissen Abstand zu anderen Lebewesen. Dieser Abstand, den man braucht, um sich in Begegnungen noch wohlzufühlen, wird Individualdistanz genannt (vgl. Hofer, 2006).
Wie groß dieser Abstand sein muss, damit er als angenehm empfunden wird, hängt zu einem Teil von der Persönlichkeit des Tieres oder Menschen ab. Während einige Charaktere Nähe und Körperkontakt gern zulassen, ist dies anderen unangenehm. Zu einem weiteren Teil hängt das Bedürfnis nach Abstand davon ab, wie gut sich zwei Lebewesen kennen und ob sie sich vertrauen. Gute Freunde begrüßt man herzlicher und lässt sie gern näher an sich herankommen, als man dies bei Unbekannten oder gar unsympathischen Menschen oder Tieren akzeptieren würde.

Das Selbstbewusstsein des Hundes stärken: Kleine Mutproben im Alltag

Kleine Mutproben bieten eine gute Gelegenheit zur Stärkung des Selbstbewusstseins eines Hundes. Zudem schweißt das gemeinsame Überwinden von Schwierigkeiten Mensch und Hund als Team zusammen. Es gibt viele Möglichkeiten, kleine Mutproben in den Alltag eines Hundes einzubauen. Typische Beispiele sind:
• Den Hund im Wald über Baumstämme balancieren oder einen steilen Hang erklimmen lassen. So übt er sich darin, das Gleichgewicht zu halten.
• Gemeinsam mit dem Hund schwimmen. Dabei überwindet er seine Angst davor, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
• Futter oder Spielzeug in einer Kartonschachtel oder Tasche verstecken und den Hund suchen lassen. Er muss sich überwinden und seinen Kopf hineinstecken.
• Den Hund unter einen Stuhl, der mit einem Tuch abgedeckt ist, oder durch einen Tunnel gehen lassen. Er überwindet dadurch die Unsicherheit vor engen dunklen Räumen.

Konfliktreaktionen

Die Konfliktreaktionen eines Hundes zeigen an, dass er mehrere Handlungsimpulse verspürt, die er nicht gleichzeitig ausführen kann (vgl. Weidt, 2005). So kann er beispielsweise bei einer Begegnung mit einem fremden Hund hin- und hergerissen sein zwischen dem Wunsch, mit diesem Kontakt aufzunehmen, und dem gleichzeitigen Impuls, aus seiner Unsicherheit heraus die Flucht zu ergreifen. Je höher die Anspannung des Hundes ist, desto ausgeprägter werden die gezeigten Konfliktreaktionen. Damit eignen sie sich gut, um den Grad der Anspannung eines Hundes einzuschätzen. Hunde entwickeln individuelle Vorlieben für bestimmte Konfliktreaktionen. Während die einen bei erhöhter Erregung beispielsweise eher zum Bellen oder Fiepen neigen, zeigen andere häufiger ein Gähnen oder Fellschütteln.

Typische Konfliktreaktionen sind:
• Lecken der eigenen Schnauze
• Gähnen
• Fellschütteln
• Kratzen
• Lautäußerungen (Winseln, Fiepen, Bellen)
• Schluckbewegung ohne Nahrungsaufnahme
• Anheben einer Vorderpfote
• Penis ausgeschachtet
• Grasfressen
• Schnüffeln
• Abwenden des Kopfes
• Vermeiden von Blickkontakt
• Aufreiten
• Schwanzwedeln

Achtung:
Keine dieser Reaktionen für sich zeigt an, dass der Hund sich überfordert fühlt. Erst wenn sie sehr häufig, besonders intensiv oder lange auftreten, ist dies ein Hinweis darauf, dass er sich in einer erhöhten Erregungslage befindet und möglicherweise Unterstützung braucht.

KATRIN ANDRES…

…ist Dipl.-Sozialpädagogin BA und Hundeverhaltenstherapeutin ATN/ccf.
Sie unterstützt Menschen mit Hunden, deren Verhalten im Alltag als problematisch erlebt wird und geht dabei immer ganzheitlich vor. In ihrer Beratung und im Training arbeitet sie ressourcenorientiert, klientenzentriert, nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und selbstverständlich ohne Einschüchterung und Gewalt.
Ihr Studium der Sozialpädagik bietet ihr ein ideales Fundament, um im Rahmen der Hundeverhaltensberatung auf den Besitzer einzugehen.

Weitere Infos:
hundeverhaltensberatung-andres.ch