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Kampf um den Kelp


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TAUCHEN - epaper ⋅ Ausgabe 110/2022 vom 11.10.2022

KELPWÄLDER

Artikelbild für den Artikel "Kampf um den Kelp" aus der Ausgabe 110/2022 von TAUCHEN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: TAUCHEN, Ausgabe 110/2022

Es gibt etwa 30 verschiedene Arten dieser großen, braunen Algen, zusammengefasst unter der Bezeichnung Kelp. Die bis zu 40 Meter großen Giganten der Art Nereocystis luetkeana wachsen vor den Pazifikküsten Asiens und Nordamerikas, von Alaska bis Kalifornien. Riesentang (Macrocystis pyrifera) ist weltweit in den küstennahen, gemäßigten Ozeanen zu finden, unter anderem an den Pazifikküsten Nord- und Südamerikas sowie um Tasmanien und Australien.

Beide Gangarten haben große Wedel, die ein dichtes Blätterdach auf der Wasseroberfläche bilden, einen hohen zentralen Stiel, der an seiner Basis mit dem Substrat verbunden ist, und Luftblasen, die den Stiel aufrecht halten. Unter optimalen Bedingungen können Seetangpflanzen 30 Zentimeter pro Tag wachsen. Gesunde Kelpwälder sind produktiver als der Amazonas-Regenwald und bieten Brutstätten, Nahrung und Unterschlupf für mehr als 1000 Arten, ...

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... darunter Fische, wirbellose Tiere, Säugetiere wie Seeotter und Robben und sogar Vögel. Der Verlust von Kelp hat tiefgreifende Auswirkungen auf die marinen Ökosysteme. Kelpwälder binden Kohlenstoff, erzeugen Sauerstoff und schützen die Küsten, indem sie die Wellenenergie absorbieren, was dem Ökosystem weit über seine Grenzen hinaus zugute kommt.

»Die Erwärmung der Ozeane erhöht das Risiko von Infektionsausbrüchen und führt dazu, dass Krankheitserreger auch dort auftauchen, wo sie bisher keine Probleme verursacht haben.«

Prof. Drew Harvell, Cornell University

»Wir wissen immer noch nicht, wie die Krankheit genau aussieht, und wie man sie in Zukunft bekämpfen kann.«

Carlos Drews, Ocean Wise

Der Verlust von Kelp hat auch direkte Auswirkungen auf die Menschen. Die Fischerei- und Tourismusindustrie in Nordkalifornien ist auf Abalonen angewiesen – und diese Seeohr-Schnecken ernähren sich von Kelp. 44 Millionen US-Dollar Verlust waren eine indirekte Folge des Kelp-Rückgangs. Auch mehrere Fischereien vor der Küste Oregons haben unter dem Verlust von Kelp gelitten.

Das Sterben der Seesterne

Die Katastrophe im nordöstlichen Pazifik begann 2013, als die Sea Star Wasting Disease (SSWD) etwa 90 Prozent der Population der Sonnenblumen-Seesterne (Pycnopodia helianthoides) dahinraffte. Mit einem Durchmesser von einem Meter und bis zu 24 Armen ernährt sich dieser wichtige Räuber von Seeigeln, darunter Violetten (Stronglyocentrotus purpuratus) und Grünen Seeigeln (Stronglyocentrotus droebachiensis). Zwar fressen Seeotter ebenfalls Seeigel. Aber die Otter-Populationen, die in der Vergangenheit durch die menschliche Jagd auf ihre Felle erheblich reduziert wurden, sind heute zu klein, um einen großen Unterschied zu machen.

Die Sonnenblumen-Seesterne sind vor Kalifornien und Oregon vollständig verschwunden. In Washington gingen sie zwischen 2013 und 2015 um 99 Prozent zurück. An der Küste von British Columbia ging die Häufigkeit der Art laut Ocean Wise, einer in Vancouver ansässigen Naturschutzorganisation, an 20 Ausbruchsorten der SSWD um durchschnittlich 89 Prozent zurück.

Laut Carlos Drews von Ocean Wise hat die SSWD mehr als eine Milliarde Sterne getötet. »Wir wissen immer noch nicht, wie die Krankheit genau aussieht, und wie man sie in Zukunft bekämpfen kann. Die International Union for Conservation of Nature (IUCN) hat die Sonnenblumen-Seeesterne im Jahr 2020 als kritisch gefährdet eingestuft.«

Professor Drew Harvell von der Cornell University in New York hat festgestellt, dass die Erwärmung der Ozeane das Risiko von Infektionsausbrüchen erhöht und dazu führt, dass Krankheitserreger auch dort auftauchen, wo sie bisher keine Probleme verursacht haben. Die Tatsache, dass mehr als 20 Arten von der SSWD betroffen sind, deutet ihrer Meinung nach darauf hin, dass es sich um einen neuen Erreger handelt.

Das Sterben des Kelps

Ohne ihren entscheidenden natürlichen Feind, die Seesterne, explodierten die Seeigel-Populationen. Sie fraßen ganze Kelpwälder auf, und 2015 bedeckten haufenweise Seeigel, durchmischt mit wenig anderen Arten, weite Teile des Meeresbodens und verwandelten ihn in Brachland.

Zudem erlebte die Westküste Nordamerikas von 2014 bis 2017 eine starke Erwärmung der Ozeane. Die Hitzewellen unterdrückten den normalen Auftrieb von kaltem, tiefem Wasser, das an dieser Küste Nährstoffe an die Oberfläche bringt. Die nährstoffarmen Bedingungen setzten den Kelp, der den Angriff der Seeigel überlebt hatte, zusätzlich unter Druck. Kelp hat zwar schon früheren Hitzewellen standgehalten. Aber die Kombination aus nährstoffarmem Wasser und Seeigel-Überpopulation war zu viel.

»Es ist das marine Äquivalent eines kahlgeschlagenen Waldes, sowohl optisch als auch in Bezug auf die Funktion des Ökosystems.«

Tom Calvanese, Oregon Kelp Alliance (ORKA)

»Dieses großartige, vielfältige Ökosystem ist zu einer Ödnis verkommen«, sagt Tom Calvanese, Koordinator der Oregon Kelp Alliance (ORKA). »Es ist das marine Äquivalent eines kahlgeschlagenen Waldes, sowohl optisch als auch in Bezug auf die Funktion des Ökosystems.« Im ausgedehnten Orford-Riffsystem schätzten staatliche Behörden und örtliche Berufstaucher, dass die Zahl der Seeigel seit 2014 um das 10.000-fache gestiegen ist und die üppigen Kelp-Bänke, die unzählige Lebensformen beherbergten, zerstört hat. In der kalifornischen Monterey Bay hat sich die Zahl der Seeigel zwischen 2013 und 2019 um das 260-fache erhöht und den Kelp-Bestand um 59 Prozent reduziert. In einigen Gebieten von British Columbia hat sich das Vorkommen von Grünseeigeln vervierfacht.

Schritte zur Genesung

Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Seetangwälder ohne Hilfe erholen. Voraussetzung dafür wären die Reduzierung der Seeigel, die Wiederansiedlung von Seesternen und die Anpflanzung von Seetang.

Die Universität von Washington arbeitet daran, Sonnenblumen-Seesterne in Gefangenschaft zu züchten. Zwar kann keiner von ihnen freigelassen werden, solange sich die allgemeinen Bedingungen in der freien Natur nicht ändern. Doch ist die erfolgreiche Zucht ein wichtiger erster Schritt. Mehrere kanadische Institutionen, darunter Fisheries and Oceans Canada, arbeiten mit der Oregon State University zusammen, um die Fortpflanzungsaktivität der Sonnenblumen-Seesterne in Washington, Alaska und British Columbia zu überwachen. Die Wissenschaftler wollen diese Daten nutzen, um den politischen Entscheidungsträgern Empfehlungen für Maßnahmen zum Schutz der Sonnenblumen-Seesterne zu geben.

Inzwischen springen Berufsfischer und freiwillige Sporttaucher ein, um die fehlenden Seesterne zu ersetzen. Unter anderem werden kommerzielle Fischer dafür bezahlt, Seeigel zu entfernen, und freiwillige Taucher geschult, sie zu zertrümmern.

In Kalifornien hat das Giant Giant Kelp Restoration Project (G2KR) Zertifizierungen für Kelp Restoration Diver eingeführt und setzt so geschulte, freiwillige Taucher ein, um die Seeigel-Population in der Monterey Bay zu reduzieren. Bisher wurden am Tanker‘s Reef fast 500.000 Seeigel entfernt. »Die Verringerung der Seeigel-Dichte auf unserer 2,5 Hektar großen Versuchsfläche von sieben auf 0,4 Exemplare pro Quadratmeter hat zu einer Fülle von neuem Riesentang geführt«, sagt Keith Rootsaert, Gründer von G2KR.

Mehrere Organisationen versuchen zudem, Seeigel als Nahrungsmittel zu ernten.

Die Idee hat ihre Vorteile, aber auch ihre Tücken. Wenn Seeigel die Seetangwälder erst einmal aufgefressen haben, haben sie keine Nahrung mehr und fallen in einen Ruhezustand. Dieser Zustand niedrigen Stoffwechsels ermöglicht ihnen das Überleben. Er lässt sie aber abgemagert und fast hohl zurück, mit wenig oder gar keinem der schmackhaften, orangefarbenen Rogen, die von Feinschmeckern geschätzt werden. Die Oregon Kelp Alliance (ORKA) sammelt die Seeigel aus den Brachgebieten und bringt sie ins Labor, wo sie mit kultiviertem Lappentang gemästet werden. Calvanese sagt dazu: »Unsere Arbeit ist mit der Gemeinde, mit Stammesmitgliedern, Köchen und Gemeindeveranstaltungen verbunden, um die Menschen aufzuklären und Verkostungen durchzuführen. Lokale Köche experimentieren bereits mit violetten Seeigeln.«

Vor der aktuellen Krise, so Calvanese, waren die Seetangwälder in Oregon seit zehn Jahren nicht mehr untersucht worden. »Diese enorme Veränderung geschah, und wir wurden ohne die benötigten Daten erwischt. Jetzt arbeiten wir daran, das Ausmaß des Problems besser zu verstehen. Bevor wir mit der Wiederherstellung beginnen können, müssen wir genau wissen, worauf wir unsere Bemühungen konzentrieren müssen.«

»Die Verringerung der Seeigel-Dichte auf unserer 2,5 Hektar großen Versuchsfläche von sieben auf 0,4 Exemplare pro Quadratmeter hat zu einer Fülle von neuem Riesentang geführt.«

Keith Rootsaert, G2KR

Zu diesem Zweck baut die ORKA ihre Kapazitäten aus, indem sie Taucher ausbildet und den Zugang für Schiffe verbessert. »Wir bauen ein Stewardship-Programm für Seetangwälder auf«, sagt Calvanese. »Es wird viel über die blaue Wirtschaft, blauen Kohlenstoff und die Bedeutung des Ozeans gesprochen. Wir müssen wirklich in ein langfristiges Programm investieren, das Menschen dazu bringt, diese wichtigen Ökosysteme zu erforschen, zu verstehen und zu schützen.«

Wieder »aufforsten«

Reef Check, eine gemeinnützige Organisation, die sich dem Meeresschutz verschrieben hat, überwacht Kelp-Projektgebiete an der gesamten Westküste und stützt sich dabei in hohem Maß auf ausgebildete, freiwillige Taucher. Laut Programmkoordinator Dan Abbott besteht das Ziel nicht darin, die Seeigel vollständig auszurotten – schließlich sind sie ein natürlicher Bestandteil des Ökosystems. Das Ziel sei vielmehr, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Kelp, Seesternen, Seeigeln und den anderen dort vertretenen Arten wiederherzustellen. »Das Problem ist nicht, dass es diese Brachflächen aus Seeigeln gibt, sondern dass sie so massiv sind, häufiger auftreten und länger andauern«, sagt Abbott.

Die Vorbereitungen für den nächsten Schritt sind bereits im Gange: die Wiederherstellung von Seetang in Gebieten, in denen die Seeigel-Populationen unter Kontrolle gebracht werden konnten. Ocean Wise testet als kosteneffiziente Methode zur Wiederanpflanzung in British Columbia die Verwendung von »grünem Kies«, also Kieselsteinen, die mit Babytang besät sind. Der Ansatz ist vielversprechend, muss aber noch weiter getestet werden, um voll einsatzfähig zu sein. Carlos Drews hofft, dass die kanadische Regierung die Wiederaufforstung von Seetang in ihr Kohlenstoffbudget einbezieht, was dazu beitragen könnte, dass diese Bemühungen ein größeres Ausmaß erreichen. »Kelp bindet Kohlenstoff mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit«, sagt er.

Im Bundesstaat Washington legt das Programm des Puget Sound Restoration Fund eine Seetang-Samenbank an und kultiviert den Seetang im Labor, um ihn an Restaurierungs-Standorten zu pflanzen. Im Rahmen des Programms wurde 2020 erfolgreich Tang der Art Nereocystis luetkeana an einem Pilotstandort gepflanzt.

Taucher spielen eine wichtige Rolle bei der Wiederherstellung von Kelp. Drews meint dazu: »Sie sind im Wasser und können sehen, was mit dem Seetang passiert. Wir müssen Klima-Refugien ausfindig machen, also Gebiete, die nicht von der Erwärmung betroffen sind und in denen der Kelp möglicherweise überleben kann.« Taucher sind aufgerufen, sich als Freiwillige für Kelp-Untersuchungen und Seeigel-Entfernungen zur Verfügung zu stellen. Interessierte können auch an Organisationen spenden, die an diesem Problem arbeiten, und sich denjenigen anschließen, die Seeigel essen.

Calvanese sagt: »Ich glaube nicht, dass eines dieser Dinge die alleinige Lösung ist. Aber zusammengenommen ist jedes ein Teil der Lösung. Komplizierte Probleme erfordern komplizierte Lösungen.« Nach den ORKA-Veranstaltungen im letzten Sommer hörte er von vielen Tauchern, die das Gefühl hatten, dass sie ihr Hobby mit Sinn ausüben würden. »Es gibt ein echtes Bedürfnis zu handeln, etwas zu tun.«

KELP DOWN UNDER

Aufgrund der Meereserwärmung hat Tasmanien 95 Prozent seiner Riesentangwälder verloren. Wissenschaftler des Instituts für Meeres- und Antarktisforschung der Universität Tasmanien haben 2019 damit begonnen, einige der wenigen überlebenden Seetangpflanzen zu testen, um Individuen zu identifizieren, deren genetisches Profil sie toleranter gegenüber warmem Wasser macht. Die Sporen dieser Pflanzen wurden im Labor gezüchtet, um mit den widerstandsfähigsten die Chancen auf eine erfolgreiche Wiederansiedlung zu erhöhen. Der Forscher Cayne Layton hat inzwischen zwei Flächen mit diesen wärmetoleranten Kelp-Pflanzen bepflanzt, die bis zu zwölf Meter hoch geworden sind. Wissenschaftler und freiwillige Taucher entfernen auch hier zahllose Seeigel.

Die Wahrheit ist jedoch, dass all diese Bemühungen, dem Kelp zu helfen, möglicherweise nicht ausreichen, wenn die Gesellschaft nicht die Hauptursache für den Verlust des Kelps bekämpft: den Klimawandel. Eines steht fest: Es ist einfacher, einen bestehenden Seetangwald zu schützen, als einen vernichteten wieder aufzubauen.