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Kampf um die Alpen: Der Berg als Kulisse


natur - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 17.01.2020

Am Grünten, dem „Wächter des Allgäus“, wird ein Streit ausgetragen, der in Zeiten des Klimawandels exemplarisch für den Alpenraum ist: Wie viel Tourismus ist gut für die Berge und ihre Bewohner?


Artikelbild für den Artikel "Kampf um die Alpen: Der Berg als Kulisse" aus der Ausgabe 2/2020 von natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: natur, Ausgabe 2/2020

Der „Wächter des Allgäus“ im Winterkleid. Viele Menschen am Grünten leben vom Tourismus – viele andere aber fürchten ihn


Der Saal im Brauerei-Gasthof Adler-Post in Rettenberg ist brechend voll. Der Landrat ist gekommen, der Brauereichef, Skifahrer, Skilehrer, Vermieter von Ferienwohnungen und viele andere, die vom Tourismus leben, hier unterm Grünten, dem „Wächter des Allgäus“, 1738 Meter hoch. Auch Anja Hagenauer ...

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... ist da, die Tochter einer ortsansässigen Unternehmerfamilie, und was die junge Frau ein paar Wochen vor Weihnachten verkündet, löst Beifall aus im Saal: „Wir freuen uns wahnsinnig: Am 21. Dezember können wir mit dem Skibetrieb am Grünten starten – wenn’s Wetter mitspielt.“

Es ist ein banaler Halbsatz – und in Zeiten des Klimawandels ein schwerwiegender zugleich: Denn was bedeutet es für den Tourismus und die Natur, wenn die Schneegrenze mit steigenden Temperaturen immer höher wandert? Bereits jetzt falle unterhalb von 1000 Metern übers Jahr gesehen mehr Regen als Schnee, die Skisaison werde immer kürzer, verlautbart die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA und verweist auf Prognosen, wonach bis in 30 Jahren nur noch Gebiete oberhalb von 1800 Metern auf Skitourismus setzen können. Der Grünten – in absehbarer Zeit ein Skiberg ohne echten Schnee?

Seit der Insolvenz des Betreibers der Grüntenlifte vor drei Jahren standen die Stahlkabel still. Verständlich, dass sich die Menschen jetzt freuen, wenn die Lifte wieder laufen, so wie früher. „Als Kind hab’ ich hier das Skifahren gelernt“, sagt einer im Gasthof Adler-Post. „Toll, dass jetzt auch meine Kinder die Chance dazu haben.“ Doch es geht am Grünten nicht nur ums Skifahren. Investor Hagenauer will, weil der Winterbetrieb allein wirtschaftlich unrentabel sei, nicht nur die sieben alten, dieselbetriebenen Anlagen durch drei elektrische ersetzen. Er plant Größeres: die „Grünten-Bergwelt“ für den Winter und den Sommer.

Große Pläne am Grünten

Bis zu 30 Millionen Euro will die Familie in eine zehnsitzige Kabinenbahn auf den Berg investieren, außerdem in den Abriss der alten Grüntenhütte unterm Gipfel und den Bau einer neuen, viel größeren Hütte samt Terrasse und Gehege für Alpakas, Lamas und Ziegen, in zusätzliche Schneekanonen und in Teiche für deren Wasserversorgung, in eine Sechser-Sesselbahn und einen Schlepplift, in eine neue Talstation „im alpenländischen Stil“ mit vergrößertem Parkplatz; lange war auch eine spektakuläre „Walderlebnisbahn“ geplant, ein sogenannter Rollglider: Auf einer Länge von rund drei Kilometern würden die Urlauber – in einem Gurtgeschirr hängend – an einer Metallschiene einige Meter über dem Boden über Wiesen und durch den Bergwald rauschen, auf der einen Linie mit 15, auf der schnelleren mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde.

Die Hagenauers, sagen die Unterstützer ihres Projekts, wissen, wie Tourismus geht: Denn keine 20 Kilometer entfernt, bei Immenstadt, betreiben die Unternehmer schon seit vielen Jahren erfolgreich die „Alpsee Bergwelt“ mit „Deutschlands längster Ganzjahresrodelbahn“, die auch nachts fährt, und wo selbst die Naturrodelbahn nächtens beleuchtet wird; wo an der Talstation der „Rodelwirt“ auftischt und oben am Berg „Hüttengaudi“ in der „Bärenfalle“ geboten wird, in Nachbarschaft zu weiteren „Attraktionen“ wie einem Kletterwald und der „Abenteuer-Alpe“, „Deutschlands größtem Bergspielabenteuer“ für Kinder.

Hunderte sehen Rot: Im Oktober zog ein Protestmarsch den Grünten hinauf. Die Demonstranten fürchteten, der Berg könnte zum „Rummelplatz“ werden


Mit der „Alpsee-Bergwelt“ argumentieren aber auch die Kritiker des Projekts: Sie fürchten, dass der in einem Landschaftsschutzgebiet liegende Grünten zum nächsten „Rummelplatz“ wird, dass die Aufrüstung zum Ganzjahresbetrieb noch mehr Tagestouristen anzieht, die mit ihren Autos Orte und Straßen verstopfen, die Natur unter zusätzlichen Stress setzen – und dabei doch weniger Geld ausgeben als Übernachtungsgäste. Anfang Oktober zogen deshalb mehr als 1000 Gegner der neuen „Bergwelt“, alle rot gekleidet, als Menschenkette eine lange „rote Linie“ über die grünen Hänge am Grünten: Der Berg, so ihre Botschaft, dürfe nicht „vom Spaßtourismus überrollt“ werden, auch wenn der Investor verspreche, die Touristen besser zu lenken als bisher und alte Trampelpfade zu renaturieren.

Thomas Frey, Geograf und Alpenbeauftragter des BUND in Bayern, der unweit des Bergs lebt und maßgeblich zur Gründung der Bürgerinitiative „Rettet den Grünten“ beitrug (woraufhin die Pro-Initiative „Zukunft Grünten – Wir für den Berg“ entstand), sagt, selten habe er so viel Zuspruch im Kampf um schützenswerte Natur erlebt: „Der Grünten ist eben ein besonderer Berg – fürs Allgäu und die Allgäuer. Viele spüren, dass er nicht zur bloßen Kulisse für Events verkommen darf. Der Berg und die Natur sind für sich allein genug.“ Seine Mitstreiter und er, sagt Frey, seien nicht gegen Tourismus generell, aber es werde immer klarer, dass das rechte Maß an einigen Stellen überschritten ist.


»Der Grünten darf nicht zur bloßen Kulisse für Events verkommen«
Thomas Frey, Alpenbeauftragter des BUND Bayern


Sieht die Alpen in erster Linie als „Entertainmentpark“: der Hotelier und Ischgl-Visionär Günther Aloys


Einer Studie der Fakultät Tourismus-Management der Hochschule Kempten zufolge stieg die Zahl der Übernachtungen im Allgäu seit dem Jahr 2003 um 38 Prozent, die Zahl der Ankünfte sogar auf mehr als das Doppelte, was zeigt, dass immer mehr Touristen für immer kürzere Zeit kommen. „Wir hatten in den vergangenen Jahren einen wahnsinnigen Ansturm im Allgäu und im gesamten Alpenraum“, weiß Thomas Frey aus eigener Anschauung. „In Zeiten des Klimawandels sind die Alpen ohnehin eine Gewinnerregion – weil die Sommer in südlicheren Regionen zu heiß werden, auch weil ernst gemeinter Klimaschutz den Flugverkehr reduzieren muss und davon der nahe Alpenraum profitieren dürfte. Wenn jetzt wie am Grünten und vielen anderen Orten der rückläufige Wintertourismus durch boomenden Sommertourismus überkompensiert wird, dann werden die Berge endgültig zum Freizeitpark.“ Der Schnee schwindet – und gibt Flächen frei für noch mehr Nutzung.

Überdachte Pisten mit Musikbeschallung?

Die Berge ein Freizeitpark? Selbstverständlich, findet Günther Aloys, in einem weltweiten Markt müssten sich die Alpen behaupten gegen andere Attraktionen zu Land und zu Wasser: „Die Alpen sind unser Unterhaltungspark, unser Entertainmentpark schlechthin.“ Günther Aloys ist ein schlanker älterer Herr mit langen weißen Haaren, der oberhalb der österreichischen Gemeinde Ischgl an der Grenze zur Schweiz als Bergbauernbub unter ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Heute besitzt er unter anderem ein Vier-Sterne-Designhotel in Ischgl, einer Gemeinde, zu deren Verwandlung von einem Bergbauerndorf in „die Partymetropole des Tiroler Wintertourismus“ (Eigenwerbung) er maßgeblich beigetragen hat und die heute mit „mehr Spaß, mehr Action, mehr Geschwindigkeit, mehr Luxus“ wirbt.

Noch Mitte November wirkt Ischgl fast verlassen: In den engen Dorfstraßen bessern ein paar Arbeiter den Asphalt aus, in den Sportläden und Boutiquen räumen Menschen Regale ein, vor den Läden stehen leere Kartons. Es ist die Ruhe vor dem Sturm im 1600-Einwohner-Dorf, bevor ein paar Tage später schon weit über 10 000 Menschen beim „Top of the Mountain Opening Concert“ die Wintersaison mit der Berliner Band Seeed einläuten.

Obenrum Plastik -gitarre, untenrum Müll (l.), volle Dröhnung von vorn: Musikfestival-Besucher in Ischgl


Im Paznauntal mit den Orten Ischgl, Kappl, See und Galtür gibt es 365 Kilometer Piste, 1100 Schneekanonen, 36 Pistenbullis und 45 Seilbahnen, die jährlich 17 Millionen Menschen auf die Berge bringen; es gibt den „Sterne-Cup der Köche“ und die „Ski-WM der Gastronomie“, den „Top of the Mountain Biker Summit“ im Sommer und den Schneeskulpturenwett -bewerb im Winter, das „Ironbike Festival“ in Ischgl und die „Alpkäseolympiade“ in Galtür, das „Frühlingsschneefest“ im April und den „Kulinarischen Jakobsweg“ im Juli. Und weil das Feuerwerk an Silvester schnell verpufft, gibt es sechs Tage später gleich nochmal eines zum orthodoxen Weihnachtsfest.

Es gibt fast nichts, das es nicht gibt in Ischgl, aber Günther Aloys ist es nicht genug. Deshalb entwickelt er, als gäb’s kein Morgen, fortwährend neue Ideen, ohne die, wie er natur gegenüber in einer E-Mail aus New York mitteilt, „Evolution nicht stattfindet, wir uns im Kreis drehen“. Und das heißt für ihn: verlieren im Kampf der Destinationen um Touristen. In den Broschüren seines „Workshop Ischgl“ präsentiert Aloys in Fotomontagen immer neue Projekte wie „die größte und längste Achterbahn der Welt“ oder ein gläsernes, 150 Meter hohes Gipfelkreuz mit Turbolift „als neues Wahrzeichen der Alpen“. Mal plädiert er für rot eingefärbte Pisten, auf denen Skifahrer weiße Wedelspuren hinterlassen, mal für einen Snowboardpark in der Form eines Frauenkörpers. Und warum nicht beheizte Sessellifte und mit Erdwärme beheizte Dorfstraßen? Warum kein Guggenheim-Museum in den Bergen? Oder einen beheizten See mit einer Surfwelle? Oder überdachte Skipisten mit Musikbeschallung und Lichtprojektionen? Für innovative Skigebiete seien solche „Downhill Bubbles“ die „einmalige Chance, die Saison auf das ganze Jahr auszudehnen“.

Klimawandel? Ischgl baut vor

Für Ischgls Bürgermeister Werner Kurz sind das die „Visionen des Günther Aloys“. Kurz sagt: „Etwas hinzuzeichnen ist einfacher als es umzusetzen“, dafür brauche es Genehmigungen und Grundstücke, sei der Umweltschutz zu beachten. Aber grundsätzlich liegt er auf der Linie des „Visionärs“, wie er ihn nennt: „Wir schauen, dass wir das Niveau halten und nach Möglichkeit verbessern.“ Und dazu gehöre es, das Sommergeschäft als zweites Standbein zu entwickeln. Der Klimawandel mache ihm wegen der Höhe der Pisten, von denen viele an Nordhängen liegen, keine Sorgen, „ich glaube nicht, dass wir in den nächsten 30, 40, 50 Jahren Probleme bekommen“. Im Sommer aber habe sich etwas verändert, es gebe extrem heiße Tage und öfter Unwetter mit plötzlichem starkem Regen. Und auch im Winter wehten öfter heftige Winde, weshalb die Bahnen dann nicht fahren könnten. „Deshalb brauchen wir Alternativangebote“, sagt Kurz und deutet in seinem Büro hinüber zu einem großen Loch im Ort. Ende 2022 soll dort die 60 Millionen Euro teure neue „Silvretta Therme“ eröffnen, ein terrassenförmiger Bau über fünf Stockwerke mit Innen-und Außenbecken, Saunalandschaft, Fitnesscenter, Loungebereich und einer umlaufenden Eislaufbahn samt befahrbarem Tunnel mit Pistenblick. „Die Gäste wollen unterhalten werden“, sagt Kurz – winters wie sommers, tags und nachts. Immer. „Wir hoffen“, sagt Kurz zum Thema Klimawandel, „dass die Gäste, denen es im Süden zu heiß wird, hierher auf unsere Höhen kommen. Wir müssen uns im Wettbewerb positionieren. Die anderen geben auch Gas.“

Wellness-Palast „Silvretta-Therme“ (Entwurf): Wenn der Klimawandel unbe -rechenbares Wetter bringt, sollen die Touristen eben drin ihren Spaß haben


Und dann die Hände zum Himmel: Touristen haben „Fun“ im „Fisser Flieger“


„Sanfter“ Tourismus

Demonstrationen dieser Art hat man am Grünten noch nicht gesehen, aber die Zahlen des Touristik -experten sind deutlich: 47 Prozent der Befragten lehnen die Aussage ab, dass das Allgäu in Zukunft mehr Touristen brauche, und 22 Prozent finden, dass weniger Touristen wünschenswert seien (weitere 34 Prozent finden das teilweise). 60 Prozent empfinden eine Belastung der Einheimischen durch Touristen und fast drei Viertel begrüßen voll oder teilweise Besucherobergrenzen bei touristischen Attraktionen. Außerdem wünschen sich bemerkenswerte 91 Prozent einen „sanften“, naturverträglichen Tourismus.

Sie hasse das Wort „Overtourism“, eine solche Debatte brauche niemand, schimpft im Gasthof Adler-Post die Chefin eines „Bauern-Wellnesshofs“, den sie auf der Webseite mit seiner „absolut ruhigen Lage ohne Durchgangsverkehr“ bewirbt. Das Allgäu stehe nun mal im Wettbewerb mit anderen Gegenden, sagt sie und berichtet von ihrem Besuch in der österreichischen Tourismusregion Serfaus-Fiss-Ladis, dort sei es „einfach sensationell“: Die drei kleinen Bergdörfer sind berühmt für die höchstgelegene U-Bahn der Welt, für ihre Bike-Wash-Anlage, für ihren „Sommer-Funpark“, wo auf 1820 Metern Höhe „Nervenkitzel“ versprochen wird durch einen 13 Meter hohen Sprungturm mit Luftkissen, durch den „Fisser Flieger“, in dem Gäste mit 80 Kilometern pro Stunde in 47 Metern Höhe über eine Alm hinwegfegen, oder durch den Überschlag in der Riesenschaukel „Skyswing“. Und im „Erlebnispark“ gibt’s in Österreichs erstem Speicherteich, der auch als Badesee genutzt werden darf, „Flößer-Parcours“ und Tretbootfahren. „Darf’s ein bisschen mehr sein?“, fragen die Alpentouristiker auf ihrer Homepage.

War eigentlich auch ohne Würfel schon schön: Bergwelt bei Fiss, Serfaus, Ladis


»Wir müssen uns im Wettbewerb positionieren. Die anderen geben auch Gas«
Werner Kurz, Bürgermeister Ischgl


Auf keinen Fall, findet Richard Schalber. Am Grünten im Allgäu steht er vor seiner Alphütte, die er selber gebaut hat. „Zufällig haben wir erfahren“, erzählt Schalber, „dass der neue Lift direkt übers Dach führen sollte.“ Das scheint nun abgewendet, aber wegen der „Grunddienstbarkeiten“ – eine Art Nutzungsrecht für den Liftbetreiber – würden die Kabinen immer noch über seine Weiden schweben. Viel mehr Probleme macht Schalber das Wasser. Auf der Nachbarweide hat er mit dem dortigen Eigentümer eine Quelle gefasst, die er fürs Vieh nutzt. Schalber war im Motorradrenn-sport mal ein Name, inzwischen entwickelt er elektrische Antriebe für allerlei Fahrzeuge; nebenher verbringen er und seine Frau den Sommer hier oben mit 30 Jungtieren und Kühen, aus deren Milch sie Butter und Käse für den Eigenbedarf machen. „Ein anderer kauft sich eine Yacht, wir haben Spaß als Hobbylandwirte mit den Pensionstieren.“


»Dann feiern wir das ganze Jahr Oktoberfest«
Konrad Müller, Milchbauer am Grünten


Damit könnte es vorbei sein, so fürchtet er, wenn durch Grabarbeiten für die Wasserleitungen der Schneekanonen die Quelle im lockeren Nagelfluhgestein versiegt. „Sollen wir dann das Wasser für die Kühe den Berg hochkarren?“, fragt Heidi Nadler, seine Frau. In den trockenen Sommern der letzten Jahre sei das Wasser schon oft spärlich geflossen, im letzten Jahr hätten sie die Kühe deshalb früher ins Tal getrieben. Sie hätten nichts gegen Touristen, „die Leute wollen raus am Wochenende“, und auch nichts dagegen, den alten Skilift am Grünten zu reaktivieren. Aber, sagen sie kopfschüttelnd: „Auf 1200 Metern, wo das Wasser immer knapper wird, zu beschneien, das passt nicht in die Zeit, in der alle über den Klimawandel reden.“

Touristenattraktion: Sommerrodelbahn bei Immenstadt


Die beiden sind nicht die einzigen Grundstückseigner, die die „Grünten Bergwelt“, so wie sie jetzt geplant ist, verhindern möchten. Auch Konrad Müller gehört dazu, der erste Milchbauer im Dorf, der vor mehr als 20 Jahren auf Bio umstellte. Ein Grund für die Umstellung damals sei die „Philosophie des Immer-mehr“ gewesen – beim Einsatz von Chemie und bei der Milchleistung der Kühe, und so ähnlich sieht es Müller auch jetzt, beim Streit am Grünten. Schon klar, auch er lebe mit seinen Ferienwohnungen vom Tourismus und habe nichts gegen Skifahrer, die den alten Lift nutzen, er fahre selber Ski. Aber jetzt auch noch „Eventtourismus“ im Sommer? Dagegen wollen sich Bauer Müller und sein Bruder, der ebenfalls Grundstücke am Grünten besitzt, zur Wehr setzen.

In seiner holzvertäfelten Stube mit dem Eckofen deutet Konrad Müller zum Fenster hinaus: „Den Auslauf von diesem Glider würde ich von hier aus sehen. Was meinen Sie, was für ein Geschrei das wär, wenn die da zweigleisig mit Karacho aus dem Wald schießen.“ Und erst die Hunderte von Autos auf dem vergrößerten Parkplatz! „Wenn ich im Sommer in der Heuernte bin, es steht ein Wetter am Himmel und ich muss mein Heu schnell umfahren und komm’ dann nicht mehr auf die Straße wegen diesem Spektakel: Als praktischer Landwirt kann ich das nicht akzeptieren.“ Müller findet das überhaupt nicht lustig, aber dann macht er doch einen sarkastischen Spruch: „Man könnte ja in den Glider noch eine Geisterbahn einbauen und ein Riesenrad aufstellen. Dann feiern wir das ganze Jahr Oktoberfest.“

Wenige Wochen später, Mitte Dezember, gibt die Unternehmerfamilie bekannt, dass sie die „Walderlebnisbahn“ aus ihren Plänen streiche, um die Bevölkerung nicht weiter zu polarisieren.

Die Bürgerinitiative freut sich – und wundert sich: Bislang habe es doch immer geheißen, eine solche Attraktion sei betriebswirtschaftlich zwingend. Auflösen werde sich die Initiative deshalb keinesfalls. Es gebe ja noch genügend andere Streitfragen, beispielsweise den in dieser Höhenlage wenig sinnvollen, aber staatlich subventionierten Ausbau des Winterbetriebs mit Schneekanonen.

Stefan Scheytt
verbringt mit seinem Stammtisch einmal im Jahr ein Wochenende im Allgäu. Auf der letzten Reise las er in der Lokalzeitung vom erbitterten Streit um die Grünten-Pläne.

Zwei Alpenprobleme: Blinde Subventionen und E-Bikes

Viele Millionen Euro der geplanten Investitionen am Grünten könnten als Subventionen aus Steuergeldern kommen – weil der bayerische Freistaat die „technische Erneuerung und Modernisierung“ von Seilbahnen, Liften und Beschneiungsanlagen mit bis zu 35 Prozent fördert. Thomas Frey vom BUND kritisiert nicht nur, dass die Förderverfahren ohne öffentliche Diskussion verlaufen. Angesichts von „Overtourism“ und Klimawandel sei eine derartige Subventionierung, die in aller Regel eine Kapazitätssteigerung im Winter wie im Sommer durch „Funparks“ mit sich bringe, nicht mehr zeitgemäß, schon gar nicht in tiefergelegenen Skigebieten. „Hier wird in eine Sackgasse gefördert. Im Wirtschaftsministerium gibt es leider keine Debatte darüber, wie man mit so einer Förderung steuernd eingreifen könnte im Sinne eines sanfteren, naturverträglichen Tourismus.“

Neben der „Motorisierung des Alpenwinters“ durch Seilbahnen und Schneekanonen betrachtet der BUND auch die „Motorisierung des Alpensommers“ durch den Boom der E-Bikes mit Sorge: Immer mehr E-Bike-Fahrer gelangen in immer höhere und entlegenere Gebiete und provozieren Konflikte mit Wanderern, denen dem Gesetz nach eigentlich „Vorrang gebührt“ (im Schweizer Oberengadin versucht inzwischen eine „Bike-Police“ für Ordnung zu sorgen); auch die Natur leidet in Form von Erosions-und Vegetationsschäden. Im Bayerischen Naturschutzgesetz gilt das „freie Betretungsrecht“ der Natur zwar nicht für motorisierte Fahrzeuge. Durch eine Rechtsauffassung des Umweltministeriums von 2012 gelten E-Mountainbikes jedoch als Fahrräder, weil deren Motor lediglich eine Art „Rückenwind“ leiste. Diese Gleichstellung von E-Bikes mit Fahrrädern sei angesichts der Aufrüstung der E-Bikes, die heute das Drei-bis Fünffache der mensch lichen Eigenleistung mobilisiert, nicht mehr haltbar, kritisiert Thomas Frey: „Faktisch hat man einen Lift unterm Hintern.“ Der BUND plädiert deshalb dafür, das Befahrungsrecht für E-Bikes im alpinen Gelände – und nur dort – auf geeignete Wege zu beschränken. Frey: „Das wäre Aufgabe der Landratsämter vor Ort.“


Foto: ddp / totalpics, dpa Picture-Alliance / Hans Lippert, dpa Picture-Alliance / Karl-Josef Hildenbrand

Foto: dpa Picture-Alliance / Felix Hörhager (2), privat, People Picture / Willi Schneider, Silvrettaseilbahn AG

Foto: Andreas Kirschner / TVB Serfaus-Fiss-Ladis, imago / Peter Widmann, amriphoto / Getty Images

Foto: dpa Picture-Alliance / Stefan Puchner, privat