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Kampfbereit


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Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 27.01.2022

MUSIK

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Asbjørn: Boyology (Embassy of Music), ab dem 28.01. erhältlich

Asbjørn, du hast dein neues Album „Boyology“ kürzlich als persönliche Emanzipation von der traditionellen männlichen Geschlechterrolle bezeichnet. Die meisten Lieder handeln allerdings davon, dass du dich in einen heterosexuellen Mann verliebt hast und von deinem Umgang damit. Was ist die Verbindung zwischen diesen beiden Themen? Es gibt eine uralte kulturelle Wahrnehmung von Männlichkeit als emotionale und körperliche Unverwüstlichkeit, so als ob es sich bei Männlichkeit und Schwäche um unvereinbare Gegensätze handeln würde. Ich sehe dieses Muster immer noch in der DNA moderner Gesellschaften. Ein Mann zu sein bringt eine inhärente Faulheit mit sich. Wir mussten nie gegen Ungerechtigkeiten auf Basis unserer Geschlechtsidentität kämpfen. Ich habe mich schon immer lieber mit Frauen umgeben, habe zu Künstlerinnen aufgeschaut und konnte mit genderstereotypem männli-chem Verhalten nie etwas ...

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Asbjørn, du hast dein neues Album „Boyology“ kürzlich als persönliche Emanzipation von der traditionellen männlichen Geschlechterrolle bezeichnet. Die meisten Lieder handeln allerdings davon, dass du dich in einen heterosexuellen Mann verliebt hast und von deinem Umgang damit. Was ist die Verbindung zwischen diesen beiden Themen? Es gibt eine uralte kulturelle Wahrnehmung von Männlichkeit als emotionale und körperliche Unverwüstlichkeit, so als ob es sich bei Männlichkeit und Schwäche um unvereinbare Gegensätze handeln würde. Ich sehe dieses Muster immer noch in der DNA moderner Gesellschaften. Ein Mann zu sein bringt eine inhärente Faulheit mit sich. Wir mussten nie gegen Ungerechtigkeiten auf Basis unserer Geschlechtsidentität kämpfen. Ich habe mich schon immer lieber mit Frauen umgeben, habe zu Künstlerinnen aufgeschaut und konnte mit genderstereotypem männli-chem Verhalten nie etwas anfangen. Diese Beziehung, die ich auf „Boyology“ verarbeite, hat mich schwach und verletzlich gemacht, und ich tat alles, um das zu unterdrücken und vor anderen zu verbergen. Irgendwie sorgte diese Geschichte dafür, dass ich mich weniger als Mann fühlte. Das war mir ziemlich peinlich, weil ich eigentlich dachte, ich hätte mich von diesen maskulinen Stereotypen befreit. Also hatte ich die Wahl, entweder diese stereotypen emotionalen Strukturen zu akzeptieren oder damit anzufangen, darum zu kämpfen, der Mann zu sein, der ich sein will. „Boyology“ ist quasi der Soundtrack dieses Kampfes.

Du hast bis vor einiger Zeit in Berlin gelebt. Hast du die Stadt – von der du mal gesagt hast, sie würde sich wie ein Zuhause anfühlen, weil du hier nicht um das Recht kämpfen müsstest, du selbst zu sein – wegen dieses Heterotypen verlassen? Wohin ich auch schaute, erinnerte mich die Stadt an ihn und an uns. Aber dieser Schmerz überschattete nicht meine Liebe zu Berlin. Ich war damals viel unterwegs, habe in London und Los Angeles Musik gemacht, lernte jeden Tag neue Leute kennen und hatte im Allgemeinen sehr wenig Stabilität in meinem Leben. Zur selben Zeit sind viele Menschen aus meiner Berliner Wahlfamilie auf der Suche nach anderen Abenteuern weggezogen oder zurück in ihre Heimatländer gegangen. Ich fühlte mich eigentlich nicht bereit, Berlin zu verlassen, aber diese Menschen waren die Säulen meines Lebens dort. Manchmal ist Einsamkeit eine energetische Kraft, manchmal ist sie aber auch der selbstzerstörerischste Zustand, der möglich ist. Ich habe mich nicht getraut, herauszufinden, was Einsamkeit für mich sein würde. Und so traf ich einfach die Entscheidung, die sich für mich am besten anfühlte.

Du lebst jetzt wieder in Dänemark. Was vermisst du am meisten an Berlin? In Berlin herrscht ein kollektives Gefühl der Entfremdung, das für mich Freiheit evoziert. Du könntest in Berlin einfach jegliche Versuche aufgeben, dich jemals einzufügen. Es gibt wenig kulturelle Beständigkeit, und dich belohnt dort niemand dafür, dass du ganz oben stehst. Ein Freund sagte mal, Berlin sei von Bronzemedaillengewinner*innen bewohnt – es geht nicht darum, in allem der* oder die* Beste zu sein, es geht darum, sich dabei gut zu fühlen. Und obwohl das nicht meine Mentalität ist, spürte ich dennoch die Effekte davon um mich herum. Ich konnte mir in meiner Arbeit noch so viel Druck machen, aber wenn die Arbeit getan war, vermittelte mir die Stadt, dass ich das Tempo drosseln und mein Leben genießen sollte. Das ist etwas, das ich generell gerne können würde. Unabhängig davon, wo ich wohne.

Im Song „Happy For You Etc“ geht es darum, dass der Mann, den du liebst, eine neue Freundin hat. Gleichzeitig geht es aber auch um Berlin und das Verhältnis zu Drogen in der Stadt. Selbst in Corona-Zeiten ist der Substanzkonsum, vor allem in bestimmten LGBTIQ*-Communitys, stark verbreitet. Wie siehst du das mit etwas Abstand? Während meiner vier Jahre in Berlin war ich definitiv weniger ein Raver als die meisten Leute um mich herum. Ich probiere immer noch viele Sachen aus, aber für mich sind Drogen zum Reden und Clubs zum Tanzen. Ich bekam mit, dass viele Leute Drogen nehmen, um sich von der Welt zu distanzieren, und nicht, um ihr näherzukommen. Und das nährt die inhärente Einsamkeit, die sie mit sich herumschleppen. Es ist schwer, etwas gegen den verbreiteten Substanzkonsum zu unternehmen, solange es einen Markt dafür gibt. Aber ich glaube, dass es unglaublich wichtig ist, über das Thema offen zu sprechen und sich gegenseitig darüber aufzuklären, wie Drogen so konsumiert werden können, dass sie weniger selbstzerstörerisch und isolierend wirken.

In „Be Human“ singst du darüber, dass du weder ein Mann noch eine Frau sein willst wegen der Einschränkungen, Machtstrukturen und Erwartungen, die mit diesen binären Geschlechterkategorien einhergehen. Der Text liest sich wie eine Empowerment-Hymne für nicht binäre Personen. Kannst du dich persönlich mit dem Terminus nicht binär identifizieren? Identität ist für mich eine ständige Suche, eine unbeantwortbare Frage, sie hat kein finales Ziel und braucht keinen Segen von irgendjemandem. Ich kann nicht behaupten zu wissen, wie es sich anfühlt, irgendjemand zu sein außer mir selbst – und ehrlich gesagt habe ich sogar damit manchmal meine Probleme –, aber ich kann Empathie und Interesse haben. Ich kann versuchen, mich zuzuordnen, obwohl ich vermutlich nie ganz dazu in der Lage sein werde. Und ich denke, genau das ist eine der ständigen Inspirations- und Antriebsquellen des Lebens: dass wir als Menschen verzweifelt versuchen, mit anderen Menschen Verbindungen aufzubauen und eins mit ihnen zu werden, es aber niemals wirklich schaffen. Für viele Leute fühlt sich das aber sehr beängstigend an. „Be Human“ wurde genauso für diese Menschen geschrieben wie für die queere Community. Ich möchte etwas dazu beitragen, die Dinge weniger beängstigend zu machen, weil Angst nur zu Spaltung führt.

Die Songs auf „Boyology“ sind etwas poppiger als die auf vorherigen Alben, und sie sind alle nicht viel länger als drei Minuten – die klassische Radiopop-Länge. Gab es eine Absicht dahinter? Auf jeden Fall! Popmusik und -kultur waren für mich immer wie eine Religion, und mein Bezug zu ihr befindet sich in einer ständigen Entwicklung. Der Begriff Pop bedeutet für mich Freiheit, denn sein kulturelles Erbe umfasst so viele Genres, Ästhetiken und Identitäten. In meiner Arbeit möchte ich die Grenzen des Popbegriffs untersuchen und austesten – ebenso wie meine eigenen – und jedes Mal von einer anderen Perspektive aus auf ihn blicken. Mit „Boyology“ bin ich dabei definitiv weiter gegangen als je zuvor – und zwar in Bezug darauf, die musikalischen Traditionen zu ehren, mit denen ich selbst aufgewachsen bin. Ich wollte mich selbst erkunden, ohne mich dabei hinter lyrischen Metaphern und einer experimentellen Produktion zu verstecken, wie ich es früher gemacht habe. Ich wollte mal herausfinden, wie weit ich gehen kann, ohne dabei meine Nuanciertheit zu verlieren. Manche Leute werden der Meinung sein, ich hätte mit diesem Album meine Seele verkauft. Die Wahrheit ist aber, dass ich einen Major-Label-Vertrag gekündigt habe, um es zu machen, denn meine Vision war in deren Welt einfach nicht möglich.

Letzte Frage: Auf einem deiner neuen Pressebilder hast du dir ganz offensichtlich gerade in die Hose gepisst. Das finden viele Queers sicherlich sexy, im heteronormativen Mainstream wird das Bild aber vermutlich ein paar Fragezeichen hervorrufen. Warum hast du dich für dieses Foto entschieden? (lacht) Na ja, wir waren am Ende des Fotoshootings angekommen und ich musste dringend pissen. Die Fotografin Johanna meinte dann: „Mach einfach. Pinkel so, als wärst du stolz drauf!“ Als ich später das Foto sah, fand ich es ziemlich lustig und irgendwie cool, etwas zu nehmen, das allgemein als demütigend und peinlich gilt, und es sich mit Stolz zu eigen zu machen.

Interview: Jan Noll