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KANGAI, MILLE MIGLIA


Träume Wagen - epaper ⋅ Ausgabe 13/2018 vom 21.12.2018

Schon seit einem Vierteljahrhundert sagt Japan „Willkommen“ zur Mille Miglia. Jetzt hat das Porsche-Museum als Abschluss zum Jubiläumsjahr „70 Jahre Sportwagen“ mit vier Autos an der fernöstlichen Variante teilgenommen – und uns dafür einen 356 A 1600 Super von 1956 hingestellt


Artikelbild für den Artikel "KANGAI, MILLE MIGLIA" aus der Ausgabe 13/2018 von Träume Wagen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Träume Wagen, Ausgabe 13/2018

Fast wie in Italien: Die Mille wird gesegnet – aber das Umfeld wie hier die Shinshoji-Tempelanlage in Narita, ist exotischer


Start in Tokio: Team Klein/ Löwisch im top-restaurierten Porsche 356 von 1956 aus dem Stuttgarter Museum


On the way: Das deutsche Quartett unterwegs in Japan – natürlich im Linksverkehr


Tolles Publikum: An der ...

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... gesamten Strecke stehen unzählige Fans der Klassiker


Die Zeit ist knapp. Verdammt knapp. Haben wir doch eine Menge davon verloren für ein paar Fotos am Meer, für Konvoibilder und für ein wunderbares Sushi-Mahl am Straßenrand. Was macht man in so einem Fall bei der Mille Miglia: Feuer geben. Und was ignoriert man bei der Mille Miglia? Tempolimits. Und was kriegt man dafür bei der Mille Miglia? Beifall.
Na ja – das ist jedenfalls in Italien so. Japan ist allerdings weit weg, und es gibt ein paar andere Regeln. Allgemein gilt: Tempo 20 auf manchen Stadtstraßen, Tempo 40 in Dörfern, Tempo 50 auf Landstraßen, Tempo 80 auf Autobahnen. Wir sind uns wohl alle einig, dass ein Porsche – so alt er auch sein mag – Drehzahlen zum Funktionieren braucht und diese zwangsweise ein gewisses Tempo mit sich bringen. Das japanische Verständnis dafür hält sich leider in Grenzen. Noch am Abend steht die deutsche Abordnung – die Startnummern 68, 69, 70 und 71 – am Pranger in Form eines Aushanges am schwarzen Brett. Speeding, Speeding und ein paar weitere Male Speeding. Komisch – wir haben keine Blitzer gesehen, weder fest installierte noch mobile. Bleiben also nur Konkurrenten als Informanten oder eigene Messungen der Organisatoren. Noch mal knapp an der Disqualifi kation vorbeigeschrammt. Zum Glück hat uns anscheinend niemand wegen italienischen Überholens verpfi ffen – sonst hätten wir wahrscheinlich stante pede nach Hause fahren können.
Es ist vieles vergleichbar mit der Original-Mille, aber nicht alles bei der „La festa Mille Miglia“, der japanischen Lizenzausgabe. Toll: Die Qualität der Autos – wie in Italien dürfen nur Modelle mitfahren, die auch damals die echte Mille bestritten. Bugatti, Bentley, MGFiat Balilla, SS Jaguar 100, Stanguellini, Healey Silverstone, Osca Panhard Dyna, AC, Triumph, Cisitalia sind nur einige Marken, die hier mit superrestaurierten und genauso patinierten Exemplaren teilnehmen. Ach, viele 356er sind dabei, sogar ein wunderbares Split-Window-Modell von 1951. Fahrer in Rennoveralls zwängen sich hinter die Volants, die Veranstaltung wird am Start, dem Meiji-Schrein in Tokio, gesegnet. Viel Presse und TV ist zugegen, Prinzessin Akiko neigt gnädig ihr Haupt an der Startlinie. Ein paar (uns unbekannte) VIPs fahren mit, und es gibt Stempelstellen, wo man lokale Köstlichkeiten (oder auch Ungenießbares) ins Auto gereicht bekommt. Am Straßenrand der gesamten viertägigen Tour stehen Oldtimerfans, die enthusiastisch jubeln und Fähnchen schwingen. Dabei sieht die Gegend manchmal (wir fahren – Umwege aufgrund Missinterpretationen des Roadbooks nicht mitgerechnet – genau 1.389,7 Kilometer in diversen Schleifen nördlich von Tokio in den Fukushima-Distrikt) aus wie die Eifel oder das Allgäu.

Anders als in Italien ist (außer dem Tempo), dass nur 120 Autos teilnehmen. Und dass einen eben doch die Exotik einholt in Form der Shinshoji-Tempelanlage in Narita, Schneeaffen auf der Straße oder winkenden Passanten in Kimonos. Die Schlauchprüfungen sind einfacher als in Italien, weil es nur meist sehr kurze Sonderprüfungen hintereinander sind, nichts Verschachteltes. Und das Roadbook ist sehr japanisch – die englischen Übersetzungen scheinen von Google gemacht: Links und rechts stimmen nicht immer und die Höhe und Zahlweise der Mautgebühren auf Autobahnen auch nicht. Es ist eben eine sehr japanische Veranstaltung – außer uns Deutschen fahren nur noch ein paar Italiener mit, der Rest sind Einheimische. Und die haben ihre Wagen hochgerüstet mit Navi-und Zeitnahmetechnik – wir erlauben uns, nur mit zwei Stoppuhren und dem unerschütterlichen Glauben, schon irgendwo anzukommen, zu fahren.
Vier Autos hat das Porsche-Museum nach Japan bringen lassen: Einen soeben millionenteuren 550 RS Spyder, den der Porsche-Chef von Japan, Toshiyuki Shimegi, pilotiert; einen weißen Porsche 356 Speedster von 1955, gelenkt vom berühmten japanischen Chocolatier Sadaharu Aoki; einen 356 B 1600 Super 90 von 1962 mit Museumschef Achim Steijskal am Steuer sowie einen Porsche 356 A 1600 Super von 1956 – unser Auto. Passend die Startnummer 70 – für 70 Jahre Sportwagen. Als Copilot hat sich Alexander Klein, Leiter des Fahrzeugmanagements im Porsche Museum, zur Verfügung gestellt – da sind wir sehr dankbar, denn das ist bei dem Roadbook ein undankbarer Job. Dank der restriktiven Tempopolitik Japans reichen die 75 PS des grünen Coupés völlig aus, nicht nur wunderbar mitzuhalten, sondern auch, um einen Begleit-Panamera mit Japanern an Bord bei der (später gerügten) Zeitenhatz abzuhängen. Die alten Kisten sind wirklich fit –es macht viel Spaß, im relativ unexakten Vierganggetriebe zu rühren, die hohen Drehzahlen zu genießen und das weiße Bakelit-Lenkrad durch die Finger gleiten zu lassen. Allerdings beginnt die 26. Ausgabe der japanischen Mille zäh. Das liegt an dem unglaublichen Verkehr in und um den 25-Millionen-Moloch Tokio. Es geht alles nur im Schritttempo, wenn überhaupt – es existieren kaum Kreisverkehre, und die Rotphasen der Ampeln sind extrem lang. In Tokio regiert ein einziger, langer, unglaublicher Stau – immerhin sind die Betroffenen geduldig wie Engländer.

Warten auf der Rennstrecke, tanken und Pause auf dem englischen Berg: fast wie in Europa


Wilde Rennstrecke in den Bergen: Hier driften normalerweise die Lokalmotorsportler


Und dann doch viel Exotik: Schüler in Uniformen, Marketinggags an Stempelstellen, etwas Kultur und ein schwer lesbares Roadbook


Fotofahrt am verdammt frühen Morgen: Das deutsche Quartett schleicht durch das erwachende Narita. Die Boxermotoren fungieren als ungewöhnlicher Wecker


Pause unterwegs: So ein zünftiges Sushi aus der Plastikbox muss zwischendurch auch mal sein

Die japanische Mille Miglia ist das größte Klassikerevent Japans. Da feiert fast das ganze Land mit

Faszinierend: Die mit Beton eingefassten Vorstadtautobahnen Tokios ebenso wie die Vielzahl und die Qualität der teilnehmenden Autos


Niemand schimpft, niemand hupt, Freund lichkeit ist im gesamten Land erste Bürgerpflicht (nur nicht beim schnellen Autofahren, siehe oben). In der City verrecken bereits die ersten Vorkriegsautos – für solche Bedingungen sind sie nicht gebaut. Dann geht es Richtung Norden, und die Veranstalter sind völlig happy, dass sie erstmals nach sieben Jahren wieder ihre ursprüngliche Streckenführung nutzen können – die Katastrophe von Fukushima hatte anderes bedingt. Kein Wunder, dass wir uns mal kurz zwischendurch erschrecken: Mit Klingeltönen, die wir nicht auf dem Handy eingestellt haben, kommt in der Nähe des Desaster-Reaktors eine „Notfallwarnung“ (mit diesem Wort auf Deutsch – die weiteren Anweisungen leider auf Japanisch) aufs Handy. Zum Glück nur ein Test.
Der nächste Stopp ist erfreulicher: Der japanische Porsche-Fan Kazumi Araki ist völlig aus dem Häuschen – hat er doch gerade entdeckt, dass sein Porsche 550 RS Spyder mit der Produktionsnummer 65 neben dem soeben zwei Jahre lang restaurierten Exemplar des Porsche-Museums steht, der Nummer 64. Ein echter Zufall – wurden doch nur 130 Stück der millionenteuren automobilen Juwelen gebaut (90 Exemplare des 550 Spyder und 40 Stück vom 550 A Spyder). Die Route führt danach aus Tokio heraus ins Reetdachdorf Ouchijuku, danach ins knapp 370 Kilometer entfernte Lake Resort Urubandai, wo wir leider nicht die Bassins der badenden Affen sehen. Hier wird am zweiten Tag eine gut 340 Kilometer lange Schleife gefahren mit Sonderprüfungen auf der Link-Rennstrecke – eine kleine Piste in den Bergen, genutzt vor allem von Driftern, die ihre Toyotas und Nissans optisch ab- und technisch aufgerüstet haben. Es folgt ein Besuch des diesmal nebligen Fukushima Sky Parks und der Schlösser Shiroishijo und Tsurugajo.
Der mit 444 Kilometern sehr fahrintensive Tag drei führt in die British Hills, zum Schloss Kominejo, zum Hunter Mountain und über die Hero-Sinoi-Rennstrecke nach Narita. Der letzte Fahrtag erscheint mit 236 Kilometern recht kurz, aber die beeindruckende Naritasan-Shinshoji-Tempelanlage, die vielen aneinandergereihten Sonderprüfungen auf der Sodegaura-Forest-Rennstrecke und der Besuch des skurrilen Tokyo-German-Village in Sodegaura-City leicht südlich von Tokio brauchen ihre Zeit. Hier, beim „Tokyodeutschlanddorfmarktplatz“ zeigen die Japaner mit Hingabe, wie die Deutschen nicht sind. Aber den Gästen gefällts bei Weißbier, Brezeln, Bratwurst, Gulasch (!) und Spaghetti Bolognese (!).

Sonderprüfung auf einem Flugfeld: Die Japaner lassen sich in punkto Eventfläche genauso viel einfallen wie die Italiener


Und dann plärrt da außerdem unter anderem „Hoch auf dem gelben Wagen“ aus den Lautsprechern – wobei das Beste daran ist, dass es sich nicht um die Version eines ehemaligen Bundespräsidenten handelt. 44 Teilnehmer kommen letztlich nicht ins Ziel – aber alle vier Museumsautos beenden trotz Linksverkehr und diversen vom Orga-Team gezeigten dunkelgelben Karten ohne Schramme und Panne die Tour. Unsere Nummer 70 kassiert trotz diverser Rügen (unter anderem wegen Sich-fotografi eren-Lassens aus einem Panamera mit geöffneter Heckklappe und Fotografen darin auf öffentlichen Straßen) sogar zwei Preise: wegen Gesamtrang 57 zwei Flaschen Wein (haben wir nicht kapiert, denn die auf den 40er-Rängen bekommen nichts) und wegen der Sieben im Rang (wie alle anderen mit einer Sieben im Rang) eine wertvolle, aber grundhässliche Handtasche. Es ist hier in Japan eben doch alles ein bisschen anders …

Diverse Spielarten der Exotik am Rande: Hund, Affe, Spinne und die Speisekarte im „Deutschen Dorf“



Ende Gelände: Ankunft nach vier Tagen in Tokio bei Nacht. Die Stadt schläft noch weniger als New York


TECHNISCHE DATEN

Porsche 356 A 1600 Super Coupé

Baujahr: 1956
Motor: Vierzylinder-Boxer
Hubraum: 1.582 ccm
Leistung: 75 PS bei 5.000/min
Max. Drehmoment: 117 Nm bei 3.700/min
Getriebe: Viergang-Handschalter
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 3.950/1.670/1.310 mm
Gewicht: 860 Kilo
Sprint 0–100 km/h: 15 Sek.
Top-Speed: 175 km/h
Neupreis: 13.800 Mark
Wert: ca. 150.000 Euro


Fotos: Taka Kikuchi/Porsche, Löwisch