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Kann denn Liebe tödlich sein?: »Murder Ballad« als österreichische Erstaufführung in der Wiener Sargfabrik


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 22.11.2018
Artikelbild für den Artikel "Kann denn Liebe tödlich sein?: »Murder Ballad« als österreichische Erstaufführung in der Wiener Sargfabrik" aus der Ausgabe 6/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Abb.oben: Zu Beginn lauschen Tom (Markus Neugebauer), Sara (Linda Koprowski) und Michael (Michael Konicek) der Mordballade der Erzählerin


Foto: Roman Kornfeld

Kein Klatschen, keine Pause. Nicht einmal die Zeit für Szenenapplaus bleibt in dem Musical, das so rasant erzählt ist, wie es die Stadt ist, in der es spielt und aus der es kommt: New York. »Murder Ballad« erzählt die Geschichte einer Frau, die zwei Männer gleichzeitig liebt. Die deutsche Fassung feierte am 6. Oktober 2018 österreichische Erstaufführung in der Wiener Sargfabrik.

Die Geburtsstunde des Kammermusicals war am 15. November 2012 am ...

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... Off-Broadway. Buch und Musik stammen von Julia Jordan, die darin eigene Erfahrungen verarbeitet hat. Bei den Liedtexten erhielt sie Unterstützung von Indie-Rock-Singer-Songwriterin Juliana Nash. Schon nach der Premiere war schnell klar, dass die nur wenige Abende andauernde Spielzeit verlängert werden würde. Letztendlich fiel am 16. Dezember-zwei Wochen später als geplant-der letzte Vorhang. Auch eine Aufnahme der ersten Inszenierung wurde von der Off-Broadwayshow aus dem Manhattan Theatre Club in der 43. Straße in New York veröffentlicht. Vom Frühjahr bis zum Sommer 2013, nur wenige Monate nach der ersten Inszenierung, war »Murder Ballad« im Herzen Manhattans, am ersten Theaterhaus des Broadways, dem Union Square Theatre, erneut zu erleben. 2014 zog das Stück nach Houston im US-Bundesstaat Texas und 2016 feierte es seine Premiere auf dem europäischen Kontinent, im Londoner West End. Im vergangenen Jahr konnte man es in Argentinien erleben, und in diesem Jahr war es mit der Inszenierung in Lüneburg das erste Mal in Deutschland zu sehen.

In Wien hat sich Regisseur Benedikt Karasek dem Stück in der Übersetzung von Holger Hauer angenommen und es auf die kleine Kellerbühne in der Sargfabrik im 15. Wiener Gemeindebezirk gebracht. Gleich zu Beginn des Stücks wird in der ›Mordballade‹ erzählt, dass am Ende einer stirbt, auch wenn alle vier Protagonisten der festen Überzeugung sind: »Gott sei Dank, mich erwischt es nicht.« Bis zum Schluss wird in dem Musicalthriller mit der Spannung gespielt, wer denn der Mörder ist und wer stirbt. Sara, die in Wien von Linda Koprowski verkörpert wird, lernt in dem Stück in New York den draufgängerischen Barkeeper Tom (Markus Neugebauer) kennen. Die beiden geben sich ganz dem Puls der Großstadt hin. Sie träumen als Musiker und Schauspielerin von der großen Karriere und machen die Nacht zum Tag. Dazu passend sind die modernen Kostüme in Jeans, Leggins und Lederjacke. Doch irgendwann sind nicht nur die Nacht und der Rausch vorbei, sondern es kommt das böse Erwachen in der Beziehung und Herzen brechen. Auf der Straße stößt die beschwipste Sara, die inzwischen wieder Single ist, zufällig auf Michael (Michael Konicek). Belesen und eher ruhig, scheint er das genaue Gegenteil ihres letzten Freundes zu sein. Dennoch fasziniert sie dieser Mann, der sie nach Hause bringt, damit sie ihren Rausch ausschlafen kann. Beim Duett ›Versprechen‹ kommen sich Sara und Michael allmählich näher. Dann geht alles ganz flott: die beiden werden ein Paar, ziehen zusammen, heiraten und bekommen Nachwuchs. Aber auch sie sind mit den Problemen des Alltags konfrontiert. Kleine Streitigkeiten über die richtige Erziehung ihrer Tochter belasten die Beziehung. Schließlich sehnt Sara sich nach der Vergangenheit zurück. Sie greift zum Telefon und meldet sich wieder bei Tom, der inzwischen Barkeeper in seiner eigenen Bar ist. Aus einem kurzen Treffen wird mehr.

Die Glut erhält frische Luft und die Liebe entflammt erneut in einer wilden Affäre. Koprowski und Neugebauer performen den Song ›Mund Tattoo‹ besonders stimmgewaltig und eindrucksvoll. Michael bekommt Wind von dem Seitensprung und ringt um seine kleine Familie und seine Sara. Es beginnt ein mörderischer Kampf. Durch das gesamte Stück führt Sandra Bell als Erzählerin. Alle spielen sehr intensiv, sehr impulsiv und scheuen sich auch nicht davor, mit vollem Umfang ihre Stimme in den Raum zu schmettern. Beim Titel ›Sehnsucht‹ singen die vier Charaktere sehr gefühlvoll mal abwechselnd und mal gemeinsam.

Durch die kleine Bühne und den kompakten Zuschauerraum ist das Publikum direkt mit der Handlung konfrontiert. Mimik und Gestik sind, genau wie das detaillierte Spiel der Darsteller, intensiv zu erleben und ziehen jeden einzelnen in den Bann. Auch wenn die Handelnden mit Mikrofonen ausgestattet sind, sind ihre Stimmen immer auch in Reinform zu hören. Die Darsteller agieren auf einer fast leeren Bühne. Weiße und schwarze aufklappbare Ledersitzwürfel dienen zusammengeschoben als Bett, übereinandergestapelt als Tresen und aufgeklappt als Wiege für das Baby, was die Handlung und die Personen weiter in den Vordergrund rückt. Zudem löst sich das Geschehen dadurch von seinem konkreten Spielort New York und wird allgemeingültig. Es wird gut verdeutlicht, wie aus Liebe Hass, Wut und schließlich sogar ein Mord entstehen können-nicht nur in New York, nicht nur in Wien, sondern an jedem Ort der Welt, wenn es zwischenmenschliche Beziehungen gibt. Die insgesamt vier Musiker haben auf der Bühne hinter der Spielebene Platz gefunden und spielen unter der Leitung von Ronald Sedlaczek. Das Stück ist komplett mit poppigen Rocksongs teilweise in Jazzmanier durchkomponiert. Die Lieder haben kein konkretes Ende und keinen Anfang. Sie verschmelzen in melodischen Bridges, in denen Gespräche zwischen den Darstellern stattfinden oder die Erzählerin die Geschichte erklärt. Es bleibt auch hier dem Publikum keine Minute, keine Sekunde, um Luft zu holen und das Gesehene noch einmal nachklingen zu lassen oder reflektieren zu können. Rasant erzählt, geht es jedes Mal fast ohne Brüche in die nächste Szene, in die nächste Gefühlswelt, in das nächste Drama der einzelnen Figuren.

Nicht einmal 90 Minuten dauert die Inszenierung in Wien, die auch mit Hilfe von Crowdfunding zustande gekommen ist und schließlich vom Publikum mit Standing Ovations bedacht wird. Jeder einzelne Moment ist vollgepackt. Dem Leading Team und dem Cast ist es gelungen, die Inszenierung äußerst spannend und abwechslungsreich zu gestalten und Stimmen zu präsentieren, die für eine so kleine Aufführung eine sehr beachtliche Qualität aufweisen. In der Tradition der Aufführungsgeschichte bleibend, ist auch in Wien »Murder Ballad« trotz seiner Beliebtheit nur kurz zu sehen. Am 28. Oktober 2018 fand bereits wieder die Derniere statt.

Abb.oben:
Die Erzählerin (Sandra Bell) führt mal geheimnisvoll, mal ironisch durch die Handlung des Beziehungs-Thriller-Musicals


Abb.unten von oben links:
1. Wilde Gefühle zwischen Tom (Markus Neugebauer) und Sara (Linda Koprowski)
2. Ein ungleiches Paar sind anfangs der schüchterne Michael (Michael Konicek) und die wilde Sara (Linda Koprowski)
3. Tom (Markus Neugebauer) bringt Michael (Michael Konicek) beinahe um
4. ›Langsam, ganz langsam-Reprise‹-Trotz des Betrugs kämpft Michael (Michael Konicek) um seine Frau Sara (Linda Koprowski)

Fotos (5): Roman Kornfeld