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Kapitalakkumulation und Lange Wellen am Übergang zum ostasiatischen Jahrhundert


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WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 183/2022 vom 01.01.2022

Vor allem asiatische Reiche von West- bis Ostasien verfügten bis ins 18. bzw. 19. Jahrhundert über starke wirtschaftliche Kompetenz und hochwertige Produkte, denken wir nur an bedruckte Baumwollstoffe, Seide, Teppiche, Porzellan oder Tapeten, die – auch von westlichen Händlern begehrt – in überregionale Austauschbeziehungen eingebracht wurden. Nach einer Phase der Kooperation gelangten sie seit dem 18. Jahrhundert unter die Dominanz westlicher Mächte und erlebten durch die Verwandlung in Rohstoff- und Absatzregionen eine Peripherisierung. Global im Sinne von weltumspannend wurde das europäische kapitalistische System erst im Laufe des 19. Jahrhunderts.

Selbst in den Zentren der Weltwirtschaft dauerte die Durchsetzung der aus Lohnarbeit finanzierten Erwerbseinkommen lange Zeit und sie erfasste, wie die feministische Forschung herausarbeitete, niemals sämtliche Arbeitsverhältnisse. Lohnarbeit wurde ...

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... im Laufe des 19. Jahrhunderts zwar zum Inbegriff von ‚Arbeit‘, verbindet sich jedoch auch in der heutigen westlichen Konsumgesellschaft mit anderen, un- oder unterbezahlten Arbeitsverhältnissen, die ebenfalls der Kapitalakkumulation dienen. Der Zugriff auf die unbezahlte Arbeit erfolgt über die LohnarbeiterInnen, die mit den unbezahlt Arbeitenden im gleichen Haushalt leben und von diesen versorgt werden.

Schon Rosa Luxemburg hat aus der Beobachtung der ungleichen und verbundenen Entwicklung, die dem kapitalistischen Weltsystem zugrunde liegt, geschlussfolgert, dass sich die Erschließungs- und Aneignungszonen der Welt auf diese Weise bald erschöpfen und das Ende des Kapitalismus bevorstehe. Sie und viele ihrer Nachfolger haben die Erneuerungsfähigkeit des Kapitalismus unterschätzt, der nicht nur von der Expansion in neue Räume, den darin befindlichen Ressourcen und Arbeitskräften lebt, sondern auch über technologische bzw. organisatorische Rationalisierung sowie die Entwicklung neuer Produkte und Bedürfnisse Auswege aus den regelmäßig auftretenden Krisen der Kapitalakkumulation findet.

Konjunkturzyklen

Die Langen Wellen der Kapitalakkumulation, die 1939 von Joseph A. Schumpeter nach ihrem „Entdecker“, dem russischen Ökonomen Nikolai Kondratieff (1922), benannt wurden, leiten sich aus Produktions-, Preisund Lohnbewegungen in den führenden Industrieländern ab. Auf eine Prosperitätsphase, die mit einem neuen Leitprodukt, einer Leittechnologie und Antriebstechnik (Wasserkraft -> Dampfkraft -> Elektromotor -> Fließband) auf wachsende Nachfrage stieß, mit der Erschöpfung der Gewinnmargen, dem Erstarken von Konkurrenten und der Sättigung der Märkte aber bereits den Keim der Krise (Rezession) in sich trägt, folgt die Depression. Depressionsphasen sind von Niedergang und Zusammenbruch gekennzeichnet, gleichzeitig aber auch von der Suche nach Erneuerung: Rationalisierungen in bestehenden Branchen, Produktinnovationen in neuen Sektoren, Erschließung neuer Technologien, Rohstoffe bzw. Substitute, Senkung der Arbeitskosten durch wissenschaftliche Betriebsführung (Fabriksystem, Taylorismus, Fordismus) im Zentrum und Erschließung von Rohstoffquellen bzw. verlängerter Werkbänke in der Peripherie. Im Übergang von der Depression (B-Phase) in die Erholung (A-Phase) veränderten sich auch die politökonomischen Rahmenbedingungen in den einzelnen Staaten, d. h. die gesetzliche, institutionelle, innen- und außenpolitische Einbettung und Absicherung der jeweils eingeschlagenen neuen Akkumulationsstrategie; wenn nötig, werden Produktion und Nachfrage dabei auch mit militärischen Mitteln stimuliert – in der Annahme, dass Zerstörungen die Basis für einen nächsten Aufschwung legen würden. Zur Orchestrierung auf der staatlichen Ebene gesellen sich Bemühungen um international koordinierte Regulierung, von denen sich arrivierte Produzenten die Absicherung ihrer Vorteile, Entwicklungs- und Schwellenländer hingegen Hilfe bei der nachholenden Entwicklung erwarten. Die Dauer eines Zyklus (A- und B-Phase) beträgt circa 50 Jahre, kann aber auch kürzer sein.

Der erste, empirisch erforschte Kondratieff-Zyklus setzte mit der Industriellen Revolution in Großbritannien um 1790 ein, die von der Mechanisierung der Baumwollindustrie getragen war. Leitsektoren der folgenden A-Phasen bildeten die Eisen(bahn)industrie (2. Kondratieff-Zyklus, 1843ff.), die Stahl-, Elektro-, Chemie- und Nahrungsmittelindustrie (3. Kondratieff-Zyklus, 1897ff.) sowie das Automobil (4. Kondratieff- Zyklus, 1945ff ). Der 4. Kondratieff-Zyklus wurde in seiner A-Phase vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg gespeist, der ungeahnte Nachfragepotentiale bei Konsumgütern (u.a. Automobil) mobilisierte und auf zahlreiche vor- und nachgelagerte Sektoren ausstrahlte. An der Wende von den 1960er zu den 1970er Jahren sanken die Profitraten, was zusammen mit dem Anstieg der Erdölpreise in der Weltwirtschaftskrise 1973/74 kulminierte.

Die Krise von 1973/74 löste keine mit den Weltwirtschaftskrisen 1873, 1929 oder auch mit 2008 vergleichbare Rezession aus. Nichtsdestotrotz markiert diese Krise eine Wende, die den fordistischen Wohlfahrtsstaat der Wiederaufbaujahre ablöste. Die Antworten auf 1973/74 leiteten eine Reglobalisierung ein und knüpften damit an die Phase des klassischen Imperialismus im Gefolge der Weltwirtschaftskrise von 1873 an, der die Verwertungsblockaden in den Zentren durch Produkt- und Prozessinnovationen in den Zentren, Kapitalexport, Inwertsetzung neuer Gebiete für die Rohstoffgewinnung und Indienstnahme innerer und äußerer Peripherien überwand. An diesem Punkt wird deutlich, dass eine weltsystemische Interpretation der Langen Wellen nicht auf die alten Industriestaaten beschränkt werden kann. Die Einbeziehung der ungleichen verbundenen Entwicklung in die Beobachtung zeigt auch, dass Zentren und Peripherien von Krisen höchst unterschiedlich betroffen sind. Krisen können aber auch Verschiebungen im Zentrum-Peripherie-Verhältnis bewirken und damit Entwicklung in den Peripherien begünstigen.

Hegemoniezyklen

Ein Verdienst der weltsystemischen Betrachtung ist die Einbettung der Kondratieff-Zyklen in sogenannte Hegemonialzyklen. Wie bei den Konjunkturzyklen ergeben sich aus der empirischen Beobachtung rund 100-jährige Hegemonialzyklen, die vom Aufstieg, Sieg, Reife und Niedergang einer Hegemonialmacht gekennzeichnet sind. Nur in der Phase der Reife besteht eine weitgehend unangefochtene Hegemonie; alle anderen

Phasen des Zyklus sind dadurch geprägt, dass eine Hegemonie gegenüber Vorgängermächten und Konkurrenten durchgesetzt bzw. im Niedergang gegenüber Ansprüchen auf Nachfolge verteidigt wird. Im historischen Verlauf traten bisher – nach einer Periode, in der die Herausbildung des europäischen Weltsystems von Oberitalien, den iberischen Königreichen und Oberdeutschland getragen wurde – die Niederlande, Großbritannien sowie zuletzt die USA – mit der Sowjetunion als Gegenhegemon – als Hegemonialmächte auf.

Ist Kapitalismus also eine zyklische Abfolge von A- und B-Phasen, in welcher die Krise einen systemimmanenten Mechanismus darstellt, der überkommene Arrangements von Produktion und Arbeitsteilung beiseite räumt und erneuerte organisatorische, technische und räumliche Arrangements als Basis für eine neue expansive Phase hervorbringt? Das Konzept der Langen Wellen der Konjunktur legt eine solche Interpretation nahe. In seiner bürgerlich-liberalen Ausprägung bereitet die „schöpferische Zerstörung“ (Schumpeter) das Terrain für eine neue Welle von Innovationen auf, ein politischer Systemwechsel ist dafür nicht erforderlich. Phasen der autoritären Ausschaltung parlamentarischer Mitbestimmung, die Menschen gegen ihren Widerstand dazu bringen, die sozialen Folgen der „schöpferischen Zerstörung“ zu akzeptieren, gelten dabei als Anomalien, können jedoch auch als systemimmanent betrachtet werden. Krise ist somit eine Chance, die das System in periodischen Abständen bietet, um die Struktur und Gepflogenheiten des Wirtschaftslebens dem neuesten Stand von Technik, Management und Governance anzupassen. Krise wird im bürgerlich-liberalen Diskurs daher nicht dramatisiert, sondern – mehr oder weniger offen – als willkommener Anlass für die Zurückdrängung von in der A-Phase von der Arbeiterbewegung erkämpften bzw. vom Staat gewährten Leistungen angesehen; umgekehrt wird vom Staat verlangt, die ins Stocken geratene Kapitalakkumulation zu deblockieren. Dabei geht es maßgeblich um die Frage, wer die Kosten einer Krise zu tragen habe: produzierende Unternehmen oder Banken, Groß- oder Kleinbetriebe, Unternehmende oder Lohnabhängige, StammarbeiterInnen oder prekär Beschäftigte mit ihren je spezifischen Interessen. Es liegt dabei im Interesse der stärksten Kapitalgruppen, budgetäre Umwidmungen von sozialen Leistungen in Stützungsmaßnahmen für Banken und Unternehmen nicht zur Diskussion zu stellen, sondern sie als Sachzwänge zur Rettung des Systems darzustellen.

Auf dem Wege zu einem ostasiatischen Hegemonialzyklus?

Heute stehen wir – mit allen Fragezeichen, die eine solche Prognose aufwirft – an der Schwelle zu einem ostasiatischen, vom chinesischen Führungsanspruch geprägten Hegemonialzyklus. Der vierte Kondratieff- Zyklus trat 1973/74 in seine B-Phase ein. Die Erneuerung der Akkumulationsgrundlagen gelang durch eine Kombination aus Rationalisierung, Globalisierung der Güterketten und der damit verbundenen Ausweitung der Finanzinstitutionen, die 1990 einen neuen, fünften A-Zyklus auslöste. Dieser basierte auf Kommunikations- und Informationstechnologien und -branchen. Der Zerfall der Sowjetunion und die Reintegration der realsozialistischen Staatenwelt in die internationale Arbeitsteilung ermöglichten einen ungeheuren Expansionsschub. Auch Öffnung und Reform in China boten der Verlagerung der Billiglohnproduktion kostengünstige Standorte und Arbeitskräfte. Als der überhitzte Innovationsschub in der Weltwirtschaftskrise 2008 kulminierte, konnte China die B-Phase besser als die alten Zentren USA und Westeuropa für eine Erneuerung nutzen und neue Bündnisse mit anderen Schwellenländern knüpfen. Das westliche Bündnis aus USA und Europäischer Union verfügt jedoch trotz wirtschaftlicher Führungsschwächen weiterhin über hohe Innovationskraft, den US-Dollar als Weltwährung sowie die militärische Stärke, um den im (Neo-)Kolonialismus etablierten, überproportionalen westlichen Zugriff auf die globalen Ressourcen zu verteidigen.

Unterdessen bringen sich mit der Bio- und Pharmabranche, der Miniaturisierung und Ausrichtung der Produkte an individueller Optimierung neue Leitsektoren in Stellung, um einen neuerlichen A-Zyklus einzuleiten. Die durch die Lockdowns in der Coronakrise veränderten Branchen- und Nachfrageverhältnisse sowie die Einübung neuer Konsum-, Kommunikations- und Kulturtechniken sind im Begriff, nicht nur einen neuen Wirtschaftsaufschwung, sondern mit der fortschreitenden digitalen Vernetzung und Individualisierung auch ein neues Produktionsprinzip zu befördern, das den industriellen Kapitalismus ablöst. Auch in diesem Bereich erweist sich die autoritäre staatliche Steuerung sowie die Akzeptanz sozialtechnischer Verhaltensmodifikation in der Bevölkerung als eine notwendige Begleitung in der Auseinandersetzung um eine Erneuerung der globalen Hegemonie. Die russischen Wirtschaftswissenschaftler um Grinin und Korotayev (2014) prognostizieren den Übergang zum sechsten Kondratieff-Zyklus als Moment des – mit globalen

Verteilungskonflikten verbundenen – westlichen Niedergangs sowie dem Durchbruch der Kybernetischen Revolution. Was sie nicht mitbedenken, ist die Verletzlichkeit eines zunehmend auf Maschinenintelligenz beruhenden Systems und das Bedürfnis vieler Menschen nach Selbstbestimmung und Komplexitätsreduktion.

Weiterführende Literatur

Grinin, L. E. / Grinin, A. (2014): The Sixth Kondratieff Wave and the Cybernetic Revolution. In: Grinin, L. E. / Devezas, T. / Korotayev, A. V. (Hrsg.) (2014): Kondratieff Waves: Dimensions and Perspectives at the Dawn of the 21st Century. Moskau, S. 354-377.

Komlosy, A. (2018): Krisen, lange Wellen und die Weltsystemtheorie. In: Zeitschrift für Weltgeschichte 19.2, S. 207-242.

Dr. Andrea Komlosy a.o. Professorin am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, Koordination der Globalgeschichte-Studien; Publikationen: Globalgeschichte. Methoden und Theorien (2011); Grenzen. Räumliche und soziale Trennlinien im Zeitenlauf (2018). andrea.komlosy@univie.ac.at

Berliner Debatte Initial 4/ 2020

Chinas neue Seidenstraßen

Im Schwerpunkt wird die Belt an Road-Initative Chinas diskutiert. Es werden Interpretationen strategischer Ansätze dargestellt und diskutiert. Weitere Beiträge beschreiben die Entwicklungen in Lateinamerika, arabischen Staaten und Sri Lanka. Es geht um chinesische Direktinvestitionen und die Mobilisierung von Auslandschinesen im Rahmen der Seidenstraßen-Inititiative.