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Karbon – quo vadis?


Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 11.08.2021

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Was man anfangs noch als vergänglichen Trend oder Marketingcoup hätte abtun können, hat sich allmählich zum allgemein anerkannten Standard entwickelt. Seit der spektakulären Markteinführung des Nike „Zoom Vaporfly 4 Prozent“ im Jahr 2017 haben nahezu alle Hersteller Karbonschuhe im Sortiment. Der Trick, der Weltrekorde und persönlichen Bestzeiten seitdem pulverisierte, ist so einfach wie genial. Um beim Abdruck mehr Energie zu generieren und im Endeffekt schneller zu werden, werden in der Zwischensohle Platten aus Karbonfasern eingebaut. Nicht nur Leistungssportler*innen tragen sie. Auch die Nachfrage aus dem Hobbysportbereich ist riesig. Kaum bringt eine Marke ein neues Produkt auf den Markt, sind die oftmals teuren Topmodelle mindestens so schnell vergriffen, wie sie die Laufenden im Wettkampf machen sollen.

Nämlich rasant schnell.

Man muss allerdings kein Hellseher sein, um zu prognostizieren, ...

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... dass der technologische Fortschritt auch im Bereich Propulsionsplatten (Propulsion meint Vortrieb) weiter voranschreiten wird.

Das, was 2017 noch als konkurrenzlos gut galt, ist im Jahr 2021 längst technisch überholt. Folgerichtig wird das, was wir heute als Crème de la Crème des Laufschuhsektors bezeichnen würden, im Nullkommanichts schon wieder Schnee von gestern sein. Stellt sich die Frage, wohin die karbonisierte Laufschuhreise noch geht.

„Das ist eine Frage, die sich alle Hersteller stellen“, sagt Shigeru Aoe, EMEA Running & Training Footwear Product Manager bei Mizuno. Alle Marken seien auf der Suche nach dem nächsten großen Wurf.

Mittlerweile wurde erkannt, dass nicht alles glänzt, was den Namen Karbon trägt. Anders formuliert: Die Technologie, die in einem dezidierten Spezialschuh für den Wettkampf funktionieren mag, ist für den Trainingsalltag der allermeisten nur begrenzt geeignet. Unter anderem an diesem Punkt setzt die Weiterentwicklung der Branche an. Die Plattentechnologie soll für eine noch größere Gruppe Läufer*innen laufbarer und gewinnbringender gemacht werden, die Eintrittsschwelle in die Karbonwelt herabgesetzt werden. Das Ziel ist es, mit neuen Modellen sowohl die Anforderungen an die individuelle Lauftechnik als auch die Beanspruchung des persönlichen Kontostands zu verringern. Die Weiterentwicklung betrifft demnach nicht mehr nur die Flaggschiffe, sondern auch die Schuhe im erschwinglicheren mittleren Preissegment. Man stößt mitunter auf neue Materialien, die anstelle von Karbon als Propulsionselement verwendet werden.

Es handelt sich dabei um flexiblere und vermutlich kostengünstigere Optionen, die einen ähnlichen Vorwärtstrieb bieten wie die Platten aus Karbonfaser. Einige dieser Varianten schauen wir uns im ersten Schritt an.

Mehr Flexibilität

Wenn man sich mit Produktentwickler*innen unterschiedlicher Marken unterhält, verfestigt sich der Eindruck, dass man das spezielle Karbon-Laufgefühl noch mehr Menschen zugänglich machen möchte. So wird beim japanischen Hersteller Mizuno im neuen „Wave Rebellion“ ebenfalls auf eine eingebaute Platte gesetzt. Die ist allerdings nicht aus Karbon, sondern auch Glasfaser. Die Flexibilität habe den Ausschlag gegeben, berichtet der Produktmanager Shigeru Aoe. „Als wir verschiedene Fasern miteinander verglichen haben, stellten wir fest, dass sich Glasfaser für dieses Modell besser eignen würde.“ Man habe bei Mizuno erkannt, dass eine flexiblere Platte aus Glasfaser für mehr Dämpfung in der Landephase sorgen würde. Sie sei dennoch steif genug, um schnell in ihre Ursprungsform zurückzuspringen, um den gewünschten Vortrieb zu verstärken. Bei der Diskussion um Materialien solle man, laut Aoe, nicht vergessen, dass die Platte, aus welchem Material auch immer, zwar eine wichtige Rolle spiele, aber eben nicht die einzige. Das perfekte Zusammenwirken aus dem Dämpfungsschaum der Mittelsohle und einer eingearbeiteten Platte, darauf käme es an.

Auch bei anderen Marken werden Karbon-Alternativen entwickelt. Die aktuelle Endorphin-Kollektion von Saucony bietet zwar mit dem „Endorphine Pro 2“ einen High-End-Karbonschuh für den Wettkampf an, gleichzeitig wurde mit dem „Endorphine Speed 2 Nylon“ eine Art Lightversion für das Training entwickelt. „Beim ,Endorphine Speed 2‘ verwenden wir eine Nylonplatte“, sagt Florian Sievers, Marketing Manager bei Saucony Deutschland. Nylon böte mehr Flexibilität, welche den Schuh auch abseits von Wettkämpfen laufbar machen soll. „Dadurch erhält die gesamte Zwischensohle ihre Stabilität und Reaktivität, die man für schnelle Trainingseinheiten benötigt, ohne dabei die körperlichen Strukturen so sehr zu beanspruchen wie im Wettkampf.“

Sievers ergänzt, dass man nie die Platte alleine betrachten würde. Der Schuh sei mit all seinen Komponenten und Ebenen ein geschlossenes, funktionierendes System. Diesen wichtigen Hinweis sprechen Vertreter der Industrie oft aus. Klar ist, dass jede Platte ihre Wirkung nur entfalten kann, wenn sie in ein Gesamtkonzept eingehegt ist.

Den Schuh als Ganzes sehen

Die Schweizer Marke On bestätigt auf Anfrage ebenfalls, dass es nicht allein um die Karbonfaserplatte geht. Kévin Dellion, seines Zeichens Sport Science Lead and Innovation Projects bei On, macht deutlich, dass es viel komplexer sei als das. „Der Schaum, die Geometrie, die Interaktion zwischen steifen und weichen Materialien machen einen Schuh einzigartig.“ Für den neuen „Cloudboom Echo“ verwenden die Schweizer ein mit Karbonfasern versehenes Speedboard, das zusammen mit der speziellen Formung des Schuhs einen vorwärtstreibenden Abdruck ermöglichen soll. Gehen wir von der Schweiz nach Japan. Asics hat sich mit dem Metaspeed-Project und den dazugehörigen Modellen ebenfalls erfolgreich in das Karbon-Geschäft eingemischt. Bereits in den 1990er-Jahren hat der Laufschuh-Gigant Karbon in Sprintspikes verbaut. Die Erfahrung mit den Kunststofffasern reicht demnach bereits drei Jahrzehnte zurück. Nach wie vor sei man von den Vorzügen von Karbon überzeugt, bestätigt Andreas Moll, Director Product Marketing bei Asics. „Wobei man sich eigentlich jede harte Komposition vorstellen kann. Karbon bietet zurzeit den besten Mix aus Resilienz, Gewicht, Steifigkeit. Aber: Es ist nur ein Teil dieser Schuhe und vielleicht nicht der wichtigste.“ Unterschiedliche Materialien und verschieden geformte Platten würden in unzähligen Prototypen von Athlet*innen getestet. Sowohl bei On als auch bei Asics gibt man sich technologieoffen. Ein Wort, das man aus politischen Talkshows zu Umweltfragen und Transformationsprozessen kennt. Hat das Karbon-Thema etwas mit Nachhaltigkeit zu tun?

Gibt es neben der größeren Flexibilität des Laufschuhs noch ganz andere Gründe für die Hersteller, Karbon-Alternativen in Betracht zu ziehen?

Mehr Nachhaltigkeit

Im Bereich der Karbonplatten-Technologie stellt sich die Frage, wie nachhaltig der Werkstoff eigentlich ist. Die Bilanz ist nicht besonders gut. Für die Herstellung der Karbonfasern wird der Kunststoff Polyacrylnitril energieintensiv bei 1.300 Grad Celsius erhitzt. Nach Zahlen der Industrievereinigung AVK ist der weltweite Jahresbedarf der Fasern im vergangenen Jahrzehnt auf 142.000 Tonnen gestiegen, was eine Vervierfachung bedeuten würde. Zeitgleich fehlt es der Industrie bisher an Erfahrung, wenn es um das Recycling geht. Die Verwertung von Verbundmaterialien und Spezialwerkstoffen, wie zum Beispiel Karbonfasern, würde die Recycling-und Abfallwirtschaft derzeit vor große Herausforderungen stellen, schrieb Prof. Dr. Roland Pomberger jüngst im Fachmagazin „Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaft“. Was also tun mit den vielen Karbon-Schuhen, die oft nur eine sehr kurze Lebensdauer haben? Wird es neben der verbesserten Trainingstauglichkeit der Karbon-Schuhe, also auch auf dieser Ebene eine Weiterentwicklung geben? Ist Karbon nur eine Art Übergangstechnologie zu einer umweltfreundlicheren Lösung? Oder wird das Recylingproblem zeitnah gelöst werden?

Angesichts der allgegenwärtigen Nachhaltigkeitsdebatte ist grundsätzlich davon auszugehen, dass sich die materielle Zusammensetzung des Laufschuhs der Zukunft verändern wird. Erste komplett recycelbare Schuhe wie der „Index.01“ von Salomon oder der „Cyclon“ von On zeigen, was möglich ist. Wird sich diese Entwicklung auf den Performance-Schuh-Bereich übertragen lassen? Oder werden die Hersteller nach dem Formel-1-Prinzip zwar den größeren Teil ihres Angebots auf Nachhaltigkeit umstellen, sich aber wenige High-End-Produkte, die den Umweltstandards nicht genügen könnten, leisten?

Beim US-Hersteller Newton versucht man, diesen vermeintlichen Widerspruch zwischen Leistungs- und Nachhaltigkeitsaspekten im Laufschuh bereits heute aufzuheben. „Wir haben uns beim ‚Gravity Plus‘ aus zwei Gründen bewusst gegen eine Platte aus Karbon entschieden“, berichtet Christoph Lohse, Brand Manager bei Newton Running Europe. Zum einen erweitere eine weniger steife Platte das Einsatzspektrum des Schuhs. Der Schuh könne somit besser im Training getragen werden. Zum anderen sei es Newton wichtig, ein möglichst nachhaltiges Material zu verwenden. Und das heißt in diesem Falle nicht Karbon, Nylon oder Glasfaser. Im „Gravity Plus“ wurde eine die gesamte Sohlenlänge durchziehende Platte aus Bioplastik, hergestellt aus Rizinusbohnen, verbaut. Die Bioplastikplatte sei zu 100 Prozent biologisch abbaubar, sagt Christoph Lohse, „genau wie die Mittel- und Außensohle des Schuhs“. Ob der Newton-Schuh einen ähnlichen läuferischen Vorteil bietet wie die Wettkampfmodelle der Mitbewerber, bleibt abzuwarten. Was Newton aber zeigt, ist, dass jede neue Innovation im Laufschuhbereich zukünftig einer Überprüfung auf ihre ökologische Sinnhaftigkeit standhalten muss.

Bleibt zusammenfassend zu sagen, dass manche Marken, wie Mizuno oder Newton, von vorneherein auf Karbon-Alternativen setzen, die Mehrheit der Hersteller eine mehrgleisige Strategie verfolgt, die da lautet: Karbon in den Wettkampfschuhen, karbonähnliche, flexiblere Platten in den Trainingsmodellen.

Die Schuhe werden dadurch zugänglicher und tragbarer für eine breitere Schicht an Läufer*innen. Eins ist sicher: Wir werden in den nächsten Jahren noch viel Veränderung im Laufschuhsektor erleben. Ob in Fragen der Propulsionsplatten, des Dämpfungsschaums oder in Fragen der Nachhaltigkeit. Es ist und bleibt Bewegung im Markt, mit oder ohne Karbon.