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Kastilische Eroberungen


Tourenfahrer - Motorrad Reisen - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 05.05.2020

Fahren auf endlosem Asphaltband. Der Hauch der Vergangenheit umweht trutzige Burgen auf kahlen Hügeln. In karstigen Schluchten schlummern stille Flussauen und malerische Dörfer. Gebirgszüge umschließen die magische Szenerie Kastiliens, von der sich Dr. Ingrid Gloc-Hofmann (Text & Fotos) und Helmut Hofmann (Fotos) haben einfangen lassen.


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Bildquelle: Tourenfahrer - Motorrad Reisen, Ausgabe 6/2020

Ein Schotterweg führt hinauf zu den Überresten des riesigen Castillo de Fuentidueña im Tal des Río Duratón.


Faszinierende Aussichten: Vom 1855 Meter hohen Mirador de la Sierra bei Béjar schweift der Blick weit über die Ebene bis zur Sierra de Francia


Ein wahres ...

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... Motorradparadies, das mit fl ott zu befahrenden Trassen, vielen Kurven und Bergsträßchen lockt

Von den Zinnen des Castillo de Turégano lässt sich das zugehörige Städtchen gut überschauen. Einzigartig ist das Panorama von Ávila mit der komplett erhaltenen turmbewehrten romanischen Stadtmauer.


In Aranda de Duero geht es hinab in den Untergrund – hinein in das verzweigte Labyrinth der historischen Weinkeller


In der Provinz Salamanca besticht das Städtchen Ledesma am Río Tormes, bezwungen von der alten Brücke


Der Fluss presst sich durch Hügel und schroffe, felsige Schluchten hindurch, überspannt von gigantischen Brücken

An Segovia kommt kein Kastilien-Besucher vorbei: Hoch über der Meseta thront dort der Alcázar, der bevorzugte Residenz spanischer Könige war. In der quirligen Altstadt lässt sich allerhand erwerben – vorneweg Kulinarisches vom Iberischen Schwein. Das gigantische Aquädukt aus der Römerzeit überragt auf einer Länge von 813 Metern und einer Höhe bis zu 28 Metern markant und elegant die neuzeitliche Bebauung (


Rot schimmert der Asphalt, nebenan ockerfarbene Erde, darin grüne Farbtupfer von Flusstälern, Hügelketten am Horizont, eine unendliche, Freiheit verheißende Weite und Einsamkeit, nur umgeben von der verschwommenen Silhouette der Berge: Kastilien! Es ist Fahren wie auf einem anderen Stern, wir möchten gar nicht ankommen – nur auf den Horizont zufahren, der kaum näher zu kommen scheint. Über uns ein glasklarer blauer Himmel mit fröhlichen weißen Schäfchenwölkchen. Mutterseelenallein sind wir, gottverlassen wirkt das Land, bis plötzlich Geschwindigkeitsbegrenzungen eine menschliche Ansiedlung ankündigen.

Kleine, eng verbaute Dörfer mit blumengeschmückten Steinhäusern, die wir im verschlungenen Zickzackkurs bevorzugt im ersten Gang passieren. Wir begegnen keiner Menschenseele, um danach wieder die Weite vor uns zu sehen und unseren nicht wenigen Pferdestärken die Sporen zu geben.

Im äußersten Westen liegt Zamora am Río Duero. Motorradpolizisten sind in der Stadt unterwegs. Alle schmuck ausstaffiert auf ihren BMWs, grüßen sie uns respektvoll, als wir in voller Beladung an ihnen vorbeirollen. Ein netter Einstieg. Doch das sympathische Gefühl verblasst rasch am nächsten Morgen, als wir zum öffentlichen Parkhaus gelangen. Wir haben mit unseren Maschinen einen Platz zu zweit belegt und müssen nun den Preis für zwei Autoplätze bezahlen. Die Aufpasserin lässt sich nicht erweichen, also zahlen wir und kehren der Garage den Rücken. Wieder etwas gelernt.

Wenig später während der Fahrt auf einsamer Landstraße setzt für einen Moment mein Herzschlag aus: Drei riesige Hunde stehen mitten auf der Fahrbahn. Das Spielchen »den Letzten beißen die Hunde« habe ich schon einmal erleben dürfen.

Doch als wir langsam auf sie zurollen, trollen sie sich in die Büsche. Eine weitere Hundemeute folgt im Dorf danach – diesmal alle knuddelig klein. Quer über die Straße ausgebreitet, schauen sie uns treuherzig entgegen.

Fortuna meint es nun gut mit uns! Glück haben wir in der Abgeschiedenheit der Pampa mit dem Kirchlein San Pedro de la Nave. Der Zufall will es, dass sich eine Gruppe spanischer Touristen die Pforte hat öffnen lassen, sodass auch wir mühelos Einlass finden, um dieses westgotische Kleinod aus dem 7. / 8. Jahrhundert zu bewundern. Gut gelaunt nehmen wir Kurs westwärts, sind im Einklang mit der Straße und der Natur, locker passen sich die Schwünge dem Takt der Kehren an.

Der Duero veranstaltet ein ungeregeltes wildes Spiel, presst sich durch Hügel und schroffe, felsige Schluchten, wird von einigen Staustufen unterbrochen und von gigantischen Brücken überspannt. Dann verlässt der Fluss Spanien und fließt weiter als Douro nach Portugal, was uns zu einem Landeswechsel veranlasst. Welch ein Unterschied! Portugal wirkt wie reingewaschen, die Häuser blitzblank, strahlend weiß, ebenso die Seitenstreifen und auch die Natur sieht wohlgeordnet aus.


Es ist Fahren wie auf einem anderen Stern, wir möchten nicht ankommen, einfach nur auf den Horizont zufahren


Die 1914 konstruierte Puente de Requejo scheint über der schroffen Schlucht des Río Duero zu schweben. El Burgo de Osma – die historische Altstadt lädt zum Bummeln in engen Gassen ein.


Da liegt uns das Urtümliche, Wilde, Karstige der kastilischen Landschaft näher. Wie selbstverständlich finden wir uns in deren verschlungenen Schluchten wieder ein und auf den vielen Kilometern am kastilischen Highway schwelgen wir lustvoll im Wildwest-Feeling. Nebenan durchschlängelt der Río Tormes die Prärie; alte Städtchen und trutzige Burgen wachen darüber.

Seitlich der Landstraßen dehnen sich Dehesas aus, weitläufige, von Steineichen bewachsene Weideflächen, auf denen Kühe und auch mal Stiere grasen. Denn in Kastilien hat der Stierkampf nach wie vor Tradition.

Jede Ortschaft, die etwas auf sich hält, weist eine schmucke Plaza de Toros auf. Auch an bildgewaltigen Werbeplakaten für den Stierkampf mangelt es nicht.

In der Ferne, ganz im äußersten Südwesten Kastiliens, taucht die imposante Bergkulisse der Sierra de Francia auf.

Dort, auf einem Bergsattel, klebt das urige Bergstädtchen Béjar. Es hat Charme und wir kommen in einem familiären Hostal in der Altstadt unter. Die Gastleute sind derart herzlich, dass wir uns gleich zu Anfang verführt sehen, länger zu bleiben als geplant.

Seit dem Mittelalter ein florierender Ort der Textilherstellung hat jedoch auch Béjar die spanische Wirtschaftskrise in den Sechzigerjahren nicht spurlos überstanden.

Es folgten Arbeitslosigkeit und eine große Auswandererwelle. Nun liegen die großzügigen Fabrikanlagen im Tal des Río Cuerpo de Hombre brach und verlassen. Doch Béjar ist wieder auferstanden. Unser Gastwirt erzählt von seinen Eltern, die nach Düsseldorf gingen, den Hotspot spanischer Auswanderer. Nach ihrer Rückkehr eröffneten sie besagtes Hotel, das nun von Sohn mit Frau in sehr zuvorkommender Weise geführt wird.


Bald sind wir bekannt wie bunte Hunde. Man freut sich über die zwei Alemanes mit ihren Motos und Fotos


Wir fühlen uns pudelwohl in Béjar, durchstreifen das sympathische Städtchen, genießen die netten Kneipen und sind ab dem zweiten Tag bekannt wie bunte Hunde.

Man freut sich über die zwei Alemanes mit ihren Motos und Fotos. Autofahrer halten an, um uns persönlich zu grüßen, wir kommen kaum aus dem Winken heraus.

Ein absolutes Highlight beschert uns die »Cámara oscura« im Nordturm des Castillo de Bejár. Ein echtes Spionagegerät wird uns da vorgeführt. Fast alles in der Stadt und der nächsten Umgebung lässt sich erkennen, selbst Personen werden nah herangezoomt. Kein Wunder, wenn wir uns danach beim Schlendern durch die Gassen seltsam beobachtet fühlen.

Wir brauchen einen Szenenwechsel, und den bringt uns ein Streifzug durch die Sierra de Francia. Den Gebirgszug an der Grenze zur Nachbarregion Extremadura durchziehen sich schlängelnde Straßen in üppig grüner Natur mit Kiefern, Steineichen, Kastanien- und Maronenbäumen. Dazwischen kleine Bergdörfer mit Häusern, deren Fachwerk mit Ziegelsteinen ausgefüllt ist.

Herausragendes Musterbeispiel wehrhaften Burgenbaus ist das Castillo de Peñafiel, das von einem hohen Burghügel aus das Tal überwacht



Ausgefressene Sträßchen führen uns hinab – eine Ganzkörpermassage ist dabei inbegriffen


Lange Zeit schwingen wir allein auf weiter Flur dahin. Bis sich an der Zufahrtstraße zum Santuario de Nuestra Señora de la Peña de Francia die Schleusen öffnen und wahre Autokarawanen auf den spitz aufstrebenden, 1727 Meter hohen Berg zuströmen. Nun ja, es ist Wochenende, Ausflugszeit, und die Serpentinenstrecke inklusive eines gigantischen Rundumblicks ist alles andere als zu verachten.

Oben versucht ein geschotterter, leicht abschüssiger Parkplatz, die Fahrzeuge aufzunehmen.

Ein wenig belustigt versenken wir uns in die Betrachtung der missratenen Ausparkmanöver nicht nur von Autofahrern, sondern auch von bergab parkenden Motorradfahrern, die im losen Schotter feststecken. Fahr- und panoramatechnisch spannend wird es dann im Spätnachmittagslicht am 1855 Meter hohen Mirador de la Sierra de Béjar.

Im Süden wird Kastilien vom Gebirgszug der Sierra de Gredos begrenzt. Ein wahres Motorradparadies, das mit flott zu befahrenden Trassen und weit gezogenen, schnellen Kurven immer wieder im Wechsel mit einsamen, recht unebenen Bergsträßchen lockt. Fahrfreude pur und welch ein Ausblick am 1352 Meter hohen Puerto del Pico! Die alte gepflasterte Römerstraße kreuzt an dieser Stelle die aktuelle Fahrstrecke.

Verrückt, wie sie steil und in scharfen Kanten den Felskrater hinabzieht, während sich die moderne Trasse im Zickzack mit langen Geraden hinabwindet und phänomenale Aussichten offeriert.

Weiter östlich schließt sich die Sierra de Guadarrama an und die Kurvenhatz geht weiter. Dichter Wald hüllt die Hügel ein bis zum 1858 Meter hohen Puerto de Navacerrada, wo sich ein weitläufiges Skigebiet ausdehnt, ein nahes Ausflugsziel für die Einwohner Madrids. Im Süden lichtet sich die Vegetation, dafür schnellt die Verkehrsdichte im Dunstkreis der Hauptstadt schlagartig nach oben. In der Ferne tauchen die Türme des Monsterbaus El Escorial auf und etwas weiter das trutzige, zinnenbewehrte Castillo de Manzanares, ein jahrhundertelanger Grenzposten zum Schutz der Region vor den Toren Madrids.

Raus aus der Bergwelt – die Landschaft öffnet sich und legt uns die faszinierende Weite der Meseta vor die Füße. Zig Kilometer entfernt sieht man schon die Silhouette von Ávila, das mit der 2500 Meter langen, komplett erhaltenen romanischen Stadtmauer besticht.

Und dann Segovia! Der Blick von der Meseta aus ist einfach atemberaubend. Da thront der Alcázar auf einer steilen Felsna- se, dahinter steigen die Türme von Kirchen auf und am Horizont die Hügel der Sierra de Guadarrama.

Sepúlveda war im Mittelalter ein bedeutendes Zentrum am Río Duratón. Die Altstadt ist ein nationales Kulturgut.


Die Stadt ist einmalig, was leider auch eine arge touristische Überflutung mit sich bringt. Besucher aller Nationen wollen die herrlichen Paläste und Kirchen, das römische Aquädukt und den exponiert platzierten Alcázar sehen und man kann es ihnen nicht verdenken. Doch abseits der Touristenwege lässt es sich in beschaulichen Seitengassen bummeln und ins einheimische Leben eintauchen, was Helmut dazu beflügelt, sich vom Herrenfriseur »Barbero« verwöhnen zu lassen.

Manche Leute bezeichnen die kastilische Meseta als flache öde Hochebene. Weit gefehlt, finden wir! Hügel und Tafelberge setzen Akzente, zahlreiche Flüsse haben sich durch den weichen Sandstein gefräst und zwischen karstigen Felswänden fruchtbare Täler mit schattenspendenden Laubbäumen geschaffen. Der Río Duratón bildet solch ein kleines Paradies im Parque Natural Hoces. An landschaftlichen und fahrerischen Varianten wird alles geboten. Kleine kurvige Sträßchen, ausgefressen und holperig mit inkludierter Ganzkörpermassage, führen windungsreich hinab und wieder bergan auf die Höhe. Dazwischen staubige Schotterpisten und ebenso die mit perfektem Asphalt ausgestatteten Highways.

Auf der Hochebene bläst meist ein scharfer Wind, das bedeutet Fahren in Schräglage auf der Geraden. Alte auf Hügeln platzierte Städtchen bespielen das Land. Meine Begeisterung für die Ortsdurchfahrten hält sich in Grenzen. Es bleibt ein Kunststück, die engen steilen Gassen mit den harten Abbiegemanövern zu passieren, vor allem dann, wenn Trauben von Menschen an den abschüssigen Engstellen im Weg stehen, was sie oft und ausgiebig tun – da hilft nur eine kräftige Hupe.

Und hier nun endlich breitet sich die Welt der Castillos vor uns aus. Magisch beherrschen die trutzigen Steine auf erhabenen Hügeln das karge, weite Land.

Mächtige Bollwerke, von Weitem sichtbar, bedrohlich, unbezwingbar, sollten sie zu Zeiten der Reconquista das junge kastilische Königreich sichern. Von West nach Ost bis hinauf zum idyllischen Flusslauf des noch jungen Duero setzen sie markante Akzente in der Einsamkeit der Umgebung.

Zündung aus. Zu Füßen des Burghügels von Turégano lassen wir unsere Maschinen verschnaufen und stapfen hinauf, quetschen uns lachend, gemeinsam mit jungen spanischen Familien – die Kinder mit riesengroßen Augen – steile Wendeltreppen hinauf. Etwas weiter in Fuentidueña wird die Auffahrt zur Burgruine ein kleines Abenteuer. Der Schotterweg dorthin wirkt im ersten Moment harmlos, entpuppt sich aber zu einer rolligen Angelegenheit. In einer scharfen steilen Spitzkehre hänge ich in einem Loch fest, komme ich ins Rutschen, die Füße finden keinen Halt, dann geht es in einem Salto nach rechts und ich finde mich mitsamt meiner KTM in der Waagerechten. Okay, Staub abgeklopft und gleich weiter. Und das hat sich wahrlich gelohnt, denn erst auf dem Hochplateau sieht man die riesigen Ausmaße der ehemaligen Burganlage. Beeindruckend! Peñafiel am Duero ist ein Musterbeispiel wehrhafter Burgarchitektur. Exponiert auf einem steilen Bergrücken gelegen, stolz in weißem Stein erbaut, von Türmen und Zinnen bekrönt, ist das Castillo meilenweit im Land zu sehen. Heute ist Sonntag und bekanntermaßen sind Spanier Meister des Wochenend-Tourismus, besichtigen mit großem Enthusiasmus ihre Sehenswürdigkeiten.

Wir schließen uns einer Führung an und wandeln mit einer deutschsprachigen Broschüre in der Hand durch die Burg, bis sich die Besucherzahlen lüften, denn es geht auf die Siesta zu.

Edle Stoffe wie für diese Robe des 16. Jahrhunderts wurden in Béjars Textilfabriken gefertigt.


Der knusprig gebratene Lammbraten »Lechazo asado« ist ein beliebtes Gericht in Kastilien.


Exponiert auf einem steilen Bergrücken gelegen, ist das von Zinnen bekrönte Gemäuer meilenweit im Land zu sehen


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Alle Kontaktdaten und vieles mehr finden Sie unterbit.ly/tflinks

Dominant und erhaben atmet das Castillo de Turégano Geschichte.


Während die Einheimischen ihr Mittagsmahl vertilgen, tummeln wir uns im weitläufigen Duero-Tal. Die Maschinen brummen im Gleichtakt vor sich hin. Blauer Himmel über uns, Geier kreisen. Die Dörfer hell und freundlich, endlose Weingärten breiten sich aus, alle paar Meter eine Bodega, der Geruch von vergorenem Wein umweht unsere Nasen. Das ist die Heimat der Edelmarke Ribera del Duero.

Aranda de Duero ist das Zentrum des berühmten Weinbaus, der dort bis auf das 10. Jahrhundert zurückgeht. Kaiser Karl V.alias Carlos I. bestimmte gar zu Beginn des 16. Jahrhunderts, diesen zu forcieren und verstärkt Weinlager anlegen zu lassen.

Seitdem durchziehen sie auf einer Länge von sieben Kilometern wie ein Spinnennetz den Untergrund der Stadt. Einige Bodegas bieten bei Verzehr im Lokal kostenfreien Eintritt in die Keller an. Heute bläst ein strenger kühler Wind und es nieselt.

Also steigen wir Stufe um Stufe zwölf Meter hinab in die Tiefe, durchwandeln enge Felsengänge, überwölbte Räume mit Keltergeräten, Weinfässern, verstaubten Weinflaschen, deren Inhalt möglicherweise sündhaft hohe Preise erzielen kann.

Der Wetterumschwung ist fies. Waren wir bisher sonnige 24 bis knapp an die 30 Grad gewöhnt, so fühlen sich die heutigen zehn Grad unter tief hängenden Wolken bitterkalt an. Wir drehen dennoch eine Runde in den Norden von Aranda de Duero, in die einsame zerklüftete Bergwelt der Peñas de Cervera und Sierra de las Mamblas. Schroffe Schluchten wie der Desfiladero de la Yecla tun sich auf, gigantische, von Geiern bewohnte Felswände.

Dazwischen alte Städtchen wie Covarrubias und Santo Domingo de Silos oder das romanische Kirchlein Ermita de Santa Cecilia. Unglaublich, wie viele Flüsse Felsen ausgehöhlt und Täler in den Stein gefressen haben. Dort unten im fruchtbaren Tal, vom Wind geschützt, entdecken wir historische Orte mit Kirchen und trutzigen Burgen, die gar nicht auf meiner Besichtigungsliste standen. In Soria kommt dann der große Regen.

Wir machen aus der Not eine Tugend und unternehmen mit einem Mietwagen eine Spritztour. So bleibt wenigstens heute die Frisur von den Verwüstungen des Helms verschont. Die Fahrt hinauf in die Sierra de Urbión erweist sich auch mit dem Auto als kleines Abenteuer. Schlammige Pisten geleiten uns durch die wald- und wiesenreiche Gegend, die reich an Pilzen und Holz und übersäht mit Quellen ist, darunter der des Duero. Mit Baumstämmen schwer beladene Transporter chauffieren neben ihrer Last auch so manchen glitschigen Dreck auf die asphaltierten Schnellstraßen.

Allmählich heißt es, an die Rückreise zu denken. Einmal noch trudeln wir in Soria von Bar zu Bar, hier eine Tapa, dort eine Tapa, vertrödeln die Zeit. Denn erst um 21 Uhr, wenn deutsche Kinder schon in ihren Bettchen schlummern, öffnen sich die Pforten der Restaurants und Familien mit ihren Sprösslingen begeben sich zum Abendessen. Mit etwas Wehmut, aber voller Erinnerungen an die außergewöhnlichen Erlebnisse der letzten Wochen: ¡Adiós Castilla y León!

Allgemeines

Die Bezeichnung Castilla (Kastilien) geht auf das gleichnamige mittelalterliche Königreich zurück. Die historischen Landschaften León und Altkastilien bilden heute die autonome Gemeinschaft Kastilien und León. Altkastilien beherrscht die im Zentrum Spaniens gelegene Iberische Meseta. Das bis 1000 m hohe Hochland wird im Norden vom Kantabrischen Gebirge, im Süden vom Kastilischen Scheidegebirge umschlossen, das von West nach Ost die Sierra de Francia (1735 m), die Sierra de Gredos (2592 m) und Sierra de Guadarrama (2428 m) umfasst. Bedeutendster Fluss ist der Duero, der in der Provinz Soria auf 2080 m Höhe entspringt, die Meseta entwässert, westwärts und in Portugal in den Atlantik fl ießt.

Berühmt ist das Weinbaugebiet Ribera del Duero. Der Wein weist eine 2000jährige Geschichte auf und hat es mit seinen aromatischen, feinen Rotweinen an die Spitze der spanischen Weinregionen geschafft. Daneben wird Getreide angebaut. Hinzu kommen Weidefl ächen und Schafzucht. Die kleinen und mittelgroßen Städte sind durchwegs alte Gründungen, von Kultur und historischen Bauwerken durchdrungen, in denen sich modernes Leben mit überlieferten Traditionen auf sympathische Weise vermischt.

Haltepunkte

Dank seiner spannenden Geschichte verfügt Kastilien über eine beeindruckende Vielfalt an gut erhaltenen Sehenswürdigkeiten. Dazu gehören die romanischen und die wenigen westgotischen Kirchen wie San Pedro de la Nave bei Zamora aus dem 7. / 8. Jahrhundert. Die Städte beeindrucken durch ihre

Altstädte, Befestigungsanlagen und Kathedralen: Zamora lockt mit einer mittelalterlichen Steinbrücke über den Río Duero und dem »Museo de Semana Santa «, das sich der Karwoche widmet. Das Bergstädtchen Béjar mit der »Cámara oscura« und alten Textilfabriken. Die mit 1131 m höchstgelegene Stadt Spaniens, Ávila, Weltkulturerbe der UNESCO, bietet ein außergewöhnliches Stadtbild dank ihrer komplett erhaltenen 2500 m langen romanischen Stadtmauer. Auch Segovia ist UNESCOWelterbe, beherbergt ein Aquädukt aus dem 1. / 2. Jahrhundert, eine quirlige Altstadt und den mächtigen Alcázar. Aranda de Duero lädt zur Erkundung der historischen Weinkeller ein. Soria am Duero und Santo Domingo de Silos sind Horte bemerkenswerter romanischer Bauwerke und das Stadtbild von Covarrubias zeigt die typische Bauweise der Region, die sich durch eine Mischung von Fachwerk mit Steinbau auszeichnet.

Kulinarik

Typisch für die kastilische Küche sind Eintöpfe, Hülsenfrüchte, Gemüse, Schweineund Lammfl eisch. Der Schinken Jamón ibérico gehört zum Standartangebot. Hinzu kommen regionale Delikatessen. In Zamora ist es »Arroz a la Zamorana«, ein Risotto mit geräuchertem Fleisch. In Béjar serviert man allerhand Variationen vom gegrillten Rind. Sehr fein ist das rösch gebratene Spanferkel »Cochinillo asado« in Segovia. Aranda de Duero verwöhnt mit Milchlammbraten »Lechazo asado« oder mit Lammkottelets »Chuleta de cordero«. Deftig wird in Soria gespeist mit »Torrenillos«, knusprig herausgebackenen Schweineschwarten. Aus dem süßen Repertoire schmecken die gefüllten Marzipanröllchen »Huesos Santos«.

Anreise & Unterkünfte

Die Anreise mit dem eigenen Motorrad über Frankreich ist gut zu bewältigen. Sehr gute und landestypische Unterkünfte aller Kategorien sind reichlich vorhanden, ermittelbar über Buchungsportale.

Motorradfahren

Kastilien ist ein Eldorado für Freunde der Abwechslung. In der Weite der Meseta begeistern die hervorragend ausgebauten Überlandstraßen, auf denen man sich zügeln muss, um die erlaubten 90 km/h nicht zu überschreiten. Unvermittelt geht es daneben in die Tiefe der Schluchten, durch die sich verwundene Sträßchen schlängeln und die auch mal Schotterpassagen aufweisen können. In den Sierras locken unzählige Bergstraßen, deren Asphalt nicht immer perfekt ist, die aber jede Menge Kurven, Spitzkehren und Steigungen bieten, himmlische Panoramen eingeschlossen. In den Städten ist die Polizei gut präsent, auffällig viele, immer freundliche Motorradpolizisten drehen ihre Runden. Es wird sehr rücksichtsvoll gefahren, in den Ortschaften gemächlich, schon bedingt durch die häufi gen geschwindigkeits reduzierenden Bodenwellen.

Klima & Reisezeit

Die Iberische Meseta wird vom trockenen, kontinentalen Klima mit heißen Sommern bei kühlen Nächten und kalten Wintern bestimmt. Die umgebenden Gebirgszüge weisen alpine Bedingungen auf. Zum Motorradfahren eignen sich die grüneren Monate April bis Juni und die Zeit September bis November, in der meist trockenes und klares Wetter herrscht. Im Sommer muss man mit hohen Temperaturen rechnen.

Literatur / Karten

Vis-à-Vis Reiseführer Spanien, Dorling Kindersley Verlag, 15. Aufl . (2019), ISBN: 9783734202193, 26,99 Euro.
Michelin regional Spanien, Bl. 575: KastilienLeón, Madrid, Straßenu. Tourismuskarte, M.: 1:400.000, 16. Aufl . (2018), ISBN: 9782067228542, 8,99 Euro.

Castillos

Kastilien stand im Mittelpunkt der »Reconquista «, der christlichen Rückeroberung der Iberischen Halbinsel. Bereits 711 begannen die Berber das ehemalige Westgotenreich zu unterwerfen, 719 befand sich die gesamte Iberische Halbinsel unter islamischer Herrschaft. Die Reconquista nahm bereits 722 ihren Anfang in Asturien, war aber ein jahrhundertelanger von Nord nach Süd sich vollziehender Prozess. Um das Jahr 1000 befand sich Kastilien in christlicher Hand, die Mauren waren nach Süden verdrängt, das Land wurde mit Menschen aus dem Norden wiederbevölkert. Die Nähe zum muslimisch beherrschten al-Andalus sowie Streitigkeiten unter den christlichen Herrschern erforderten Sicherheiten und führten zum Bau mächtiger Burgen. Diesen »castillos« verdankt die historische Landschaft Kastilien ihren Namen. Bis heute sind sie in ihrer markanten Präsenz Wahrzeichen jener unruhigen Zeiten.

Eine jede dieser Burgen zu besichtigen, ist schier unmöglich, doch die eine oder andere sollte man sich nicht entgehen lassen. Den Autoren haben folgende gut gefallen: Zamora, Castillo de Alba, Alba de Tormes, Alcázar de Segovia, Manzanares el Real, Turégano, Fuentidueña, Pedraza, Peñafiel, Cuéllar, Peñaranda de Duero, die Templerburg Castillejo de Robledo, Almazán, Berlanga de Duero, Gormaz, Castillo de Osma, Calatañazor.