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Kati will keinen Sex. NIE


Für Sie - epaper ⋅ Ausgabe 19/2019 vom 05.08.2019

Vor zwanzig Jahren erkannte Kati: Liebe, Glück – alles läuft über Sex. Doch sie spürte kein Begehren. Sie dachte: eine Phase. Inzwischen ist sie 42, und nichts hat sich geändert. Vermisst sie etwas?


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Bildquelle: Für Sie, Ausgabe 19/2019

Als Freundinnen anfingen, von Jungs zu schwärmen, und die ersten sich dann die Pille verschreiben ließen, dachte ich: Bei dir kommt das auch noch alles, nur später halt.

Ich spielte damals Akkordeon in einem Orchester, machte Judo, war keine, die am Rand gestanden hätte, sondern voll dabei. Ich weiß noch, wie ein guter Freund mir detailliert anvertraute, was ihn an Frauen faszinierte, und wie ich dachte: ...

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... Solche Fantasien oder überhaupt auch nur ansatzweise so was wie sexuelle Anziehung kenne ich gar nicht. Erst mal stellte ich das nur fest.

DANN ABER KAM DIE ZEIT, IN DER DIE SPÄTZÜNDER-THEORIE INS WANKEN GERIET. Die Freundinnen, die noch nie was mit einem Jungen gehabt hatten, konnte man inzwischen an einer Hand abzählen, und schließlich, mit 20, waren nur noch zwei übrig: meine beste Freundin und ich. Als auch diese Freundin sich verliebte, habe ich mich mit ihr gefreut. Und gleichzeitig war es der Beginn einer Krise. Du wirst keine Beziehung haben, keine Nähe erleben, nie Mutter sein – alles, was Menschen glücklich machte, schien mit Sex zu tun zu haben. Nächtelang lag ich wach und hab gegrübelt. Es schien nur eine Möglichkeit für eine wie mich zu geben, in dieser Welt zurechtzukommen: andere auf Abstand zu halten.

Kleidung schien mir in diesem Zusammenhang ein hilfreiches Mittel. Sie war zunehmend schwarz, lang und weit. Bodenlange Röcke, wallende Kleider. So fühlte ich mich geschützt. Heute würde ich sagen: Besser kann man das Klischee der alten Jungfer nicht bedienen.

Nach dem Abi engagierte ich mich für ein paar Wochen in einem sozialen Projekt und arbeitete in der Küche. Zusammen mit René, einem Bild von einem Mann. Er war gut trainiert, hatte blonde, kurze Haare, ein blaues Auge und ein braunes. Da waren sie, die Schmetterlinge im Bauch, von denen immer alle geredet hatten, zum allerersten Mal. Aber eben nur Schmetterlinge, nichts sonst. Entsprechend verunsichert war ich, als René wenig später abends einen Liebesbrief unter meiner Tür durchschob. Nicht, dass ich mich nicht gefreut hätte, so etwas wie eine Beziehung stellte ich mir ja durchaus schön vor. Nicht zum Preis von Sex allerdings.

RENÉ ZU KÜSSEN FIEL MIR LEICHT. NICHT ABER, IHM DAS ANDERE ZU ERKLÄREN. Ich unternahm mehrere komplizierte Anläufe. Wie soll man einem anderen gegenüber etwas in Worte fassen, für das man selbst keine Worte hat? René jedenfalls reagierte lässig. „Von schönen Frauen nimmt man, was man kriegt“ – was er sagte, klang ehrlich. Dabei war er 14 Jahre älter und sexuell erfahren.

Im Rückblick war es ein Glücksfall, dass ich mit einem zusammengekommen bin, der jede Form von Sexualität handeln konnte – auch Nicht-Sexualität. Wir schliefen im selben Bett, waren uns nah, aber wir haben nie miteinander geschlafen.

Anderen erkläre ich es manchmal so: Da gibt es so was wie Grün, das sind Sachen, die mache ich gern. In den Arm nehmen zum Beispiel, mich ankuscheln. Gelb ist das, was ich dem anderen zuliebe tue. Küssen, streicheln, anfassen, von mir aus überall. Rot ist, was ich nicht mache, nie, bis heute nicht. Vaginal oder anal zum Beispiel. Ich weiß, was viele denken: dass so nur der andere auf seine Kosten kommt. Aber das stimmt nicht. René war der Erste, mit dem ich erlebt habe, wie Freude über die Erregung des Partners einem selbst Freude bereiten kann und wie sich das Ganze im Idealfall pingpongartig immer mehr steigert. Auch wenn es bei einem selbst dabei nie so etwas wie sexuelle Erregung gibt.


„Manches mache ich gern, mich ankuscheln etwa. Anderes würde ich nie tun“


ICH NEBEN DIR
Asexuelle mögen durchaus Nähe, Liebe und Körperkontakt – aber keinen Sex


1% der Befragten gab 1994 in einer Studie an, sich noch nie von jemandemsexuell angezogen gefühlt zu haben


René und ich zogen in Berlin zusammen und blieben anderthalb Jahre lang ein Paar. Wir waren glücklich, auch wenn ich das Gefühl hatte, ihm etwas schuldig zu sein: eine richtige Erklärung. Bis mir dieses Wort in den Sinn kam. Ich kann nicht sagen, wodurch es ausgelöst wurde. Irgendwann war es einfach da, rein intuitiv.

ICH MUSS DIR WAS SAGEN, MEINTE ICH ZU RENÉ. ICH GLAUBE, ICH BIN ASEXUELL. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich den Moment erinnere, denn er hat mich zu dem gemacht, was ich bin. René dagegen schien nicht sonderlich beeindruckt. „Passt für mich, wenn du das so nennst“, sagte er. Und dann: „Wo gehen wir hin? Fernsehturm?“ Als eine andere schaute ich von dort oben herab auf Berlin. Ich spreche heute von meinem „inneren Coming-out“, denn von da an ist vieles anders geworden. Ich begann, mich cool anzuziehen, die Röcke kurz, die Absätze hoch. Ich machte mir die Nägel und fing an, mich zu schminken, was ich bis dahin nie getan hatte.

BIS HEUTE IST DAS ETWAS, DAS VIELE NICHT VERSTEHEN. ASEXUELL SEIN UND TIEF DEKOLLETIERTES TRAGEN, DAS PASST DOCH NICHT, HÖRE ICH OFT. Und dass ich die falschen Signale senden würde. Für mich aber sind diese sogenannten Signale nichts als Interpretation. Kurzer Rock gleich Sex – nirgends steht das geschrieben!

Zur Trennung haben Dinge geführt, die nichts mit Sex zu tun hatten. René vermisste seine Reisen um die Welt, die er vor mir oft unternommen hatte. Ich bin gestärkt aus dieser Liebe hervorgegangen. Ich wusste nun ziemlich genau, was ich tun würde, käme wieder ein spannender Mann. Eilig hatte ich es allerdings nicht. Ich war 28, als es zu einem nächsten krassen Aha-Erlebnis kam.

Irgendwie war ich in diesem Online-Forum gelandet. Seine Frau und er würden schon lange nicht mehr miteinander schlafen, postete einer. Vielleicht ist sie asexuell, schrieb ich, oder vielleicht bist es ja du? Das hat mir schon mal jemand von AVEN geschrieben, kam zurück. AVEN? Ich erfuhr, dass es sich um ein amerikanisches Forum rund um das Thema Asexualität handelte. Ha! Da war es, mein Wort! Im Forum zu lesen war unbeschreiblich.SO VIELE GESCHICHTEN, MANCHE WIE MEINE, MANCHE GANZ ANDERS. GESCHICHTEN, DIE EINEM DAS HERZ ZERRISSEN ODER INSPIRIERTEN. Ich war also nicht allein. Noch im selben Jahr habe ich das deutsche AVEN-Forum gegründet.

Ich bin asexuell – diese vorausgeschickte Information ist wichtig und wird viel besser verstanden als „Ich will keinen Sex“. „Mit dir“, fügen viele bei Letzterem gedanklich hinzu und sind dann persönlich gekränkt.

AUSTAUSCH
Kati hat für Asexuelle, deren Partner und Eltern und für Kontaktanzeigen www.aven-forum.de gegründet


! Wissenschaftler vermuten, dass Asexualitätangeboren ist – ebenso wie Homo- oder Heterosexualität. Darum wollen Asexuelle auch nicht „Betroffene“ genannt warden


Tatsächlich reagieren die meisten Männer positiv, wenn ich ihnen sage, was Sache ist. Selbst die, die nach einem ersten Kennenlernen offen zugeben: „Ich würde was vermissen, auf Dauer“, sagen so Dinge wie: „Es war spannend, dich kennenzulernen, ich hab viel über Menschen gelernt.“ Klar, es gibt auch welche, die mich nur daten, weil sie mal wissen wollen, wie das so mit einer Asexuellen ist. Und solche, die das nicht nur denken, sondern sogar sagen: „Du müsstest nur mal richtig vergewohltätigt werden, dann kämst du schon auf den Geschmack.“ In solchen Fällen gehe ich. Sofort. Spüre ich dagegen, dass mein Gegenüber es ernst mit mir meint und fühle ich mich menschlich hingezogen, kann viel entstehen.

Meine letzte Beziehung hat acht Jahre gehalten, und der Mann hat mich so sehr geliebt, dass jede Art von Kategorisierung – sexuell, asexuell, bisexuell – vermutlich hinfällig für ihn war. Er ist extra für mich von Österreich nach Berlin gezogen, wunderbar harmonische Jahre haben wir erlebt. Jahre, in denen wir Schnittmengen gefunden und ausgebaut haben. Dass er keine Kinder wollte, ich mir hingegen Familie gut vorstellen konnte, stellte kein Problem dar. Er gab ja so viel für mich auf, da lebte ich eben kinderlos.

Eine Zeit lang haben wir eine offene Beziehung ausprobiert. Für ihn ging das gar nicht, ich muss bei jeder Frau an dich denken, sagte er. Beendet hat er die Beziehung, als ich mich in einen anderen verliebt habe. Es ging mir nur um Begeisterung, die offen gelebt werden wollte, nicht um eine mögliche Nebenbeziehung.

Dafür habe ich die Liebe meines Lebens aufgegeben, denke ich mir jetzt manchmal, und dann sehe ich wieder: Ich hätte mit Männern nicht mehr Glück haben können. Es erfüllt mich mit Dankbarkeit, dass ich nicht den Leidensweg vieler gehen musste, die im Forum posten. Eine 80-jährige Frau hat mal geschrieben, sie hätte ihrem Mann nie geben können, was er sich gewünscht hätte: „Ständig fühlte er sich zurückgewiesen. Und ich mich bedroht.“ Manchmal hätte sie sich tagelang nicht geduscht, um vor ihm „sicher“ zu sein.

So etwas zu lesen ist schrecklich. Und im Grunde die Antwort auf das, was ich oft gefragt werde: Wieso ich mit dieser Sache so sehr in die Öffentlichkeit gehe, ob mir das nicht zu persönlich sei. Ist es, ja, aber jemand muss schließlich den Mut haben, gegen die selbst bei Sexualtherapeuten verbreitete Einstellung anzugehen, keinen Sex haben zu wollen sei eine Krankheit.

„Sie haben einen Freund, wieso schlafen Sie nicht mit ihm?“, hat mich mal die Frauenärztin gefragt und „sexuelle Lustlosigkeit“ in meine Akte geschrieben. Dabei wäre die logische Voraussetzung sexueller Lustlosigkeit, dass man einen Leidensdruck empfindet, und das ist bei mir nicht der Fall. Wieso sollte ich also eine Störung haben?

Als wir von AVENde beim Christopher Street Day einen Stand hatten und Therapeuten uns ansprachen, sie würden das „wegbekommen“, sind wir ihnen mit genau dieser Haltung entgegengetreten. Ich bin nicht frustriert, verkappt lesbisch oder frigide, den Schuh ziehe ich mir nicht an. Ich möchte ein Pflegekind aufnehmen, der Antrag läuft. Seit ein paar Monaten date ich wieder. Ich habe Lust auf die Liebe. Und aufs Leben!

DEMISEXUALITÄT Ein bisschen dazwischen

Seit Kurzem liest man immer häufiger von Menschen, diedemisexuell sind. Das Wort erklärt ziemlich gut, was dahintersteckt: Demisexuelle Frauen und Männer empfinden – anders als Kati aus unserer Geschichte – sehr wohl sexuell und wünschen sich diese Art intimer Nähe mit ihrem Partner. Allerdings, und das ist die Besonderheit: Den Wunsch verspüren sie erst, NACHDEM sie eine tiefe emotionale Bindung zu einem Menschen aufgebaut haben. Demisexuelle fühlen sich also nie sexuell zu jemand Fremdem hingezogen, träumen beim Verkehr mit ihrem Partner nicht von jemand anderem und fanden auch noch nie einen Star (etwa George Clooney) körperlich anziehend. Experten siedeln Demisexualität im Spektrum zwischen Asexualität und der gängigen Vorstellung von „normalem Sexualtrieb“ an.


Fotos: Getty Images, privat