Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 8 Min.

Kawas Gespür für tragende Linien


segelfliegen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 28.06.2018
Artikelbild für den Artikel "Kawas Gespür für tragende Linien" aus der Ausgabe 4/2018 von segelfliegen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: segelfliegen, Ausgabe 4/2018

Sebastian Kawa ist einer der besten Segelflieger der Welt; wenn er an einem Wettbewerb teilnimmt, können sich die anderen Piloten in der Regel auf die Silbermedaille als persönliches Ziel einstellen. Der Grand Prix in Chile Anfang 2018, bei dem zwei Piloten verunfallten und einer starb, hat ihn aber ins Grübeln gebracht. Im Interview gibt er Einblicke in die Planung seiner Zukunft, in seine eigenen Risikoabwägungen während eines Wettbewerbs und er verrät sein Erfolgsgeheimnis.

Interv iew: M icha il Hengstenberg Bilder: Sebast ian Kawa

Sebastian, Du hast Dich Anfang des Jahres nach dem ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von segelfliegen. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2018 von GASTKOMMENTAR. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GASTKOMMENTAR
Titelbild der Ausgabe 4/2018 von Leserpost. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Leserpost
Titelbild der Ausgabe 4/2018 von Meine Meinung: Thermik-Debatte. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meine Meinung: Thermik-Debatte
Titelbild der Ausgabe 4/2018 von Flug im Südföhn. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Flug im Südföhn
Titelbild der Ausgabe 4/2018 von Zwei Generationen ein Tausender. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zwei Generationen ein Tausender
Titelbild der Ausgabe 4/2018 von Kleine Antennenkunde für das FLARM: Teil 1. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kleine Antennenkunde für das FLARM: Teil 1
Vorheriger Artikel
Kleine Antennenkunde für das FLARM: Teil 1
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Das Standard-Modell der Thermik
aus dieser Ausgabe

... FAI-Grand-Prix in Chile ziemlich aufgeregt. Worum ging es Dir?
Meine Aussage über den Grand Prix habe direkt nach einem schwierigen Wettkampf abgegeben. Wir hatten einen tödlichen Unfall am letzten Tag des Grand Prix zu beklagen, vor diesem Hintergrund muss man das sehen. Ich möchte dazu beitragen, die Veranstaltung und die tolle Idee dieses Wettbewerbs zu verbessern und nicht nur zu kritisieren.

Was muss sich denn ändern?
Bei einem GP sind versierte Piloten versammelt, die mit schwierigen Situationen umgehen können. Trotzdem muss man nach diesem GP eine Bilanz ziehen. Zwei Unfälle, einer davon mit tödlichem Ausgang – das ist schwer zu akzeptieren. Viele GP Piloten haben sich nach dem GP in Chile gefragt, ob es das wert ist. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, gibt es möglicherweise irgendwann keine Piloten mehr, die einen GP fliegen wollen. Es erinnert mich etwas an die Formel 1 der Sechziger- und Siebzigerjahre. Dort starben auch regelmäßig Fahrer. Bis es Piloten gab, die sagten: Das akzeptieren wir nicht mehr. Danach hat sich die Formel 1 sehr verändert, sie ist heute viel sicherer.

Wie gehst Du persönlich mit so einer Situation um?
Es ist traurig, wenn wir einen Piloten verlieren. Und es verändert den Blick auf den Erfolg. Wenn einer von uns stirbt, macht uns das das Risiko bewusst, das wir eingegangen sind. Wir haben überlebt, ja. Aber wir hätten vielleicht auch sterben können. Plötzlich scheint der Sieg nichts mehr wert.

Du hast schon während des Grand Prix Bedenken geäußert. Warum bist Du trotzdem weitergeflogen? Du hättest doch auch aussteigen können.
Der tödliche Unfall geschah am letzten Wertungstag.

Richtig. Aber Du schienst schon während des GP nicht glücklich, zum Beispiel wegen der Deiner Meinung nach nicht ausreichenden Ruhezeiten.
Das Fliegen in dieser Umgebung, den chilenischen Alpen, ist sehr fordernd, weil wir aufgrund der Höhe und der trockenen Luft näher ans Gelände gegangen sind, als wir es in anderen Gebirgsgegenden tun würden. Alleine würde man so wahrscheinlich aus Sicherheitsgründen nicht fliegen, aber es ist schneller, also fliegt man auf einem Wettbewerb so. Es ist entsprechend erschöpfend. Es gab zwar Pausen, weil Wertungstage gecancelt wurden, aber insgesamt war das Programm für mein Empfinden zu straff. Ich kann jetzt nur für mich selbst sprechen und nicht für den verunglückten Piloten, aber ich mache mehr Fehler, wenn ich erschöpft bin.

Am Start zum SGP in Chile


Was sollte, abgesehen von mehr Ruhepausen, noch geändert werden?
Ich wünsche mir mehr Dialog auf Augenhöhe zwischen Veranstaltern und Piloten, wenn es um Sicherheitsfragen geht.

Kannst Du ein Beispiel nennen?
Vor ein paar Jahren war ich auf einem Wettbewerb, bei dem zwar keiner der Teilnehmer, aber ein Pilot aus dem Umfeld mit seiner ASG 29 verunglückt ist. Danach fragte die Wettbewerbsleitung, ob die Piloten angesichts des tragischen Unfalls starten wollten. Viele verneinten. Dann wurde gemeinsam beschlossen, den Tag auszusetzen. Diese Form der Zusammenarbeit wünsche ich mir. Natürlich kann man sagen: Der Wettbewerbsleiter ist nicht dafür verantwortlich, eine Wohlfühl-Atmosphäre zu schaffen. Ich persönlich sehe aber keinen Schaden darin, wenn die Stimmung während eines Wettbewerbs gut ist.

Aber dann nochmal die Frage: Warum bist Du nicht während des Wettbewerbs ausgestiegen?
Weil ich – und die anderen Piloten vermutlich auch – während des Wettbewerbs wie in einem Tunnel lebe. Alles ist auf darauf fokussiert, das Ziel des Tages zu erreichen. Diese Gedanken kommen Dir eigentlich immer erst nach einem Wettbewerb.

Wirst Du denn unter diesen Voraussetzungen nochmal an einem GP teilnehmen?
Gute Frage. Ich bin der sehr komfortablen Situation, dass eine Goldmedaille mehr oder weniger für mich keinen großen Unterschied macht (lacht). Zudem muss ich auch sagen, dass sich das Versprechen des Formats für mich noch nicht erfüllt haben.

Was meinst Du?
Der GP ist als Wettbewerbsformat angetreten, das unseren Sport massenkompatibel promoten soll. Dadurch sollte uns, den Piloten, finanziell ein Leben ermöglicht werden, das wir rein dem Segelflug widmen können und keinen Job mehr ausüben müssen. Die mediale Aufbereitung ist zwar deutlich besser als bei vielen anderen Wettbewerben und die Zugriffszahlen auf die Liveberichterstattung wachsen. Aber finanziell ist die Rechnung zumindest für uns Piloten noch nicht aufgegangen. Deswegen muss ich mir jetzt genau überlegen, wie ich weitermache.

Blick auf Santiago de Chile


Beim SGP in Chile näher am Gelände als in anderen Gebirgsgegenden


Wie sieht Dein persönliches Risikomanagement aus?
Bei einem Wettbewerb geht jeder Pilot ein höheres Risiko ein als bei normalen Streckenflügen. Trotzdem hat für mich meine persönliche Sicherheit Vorrang vor einem Podiumsplatz. In Chile zum Beispiel habe ich mich des Öfteren bewusst zurückfallen lassen, um im Pulk zu fliegen. Dort gab es immer wieder die unschöne Kombination von Blauthermik und unlandbaren Tälern, die wir queren mussten. Wenn Du zu mehreren diese Täler querst, ist die Chance, dass einer der Piloten einen Aufwind findet und Du Dich mit reinhängen kannst, viel größer, als es alleine zu schaffen. Aber diese Sichtweise erfordert eine Selbstdisziplin, die leider nicht alle Piloten haben.

Kannst Du auch hier ein Beispiel nennen?
Vor zwei Jahren flogen wir beim Wettbewerb in Prievidza in der Slovakei unter extrem widrigen Bedingungen. Die Gegend liegt in den Bergen, aber wegen der niedrigen Basishöhen konnten wir kaum die Hälfte der Berge sehen – der Rest lag in den Wolken. Einer der Piloten hatte die Aussicht auf den Gesamtsieg an diesem Tag und flog entsprechend entschlossen. Ich kenne den genauen Unfallhergang nicht, aber das Ergebnis: Er überlebte diesen Tag nicht, er stürzte mit seinem Flugzeug in einen der Hänge. Karol Staryszak, ein anderer Pilot, der an diesem Tag in Führung lag, kehrte unter den gleichen Bedingungen um, entschloss sich zur sicheren Außenlandung im Tal und war glücklich mit dieser Entscheidung
(Staryszak hat einen viel beachteten Artikel darüber geschrieben, der unter http://soaring.eu/?p=20949nachzulesen ist, Anm.d. Red

Warst Du selbst jemals in Lebensgefahr in einem Wettbewerb?
In Lebensgefahr nicht, aber ich war schon mehrmals in Situationen, in denen ich wusste, dass zumindest meine Maschine die Landung nicht überleben würde. Im Kaukasus zum Beispiel war das Wetter so unberechenbar, dass immer die Gefahr bestand, dass man in einem Tal eingesperrt werden würde und nicht mehr herauskam, weil sich ein Gewitter über das Tal gelegt hatte. Das war haarig, allerdings war das kein Wettbewerb, dort bin ich einfach so geflogen. Im Wettbewerb selbst hatte ich noch nie das Gefühl, in echter Gefahr zu sein, gleichzeitig will ich nicht verhehlen, dass mir gerade in Chile die großen, unlandbaren Täler weit ab der Zivilisation gehörigen Respekt eingeflößt haben.
Natürlich gibt es keine endgültige Sicherheit in diesem Sport. Aber ich versuche zumindest, alle möglichen Szenarien vorher durchzuspielen und zumindest einen Plan B zu haben. Das Flugzeug kann kaputtgehen oder im Wasser landen, aber ich will überleben. Das Problem – zumindest bei Wettbewerben – ist, dass viele kritische Situationen fernab der Wettbewerbsleitung und Schiedsrichter passieren, irgendwo tief im Gebirge während der Tasks. Für die Organisatoren ist es vermutlich auch deshalb schwer nachzuvollziehen.

Blauthermik und unlandbare Täler


Du hast fast alles, was man an Wettbewerben im Segelflug gewinnen kann, gewonnen. Wir motivierst Du Dich noch?
Ich liebe Herausforderungen. Und Herausforderungen gibt es immer. Dieses Jahr zum Beispiel besteht die Möglichkeit, drei Titel zu holen, zum zweiten Mal in der Geschichte des Wettbewerbs. Außerdem freue ich mich darauf, die neuen Segelflugzeuge aus Polen zu fliegen, ich hoffe, dass die GP 15 rechtzeitig zur WM fertig wird.

Innovativ fliegen und unbekannte Routen probieren


Stichwort GP Gliders – was hältst Du von der 13,5-Meter Klasse?
So wie die Regularien dafür bislang ausgelegt waren, nicht viel. Bislang gab es eigentlich nur ein Flugzeug, dass von den Regeln wirklich profitierte, und das war die Silent Elektro. Andere Flugzeuge mit einer anderen Auslegung von Flügelfläche und Flächenbelastung waren im Nachteil. Es gab also wenig Anreize für Hersteller, neue Flugzeuge für diese Klasse zu entwickeln. Allerdings soll jetzt Bewegung in die Sache gekommen sein und das Limit für die Flächenbelastung geändert werden, was ich begrüßen würde, denn diese Flugzeuge haben durchaus Charme. Sie sind so einfach aufzurüsten und zu handhaben. Es ist anstrengender, sie mit Bezügen abzudecken, als abzurüsten. Du kannst es im Prinzip mit Deinen Kindern machen.

Was ist Dein Erfolgsgeheimnis? Was unterscheidet Dich von anderen Piloten?
Ich denke, dass ich eine gute Flugtechnik habe und natürlich einen großen Erfahrungsschatz. Wobei das natürlich auf die meisten Piloten zutrifft, denen man bei einer Weltmeisterschaft begegnet. Vielleicht ist es meine Liebe zum Experiment, die manchmal den Unterschied macht. Oft fliegen wir bei Weltmeisterschaften ja in Gebieten, die wir nicht kennen, in denen wir noch keine Erfahrungen gesammelt haben. Da kann es helfen, wenn man es hier und da mit einer fliegerischen Innovation probiert und Routen fliegt, die vorher noch keiner geflogen hat.

Aber ist das alles?
Ich habe wohl ein gutes Gespür dafür, tragende Linien zu finden. Das verschafft mir oft einen Vorteil.

Wie findest Du sie?
Ich denke jede Sekunde meines Fluges über die möglichen Luftbewegungen nach, fortwährend. Es gibt keinen Moment, ich dem ich nicht analysiere, wo ich das beste Steigen finden könnte. Ich bin sehr konzentriert und visualisiere eigentlich laufend die Luftbewegungen um mich herum.

Hast Du ein Lieblingsvario? Die Hersteller unternehmen ja einige Anstrengungen, um die Luft auch für Durchschnittspiloten quasi sichtbar zu machen.
Bislang habe ich noch kein Vario gesehen oder geflogen, was mich vollkommen zufriedenstellt. Das beste Vario ist immer noch ein feines Gespür für die Bewegungen der Luft (lacht).

Du bist schon allerhand Flugzeuge geflogen, aber das Flugzeug, mit dem Du am stärksten in Verbindung gebracht wirst, ist die Diana 2, Du hast etliche Siege darauf errungen. Gleichzeitig scheint Dein Verhältnis zu dem Flieger etwas gespalten, in einem Videointerview im Rahmen der Weltmeisterschaft in Australien letztes Jahr klang es eher nach Hassliebe.
Ja, das stimmt. Einerseits ist es ein wundervolles Flugzeug, für mich das Beste, das es in der 15-Meter-Klasse gibt – was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass man damit immer noch Titel holen kann – obwohl das Design ja schon etwas älter ist. Andererseits ist der Flieger sehr fragil, und zudem umständlich im Ground Handling. Er ist einfach kompromisslos ausgelegt. Das führt aber dazu, dass man ihn behandeln muss wie ein rohes Ei, außerdem konnte man ihn nicht von anderen aufrüsten lassen. Zudem hatte ich teilweise Angst, ihn in der Luft zu zerlegen. Der damalige Hersteller war weniger offen für Rückmeldungen der Kunden, die mit der Diana flogen, seit kurzem aber wird das Flugzeug von einer anderen Firma neu aufgelegt und es sieht so aus, als wären sie kooperativer.

Inwiefern?
Der neue Hersteller hat als erstes alle Eigner einer Diana 2 angeschrieben und sie gefragt, was sie gerne an dem Flugzeug ändern würden. Soweit ich weiß, wollen sie alles, was sich von diesen Wünschen realisieren lässt, auch ändern. So eine Vorgehensweise gab es früher nicht.

Lass uns nochmal über Ziele sprechen. Drei Goldmedaillen in 2018 – und was kommt danach?
Ich möchte mich mehr auf etwas verlegen, was ich Expeditionsfliegen nenne. Letztes Jahr waren wir in der Ukraine, ein fliegerisch sehr interessantes Gebiet. Es war zwar sehr schwer, an eine Ausnahmegenehmigung zu kommen, aber das Fliegen dort war einmalig. Im Winter plane ich eine Segelflugreise zum K2, ich möchte ihn im Segler überfliegen. Ich bin ja bereits mit einer ASH 25 Mii über den Himalaya geflogen. Mein absoluter Traum aber ist, mit dem Segelflieger über die Antarktis zu fliegen.

Was hindert Dich daran?
Ich müsste Sponsoren finden, die das finanzieren würden

Apropos Finanzen: Musst Du als mehrmaliger Weltmeister eigentlich noch arbeiten gehen?
Ja, ich arbeite immer noch zumindest einen Teil der Zeit als Arzt, also in meinem eigentlichen Beruf. Dank verschiedener Sponsoren und der polnischen Nationalmannschaft kann ich aber immerhin zu vielen Wettbewerben fahren.

Hast Du je daran gedacht, mit der Wettbewerbsfliegerei aufzuhören?
Ja, schon oft. Aber dann gab es doch immer wieder eine Herausforderung, die ich annehmen musste (lacht). Aber so langsam merke ich, dass es mich nicht mehr so reizt, weitere Medaillen meiner Sammlung hinzuzufügen. Es könnte also durchaus sein, dass dies meine letzte Saison wird.