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Kein Entkommen vor dem Plastikmeer?


ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2010 vom 18.11.2010

Millionen Tonnen Plastikmüll treiben im Nordpazifik, und täglich werden es mehr. Kein Land fühlt sich bisher verpflichtet, etwas dagegen zu unternehmen. Doch jetzt ent wickeln private Initiativen Sanierungsideen. Und das nicht nur, weil die synthetische Suppe giftiger zu sein scheint, als bisher angenommen.


Artikelbild für den Artikel "Kein Entkommen vor dem Plastikmeer?" aus der Ausgabe 11/2010 von ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Marco Care/Greenpeace

Umweltschutz kann hart sein – fast so hart wie die Wellen, die mit dumpfen Schlägen gegen das Brückendeck und die beiden Aluminiumrümpfe des Katamarans donnern, der mit zehn Knoten (18,5 km/h) durch den Pazifischen Ozean rast. „Fühlt sich jedes Mal an, als fahre man mit dem ...

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Umweltschutz kann hart sein – fast so hart wie die Wellen, die mit dumpfen Schlägen gegen das Brückendeck und die beiden Aluminiumrümpfe des Katamarans donnern, der mit zehn Knoten (18,5 km/h) durch den Pazifischen Ozean rast. „Fühlt sich jedes Mal an, als fahre man mit dem Auto über einen Baumstumpf“, schreibt Captain Charles Moore 1.000 Seemeilen nördlich von Honolulu in sein digitales Logbuch. Die fünfköpfige Crew – Meereswissenschaftler, Biologen, Chemiker, Studenten – muss es eben aushalten.

Zum wiederholten Mal macht sich Moore mit seinem KatamaranAlguita , einem veritablen Meeresforschungsschiff von 15 Metern Länge und fast acht Metern Breite, auf den Weg in den Müll – in die gigantische Plastiksuppe hinein, die in der Konvergenzzone zwischen 23 und 37 Grad nördlicher Breite – rund 1.000 Seemeilen vor der kalifornischen Küste – vor sich hin dümpelt und dort in den windstillen Rossbreiten ein Meeresgebiet verseucht und vergiftet, das so groß wie Deutschland oder Texas oder Zentraleuropa ist. Genau weiß das noch immer niemand, was daran liegt, dass die teilweise nur millimetergroßen Plastikteile zumeist dicht unter der Wasseroberfläche treiben und deshalb die Dimensionen dieser wilden maritimen Müllkippe auf Satellitenfotos nicht zu erkennen sind.

Netze, Leinen, Taue, Fender: 6,5 Millionen Tonnen des Plastikmülls stammen von Schiffen. Damit geht ein Fünftel des schwimmenden Kunststoffabfalls einfach über Bord.


Foto: Troy Brajkovich

Auch über Menge und Gewicht der Kunststoffmasse kann man bestenfalls spekulieren. Die Schätzungen reichen von 3 bis 100 Millionen Tonnen; Letzteres entspräche dem Gewicht des gesamten Kraftfahrzeugbestands der Bundesrepublik. Aber „wir können keine dieser Zahlen bestätigen“, sagt Holly Bamford, Leiterin des Marine Debris Program bei der US-Behörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) und somit zuständig für den großen pazifischen Müllstrudel.

Um die dürftige Informationslage zu verbessern, sei geplant gewesen, so Bamford weiter, unbemannte Drohnen von Schiffen aus zu starten, um den als Garbage-Patch bezeichneten verklumpten Zivilisationsmüll über fliegen und systematisch erfassen zu lassen: „2008 haben wir Testflüge durchgeführt, mussten aber einsehen, dass noch viel Arbeit nötig ist, um geeignete Sensoren und Flugobjekte auszuwählen, zu erproben und zu operationalisieren.“ Und das bedeutet: Derzeit sind weder aktuelle Fotos noch Daten verfügbar. Zumindest nicht vonseiten der NOAA.

Situation hat sich dramatisch verschlechtert

Deshalb hat es durchaus Sinn, wenn Aktivisten wie Captain Moore Jahr für Jahr diese schwimmende Mülldeponie inspizieren, deren Zustand dokumentieren und Entwicklungstrends öffentlich machen. „Diesmal steuern wir genau die Stellen im Strudel an“, erklärt der 63-Jährige, „an denen wir bereits 1999 Wasserproben entnommen haben.“ Mehr als 75.000 Seemeilen hat Moore seitdem mit seinerAlguita zurückgelegt und dabei Tonnen von Plastikmüll eingesammelt – Bälle, Bojen, Kleiderbügel, Kunststoffreifen, Kanister ohne oder mit gefährlichen Chemikalien, Verpackungen und immer wieder gewaltige Knäuel aus synthetischen Netzleinen und Trossen. Nichts davon baut sich biologisch ab. Vielmehr zerfallen die größeren Objekte unter Einwirkung von Sonnenlicht, Wellen und Reibung in immer kleinere Partikel, die unter der Wasseroberfläche treiben und bis auf eine Tiefe von 30 Metern alles Leben im Meer zu ersticken drohen.

Noch vor wenigen Jahren fand die Algalita Marine Research Foundation (AMRF), eine gemeinnützige Organisation im kalifornischen Long Beach, die Moore 1994 mit ererbtem Vermögen gegründet hat, bei ihrer Feldforschung ein Plastik-Plankton-Verhältnis von 6: 1 vor – auf ein Kilogramm Zoo- und Phytoplankton kamen im Nordpazifikwirbel demnach sechs Kilogramm synthetische Polymere. Zwei Jahre später lag das Verhältnis bereits bei 46: 1, und derzeit „deutet alles daraufhin“, so Moore, „dass sich die Situation dramatisch verschlechtert hat.“ So habe sein Team in küstennahen Gewässern Südkaliforniens und im Müllwirbel Stichproben entnommen, in denen hundertmal mehr Plastik als Plankton zu finden war.

Wie lässt sich der Müll sammeln , ohne das wichtige Plankton mit abzuschöpfen? Während staatliche Stellen eher versuchen, den Eintrag weiteren Abfalls zu verhindern, experimentieren amerikanische Umweltschützer mit neuen Abfangmethoden.


Foto: Troy Brajkovich

Foto: Troy Brajkovich

Wie kommt der Müll ins Meer?

Nur ein Fünftel des Plastiks stammt von Schiffen oder Bohrinseln; die weitaus größte Menge, 80 Prozent, wird von Land aus in die Ozeane getrieben, getragen oder gespült. Und es ist nicht die eine große Katastrophe – wie im Dezember 1994, als der FrachterHyundai Seattle manövrierunfähig vor den Aleuten-Inseln trieb und in schwerer See Zehntausende von Hockeyhandschuhen über Bord gingen –, es sind vielmehr die Millionen kleinen Umweltsünden, die Menschen rund um den Globus Tag für Tag begehen.

Einen Plastikbecher beispielsweise, der am Strand von Santa Monica achtlos fallen gelassen und ins Meer gespült wird, trägt der Kalifornienstrom zunächst nach Süden, in Richtung Mexiko, wo ihn der Nordäquatorialstrom übernimmt und auf die lange Reise nach Westen, also nach Asien, schickt. Dort kommt der Becher allerdings nie an, denn der Kuroshio-Strom schnappt ihn sich kurz vor Japan und schickt ihn wieder auf den Rückweg – ostwärts hinein in den Nordpazifikstrom, der das Treibgut schließlich im Plastikmüllstrudel, dem Garbage-Patch, ablegt.

Da der Müll in internationalen Gewässern kreiselt, fühlt sich kein Land verpflichtet, ihn zu beseitigen. Allerdings dürfte die NOAA grundsätzlich großes Interesse an einer Säuberungsaktion haben, nicht zuletzt deshalb, weil der Meeresstrudel an seinen südlichen Rändern regelmäßig Plastikabfälle „ausspuckt“, die dann an den Küsten des 50. Bundesstaats der USA, auf Hawaii, angespült werden.

Doch einfach abfischen kann man insbesondere die kleineren Partikel nicht. Denn im Nordpazifikwirbel sammeln sich nicht nur maritime Müllmassen, sondern auch Meereskleinstlebewesen. Mit herkömmlichen Absaugmethoden würde man zum Beispiel das wertvolle Zooplankton vernichten, ebenso wie das Phytoplankton – einen der wichtigsten Sauerstoffproduzenten unseres Planeten. Könnte man nicht zumindest die größeren Plastikteile abgreifen und einsammeln, bevor sie zerfallen? Derartige Sanierungsmaßnahmen, antwortet NOAA-Direktorin Bamford, würden eine unglaubliche Menge an Ressourcen binden und benötigen – von der Finanzierung über Transport und Ausrüstung bis hin zur Entsorgung. „Ich kenne keine einzige Organisation, kein einziges Unternehmen, das die Mittel dazu hätte.“ Die einzige Lösung bestehe darin, so Moore, zu verhindern, dass neuer Plastikmüll in die Ozeane gelangt.

Immer mit der Strömung: Plastikmüll wird durch die Meere getrieben, bis er schließlich im Nordpazifikwirbel zwischen Amerika und Asien landet.


Grafik: Alex Hofford/Greenpeace

Umweltschützer Doug Woodring sieht das anders. Auch wenn es kaum möglich sein werde, ein solch riesiges Meeresgebiet jemals hundertprozentig zu sanieren, so seien doch selbst kleine Fortschritte besser, als nur zu sagen: „Da kann man nichts machen, damit müssen wir leben“, erklärt der gebürtige Kalifornier. Um zu sehen, was machbar ist, erkundete Woodring selbst die Situation an Bord des ForschungsschiffsNew Horizon . Und war schockiert: „Auf einer Strecke von 1.200 Seemeilen fanden wir immens mehr Plastikreste, als wir erwartet hatten.“

Mit „wir“ meinte er ein Team der Scripps Institution of Oceanography von der University of California in San Diego, das diese wissenschaftliche Expedition durchführte, um Antworten auf drei zentrale Fragen zu erhalten: Wie viel Plastik sammelt sich wo an? Wie verteilt es sich? Und welche Auswirkungen hat es auf die Meeresflora und -fauna? Mit schwerem Gerät habe man deshalb in unterschiedlichen Wassertiefen Stichproben entnommen, die anschließend an Land analysiert wurden.

Eher mit leichtem Gerät segelte ungefähr zur gleichen Zeit dieKaisei , eine 46 Meter lange Brigantine, durch das Müllmeer. An Bord ein 25-köpfiges Team aus Wissenschaftlern, Umweltschützern, Meeresfreunden und Seglern, das im Rahmen des Project Kaisei, einer Initiative des gemeinnützigen Ocean Voyages Institute in Sausalito, unter anderem verschiedene Verfahrenstechniken zur Abschöpfung des Plastikmülls erproben wollte.

Foto: Dr. Markus Eriksen

Mit 17 Stücken Plastik im Magen wurde diese Regenbogenmakrele, ein beliebter Speisefisch, 1.000 Seemeilen vor der kalifornischen Küste gefangen. Berge von Kunststoff gelangen so in die Nahrungskette.


Mehr Plastik als Plankton

„Und da gibt es erste positive Ergebnisse“, berichtet Woodring, der die Initiative 2008 mitgegründet hat und als Projektleiter firmiert. So habe Norton Smith, beratender Ingenieur auf derKaisei , eine innovative und umweltschonende Sammelmethode entworfen, gebaut und mit Erfolg getestet.The Beach nennt sich der Prototyp, der tatsächlich „einen Strand nachahmt“, so Woodring weiter, wo Kunststoffpartikel angeschwemmt und aufgefangen werden, während Meereskleinstlebewesen beidrehen und entkommen können.

The Beach – im Wesentlichen eine schiefe Ebene aus Holz mit Seitenwänden – benötigt als Energiequelle lediglich die Kraft der Wellen. Das eine Ende liegt 30 Zentimeter unter, das andere acht Zentimeter über der Meeresoberfläche. Schwappt nun Wasser hinauf, muss es über die obere Kante abfließen, wo ein riesiges Auffangnetz angebracht ist, in dem sich zur Freude der Umweltschützer schon nach kurzer Zeit „zwar eine erstaunliche Menge Plastik ansammelte, aber fast keine Meeresorganismen“.

Dass dringend etwas unternommen werden muss, um das pazifische Müllproblem zu lösen, zeigen die jüngsten Erkenntnisse zweier japanischer Wissenschaftler. So fand der Geochemiker Hideshige Takada von der Tokyo University of Agriculture and Technology heraus, dass sich an Plastikbruchstücken giftige Substanzen wie DDT und polychlorierte Biphenyle (PCB) in einer Konzentration anlagern, die bis zu einer Million Mal höher ist als die des umgebenden Meerwassers.

Katsuhiko Saido, Umweltchemiker an der Nihon University in Chiba, wies zudem nach, dass der Abbauprozess der Kunststoffe im Ozean nicht nur schneller verläuft als angenommen, sondern auch erheblich giftiger: So setzten Polystyrolabfälle Styrolverbindungen frei, die im Verdacht stehen, Krebs zu verursachen. In anderen Proben konnte der Wissenschaftler die umstrittene Substanz Bisphenol A – Hauptbestandteil von Polycarbonat – nachweisen, die den Hormonhaushalt von Mensch und Tier beeinflussen kann.

Giftpartikel in die Nahrungskette

Und diese toxischen Plastikpartikel gelangen beispielsweise über Millionen kleiner Laternenfische, die sie bei ihren nächtlichen Futterwanderungen mit Zooplankton verwechseln, in die Nahrungskette. „Seefisch ohne Schadstoffe gibt es nicht mehr“, meint daher der Geo chemiker Takada. Selbst in den beiden Polarmeeren und in anderen abgelegenen Ozeanregionen finde man inzwischen die sogenannten langlebigen organischen Schadstoffe – Persistent Organic Pollutants (POPs).

Wie sich diese POPs – darunter auch die Chemokeule DDT – weltweit verbreiten, an welchen Küsten sie in welcher Konzentration zu finden sind, erforscht der Japaner anhand von angeschwemmtem Plastikgranulat. Im Rahmen seines Studienprojekts International Pellet Watch (IPW) grasen freiwillige Sammler rund um den Globus Strände ab und senden Pellets nach Tokio.

Was den Nordpazifikwirbel angeht, hält Takada es für sinnvoll und geboten, die größeren Plastikteile mit großmaschigen, planktonschonenden Netzen abzufischen, bevor die Kunststoffbrocken immer weiter zerfallen, kaum noch greifbar sind und jahrelang das Meer vergiften. Tatsächlich liegt eine Sanierung des Müllstrudels nicht nur im Interesse der Anrainerstaaten. Denn in den Küstengebieten des Nordpazifiks schwimmt auch Deutschlands beliebtester Speisefisch, der Pazifische Pollack, besser bekannt als Alaskaseelachs – alias Fischstäbchen.

Plastikstrudel auch in Atlantik

Nicht nur im Pazifik, auch im Atlantik gibt es ein riesiges Plastikmüll problem, haben Wissenschaftler der amerikanischen Sea Education Association festgestellt. Dort existiert anscheinend ebenfalls eine Region, in der sich dieser Müll vermehrt ansammelt, erklärte SEA-Sprecherin Lavender Law. Die größte Dichte entdeckten die Forscher nördlich der Karibischen Inseln zwischen dem 22. und dem 38. Grad nördlicher Breite in einem Plastikmüllstrudel, der dort bis zu 200.000 kleine Plastikteilchen pro Quadratkilometer enthält. Die Ergebnisse vom Atlantik stützen sich, so Law, auf die bisher längsten und umfangreichsten Nachforschungen von Kunst stoffabfällen in einem Weltmeer. Dafür stachen die Forscher mit großen Netzen im Schlepptau in See und entnahmen an 6.100 Stellen in der Karibik und im Atlantik vor der US-Ostküste Proben von den treibenden Plastikteilchen. Hauptgründe für die regionale Müllanhäufung könnte neben den ozeanischen Oberflächenströmungen und -wirbeln auch die Nähe zu den USA sein, die weltweit einer der Hauptverursacher von Plastikmüll sind.