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Kein Gefühl ist doch an sich böse oder falsch“


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 30.06.2022

JOCHEN DISTELMEYER

WENN MAN IHN BRAUCHT, IST ER DA. ALS DIE PANDEMIE UNS ausgelaugt hatte und der Krieg uns hoffnungslos werden ließ, erschien nach 13 Jahren Pause ein neues Lied von Jochen Distelmeyer: „Ich sing für dich, wenn du nicht weißt, wo deine Leute sind/ Wenn rings um dich nur Krieg und Krise tobt/ Und wenn auf deine Welt ein harter Regen fällt/ Und du nicht weißt, wo deine Liebe wohnt“, sang diese wohlvertraute Stimme, die zwischen 1991 und 2006 auf den Alben der Band Blumfeld unser Unbehagen im großen wiedervereinigten Deutschland, dem Kapitalismus und der daraus erwachsenen eigenen Schizophrenie artikulierte. In „Ich sing für dich“ scheint er seine Rolle als Künstler zu reflektieren, wie schon auf seinem ersten Soloalbum, „Heavy“ von 2009, als er sang: „Also gebt mir euren Hass und seht mir zu/ Wie ich ihn für euch verwandle.“ Bei Distelmeyer hängt immer alles mit allem zusammen. So ...

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 7/2022

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... scheint sein neues Album, „Gefühlte Wahrheiten“, die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der nach einer Odyssee durch das Berliner Nachtleben schließlich bei sich selbst ankommt – wer da Parallelen zu Distelmeyers Roman „Otis“ von 2015 sieht, liegt vermutlich nicht ganz falsch.

Wie gefällt dir der Clip?

Also erst mal ist es natürlich beeindruckend, wie genau er den Ton für das neue Album setzt. Nicht nur mit „I Want You“ von Marvin Gaye, sondern vor allem mit der Verbindung von O. J. Simpson über Kanye West bis hin zu Will Smith. Als Verweis auf das transgenerationale Trauma der afroamerikanischen Diaspora. Und im vollen Bewusstsein für die Verantwortung, die er spätestens seit den Live-Shows zu „Damn“ trägt. Die waren ja eher Messe als Konzert. Mich lässt das auch an den „Amazing Grace“-Film von 2018 denken.

Diesen Konzertfilm aus dieser Kirche in Los Angeles, der Aretha Franklins kurzzeitige Rückkehr zum Gospel dokumentiert?

Und der veröffentlicht wurde, obwohl Aretha Franklin zeitlebens zweimal erfolgreich dagegen geklagt hatte.

Ich habe mich immer gefragt, warum sie das getan hat, und auch die überschwänglichen Besprechungen gaben darauf keine Antwort. Erst wenn man den Film sieht und hört, wie sie singt und schon mit „Wholy Holy“ gleich zu Beginn Gott da sein lässt und dann zusehen muss, wie ihr Vater sie in seiner Rede mit vergifteten Komplimenten und verdeckten Herabwürdigungen mundtot machen will, weil er weiß, dass sie es mehr draufhat als er.

Er sagt in seiner Rede mehr oder weniger, dass Aretha nur so gut sein kann, weil sie auf den Schultern von Künstlerinnen wie Clara Ward steht.

Ja, und Ward ist seine Geliebte, mit der er am zweiten Tag der Aufnahmen unter großem Tamtam reinstolziert kommt, um zu sehen, was die Kleine kann, in ihrer Unschuld und tiefen Glaubensgewissheit.

Ward soll Prostituierte angeheuert haben, um sich mit ihr und Martin Luther King in einem Hotelzimmer zu vergnügen. Und Reverend Franklin hatte ein Kind mit einem zwölfjährigen Gemeindemitglied.

Der ganze familiäre Missbrauch als Folge der Gewalterfahrung der schwarzen Diaspora, der Sklaverei wird da sichtbar. Aretha weiß, dass sie verhindern muss, dass das jemand sieht. Zum Schutz ihrer selbst, ihrer Familie und ihrer Community. Später wird sie singen: „I will never grow up“, als akzeptiere sie, dass sie in der infantilen Position festsitzt. Es ist wie ein Kampf von Aretha Franklin gegen die Gemeinde, gegen den Vater, die falschen Zuschreibungen und das Trauma der Diaspora. Das Einzige, was ihr beisteht, ist der Chor und ihre Musik. Wie später ihre Awareness und politische Sensibilität, die sie gegen die Veröffentlichung des Films klagen lässt. Auf Platte hört ja niemand diesen Offenbarungseid der familiären Gewalt. Aber im Film ist das zu sehen.

Und da ist der Link zu Kendrick Lamar. Das Trauma.

Genau, und die Verantwortung, die er als Sprachrohr seiner Generation trägt. Und gleichzeitig versucht, bei sich zu bleiben. Dafür lieben die Leute ihn. Aber wenn ich das Deep-Fake- Spiel mit den verschiedenen Gesichtern sehe, als wäre es ’ne teuflische David-Lynch-Idee, kommt es mir auch etwas vermessen vor. Als ob er die Gefahr, die darin liegt, nicht sehen würde: dass es ein schmaler Grat ist zwischen Bannung und Beschwörung.

Dass er über einen Track von Marvin Gaye rappt, passt da natürlich perfekt. Ja, man fühlt, dass das da irgendwie reinpasst. Aber was das Begehren von „I Want You“ mit dem ganzen political shit zu tun hat, wird hier noch nicht klar.

Für mich passt es, weil Gaye von seinem Vater erschossen wurde.

Oh ja. Der auch ein Pastor war. Auch da wirken diese Traumatisierungskräfte.

Sich musikalisch auf Marvin Gaye und „I Want You“ zu beziehen kommt mir aber auch wie ein Eingeständnis vor, dass HipHop als Genre nicht in der Lage ist, das, was er fühlt, in seiner Komplexität glaubwürdig abzubilden.

Die gefühlten Wahrheiten. Darum geht es auch auf deinem Album.

Ja, genau.

Der Albumtitel spielt ja auf mehrere Sachen an: auf einen romantischen Empfindsamkeitsdiskurs, aber auch auf das sogenannte postfaktische Denken, von dem in den vergangenen Jahren öfter die Rede war.

Ich weiß nicht … Niemand ist doch frei von gefühlten Wahrheiten, in Äußerungen oder Urteilen. Selbst im sogenannten Wissenschaftsdiskurs – wenn man sich anschaut, wie da die Leute miteinander umgehen. Gerade in den vergangenen zwei Jahren. Man kann ja bis heute beobachten, wie gegen jede Evidenz, Daten- oder Studienlage vor allem Machtpolitik betrieben wird. Komplett irrational. Natürlich schwingen auch da unterschiedliche Biografien, Familiengeschichten und eben gefühlte Wahrheiten mit. Das vorschnelle Denunzieren oder Aburteilen von Gefühlen als Vorläufer für ein unaufgeklärtes Denken ist für mich selbst schon Ausdruck eines Denkfehlers. Gegenaufklärung und Irrationalität sind ja nicht das Ergebnis von zu viel Empfindung, das können wir ja gar nicht steuern, sondern eines falschen, verleugnenden, abwehrenden oder abspaltenden Umgangs mit ihnen.

Du meinst etwa die sogenannten Wutbürger? „Wut“ als Schimpfwort oder Herabwürdigung?

Ja, zum Beispiel. Kein Gefühl ist doch an sich böse oder „falsch“. Sie sind einfach da, stellen sich ein, als Ausdruck unseres vitalen Verbundenseins mit der Welt. Wie ich damit umgehe, was ich mit ihnen mache oder welche Konsequenzen ich daraus ziehe – dadurch kann Böses entstehen. So wie es Leute gibt, die Hass, Angst und Neid gezielt schüren, um das Verhalten von Menschen zu steuern und gegen andere zu richten. Aber zu behaupten, dass Empfindungen wie Wut an sich schlecht seien, und Menschen, die wütend sind, zu diskreditieren blockiert nur den Zugang zum Vielklang unserer Emotionen, die uns ausmachen – und damit zum Leben selbst.

„Ich habe den Eindruck, dass in letzter Zeit viel zu wenig über sexuelles Begehren gesungen wird“

Du singst auch von sexuellem Verlangen, von Anmache und Sex.

Ja klar! Ich habe den Eindruck, dass in letzter Zeit viel zu wenig darüber gesungen wurde.

Bei Marvin Gaye natürlich schon.

Richtig, aber das ist ja auch schon ’n Weilchen her! Zumindest hierzulande wird ja gern vornehm bis verklemmt über das eigene Begehren geschwiegen. Dafür äußert man sich gern solidarisch oder abfällig über sexuelle Orientierung anderer, um über die eigene nicht sprechen zu müssen. Ich dachte mir: Was, wenn nicht das, ist Aufgabe von Sängern und Sängerinnen?

Über Sex zu singen?

Ja klar, auch! Da kommen wir schließlich her, als Singer-Songwriter. Fahrendes Volk, Minnesang und Troubadoure! Zur Zeit der Kreuzzüge gab es über zwei Jahrhunderte lang einen realpolitischen Machtzuwachs der höfischen Frau. Die Väter, Brüder und Cousins waren im Krieg. Die Gattinnen und Töchter waren mit dem politischen Alltagsgeschäft betraut. Das Kräfteverhältnis und Rollenverständnis der Geschlechter bei Hofe gestaltete sich dadurch neu. Ähnlich wie heute. Vorher war die Frau Beute, Prämie oder Verhandlungsmasse von territorialen Joint- Venture-Interessen, jetzt hatte sie das Sagen. Anhand der zeitgleich in Frankreich entstehenden Troubadourlyrik lässt sich das ablesen. Die Frau wurde zum Ideal des Mannes, und Liebe wurde Mode. Die Troubadoure besangen die ritterlich-dienende Anbetung der holden Dame, die jetzt selbst entscheiden konnte: Dich find ich geil, du siehst gut aus und bist witzig, du darfst kommen – nee, nee, du aber nicht!

In dieser Tradition siehst du dich?

Von Roy Orbison bis Cardi B oder Young Thug stehen wir alle in dieser Tradition. Die Skills sind dieselben wie damals: Status- und Sexprotzereien, Herabwürdigung der Gegner, Einfühlungsvermögen und Helfersyndrom.

Deswegen fand ich auch Boschs „Garten der Lüste“ als Cover für die Platte so passend. Und deswegen haben wir vielleicht nicht zufällig über Marvin Gaye und Aretha Franklin gesprochen: weil die Verbindung zwischen Sexuellem und Spirituellem in Musik zwar spürbar ist, aber nicht mehr besungen wird. Und diese Dimension der realen Erfahrung von Liebe nur als „romantisch“ verbrämt weggepackt, aber nicht in seinem Materialismus anerkannt wird.

Die gefühlten Wahrheiten aus dem Albumtitel sind aber doch schon auch ein romantisches Konzept, oder? Also das vom rationalen Denken abweichende Empfinden jenseits des rational Verstehbaren und Begreiflichen produziert doch gefühlte Wahrheiten.

Kein Konzept, nein. Einfach so, wie es sich anfühlt. Wenn die Leute in Angst versetzt sind, egal ob individuell oder kollektiv, ob vor „Flüchtlingen“ oder Pandemien, scheint kein noch so datenbasiertes, wissenschaftliches Argument in der Lage, sie da rauszuholen. Es ist zu manifest. Dummerweise ist unsere Wirklichkeit eben auch davon gestaltet. Und nicht nur von rational-kognitiven Wissenschaftsdiskursen, denen es zu verdanken ist, dass diese S‐Bahn da oben fährt, ein Flugzeug fliegt oder das Ding da (zeigt auf mein Telefon, das unser Gespräch aufzeichnet) überhaupt läuft. Und egal ob Kunst, Wissenschaft, Politik oder wo auch immer – diese Abspaltung oder Aufspaltung in eine Polarität oder Binarität von rational-wissenschaftlich vs. gefühlt-irrational ist verrückt. So lebt niemand.

Aber es ist beispielsweise die Wirklichkeit der sozialen Medien. Der Like-Button, Top oder Flop, so werden mittlerweile politische und moralische Diskurse geführt.

Ja klar, grauenvoll! Aber wenn ich Null und Eins, also Ja/Nein–Befehle denke und damit programmiere, so wie Mark Zuckerberg, und es schließlich auf dem Campus, wo Facebook anfing, nur hopp oder topp für Mitstudentinnen gibt, ist das Mobbing, die Aufwertung durch Herabwürdigung, das Freund-Feind-Schema bereits in den Quelltext eingeschrieben. Es ist im binären Code selbst angelegt und trifft dann durch den narzisstisch-gekränkten Zauberlehrling via Netzkultur verstärkt auf die Welt.

Du meinst, das ist alles eine Konsequenz der Trennung von Rationalität und Gefühl?

Zumindest ergeben sich die Tendenzen dazu aus der Selbstverkennung der Leute. Weil niemand sich zeigen darf in seiner Schwäche und Verletzlichkeit, sondern ständig dazu aufgerufen ist, Stärke und Erfolg zu performen, wahre Empfindungen also zu verleugnen, verlieren sich die Menschen in falschen, überhöhten, letztlich abstrakt gedachten Selbstbildern.

Die Selfie-Kultur des Netzes ist ein Ausdruck davon. Und Kanye West war ihre bipolare Ikone. Seine Maske ist dann so was wie das nachgereichte Symbol dieser Entwicklung. Aber am Ende auch nur Plastikschrott.

Und du versuchst nun die getrennten Sphären in deiner Kunst wieder zusammenzubringen?

Ja. Ich glaube, deshalb heißt es „Music is the healing force of the universe“: weil sie uns fühlen lässt und daran erinnert, wer wir sind und was wir wirklich brauchen.

Würdest du sagen, „Gefühlte Wahrheiten“ macht für dich da weiter, wo du vor 13 Jahren mit „Heavy“ aufgehört hattest?

Auf jeden Fall. Eigentlich setze ich sogar das fort, was ich mit „Verbotene Früchte“ (letztes Blumfeld-Album -Red.) begonnen habe und was mich über „Otis“ und „Songs From The Bottom“ (Cover-Album von 2016) bis hierher geführt hat. Der Versuch, „kleiner“ zu werden im Songwriting, genauer und konkreter. Ich denke, das ist gelungen, und das ausgerechnet in einer Stadt wie Berlin, in der es eher darum geht, größer und lauter zu sein, um gehört zu werden.

Das wirkt sich aufs Songwriting aus?

Natürlich. Einfach aufgrund der schieren Dimension der Stadt, ihrer Straßen und Möglichkeiten. Darum sind die Bässe hier so fett, und die Acts treten wie in Rudeln auf oder haben ein sehr klares, fast zur Parodie neigendes Branding oder schrille Outfits, damit sie überhaupt erkennbar sind.

Du trägst dem Urbanen ja durchaus Rechnung auf deinem Album. In der ersten Hälfte gibt es dicke Bässe, Contemporary R&B, Soul. Aber in der zweiten Hälfte bist du ready for the country. Also wörtlich. Du singst Country, Folk und Blues, teilweise sogar auf Englisch.

Ja, das ist abgefahren. Country war ein Genre, das ich lange nicht geschnallt habe. Erst durch die Arbeit an „Songs From The Bottom“ und dem Roman ist mir klar geworden, was der Unterschied ist zwischen Blues und Country. Die Themen sind die gleichen: Das Leben ist hart, die Frau ist weg, das Geld ist alle. Der Bluessänger verlässt die Gemeinde des Gospelchors.

Er steht für den Bruch mit der Familie und geht allein seiner Wege. Singuläre Hobos, die an den Crossroads mit dem Teufel ihren Deal machen. Die Kreuzung ist der Ort der Entscheidung: Wo gehe ich lang? Und diese Entscheidung kann mir niemand abnehmen. Ich fälle sie allein und trage dafür die Verantwortung. Diese Einsicht in die Eigenverantwortlichkeit unterscheidet den Bluessänger oder die Bluessängerin vom noch an die väterliche Instanz Gottes angeschlossenen Gospelchor.

Es ist dasselbe Leid, derselbe Schmerz, den „nobody knows“, aber aus einer anderen Perspektive. Auch Country- Sänger oder -Sängerinnen besingen dieselben Themen, aber sie bleiben der Gemeinde treu und spielen in der Scheune zum Tanz auf.

Wobei die Trennung nicht immer so klar ist. Mississippi John Hurt hat auch zum Tanz aufgespielt und Country-Sänger haben sich von der Gemeinde abgewendet.

Die Outlaws! Willie Nelson, Merle Haggard, Kris Kristofferson. Klar, die bilden dann aber ihr eigenes Dorf. Als „Okie From Muskogee“. Als mir das klar wurde, habe ich jedenfalls das Genre anders wertschätzen können und wollte ein Country-Mixtape zwischenschieben: „Songs For The Dark Age“. Die Songs dazu waren mir in kurzen Abstände zugeflogen, als hätte ich sie nicht selbst geschrieben.

Und das auf Englisch. „Gone Girl“, „Mighty River“ oder „Learned It The Hard Way“. Aber dann kam Lil Nas X mit „Old Town Road“. Damit war eigentlich alles gesagt, und ich dachte: Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Drei Country-Songs haben es immerhin aufs Album geschafft. Und die Idee, den Schmerz mit der Gemeinde zu teilen, erinnert mich daran, wie wir alle die sozialen Medien in Zeiten von Pandemie und Krieg nutzen. Hast du das mitgedacht?

Die Lieder von diesem Album sind zum Teil ja schon vier, fünf Jahre alt oder waren geschrieben, bevor wir erstmals ins Studio gingen. Das war im November 2019. Ich habe seitdem immer wieder gedacht, wie es wäre, wenn die jetzt rauskämen. Songs wie „Komm (So nah wie du kannst)“ oder „Im Fieber“ haben ja in Zeiten von Social Distancing und Corona-Lockdown schon vom Titel her eine zusätzliche Bedeutung. „Im Fieber“ hatte ich schon aussortiert, aber plötzlich passte die Zeile „Fieber und das Schicksal wie ein Schlüssel zur Seele“ zu dem, was draußen abging. Dass es ausgerechnet das kleinstvorstellbare Teilchen ist, ein Virus, das der global-kapitalistischen Hybris des Homo sapiens den Spiegel vorhält und die Leute daran erinnert, wie verletzlich und hilfsbedürftig sie sind, konnten ja die wenigsten ahnen. Auch wenn das Biosystem ja nichts anderes sagt als: Sorry, wenn ihr glaubt, euch euren aufgeheizten Größenwahn bei zunehmender Population weiter leisten zu können, versuchen wir es doch lieber mit ’ner anderen Spezies, euer Denken verbraucht einfach zu viel Energie. Darum haben wir mit Blumfeld zuletzt auch immer wieder Songs wie „Diktatur der Angepassten“ oder „Wir sind frei“ gespielt. Da geht es ja um ähnliche Sachen.

Gab’s jemals die Idee, „Gefühlte Wahrheiten“ könnte ein Blumfeld-Album werden?

Nein. Ich wollte die Arbeit von „Heavy“ über „Otis“ und „Songs From The Bottom“ zu einer Art Abschluss bringen. Was natürlich nicht heißt, dass wir nicht weiter zusammen Musik machen. Zum Beispiel auf Konzerten wie zuletzt dem ROLLING- STONE-Beach. Aber als Nächstes geh ich erst mal mit „Gefühlte Wahrheiten“ und neuer Band auf Tour und freu mich, dass wir wieder live spielen können.