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KEIN HERZ FÜRS EIGENE KIND


Spektrum Psychologie - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 13.08.2021

TITEL: NARZISSTISCHE ELTERN

Artikelbild für den Artikel "KEIN HERZ FÜRS EIGENE KIND" aus der Ausgabe 5/2021 von Spektrum Psychologie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Spektrum Psychologie, Ausgabe 5/2021

Wenn Monika Celik beobachtet, wie vertraut manche Mütter mit ihren Töchtern umgehen, spürt sie einen Stich im Herzen. Zwar habe es Zeiten gegeben, in denen sie Hoffnung entwickelte, die Mutter könnte sie doch lieb haben. »Aber diese Phasen gingen immer sehr schnell vorbei. Was folgte, empfand ich wieder als ihr übliches gleichgültiges, aggressives und abwertendes Verhalten«, schreibt sie in ihrem Buch »Narzissenkinder«. Monika Celik ist sich sicher: Ihre Mutter hat eine narzisstische Persönlichkeit.

Auf den ersten Blick erscheinen Narzissten extrem selbstbewusst oder sogar selbstverliebt. Ihre Gedanken kreisen vorzugsweise um die eigene Person, sie halten sich für großartig, wollen bewundert werden und sind überzeugt, eine besondere Behandlung zu verdienen. Doch häufig haben Narzissten auch verletzliche Seiten. Bei einem Misserfolg zweifeln viele an sich selbst oder ...

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... schämen sich für einen Fehler, fühlen sich innerlich leer und können sogar Suizidabsichten entwickeln. Wenn die narzisstischen Züge zu Leid und Beeinträchtigung führen, diagnostizieren Ärztinnen oder Psychologen eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.

»Eigentlich haben Narzissten einen besonders niedrigen Selbstwert. Mit ihrem Verhalten versuchen sie, den Selbstwert auf ein normales Niveau zu heben«, sagt Stefan Röpke, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin und Leiter des Bereichs Persönlichkeitsstörungen. Die Überheblichkeit dient also dazu, sich innerlich stark zu fühlen. Weil Narzissten im Grunde jedoch unsicher sind, reagieren sie sehr sensibel auf Kränkungen. »Dann können sie wütend werden, bis hin zu Raserei oder Gewalt«, berichtet Röpke.

Die Gefühle oder Sorgen ihrer Mitmenschen spielen für Narzissten keine Rolle. Der Empathiemangel zeigt sich auch im Gehirn: Eine Arbeitsgruppe um Stefan Röpke fand bei Menschen mit einer narzisstischen Persönlich-keitsstörung im Vergleich zu Gesunden weniger graue Substanz in Hirnregionen, die an der Entstehung von Mitgefühl beteiligt sind. »Andere Menschen sind für Narzissten nur wichtig, wenn sie eine Funktion erfüllen«, erläutert der Psychiater. So schmücken sich Narzisstinnen und Narzissten zum Beispiel mit ihrer hübschen Familie oder einer einflussreichen Freundschaft. »Oder sie werten andere ab, um sich selbst aufzuwerten.« Weil Narzissmus den Kern einer Persönlichkeit betrifft, ist er schwer zu therapieren und beeinflusst das gesamte Umfeld – auch die Kinder.

»Andere Menschen sind für Narzissten nur wichtig, wenn sie eine Funktion erfüllen«

(Stefan Röpke, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin)

AUF EINEN BLICK

Wenn Eltern sich selbst am meisten lieben

1 Narzissten benutzen andere Menschen zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse. Auch die Kinder dienen vor allem dazu, den eigenen Selbstwert zu erhöhen.

2 Sind narzisstische Eltern gekränkt oder wütend, lassen sie ihre Kinder darunter leiden. Das wechselhafte Verhalten erschüttert das kindliche Vertrauen in andere und in sich selbst.

3 Erwachsenen Kindern kann es helfen, den Kontakt zu reduzieren oder abzubrechen. Die Eltern empfinden das in der Regel als sehr kränkend; es kann sie aber auch zum Nachdenken anregen und einen Neuanfang einleiten.

»Ein Kind braucht das Gefühl, geliebt zu werden, und beständig positive Rückmeldung, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln«

(Silke Wiegand-Grefe, Leiterin der Familienambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf)

Monika Celik tauscht sich in einer Facebook- Gruppe mit anderen Menschen aus, die ebenfalls narzisstische Züge an ihren Müttern wahrnehmen. Einige Geschichten hat sie in ihrem Buch zusammengetragen. Viele berichten, dass sich in ihrer Kindheit alles um die Bedürfnisse der Mutter gedreht hat. Deren hohe Ansprüche konnten die Kinder kaum erfüllen. Manche wurden zwar in den Himmel gelobt, wenn sie in der Schule oder beim Sport herausragende Leistungen erzielten. Doch fiel eine Klassenarbeit weniger gut aus oder erreichten sie im Turnier nur den zweiten Platz, reagierte die Mutter kalt und zurückweisend. Dadurch dachten die Kinder, sie seien unbegabt oder gar wertlos.

»Narzissten sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass für die Liebe zu Kindern kein Platz bleibt«, sagt die Psychologin Silke Wiegand-Grefe, Leiterin der Familienambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. »Ein Kind braucht aber das Gefühl, geliebt zu werden, und beständig positive Rückmeldung, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.«

Diese Beständigkeit fehlt in einer narzisstischen Eltern-Kind-Beziehung. Denn fühlen sich narzisstische Eltern, oder auch andere narzisstische Erziehungsberechtigte, in ihrem Selbstwert bedroht, können sie verletzend reagieren. Betroffene berichten von Vorfällen, bei denen die Mutter ohne erkennbaren Grund eine wichtige Theateraufführung des Nachwuchses versäumt hat – oder gar die Hochzeit.

Statt den Eltern geben sich Töchter und Söhne häufig selbst die Schuld für dieses Verhalten. »Kinder glauben, ihre Eltern wüssten schon, wie die Welt funktioniert und was richtig und falsch ist«, erklärt Silke Wiegand-Grefe. Das wechselhafte Verhalten erschüttert das kindliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die Umgebung. Vermittelt ein Elternteil dem Kind beispielsweise, dass es sich nicht genug anstrengt und ein Nichtsnutz ist, entwickelt die Tochter oder der Sohn wahrscheinlich ebenfalls eine negative Meinung von sich.

Aus Angst, nicht mehr geliebt zu werden, tun Kinder alles dafür, die Aufmerksamkeit von Mutter oder Vater zurückzugewinnen. Ihre eigenen Wünsche und Gefühle stellen sie in den Hintergrund. »Narzisstische Eltern benutzen ihre Kinder zur Befriedigung ihrer narzisstischen Bedürfnisse, zum Beispiel um sich großartig zu fühlen«, erklärt Silke Wiegand-Grefe. Dieser emotionale Missbrauch sei noch wenig erforscht, aber mindestens ebenso schmerzhaft wie körperlicher Missbrauch.

Da es Narzissten an Empathie mangelt, nehmen sie das Leid der Kinder kaum wahr. Klärende Gespräche laufen oft ins Leere. »Weil narzisstische Eltern so leicht kränkbar sind, müssen die Kinder sie mit Samthandschuhen anfassen und trauen sich nicht zu erzählen, was sie quält«, sagt Wiegand-Grefe. Nach außen geben sich die Mütter und Väter fürsorglich und liebevoll, zei-gen die Berichte von Betroffenen. Für das Umfeld ist die Belastung der Kinder daher schwer zu erkennen.

»Narzisstische Eltern benutzen ihre Kinder zur Befriedigung ihrer narzisstischen Bedürfnisse«

(Silke Wiegand-Grefe, Psychologin)

Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern

Ein bundesweites Verbundprojekt bietet Behandlung für Kinder und Jugendliche mit psychisch erkrankten Eltern an. 21 klinische Zentren haben sich dazu unter dem Namen CHIMPSNET zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, das von der Psychologin und Psychotherapeutin Silke Wiegand-Grefe vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf geleitet wird.

chimpsnet.org

Wie sich der Narzissmus eines Elternteils auf die Entwicklung der Kinder auswirkt, wurde bisher ebenfalls kaum wissenschaftlich untersucht. Eine norwegische Forschungsgruppe um die Psychologin Silje Steinsbekk interessierte sich in einer 2019 publizierten Studie für elterliche Persönlichkeitsstörungen und die seelische Gesundheit der Kinder. Das Team befragte mehrfach fast 600 Mütter, Väter und ihre Kinder im Alter von vier bis acht Jahren. Zeigten die Eltern Merkmale einer Persönlichkeitsstörung des Clusters B (zu denen im Diagnoseleitfaden DSM-5 neben der narzisstischen Persönlichkeitsstörung auch die Borderline-, die histrionische und die antisoziale Persönlichkeitsstörung gehört), berichteten die Kinder zwei Jahre später von stärkeren depressiven Symptomen. Der tatsächliche Effekt werde womöglich unterschätzt, weil sich der Einfluss der Persönlichkeitsstörungen über die Zeit noch verstärke, meinen die Forschenden.

Kinder von psychisch kranken Eltern haben eine 1,8- bis 2,9-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit, selbst eine seelische Erkrankung zu entwickeln, ergab eine Analyse der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Haben Mutter oder Vater eine Persönlichkeitsstörung, könnte der Nachwuchs besonders stark beeinträchtigt sein. Darauf weist eine Studie von Silke Wiegand-Grefe hin. »Durch die hohe Vererbbarkeit von Narzissmus sind die Kinder außerdem gefährdet, selbst narzisstisch zu werden«, sagt Psychiater Stefan Röpke.

Die Familientherapeutin Wiegand-Grefe begleitet betroffene Kinder und meint: »Wie sie sich entwickeln, hängt davon ab, ob sie auch positive Beziehungserfahrungen machen.« Menschen aus dem sozialen Umfeld wie die Großeltern, eine Nachbarin oder der Lehrer könnten den negativen Einfluss ausgleichen, indem sie dem Kind Sicherheit und Selbstvertrauen vermitteln. Der andere Elternteil sei dagegen oft selbst belastet. Auch die Beziehung leidet darunter.

Die meisten Kinder beginnen erst spät zu verstehen, wie das Verhalten der Eltern sie geprägt hat. »Viele Erwachsene mit narzisstischen Müttern oder Vätern haben immer schon gespürt, dass sie von diesen wenig beachtet und als Vorzeigeobjekt benutzt werden«, berichtet Röpke aus seiner klinischen Erfahrung. Manche binden sich trotzdem als Erwachsene erneut an narzisstische Menschen. »Wir suchen als Erwachsene Beziehungsmuster, die uns vertraut sind«, erklärt Wiegand-Grefe das Verhalten.

Psychiater Stefan Röpke sagt: »Für die erwachsenen Kinder ist es wichtig, aus der negativen Beziehung zu dem narzisstischen Elternteil herauszukommen, Distanz zu entwickeln und den Fokus auf das eigene Leben zu legen.« Das bedeute, den Kontakt zu reduzieren oder im Extremfall ganz abzubrechen. »Da narzisstische Menschen Kontrolle und Macht über andere haben wollen, kann ein Kontaktabbruch für sie sehr kränkend sein. Er kann aber auch bewirken, dass sie beginnen, über ihr Verhalten nachzudenken.« Im Alter ließen narzisstische Merkmale normalerweise nach. Manchmal könne es dann einen Neuanfang geben.

Monika Celik hat keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter – nach vielen gescheiterten Klärungsversuchen. »Dass solche Gespräche keinen Sinn haben, habe ich erst verstanden, als mir klar wurde, was Narzissmus bedeutet und wie er sich äußert«, schreibt sie. Heute berät sie andere Betroffene in der Facebook-Gruppe und meint: »Wenn wir wissen, dass unsere Mutter narzisstisch ist (…), müssen wir Abschied nehmen. Nicht unbedingt von der Mutter, aber von dem Traum, dass diese unsere Mutter jemals auch nur ansatzweise die Mutter sein wird, wie sie für andere Menschen ganz normal ist.«