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KEIN KAVALIERSDELIKT: EQUINES Übergewicht


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 36/2019 vom 09.08.2019

In der Humanmedizin ist das Problem längst erkannt: Laut Weltgesundheitsorganisation werden wir Europäer immer dicker. Das westliche Schönheitsideal kollidiert hierzulande stark mit der Realität, und nicht nur aus diesem Grund feiern Trends wie Abnehmkuren, Superfoods, Fitnessprogramme sowie vermeintliche Wundermittelchen Hochkonjunktur. Viele von uns arbeiten, leider oft vergeblich, bis zur Erschöpfung am Traumkörper. Doch wie sieht das eigentlich bei unseren Vierbeinern aus? Hat die Wohlstandskrankheit „Übergewicht“ auch unsere Pferde erreicht?


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... Problem werden.


Elke Kutz

Tatsächlich scheint die Situation dramatisch: Die Organisation World Horse Welfare, die sich die Verbesserung von equinen Lebensstandards auf der ganzen Welt auf die Fahnen geschrieben hat, spricht von einer Zeitbombe. Und Experten der British Equine Veterinary Association (BEVA) sehen in der Fettleibigkeit gar die ernsthafteste Bedrohung unserer Tage, aufgrund derer jedes Jahr Hunderte von Pferden eingeschläfert werden müssten. Dass dieses Problem längst den Sprung über den Teich geschafft hat, zeigt ein Blick auf heimische Weiden: Obwohl es für Deutschland in puncto Fettleibigkeit bei Pferden leider keine aktuellen Statistiken gibt, sieht auch Prof. Dr. Ellen Kienzle, Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik an der tierärztlichen Fakultät der Universität München, das equine Übergewicht als eines der größten Probleme überhaupt. Doch wenn wir alle um die Risiken und Folgen von menschlichem Übergewicht wissen, warum ist es so schwer, das Problem bei unseren Pferden zu erkennen? Eine der Hauptursachen liegt in der verzerrten Wahrnehmung vieler Pferdehalter: Studien haben gezeigt, dass es Besitzern extrem schwerfällt, das Gewicht ihrer Pferde und damit verbundene Probleme realistisch einzuschätzen. Es scheint, dass viele Menschen nach dem Motto „Dick ist chic“ agieren, und so sind zumindest leicht übergewichtige Pferde über die Jahre zum neuen Normal- und schließlich zum Idealbild geworden. Tatsächlich beschleicht viele Tierfreunde eher ein ungutes Gefühl, wenn bei einem Pferd die Rippen zu sehen sind, als wenn es ein paar Pfund zu viel mit sich herumträgt. Diese Wahrnehmungsverschiebung geht letztendlich zulasten der Vierbeiner, da gerade das Fluchttier Pferd über einen empfindlichen Metabolismus und Bewegungsapparat verfügt.

Ursachen für Rubenspferde

„Gut gemeint ist eben oft doch nicht gut gemacht“ – dieses Sprichwort beschreibt die Hintergründe der Rubensfiguren vieler Vierbeiner recht passend: So sehr es auch schmerzt: Neben genetischen Dispositionen von zum Beispiel leichtfuttrigen Pferden wie Haflingern tragen oft gerade unsere guten Absichten zur Verschlimmerung des Problems bei. So musszum Beispiel bei der – Gott sei Dank – immer beliebter werdenden Gruppen- und Offenstallhaltung besonders auf die individuelle Fütterung der Pferde geachtet werden. Dr. Angela Schwarzer, Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Tierschutz an der Universität München und Mitglied der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V., erklärt: „Die Pferde in Gruppenhaltung haben oftmals unterschiedliche Ansprüche. Einige Pferde sind ‚leichtfuttrig‘, andere haben speziellere Bedürfnisse. Dazu kommt, dass ranghöhere Pferde oft andere Pferde von der Futterquelle verdrängen, darauf ist bei Konzeption und Management von Gruppenhaltungen unbedingt zu achten.“ Auch die Entwicklung vom Arbeits- oder Sportpferd hin zum Freizeitpferd kann, so Dr. Schwarzer, problematisch sein: „Eine Hauptursache für equines Übergewicht liegt sicherlich in der mangelnden Bewegung! Auch in diesem Punkt ist die Offenstallhaltung der Boxenhaltung natürlich vorzuziehen. Für Freizeitpferde, die fünfmal die Woche gemütlich eine Stunde im Schritt geritten werden, genügt normalerweise die Fütterung mit Grundfutter und evtl. Mineralfutter. Trotzdem wird zusätzlich zum Raufutter oftmals Kraftfutter gefüttert, welches in diesen Fällen überflüssig ist. Hinzu kommt mal hier ein Leckerli, da ein Karöttchen …das summiert sich.“ Auch Prof. Kienzle sieht die Hauptschuld für „korpulente“ Vierbeiner beim Menschen: „Ein weiteres großes Problem ist das immer schlechter werdende reiterliche Niveau. Da wird Bodenarbeit gemacht, damit man nicht runterfallen kann, piaffiert (Piaffe für alle …), bevor man in allen drei Grundgangarten um die Bahn reiten kann, und im Gelände können viele bestenfalls im Schritt reiten. Viele Besitzer stellen ihr Pferd in den Offenstall, damit sie nicht dauernd reiten müssen, weil sie Angst haben oder zu bequem sind, regelmäßig zu reiten. Doch Pferde sollten im Offenstall stehen, damit sie auch außerhalb des Reitens einen interessanten Tag haben und nicht, um körperliche Arbeit zu ersetzen.“ Die World Horse Welfare Organisation sieht ebenfalls moderne Praktiken wie Bewegungsmangel und Überfütterung als Hauptursache für unsere wohlbeleibten Pferde. Besitzer wollen ihren Pferden oft etwas Gutes tun, und der Markt bietet eine Hülle und Fülle an unterschiedlichsten Futtermitteln – schlank machen davon allerdings keines! Und auch wenn so mancher von uns schon bei herbstlichen Temperaturen zu zittern beginnt: Der oftmals zu frühe Griff zur Pferdedecke verhindert ebenfalls das effiziente Verbrennen von Kalorien durch natürliche Wärmeregulierung.

Gefährliche Auswirkungen

Auch wenn nicht jeder von uns mit der perfekten Strandfigur glänzen kann, so wissen doch die meisten Menschen über die Risiken von Übergewicht oder gar Fettleibigkeit Bescheid. Warum also gilt übermäßige Leibesfülle bei Pferden hierzulande noch immer als Luxusproblem oder Kavaliersdelikt? Dabei sind sich die Folgen eines allzu stattlichen Körperumfangs bei Mensch und Tier gar nicht so unähnlich: Die zusätzliche Belastung schädigt Gelenke, Bänder und Sehnen, und auch Herz- und Kreislauferkrankungen können aus menschlichem und tierischem Übergewicht resultieren.

Umweltgifte und Übergewicht

Den genauen Ursachen und Wirkungen des Equinen Metabolischen Syndroms (EMS) sind die Wissenschaftler erst seit kurzem auf der Spur. Eine neue Studie aus den USA hat dabei einen erstaunlichen Zusammenhang herstellen können, der uns Menschen gleich auf mehrfache Weise zu denken geben sollte. Doktorandin Sian Durward-Akhurst vom College of Veterinary Medicine der Universität von Minnesota leitete Anfang des Jahres eine Studie, die den Einfluss von Umweltgiften auf Pferde untersuchte. Genauer gesagt untersuchte das Team den Zusammenhang zwischen EDCs, also Umweltgiften (EDCs = Endocrine-Disrupting-Chemicals), und EMS. Diese Umweltgifte finden sich in Plastikflaschen, Kosmetika, aber auch in Pestiziden, über welche sie auch in unser Grundwasser gelangen. Dass diese Gifte einen Einfluss auf die menschliche Hormonlandschaft haben, ist heute hinreichend bekannt: Sie können Allergien, Übergewicht und sogar Krebs auslösen. Bisher wurde der Einfluss dieser Gifte auf Weidetiere wie Pferde allerdings kaum untersucht. Zur Motivation hinter der Studie erklärt Durward-Akhurst: „Ich bin praktizierende Tierärztin und behandle auch viele Pferde, die unter EMS leiden.
Obwohl ich viele dieser Pferde erfolgreich mittels Diäten und ausreichend Bewegung behandeln konnte, fand ich es äußerst frustrierend, dass andere nicht auf diese Behandlung ansprachen und trotzdem eine Hufrehe entwickelten. Hufrehe ist unglaublich schmerzhaft und schwer zu behandeln. Aus diesem Grund wollte ich mehr über die Hintergründe und Auslöser von EMS wissen.“ Im Laufe der Studie zeigten sich signifikante biochemische Zusammenhänge. Welche Rolle Umweltgifte allerdings genau bei der Entwicklung von EMS spielen, muss noch in weiteren Studien genauer untersucht werden. Fest steht zu diesem Zeitpunkt lediglich, dass auch unser Verhalten weitab vom Stall, nämlich der menschliche Umgang mit der Umwelt, einen tiefgreifenden Einfluss auf das Wohlergehen unserer Tiere hat. Durch unseren oft noch zu unbeschwerten Umgang mit Umweltgiften, lösen wir nicht nur bei uns selbst, sondern auch bei unseren geliebten Vierbeinern hormonelle Störungen aus, die letztendlich – darauf weisen Studien wie die aus Minnesota hin – zu schmerzhaften und sogar tödlichen Krankheitsverläufen bei unseren Pferden führen können. Durward-Akhurst: „Leider haben wir als Halter oft kaum Einfluss auf EDC-Belastung. Als grasende Spezies sind Pferde häufig einer hohen Konzentration von Umweltgiften aus Pestiziden oder Düngern ausgesetzt.“ Doch wer sich jetzt bereits genüsslich zurücklehnt und alle Verantwortung von sich weist, sei gewarnt: Pferde ohne Extragewicht haben deutlich weniger unter Umweltgiften zu leiden als jene, die bereits das eine oder andere „Päckchen“ zu tragen haben.
Auch wenn die Zusammenhänge noch geklärt werden müssen, eine Ausrede für equines Übergewicht liefern sie nicht!

Leichtfuttrige Pferde wie Fjordpferde leiden häufiger unter Gewichtsproblemen.


Elke Kutz

Vorbeugen und Nachsorge

Machen wir also alles falsch? Obwohl der Trend zur artgerechteren Offenstall- und Gruppenhaltung neue Herausforderungen an uns als Halter mit sich bringt, ist die Richtung natürlich die richtige. Pferden aufgrund der Übergewichtsproblematik nun den Weidegang völlig zu verwehren wäre kontraproduktiv – da sind sich auch die Experten einig. Um zu verhindern, dass das eigene Pferd zum Moppelchen mutiert, sollte man sich tatsächlich noch tiefgehender mit den natürlichen Verhaltensweisen und Lebensbedingungen der Vierbeiner auseinandersetzen. Wildpferde legen täglich weite Strecken beim Grasen zurück. Das Nahrungsangebot in der Wildnis ist oftmals weitaus weniger üppig als auf den heimischen Weiden und unterliegt zudem jahreszeitlich bedingten Schwankungen. All diese Faktoren müssen bei der Fütterung miteinbezogen werden. So rät auch Dr. Kienzle zur Vorbeugung von Übergewicht: „Reiten, reiten und nochmals reiten. Aber nicht nur in abgekürzten Gangarten in der Bahn rumeiern. Raus ins Gelände, wo immer das möglich ist, lange Ritte, längere Trab- und Galoppreprisen im kontrollierten, aber zügigen Tempo. Auch und gerade mit Dressurpferden. Schwierige Lektionen sind keine schwere Arbeit! Der Kalorienverbrauch hängt ganz wesentlich von der Geschwindigkeit ab – und die ist im Gelände höher. Außerdem kann man nicht zwei Stunden versammelnde Arbeit machen, aber sehr wohl zwei Stunden ausreiten. Endziel jeder Dressur ist bekanntlich die Beherrschung des Pferdes im Gelände. Eine Alternative in der Bahn ist Organisation und Disziplin des Reitens, damit man zügig vorwärts reiten kann, ohne sein Pferd ständig mit den Hilfen überfallen zu müssen. Bei der Fütterung kommt es auf die individuelle Situation an. Grundlage muss stängelreiches Heu sein. Es muss rationiert werden. Kraftfutter gibt es für dicke Pferde nicht.“ Zudem empfiehlt sich eine engmaschige Gewichtskontrolle unter tierärztlicher Aufsicht. Schon bei den ersten Anzeichen von Wohlstandsspeckansammlungen sollten Gegenmaßnahmen ergriffen werden, anstatt mit Ausreden aufzuwarten. Effizientes Weidemanagement, richtiges Anweiden im Frühling sowie individuell auf die Bedürfnisse des Pferdes abgestimmte Fütterungen sind dabei essenziell. Durch ausreichend Bewegung und angemessene Fütterung kann man die Pfunde durchaus im Zaum halten. Dabei ist Konsequenz hier ebenso gefragt wie bei jeder menschlichen Diät. Schlussendlich weiß jeder, der selbst schon einmal den einen oder anderen Ring auf den Hüften hatte, wie schwer es ist, mit alten Gewohnheiten zu brechen und den Speck zu bekämpfen. Doch auch wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist und man sich eingestehen muss, dass der geliebte Vierbeiner doch weitaus mehr Kilos mit sich herumträgt, als er sollte, sollte man keine Zeit verstreichen lassen. Dr. Schwarzer rät: „Nulldiäten sind keine Option bei Pferden. Tatsächlich sind Fütterungspausen von mehr als vier Stunden aus Tierschutzsicht abzulehnen, da das ständige Kauen und Einspeicheln zum natürlichen Verhalten von Pferden zählt. Trotzdem sollte bei dem häufig herrschenden Nahrungsüberangebot versucht werden, die Fressgeschwindigkeit von übergewichtigen Pferden zu verlangsamen. Dies kann beispielsweise durch das Parzellieren von Weideabschnitten sowie durch Heunetze erreicht werden.“ Den Einsatz von Fressbremsen wie beispielsweise Maulkörben sieht die Expertin jedoch kritisch: „Der korrekte Einsatz von Maulkörben erfordert viel Fachwissen, denn durch das Tragen von Maulkörben können weitere Probleme entstehen: Ist der Maulkorb nicht korrekt angepasst, so kann er zum Beispiel bei der Wasseraufnahme zum Problem werden. Außerdem wird durch ihn die Kommunikation mit anderen Pferden erschwert, was zu sozialen Problemen führen kann. Für detaillierte Informationen zur korrekten Verwendung von Maulkörben verweise ich auf das Merkblatt der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz.“ Auch computergesteuerte Fütterungslösungen können helfen, das gewichtige Problem in den Griff zu kriegen. Doch auch diese Anwendungen bedürfen einer intensiven Auseinandersetzung sowie eines Experten, der einem bei der Umsetzung zur Seite steht, denn auch hier gilt: Trotz guter Absichten lässt sich hier zu viel falsch machen.

Von Futter und Verantwortung

Die Gründe für den zunehmenden Leibesumfang unserer Pferde liegen also zu 100 Prozent in unserer Verantwortung. Von der menschlichen Lebensweise, die die Freisetzung von Umweltgiften ermöglicht, bis hin zu ganz konkreten – wenn auch oft gut gemeinten – Fehlern bei der Fütterung: Equines Übergewicht ist eine Domestikationskrankheit und unter wildlebenden Kollegen unserer Reitpferde völlig unbekannt. Deshalb ist es an uns, unsere Pferde vor den teils schmerzhaften, teils sogar tödlichen Folgen der Fettleibigkeit zu schützen. Auch Prof. Dr. Kienzle sieht die ethische Verantwortung bei den Haltern: „Hufrehe ist eine schmerzhafte und verkrüppelnde Erkrankung, die wir als Menschen, als Pferdehalter vermeiden können.“ Wer sein Pferd einem solchen Risiko aussetzt, handelt nicht nur verantwortungslos, sondern auch unmoralisch. Doch nicht der Besitzer allein muss hierbei in die Verantwortung genommen werden. Immerhin liegt nur allzu oft die Fütterung des Vierbeiners nicht direkt in dessen Händen. Auch Stallbetreiber müssen sich bei diesem Thema wesentlich stärker angesprochen fühlen. Natürlich hat diese Medaille zwei Seiten: Zum einen schwebt einem Großteil der Pferdehalter die Idealvorstellung von der Freiheit seines Pferdes auf der Weide vor. Hier müssen Stallbetreiber ganz klar eine Linie „pro Pferd“ entwickeln, die auf die individuellen Bedürfnisse des Pferdes eingeht. Sieht man, dass ein Pferd zu kräftig wird, sollte hier immer das Gespräch mit dem Halter gesucht werden. Alternativen, wie z. B. eine alternative Haltung auf einem Paddock mit angepasster Heufütterung, müssen besprochen und, falls noch nicht vorhanden, auch eingerichtet werden. Dabei muss klar werden, dass es ethisch nicht in Ordnung ist, das Pferd krankzufüttern. Andererseits wird eine korrekte und individuelle Fütterung aber oftmals auch versäumt, weil die wirtschaftlichen Interessen der Stallbetreiber darunter leiden würden. So ist es nicht unüblich, dass Pferde vielerorts zu früh, zu schnell und unsachgemäß angeweidet werden, weil die Weidehaltung Heu sparen hilft. Gerade nach dem letzten sehr heißen Sommer war die aus der Not heraus geborene Devise „Heu sparen“ in diesem Frühjahr häufig Grund für ein solches Vorgehen. Da ist es oft nicht einfach, sich Gehör zu verschaffen, wenn das eigene Pferd droht krank zu werden. Es scheint doch so, als säßen die Stallbetreiber letztendlich am längeren Hebel: „Wer nicht ins Konzept passt, kann ja gehen“, heißt es dann häufig. Auch konsequentes Auftreten seitens besorgter Pferdehalter hilft meist nicht, wenn andere Pferdehalter nicht mitziehen. Dabei müsste sich eine Gruppe ethisch immer nach dem schwächsten Glied richten. Gemeinsam sollten wir uns stark machen für das Pferdewohl.
Tatsächlich bringt das Halten von Tieren also immer eine Verantwortung mit sich. Sogar im Tierschutzgesetz ist festgeschrieben „Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen.“ Wir haben also eine moralische und auch gesetzliche Pflicht, den Bedürfnissen unserer Pferde so weit wie möglich entgegenzukommen, und dazu gehört eben auch eine korrekte Fütterung. Die Domestizierung von Tieren und die heutigen Lebensumstände machen ein verantwortungsvolles Gewichtsmanagement zur Lebensaufgabe, um kurz- und langfristig Schmerzen und gesundheitliche Schäden abzuwenden, denn ihr Wohlbefinden liegt in unseren Händen!

So unterschiedlich die Pferde, so unterschiedlich sind ihre Bedürfnisse, denen Rechnung getragen werden muss.


Elke Kutz

SYLKE SCHULTE

… Jahrgang 1980, studierte Anglistik und Germanistik an der Universität Bremen und verband nach ihrem Studium ihre Leidenschaft für Tiere mit ihrem Beruf. Als freie Journalistin arbeitet sie seit 2007 für diverse Pferde- und Hundemagazine und möchte so einen Beitrag zum besseren Verständnis zwischen Tier und Mensch schaffen. Aufgewachsen mit Pferden und Hunden, interessiert sie sich für alle Aspekte rund um die Vierbeiner, wobei ihr besonders die Umsetzung einer artgerechten Haltung und Beschäftigung am Herzen liegt.
Weitere Infos:

www.diesprachpraxis.de