Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 8 Min.

Keine Angst vor KONFLIKTEN


I Am - Laura Malina Seiler - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 21.07.2021

Konflikt – allein das Wort löst ein mulmiges Gefühl in uns aus. Konflikt klingt nach aufgestautem Ärger, der aus uns herausplatzt oder den wir hinunterschlucken. Nach Bedürfnissen, die wir laut und vehement aussprechen oder für die wir keine Worte finden. Nach Tränen, die ungehindert fließen oder die wir uns verbieten und die uns die Kehle zuschnüren. Ein Konflikt – egal ob er in uns wütet oder offen ausgetragen wird – bedeutet für Körper und Seele immer eines: Stress. Daher ist es kaum verwunderlich, dass viele von uns automatisch zurückschrecken, wenn ein Konflikt droht. Streiten tut weh, verletzt, ist anstrengend und wir haben Angst vor einem schlechten Ausgang. Wir fragen uns: Ist danach alles kaputt? Verlieren wir dadurch eine gute Freundin, unsere Leichtigkeit, unser Gesicht? Kann nach einem Streit überhaupt wieder alles so sein, wie es einmal war? Sogar viel besser, sagt Andrea ...

Artikelbild für den Artikel "Keine Angst vor KONFLIKTEN" aus der Ausgabe 8/2021 von I Am - Laura Malina Seiler. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von I Am - Laura Malina Seiler. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Die Kunst, eine Familie zu sein. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Kunst, eine Familie zu sein
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von DREI IDEEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DREI IDEEN
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von WIE WILLST DU DICH HEUTE FÜHLEN?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WIE WILLST DU DICH HEUTE FÜHLEN?
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Mama oder Partnerin möchtest du sein?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mama oder Partnerin möchtest du sein?
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von So stärkst du dein seelisches Immunsystem – und das deiner Kinder. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
So stärkst du dein seelisches Immunsystem – und das deiner Kinder
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von I AM coaching. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
I AM coaching
Vorheriger Artikel
Spirit News
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Kinder wollen sich verstanden fühlen
aus dieser Ausgabe

... Mergel, Coach für Selbstbewusstsein und authentische Kommunikation in Köln. In ihrem Buch „Achtsame Kommunikation“ zeigt sie, wie Konflikte gewaltfrei und konstruktiv ausgetragen werden können, so dass beide Parteien am Ende gestärkt daraus hervorgehen. Ihr Credo: Wer lernt, einen Streit so zu lenken, dass gegenseitiges Verständnis an die Stelle von Vorwurf und Verletztheit tritt, und wo Klarheit über die eigenen Bedürfnisse das Gefühlschaos ablöst, der wird erleben, wie Konflikte der Auftakt zu einer viel tieferen Beziehung zu sich selbst und zu anderen sein können. Einer der ersten Schritte auf dem Weg zu einer achtsamen Kommunikation ist, den eigenen inneren Dialog zu überprüfen. Denn die Stimme, mit der wir mit uns selbst sprechen und die unser Denken und Handeln unablässig kommentiert, ist auch ein wichtiger Hinweis darauf, wie wir unserem Außen begegnen. Heißt konkret: Wenn wir permanent Selbstkritik üben, uns im Geiste vielleicht sogar beleidigen, weil wir unzufrieden mit uns selbst sind, setzen wir uns unnötigerweise Stress aus und begegnen auch unserem Umfeld kritischer. Würden andere mit uns so sprechen, wie wir es selbst manchmal tun, wären wir wahrscheinlich ziemlich empört. „Achtsam mit sich selbst zu sprechen bedeutet nicht, schönzureden, was nicht schön ist“, sagt Andrea Mergel. „Vielmehr geht es darum, eine innere Stimme zu kultivieren, die schwierige Situationen geduldig und wohlwollend untersucht und in einem freundlichen Tonfall motivierende Worte spricht, statt zu schimpfen, zu strafen oder kleinzumachen.“ Ein Tipp von der Expertin, wenn man mit etwas unzufrieden ist, das man selbst verbockt hat: eine Reise in die Zukunft wagen und sich vorstellen, wie man als 90-Jährige auf die momentane Situation blickt. Stelle dir vor, wie dein zukünftiges Ich milde zu dir sagt: „Auch, wenn du es jetzt noch nicht sehen kannst, wird es für etwas gut sein. Du wirst daraus lernen.“

Wo Menschen aufeinandertreffen – am Arbeitsplatz, in der Familie, im Freundeskreis oder aber in der Partnerschaft – entsteht unweigerlich Kommunikation. Oder, wie der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick einst feststellte: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Das macht das menschliche Zusammenleben einerseits so spannend, andererseits aber auch so anfällig für Missverständnisse und Konflikte. Durch Worte, Gestik und Mimik kann man Nähe schaffen oder aber den andern völlig verlieren. Was uns im Streit mit anderen herausrutscht, hat mitunter eine enorm zerstörerische Kraft. Aber von vorn …

Konflikte entstehen, wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinanderprallen. Sich dessen einmal ganz bewusst zu werden, ist eine enorm wichtige Erkenntnis, denn sie schließt von vornherein aus, dass die Ursache des Streits einzig und allein darin begründet liegt, dass man uns bewusst beleidigen, verletzen oder anderweitig ärgern will.

Im Eifer des Gefechts, wenn die Emotionen hochkochen und wir unter Druck geraten, sehen wir hinter der Kritik des anderen häufig nur noch eines: einen unfairen Angriff, gegen den es sich mit aller Macht zu verteidigen gilt. Das ist der Moment, in dem ein Konflikt die falsche Richtung einschlägt.

„Eine Aussage wird dann als Kritik aufgefasst, wenn darin Urteile und Bewertungen vorherrschen und ein erkennbarer Bezug fehlt“, erklärt Andrea Mergel. „Würden wir in dem Moment innehalten und überlegen, was uns genau beunruhigt, wie wir uns fühlen und was wir uns konkret wünschen, könnten wir wesentlich friedlicher und konstruktiver in den Austausch gehen.“ Anders gesprochen: Unsere Interpretation und die vorschnelle Bewertung einer Aussage machen uns oft blind für die wahren Umstände und Bedürfnisse unseres Gegenübers. Wenn wir uns bedroht fühlen, legen wir Worte schnell mal auf die Goldwaage. Daraus wird ein Nährboden für Konflikte, die schlichtweg auf falschen Tatsachen beruhen. „Hier hilft die Selbstreflexion“, sagt Andrea Mergel.

Und das funktioniert so: Zunächst lenken wir den Blick auf die Gefühle, die in uns aufsteigen, nachdem jemand etwas geäußert oder gehandelt hat. Sie sind der Auslöser für unser Urteil und unsere Bewertung, denen wir uns gerne allzu schnell hingeben. Das Bewusstmachen unserer Gefühle verrät uns anschließend viel über unsere Bedürfnisse. Wir erkennen, dass sich hinter unseren starken Emotionen ein ganz konkreter Wunsch verbirgt. Ein Beispiel: Wir warten schon eine Viertelstunde vor dem Café auf unsere beste Freundin. Ihre SMS „Sorry, ich hab den Bus verpasst. Bin gleich da“ lässt in uns die Wut aufsteigen. Eigentlich ist uns damit die Lust auf das Treffen vergangen und wir haben plötzlich schlechte Laune. Das ist immerhin schon das dritte Mal in Folge, dass sie uns warten lässt. An dieser Stelle sollten wir unsere Wut einmal genauer betrachten. Was steckt hinter diesem Gefühl? Das Bedürfnis nach mehr Zuverlässigkeit und Wertschätzung? Haben wir vielleicht das Gefühl, die Freundin könnte ihre Zeit als wertvoller erachten als die unsere und fühlen uns dadurch klein und unwichtig? Als nächstes folgt der Realitätscheck. Stimmt das denn? Ist unsere Freundin wirklich so gestrickt und ist unsere Zeit tatsächlich weniger wichtig? Oder liegt ihr Zuspätkommen nicht vielmehr daran, dass sie gerade einfach viel um die Ohren hat oder generell etwas schusselig ist?

Achtsame Gespräche machen Mitgefühl möglich

Wer es schafft, diese Gedanken in einer solchen Situation durchzuspielen, sieht Sachverhalte plötzlich wesentlich klarer und kann mit einem kühleren Kopf reagieren. Außerdem befreit uns diese Denkweise aus unserem Wuttunnel und es eröffnen sich auf einmal neue Möglichkeiten: Statt die beleidigte Leberwurst zu spielen und alle zwei Minuten genervt auf die Uhr zu schauen, könnten wir uns längst einen Cappuccino bestellen und in einem Buch lesen. „Die Natur hat es so eingerichtet, dass unser Körper blitzschnell auf Gefahr reagiert“, erklärt Andrea Mergel. „Damit das Gehirn die eingehenden Informationen schneller verarbeiten kann, denkt es in Bildern und Gefühlen statt in Worten, und für die Einordnung und Bewertung zieht das Hirn Situationen aus der Vergangenheit zurate. So kann innerhalb kürzester Zeit eine Reaktion stattfinden, über die nicht bewusst nachgedacht werden muss.“ In bedrohlichen Situationen sei das ein wunderbarer und hilfreicher Mechanismus, im Arbeitsund Beziehungsbereich hingegen oft hinderlich, weil wir dadurch zu vorschnellen Urteilen und Kurzschlussreaktionen hingerissen würden. Daher der Tipp vom Coach: Sich immer wieder bewusst machen, dass jeder Mensch ein und dieselbe Situation anders wahrnimmt. Daher sei es ratsam, einen Schritt zurückzutreten, Urteile und Bewertungen beiseite zu legen, und erst einmal die reine Information zu erfassen.

Buchtipp!

„Achtsame Kommunikation: Wertschätzende Begegnungen auf Augenhöhe“ von Andrea Mergel (Scorpio Verlag, 7,99 Euro)

Q&A MIT LAURA

Laura, wie gehst du mit Konflikten um?

Früher hatte ich große Angst vor Konflikten, weil ich dachte, dass sie zu einer Trennung führen. Seitdem ich bewusst daran gearbeitet habe, kann ich Konflikte jetzt als Möglichkeit erkennen, dass danach etwas Besseres entsteht. Denn sie geben auch Raum zur Klärung.

Hast du eine besondere Kommunikationsstrategie?

Ich lerne immer mehr, mich nicht direkt angegriffen zu fühlen oder in den Verteidigungsmodus zu gehen, sondern darauf zu vertrauen, dass ein Konflikt auch in Liebe geführt werden kann. Ich höre also viel mehr zu und versuche, den anderen wirklich zu verstehen, anstatt recht haben zu wollen. Denn jede Perspektive hat ihre Gültigkeit.

Die Gewaltfreie Kommunikation öffnet Türen

Natürlich heißt achtsame Kommunikation nicht, dass wir immer klein beigeben und jeden Konflikt mit einem Lächeln wegstecken. Wenn uns etwas nicht passt, dürfen und sollen wir das auch sagen. Es kommt nur auf das „Wie“ an. „Achtsame Kommunikation bedeutet, mit sich selbst in freundschaftlichem Kontakt zu sein, um so die eigenen Bedürfnisse achtsam und eigenverantwortlich nach außen vertreten zu können“, so Mergel. „Wir sollten lernen, achtsam für uns einzustehen und dem anderen die eigenen Beweggründe und Überlegungen verständlich und nachvollziehbar machen“.

Hier funktioniert wunderbar der Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Auf Seite 64 in unserem Workbook findest du eine Anleitung seines 4-Stufen-Modells, mit dem sich Konflikte wertschätzend und respektvoll lösen lassen. Auch hier geht es darum, sich nicht von spontan aufkommenden Gefühlen zu vorschnellen Handlungen und Aussagen hinreißen zu lassen, sondern zunächst einmal in die wertfreie Beobachtung zu gehen (Was siehst du? Was hörst du? Was ist gerade Fakt?). Anschließend benennst du deine eigenen Gefühle, erkennst die Bedürfnisse dahinter und kommst dann erst ins Handeln. Was aber, wenn unsere Emotionen so hochkochen, dass wir völlig in ihnen gefangen sind? Wie sollen wir in einer solchen Situation ruhig bleiben und auf Werturteile verzichten? „Achtsame Kommunikation braucht Ressourcen“, sagt Andrea Mergel. „Wenn wir aufgebracht sind, können wir Konflikte nicht lösen. Wir müssen erst einmal durch den Gefühlswirrwarr hindurch und Ordnung im Kopf schaffen.“ Das funktioniert mit relativ einfachen Methoden, wie beispielsweise einer Körperwanderung (Body-Scan), bei der wir uns an einen ungestörten Platz zurückziehen, unsere Atmung ruhig fließen lassen, die Augen schließen und uns ganz gezielt auf die verschiedenen Körperregionen konzentrieren. Und wenn das gerade nicht möglich ist? „Dann sollte man sich trauen, Nein zu sagen und die Diskussion auf einen späteren Zeitpunkt verschieben“, erklärt die Expertin. Damit ist nicht nur uns selbst geholfen, sondern auch unserem Gegenüber, der schließlich ein genauso großes Interesse an einem konstruktiven Gespräch haben dürfte wie wir.

Einfach mal zuhören

„Du verstehst es einfach nicht!“ ist wohl einer der typischsten Sätze, wenn zwei sich streiten. Hinter dem Satz steckt oft viel mehr, als die bloße Vermutung, jemand würde nicht zum Kern der eigenen Aussage durchdringen. Dieser Satz ist oftmals die resignierte Feststellung eines Menschen, der sich nicht verstanden fühlt. Dabei ist aufmerksames Zuhören einer der Schlüssel für gelungene Kommunikation. Jeder, der sich schon einmal seinen Kummer von der Seele reden konnte und dabei ohne Unterbrechungen, Ratschläge oder Beschwichtigungen alles ausbreiten durfte, weiß, wie gut das tut. Reden heilt. Andererseits ist Zuhören wichtig, um den anderen wirklich zu verstehen. Wenn wir unserem Partner im Streit ständig ins Wort fallen, laut werden oder das Gesagte mit einem süffisanten Lächeln quittieren, sind wir nicht nur unfair, sondern berauben uns selbst der Möglichkeit, ihn wirklich zu verstehen. Wer sich dem anderen öffnet und ihn an seiner Not, seinen Gefühlen, seinem Kummer teilhaben lässt, der verdient es, angehört zu werden. „Viele denken im Gespräch nur darüber nach, den eigenen Standpunkt zu verteidigen, und werden dadurch taub für die Argumente des anderen“, sagt Andrea Mergel. Daher sei es wichtig, mit einem offenen Ohr und achtsamen Fragen zu reagieren. Das signalisiere Mitgefühl und würde letztlich dazu beitragen, Konflikte ruhig und sachlich zu klären.

Achtsam und gewaltfrei kommunizieren heißt nicht, dass wir im Konflikt jedes Mal so viel Verständnis dem anderen gegenüber aufbringen, dass wir plötzlich mit allem einverstanden sind. „Es geht nicht darum, nachzugeben und die eigene Meinung zu ändern, sondern darum, den Weg für neue, konstruktive Gedanken zu ebnen“, so Andrea Mergel. Anders gesprochen: Verständnis heißt nicht Einverständnis. Aber es öffnet unseren Geist und den unseres Gegenübers für neue Perspektiven und Sichtweisen. Konflikte austragen heißt nämlich auch, Ehrlichkeit zu leben; sich selbst und unseren Mitmenschen gegenüber. Wer das verstanden hat, kann Konflikte auch als Chance ansehen und eine Streitkultur pflegen, in der unsere Gefühle unseren wahren Wünschen Platz machen.

Gefühle sind niemals schlecht. Wir sollten sie nicht verdrängen oder überhören, aber sie dürfen auch nicht auf impulsive Weise unser Handeln bestimmen. Wenn wir es schaffen, unsere Emotionen als wertvolle Hinweise auf unsere Wünsche und Bedürfnisse zu nutzen, öffnen sie unser Herz für echtes Mitgefühl und Verständnis.