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Keine Posen, kein Ruhm, kein Name


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 30.09.2021

Seit sie vor zwei wochen unter die Hausbesitzer ging, ist das Leben für Fatimah Nyeema Warner nicht mehr dasselbe. „Mein Gott“, sagt sie, „was für ein Trip!“ Durch die Terrassentür blinzelt die Sonne in das bescheidene, gemütliche Heim, das die 29‐jährige Rapperin in Los Angeles gekauft hat. Fatimah, besser bekannt als No name, ist gerade damit beschäftigt, eines der Zimmer in ein Homestudio umzurüsten. Mobile Schallwände warten auf ihren Einsatz, offene Umzugskartons quellen über mit elektronischem Equipment. Im Wohnzimmer konkurrieren modische Stühle in Kastanienbraun und Orange mit einem plüschigen, himmelblauen Samtsofa, auf einem massiven schwarzen Bücherregal wachen Topfpflanzen über die geballte Literatur, die sich mit dem Leben am Rande der Gesellschaft beschäftigt. Buchtitel wie „Black Marxism“, „Captive Genders“ und „The Color Purple“ lassen an der politischen Orientierung ihrer ...

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 10/2021

Fatimah Warner in Los Angeles
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... Besitzerin keinerlei Zweifel.

Fatimah macht es einem nicht leicht, ihr enormes Talent angemessen zu beschreiben. Sie fliegt grundsätzlich unter dem Radar und steht mit Fotoshootings oder Sponsoren- Deals auf Kriegsfuß. Doch ihr Storytelling und die Bestandsaufnahme schwarzer Realität in den USA sprechen eine deutliche Sprache. Es ist kein Zufall, dass Lauryn Hill persönlich darauf bestand, sie als Opening-Act für ihre Tour zu verpflichten.

Seit „Room 25“ von 2018 hat Fatimah kein Album mehr veröffentlicht, aber die Arbeit am lange angekündigten Nachfolger, „Factory Baby“, zumindest in ihrem Kopf weiter vorangetrieben. Sie bringt zwischenzeitlich auch thematisch verschiedene Singles an den Start, wie etwa im Februar den Track „Rainforest“, in dem sie den Kapitalismus zu einem beschwingten Bossa nova aufs Parkett zerrt.

Den größten Teil der vergangenen zwei Jahre verbrachte sie allerdings damit, den Geist der Radikalität in Form ihres Noname Book Club zu verbreiten. Der monatliche Event beschäftigt sich jeweils mit zwei Büchern (und zusätzlichen Essays) schwarzer Autorinnen und Autoren, die sich den gesellschaftlichen Ungleichgewichten in den USA widmen. Zur Zeit von Covid fanden diese Veranstaltungen ausschließlich online statt, doch zuvor ging man gezielt in Buchläden, Bibliotheken und Gemeindehäuser, um der Bewegung weiteren Zulauf zu verschaffen. In zwölf größeren US-Städten wie Boston oder Phoenix (aber auch in London) ist man mit lokalen Organisationen vertreten, die vom künftigen Headquarter in Los Angeles aus gesteuert werden.

„Für mich ist es ethisch nicht okay, einerseits für die Überwindung des Kapitalismus einzutreten und mich andererseits selbst ins Rampenlicht zu stellen“

Man wird schwerlich eine andere junge Musikerin finden, die von der Kritik so verehrt wird und sich so sehr politisch engagiert wie Noname. Sie hat den Anspruch, die gesamte Gesellschaft substanziell nach links zu bewegen. Wer ihren Social-Media-Posts folgt, wird dort einen endlosen Strom von revolutionärem Schulungsmaterial finden, immer ergänzt durch Fatimahs eigene Interpretation. Karl Marx ist dort ebenso vertreten wie ein Dossier über das US-Embargo gegen Kuba oder die prekäre Lage der LGBTQ‐ Gemeinde in Ghana.

Die politischen Theorien, mit denen sie sympathisiert, reflektieren dabei ihren Lernprozess. Mal favorisiert sie eine radikale Anarchie, meist aber den eher traditionellen Sozialismus. Es gibt eigentlich nur ein Etikett, mit dem sie zufrieden ist: das, eine Radikale zu sein.

Ihre politischen Überzeugungen wurden ihr nicht in die Wiege gelegt. Die ganze Book-Club- Idee kam ihr eigentlich erst 2019, als sie „auf Twitter dafür angemacht wurde, nicht definieren zu können, was Kapitalismus im Kern ausmacht“. Die mediale Schelte führte nicht etwa dazu, dass sie das heiße Eisen fallen ließ, sondern dazu, dass sie sich umso energischer in die Materie einarbeitete.

„Ich stieß auf ein Buch mit dem Titel ‚Jackson Rising‘. Es handelt von einem Arbeiterzusammenschluss in Mississippi, der sich Cooperation Jackson nennt.“ Sie postete auf Twitter einen Kommentar und stellte zu ihrer Überraschung fest, dass sie nicht die Einzige war, die das Buch gerade las. „Ich war völlig aus dem Häuschen und dachte: Oh mein Gott, ich sollte einen Buchclub ins Leben rufen!“

Sie öffnete auf Twitter einen weiteren Account und hoffte, eines Tages dort vielleicht 10.000 Gleichgesinnte begrüßen zu können. Stattdessen waren es 10.000 bereits am ersten Tag. „Dann bekam ich einen Anruf von Trevor Noah (‚The Daily Show‘). Er wollte mit mir ein Interview machen, aber nicht etwa über meine Musik, sondern über den Buchclub. Und da dachte ich: Moment mal, das nimmt ja Dimensionen an, die eine ganz eigene Dynamik entwickeln!“

Ihre erste Begegnung mit ihrem Promi status hatte Fatimah 2017 bei einem Auftritt im südafrikanischen Kapstadt. „Die Zuschauer waren unglaublich enthusiastisch und überglücklich, mich dort begrüßen zu können. Man konnte ihre Liebe mit Händen greifen. Es ging so weit, dass sie mich und meinen Van auf der Straße regelrecht verfolgten.“

Und? Was für ein Gefühl war das?

„Ich war eher peinlich berührt. Und gleichzeitig dankbar, dass mir solche Erfahrungen normalerweise erspart bleiben. Ich bin nun mal ein stinknormaler Mensch, der seine Privatsphäre zu schätzen weiß. Mir ist aber bewusst, wie sehr richtige Prominente unter dem Verlust ihres Privatlebens leiden.“

Sie unternimmt alles Erdenkliche, um sich die gleiche Sackgasse zu ersparen. Für sie ist es auch weniger eine Frage der Privatsphäre, sondern eher die Frage einer moralischen Mischkalkulation: Der Verlust der Privatsphäre ist in ihren Augen das direkte Resultat einer unablässigen Selbstpromotion. „Richtige Prominente“ – zu denen sie Beyoncé, Jay‐Z und Rihanna zählt – arbeiten primär an der Kreation ihrer Marke, die ihnen dann individuelle Reichtümer beschert. Aber auch den Verlust der Privatsphäre.

„Ich lehne Sponsoren-Deals ab, nehme grundsätzlich keine Vorschüsse und agiere wie ein unabhängiger Unternehmer: Eine Halle bucht mich für einen Auftritt und zahlt dann dafür, dass ich dort am vereinbarten Termin auf der Bühne stehe. Ich mag keine Fotoshootings und habe mich auch lange gesträubt, diesen Termin für den ROLLING STONE wahrzunehmen. Ich halte mich von Dingen fern, die nur dazu dienen, meinen Prominentenstatus zu zementieren. Für mich ist es ethisch nicht okay, einerseits für die Überwindung des Kapitalismus einzutreten und mich andererseits selbst ins Rampenlicht zu stellen. Es ist schwer, das zu tun und andererseits zu sagen: Ach, lass mich nur schnell diese eine Fotosession machen, damit ich im ROLLING STONE lande“, sagt sie und parodiert ihren eigenen hysterischen Tonfall.

Ihr Desinteresse an privatem Reichtum macht Fatimah zu einem Einzelfall im Popgeschäft – etwas, worüber sie alles andere als glücklich ist. „Ich erwarte mehr“, sagt sie. „Ich erwarte mehr von der Prominenz dieses Landes.“ Sie wünscht sich, dass ihre prominenten Kollegen mehr über kapitalistische Exzesse lernen, mehr über die Gefahren des Imperialismus lernen oder die tückischen Mechanismen des Rassismus. „Sie müssen sich einfach mit dem Thema beschäftigen und lesen! Von mir aus können sie sich auch aus einem Buch vorlesen lassen, wenn sie so unsagbar reich sind. Sie haben keine Ausrede! Ich weiß sehr wohl, dass Kreative oft genug eine Menge Zeit haben, die sie irgendwie totschlagen müssen. Sie könnten problemlos ihrem Manager sagen: Hey, ich leg jetzt mal eine Pause ein, weil ich mich in diese Materie vertiefen möchte.“

Im vergangenen Jahr, inmitten der Proteste gegen die Morde an George Floyd und Breonna Taylor sowie die allgegenwärtige Polizeibrutalität, publizierte sie auf Face book eine bissige Beobachtung, die so manchen ihrer rappenden Kollegen auf dem falschen Fuß erwischte. „Im ganzen Land“, schrieb sie, „sehe ich arme Schweine, die auf die Straße gehen und mit Körpereinsatz für unsere kollektive Sicherheit protestieren. Doch all die populären Rapper sind nicht einmal in der Lage, ihre Unterstützung per Tweet zu bekunden. Die ganzen Diskografien dieser Niggas sollten von der Agonie der Schwarzen Zeugnis ablegen, doch tatsächlich sieht man dort nur ein großes schwarzes Loch.“

Sie nannte zwar keine Namen, sondern sprach nur von überwiegend schwarzen Männern, die ständig über die Lebensbedingungen der Schwarzen schrieben – vom Verlust schwarzer Freunde bis zur Verherrlichung brutaler Bandenkriege, von der Loyalität zur Gang bis zum Dope-Deal als Grundeinkommen –, in diesem Fall aber durch Abwesenheit glänzten. Sie war nicht überrascht, als einige – wie der Rap-Mogul J. Cole – die Tirade persönlich nahmen. „Ich wusste, wie die Angesprochenen auf meinen Einwurf reagieren würden, ich wusste, dass die meisten davon ausgingen, dass ich entweder Kendrick (Lamar) oder J. Cole im Auge hatte.“ Schließlich hatten beide den Aufruhr des Sommers mit keinem Wort kommentiert oder auch nur erwähnt.

Gut zwei Wochen später veröffentlichte Cole „Snow On Tha Bluff“, eine vierminütige, etwas weinerliche Attacke gegen eine anonyme Frau. Ihr Tonfall gehe ihm gegen den Strich, heißt es darin, zumal ihre Botschaft bei den Ärmsten der Armen ohnehin auf taube Ohren stoße. Die Eltern besagter Frau machte er gleich mitverantwortlich, weil sie ihre Tochter zu einer derart polarisierenden Denkweise erzogen hätten. Natürlich war allen bewusst, wer damit gemeint war. „Instead of conveying you holier, come help get us up to speed“, rappte er, vergaß dabei aber, dass Fatimah mit ihrem Noname Book Club genau diese Forderung bereits erfüllte.

Zwei Tage später revanchierte Fatimah sich mit „Song 33“, einem einminütigen, komprimierten Rap über einem Madlib-Beat, in dem sie auf Coles Argumente eingeht.

Doch kaum hatte sie den Track veröffentlicht, schickte sie eine Entschuldigung hinterher. Es sei kontraproduktiv, schrieb sie, dass „Song 33“ die Aufmerksamkeit auf eine Fehde zweier Rapper reduziere, während das eigentliche Thema in den Hintergrund rücke.

Für Fatimah war die Fehde umso ärgerlicher, als sie erst kurz zuvor mit Cole telefoniert hatte. „Seit Jahren haben wir unsere privaten Nummern, hatten sie aber nur genutzt, um uns banale Kleinigkeiten zu texten. Doch dann machte ein Freund von mir einen interessanten Vorschlag: Mit einem offenen Brief an die Musikindustrie, von möglichst vielen Künstlern unterschrieben, wollten wir fordern, nur noch in Lokalitäten aufzutreten, die auf den Einsatz der Polizei grundsätzlich verzichten.“ Fatimah war begeistert von der Idee, prominente Kollegen für eine konkrete Aktion zu gewinnen, und setzte sich mit Cole in Verbindung.

Doch Cole, sagt sie, sei nie konkret auf den Vorschlag eingegangen. „Er ließ sich stattdessen darüber aus, dass er wieder angefangen habe, selbst Musik zu machen. Er habe da einen neuen Song, der es ihm sehr angetan habe. Natürlich hätte ich nicht im Traum gedacht, dass der Nigga einen Song über mich schreiben würde.“

Nachdem Coles Single erschienen war, telefonierten sie ein weiteres Mal. „Er redete um den heißen Brei herum und meinte, dass sich der Song gar nicht um mich dreht, sondern um einen bestimmten Typus, der im Internet sein Unwesen treibt.“ Fatimahs Glaube hielt sich in Grenzen. „Ich meine, der Mann hatte noch kurz vorher geschrieben: ‚Follow @Noname. I love and honor her as a leader in these times‘ – nur um mir dann diese Lyrics um die Ohren zu hauen!“ Das Telefonat endete nicht gerade in Harmonie und Einklang.

Während sich die meisten Medienplattformen auf Fatimahs Seite schlugen, stellten ihr die J.‐Cole-Fans auf den Social-Media-Plattformen nach. In meinem privaten Bekanntenkreis kenne ich nur Leute, die ihr Talent und ihr Engagement zu schätzen wissen, aber es sind nun mal immer die giftigsten Kommentare, die in ihrem Kopf hängen bleiben. „Die Hasstiraden entwickeln ein virales Eigenleben, während die Liebe unerwähnt auf der Strecke bleibt.“

Heute, auf dem Plüschsofa im Wohnzimmer, ist sie damit beschäftigt, eine Handvoll Briefe vorzubereiten, die an inhaftierte Fans ihres Buchclubs gehen. Freunde und Familienangehörige haben die Gebühr bezahlt, um den Inhaftierten die Bücher zukommen zu lassen. „Jemand, der Nonames Aktivitäten nicht verfolgt, ist tendenziell immer etwas aggressiver, weil es dann schnell heißt: Oh, die hat sich mit Beyoncé angelegt, die hat immer Ärger mit den Rappern. Ihre Meinung von mir wird immer durch das bestimmt, was gerade viral hängen bleibt, und nicht von meiner Arbeit.“

„Schwarze Frauen, vor allem solche mit einer eigenen Meinung, haben im Internet nichts zu lachen“, glaubt die Journalistin Clarissa Brooks, die Veranstaltungen gegen Rassismus, Polizei- Exzesse und häusliche Gewalt organisiert und mit Fatimah zumindest virtuell befreundet ist. „Fatimah hat diese Eigenschaft, die mich manchmal in den Wahnsinn treibt: Sie scheut sich nicht, ihren Lernprozess in aller Öffentlichkeit zu durchlaufen.“

Fans, die Fatima lieben, lieben sie dafür umso mehr. „Die Leute, die von einer Revolution träumen und realistische Schritte in diese Richtung unternehmen wollen, sehen in Noname ein ernstzunehmendes Sprachrohr“, so Brooks. „Außerdem steckt sie als Rapperin selbst die ausgebufftesten Kollegen locker in die Tasche. Und das ist der entscheidende Punkt: Sie hat es so weit gebracht, weil sie ein unglaubliches Talent hat. Und dieses Talent hat sie nie verlassen, egal was gerade auf ihrem Twitter- Account passiert.“

Als Fatimah sich in die radikale Gedankenwelt verabschiedete, ließ sie uns an ihren Analysen und Gedankengängen auf Twitter teilhaben. Für viele Zeitgenossen, mich selbst eingeschlossen, erwiesen sich diese Expeditionen in revolutionäres Neuland als ungemein hilfreich. Doch wenn wir lernen, machen wir zwangsläufig auch Fehler – und ihre Fehler können allesamt im Internet nachverfolgt werden.

„Die Leute im Internet tun ihr Bestes, um mich fertigzumachen“, sagt sie. „Was ich ja durchaus nachvollziehen kann: Ich habe unzählige Male Mist gebaut. Ich habe oft die falschen Sachen gesagt und habe sowieso ein Talent, die Menschen auf die Palme zu bringen. Wer will schon jede Sekunde seines Lebens von Kolonialismus hören oder der erschreckenden Sterblichkeitsrate der schwarzen Bevölkerung?“ Twitter erwies sich für Fatimah als enorm wich‐ tiges Instrument, gleichzeitig aber auch als vermintes Terrain. In den zwei Tagen, die ich mit ihr verbringe, muss ich sie mehrmals daran erinnern, wie wichtig sie und ihre Arbeit sind.

Die arbeit ruft!“, trällert sie, öffnet die Haustür und stellt mir Sage vor. Er ist einer der drei Helfer, die sie für den Buchclub engagiert hat und für die Radical Hood Libra ry, wie sie das künftige Headquarter provisorisch getauft hat. Sage wird uns zu dem Gebäude fahren, das sich gleich in der Nähe in Jefferson Park befindet. Fatimah, die noch immer keinen Führerschein hat, fährt gewöhnlich mit dem Fahrrad dorthin, hat diesmal aber um mobile Hilfe gebeten, da sie nicht nur mich, sondern auch schwere Kisten transportieren muss.

Zum heutigen Arbeitspensum gehört unter anderem, sich auf ein Community-Festival vorzubereiten, das am kommenden Wochenende in Leimert Park stattfindet. Sage und Fatimah kümmern sich darum, die Bücher zusammenzustellen, die dort kostenlos verteilt werden sollen. Michael, ein Doktorand, der Afroamerikanische Pädagogik studiert und für die Online- Aktivitäten zuständig ist, schaut ebenfalls vorbei und beginnt Bücher von Frederick Douglass und Octavia E. Butler in Kisten zu packen. Bei dem Gemeindefest am Wochenende werden immerhin 400 dieser nagelneuen Bücher verteilt. Die sozialen Medien hingegen dienen primär dazu, inhaftierten Interessenten kostenlose Bücher zukom‐ men zu lassen.

„Je mehr ich mich mit politi scher Bildung und Organisation verspüre ich das Bedürfnis, Musik zu machen.“

Fatimah spielt mit dem Gedanken, aus dem Buchclub eine Kooperative zu machen, die vielleicht sogar von der Regierung ver spüre ich das Bedürfnis, als gemeinnützige Organisation anerkannt wird. Alle Beteiligten wären Anteilseigner und hätten bei der Führung der Firma die gleichen Kompetenzen. Sie träumt auch davon, traditionelle Buchläden zu eröffnen, beginnend in all jenen Städten, die bereits ein Noname-Büro unterhalten.

Ihre Aktivitäten werden durch Geldspenden und ihre knapp 8000 Buchclub-Mitglieder finanziert, aber auch durch Merchandise wie Hoodies und Tragetaschen. Das Geld für Miete und Porto muss schließlich irgendwo herkommen, zumal Fatimah es sich zur Angewohnheit gemacht hat, den Häftlingen etwas „commissary money“ ins Buch zu stecken, damit sie sich im knasteigenen Laden ein paar Zigaretten kaufen können. „,Send niggas books, put money on niggas books‘ war mein ursprünglicher Slogan.“

„Nicht der schlechteste Spruch“, sage ich.

„Ganz schön bescheuert“, sagt sie beiläufig. „Aber ich habe nun mal eine Schwäche für billige Reime.“

Sie ist jedenfalls so sehr mit ihrem Buchclub beschäftigt, dass ich mich frage, ob sie überhaupt noch Zeit für ihre Musik findet. „Der kreative Prozess ist noch immer eine aufregende Angelegenheit“, sagt sie. „Aber ich sehe ihn inzwischen in einem anderen Kontext. Je mehr ich mich mit politischer Bildung und Organisation beschäftige, desto weniger verspüre ich das Bedürfnis, Musik zu machen.“

Und trotzdem ist „Factory Baby“ noch immer auf ihrem Radar. Sie halte es sogar für wünschenswert, Politik und Musik im Tandem voranzutreiben, weil sich der Kampf auch positiv auf ihre Musik ausgewirkt habe. Sie erwähnt, dass „Factory Baby“ radikaler sein werde als alles Bisherige, informativer auch und immer an einer praktischen Lösung orientiert. Sie hat an dem Album mit DJ Dahi gearbeitet, der bereits Hits für Kendrick Lamar, Drake und Big Sean zusammengeschraubt hat. Den gemeinsamen Output beschreibt sie als „Noname music“, die sich musikalisch an ihr bisheriges Schaffen anschließe. „Die Arbeit war supereasy“, sagt sie. „Der Typ ist unglaublich nett.“

Sie hat die Theorie, dass ihre Fans die Musikerin Noname allein schon dadurch unterstützen, dass sie ihren Buchclub am Laufen halten, sei es durch eine Geldspende oder den Kauf von Merchandise. „Ich frage mich deshalb Folgendes: Wenn ich ein unglaublich erfolgreiches Album machen würde, aber weiterhin auf den Verkauf von Fan-Merchandise verzichte, würde ich dann all meine Fans zum Buchclub- Merchandise umlenken können? Wir wären dann in der Lage, mehr Geld aufzutreiben, um mehr Projekte zu realisieren.“ Sie denkt inzwischen laut nach. „Und wir machen schon eine Menge mehr als herkömmliche Buchclubs. Manchmal trete ich einen Schritt zurück und denke: Oh mein Gott, du hast dir deinen Teller ganz schön voll geladen!“

„Hast du manchmal auch das Gefühl, dass du nicht genug tun kannst?“, frage ich.

„Ständig! Ich wäre gern eine bessere Organisatorin, hätte gern bessere Argumente im Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus, ich wäre gern aktiver in der politischen Arbeit für meine eigene Community. Wahrscheinlich ist es das, was die Psychologen das Hochstapler‐Syndrom nennen: das Phänomen, dass man durchaus erfolgreich ist, sich aber trotzdem für einen Versager hält. Aber wenn ich mir den Zustand der Welt anschaue, habe ich einfach das Gefühl, dass wir alle mehr tun müssten … Ich weiß, dass Menschen eine vorgefasste Meinung haben, wenn sie meinen Namen hören. Entweder sie hassen mich oder sie verfallen ins andere Extrem: Guck bloß mal, was für wundervolle Dinge sie in die Welt gesetzt hat! Warum ist sie nur so perfekt?“

Und? Welche Meinung trifft eher zu? „Keine von beiden beschreibt den Menschen, der ich wirklich bin.“

Nach einer kleinen Pause macht sich das Trio wieder an die Arbeit. Sage wirft einen Blick auf das Nachverfolgungs- und Auswertungssystem, das der Buchclub verwendet: eine clevere Google‐App, die dabei hilft, den Status einer Lieferung zu verfolgen, auf spezielle Wünsche der Häftlinge einzugehen oder Probleme anzuzeigen, die in irgendeiner Form die Auslieferung verhindern.

M ichael ist auf ein buch mit anarchistischer Prosa und Poesie gestoßen, doch Fatimah ist skeptisch. Als Geschenk bei einem Community-Fest käme es sicher infrage, aber nicht für den Versand an Häftlinge. „Das Buch würde nie ankommen“, sagt sie. Gefängnisse haben das Recht, das Spektrum der eintreffenden Literatur zu beschränken, erklärt sie. „Welche Bücher verstoßen denn gegen die Regeln?“, frage ich. „Fast alle“, sagt Fatimah mit einem kurzen, trockenen Lachen. „Es gibt keine Logik bei den Kriterien“, sagt Sage. „Klar weißt du, was die Kriterien sind!“, knurrt Michael. „White Supremacy und Kapitalismus!“

Ich erwähne verschämt, dass ich meine Abschlussarbeit fürs College über Angela Davis geschrieben habe und ihre Forderung nach der Abschaffung von Gefängnissen. Und dass mich meine Recherchen zu der Frage führten, warum es eigentlich keine medialen Plattformen gibt, die diese Theorien in ein unterhaltsames Fernsehformat gießen. „Es gibt im Fernsehen unzählige Cop-Serien“, sage ich, „es gibt tonnenweise Serien mit Law‐and-Order- oder Gefängnishintergrund. Warum macht man nicht mal eine Serie über eine Welt, in der es keine Gefängnisse gibt?“

„Niemand würde diesen Mist auch nur mit spitzen Fingern anfassen“, sagt Fatimah freundlich, aber bestimmt. Wie Sage ist auch sie der Meinung, dass Hollywood viel zu eng mit der Staatsgewalt verzahnt ist. „Das ist genau das, was sie unter allen Umständen zu vermeiden versuchen“, sagt Sage. „Sie wollen uns nicht zeigen, wie unsere Welt aussehen könnte, wenn wir nicht länger unterdrückt würden. Das ist ein viel zu heißes Eisen, an dem sich niemand die Finger verbrennen will.“

„Aus diesem Grund gibt es auch keine Filme über Kommunismus und Sozialismus“, sagt Fatimah. „Sie wollen nicht, dass wir anfangen, uns eine solche Welt auszumalen.“

Ich muss an „Judas And The Black Messiah“ denken, den Film aus diesem Jahr über die Ermordung des Sozialisten Fred Hampton. Fatimah hat es abgelehnt, einen Beitrag für den Soundtrack zu liefern, obwohl darauf bereits zwei ihrer alten Chicagoer Freunde – Saba und Smino – prominent vertreten waren. Sie hält den Film auch nicht für misslungen, moniert aber Unsauberkeiten und einen unnötigen Hang zur Dramatisierung des Stoffs. Letztlich drehe sich der Film um den Informanten, der für Hamp‐ tons Tod verantwortlich war, nicht um den radikalen Aktivisten selbst.

Michael vergleicht den Film mit einem Porträt von Martin Luther King – aber aus der Perspektive von dessen Mörder. „Natürlich würde jeder sagen: Was zum Teufel soll denn dieser Blödsinn?!“

„Hampton war ein Antiimperialist, wie er ihm Buche steht“, sagt Fatimah. „Aber er hatte auch ein erstaunliches Talent, diese Theorien in seine alltäglichen Gespräche einfließen zu lassen, egal mit welchem Nigga er gerade sprach. Dieser Aspekt ging im Film völlig unter. Es gibt sicher Leute, die den Film gegen diese Vorwürfe in Schutz nehmen und sagen: Tja, aber solche Theorien kann man doch in keinem Spielfilm unterbringen, niemand würde das verstehen! Aber das war nun mal die Art, wie der Mann sprach. Er sprach so – und seine Zuhörer verstanden ihn. Das war gerade die Magie, die den Mann ausmachte.“

Sie störte sich auch daran, dass ein 32-jähriger und ein 29-jähriger Schauspieler gecastet wurden, um Hampton und den Informanten William O’Neal zu spielen. Hampton war 21, als er starb, O’Neal 20. „Ich will keine Stimmung gegen den Film machen, sondern nur auf die Gründe hinweisen, warum ich nicht involviert sein wollte. Ich habe das Element vermisst, das den Kampf gegen die Staatsgewalt repräsentiert.

Ach ja: Es gibt heute noch immer ein paar Black Panthers, die vom Staat terrorisiert wurden. Im Film wird dieses ganze Kapitel ausgeblendet. Die Schauspieler werden ihre Awards bekommen und sich anderen Dingen zuwenden.“

Bevor wir das Headquarter verlassen, wischen wir den Zementstaub von unseren Taschen, der sich in dem lange leer stehenden Gebäude auf dem Boden angesammelt hat.

Am nächsten Tag klopfe ich noch einmal an Fatimahs Tür, um mit ihr einen Spaziergang durch die neue Nachbarschaft zu machen. Sie trägt ein Assata-Shakur-Shirt, einen gepunkteten Rock, einen Eimerhut von The North Face und lachsfarbene Sneaker von Vans. Als wir das Zentrum erreichen, wird sie von Leuten angesprochen, die das Community-Festival am Wochenende organisieren. Sie scheinen sich ehrlich zu freuen, Fatimah in ihren Reihen begrüßen zu können, und zeigen keine Anzeichen, dass sie von ihrer Popularität beeindruckt sind. „Diese Community ist einfach unglaublich!“, sagt sie. „Jeder ist hier willkommen, jeder wird mit offenen Armen begrüßt. Alle sind schwarz, und alle sind umwerfend freundlich. Und eine wundervolle Künstlerszene gibt’s auch noch.“

Auf dem Heimweg lässt sie sich noch darüber aus, wie sie sich die weitere Arbeit an „Factory Baby“ vorstellt. Produktionstechnisch steckt das Album noch immer in den Kinderschuhen, könnte aber in zwei Monaten abgeschlossen werden, würde sie wirklich Nägel mit Köpfen machen. Lange genug mit dem Projekt schwanger gegangen sei sie ja. „Revolutionary bops“ schweben ihr vor, die, ähnlich wie „Rainforest“, tanzbar und unkompliziert sind.

Noname-Songs arbeiteten allerdings bislang mit Raps, die so kryptisch waren, dass sie nur mit einem geheimen Code dechiffriert werden konnten. „Ich schreibe oft Songs, die auf freien Assoziationen basieren“, räumt sie ein. „Ich schreibe Sachen wie: ‚Penny proud, penny pretty, pissing off Betty the Boop.‘ Später frage ich mich dann: Was war das denn? Ich würde gern leicht verständliche Sachen schrei ben, frage mich aber auch, ob meine Musik dafür überhaupt geeignet ist.“

Theorien über Kapitalismus, Imperialismus und Rassismus auf einem Album zu verarbeiten, das zugleich persönlich ist und Spaß machen soll, ist die Herausforderung, der sie sich stellen muss. Fatimah mag an der Effizienz ihrer politischen Arbeit oder an ihren persönlichen Sympathiewerten Zweifel haben, doch Zweifel an ihren Qualitäten als Rapperin hat sie definitiv nicht. „Ich weiß genau, was ich fühle und worüber ich reden will. Das sind meine Erfahrungen, und ich habe mich lange genug mit meinen Gedanken herumgeschlagen, um genau zu wissen, wo ich heute stehe.“