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KENNT DEN BODEN, WILL ZU DEN STERNEN


emotion - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 07.07.2021

Begegnung

Artikelbild für den Artikel "KENNT DEN BODEN, WILL ZU DEN STERNEN" aus der Ausgabe 8/2021 von emotion. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: emotion, Ausgabe 8/2021

Was ihr Freiheit gibt? ?Meine Musik muss nicht der ganzen Welt gefallen.? Rechts: Top von Sandro, Schmuck von Johanna Gauder

SIE IST UNSERE FRAU DES MONATS, WEIL ...

…sie sich bewusst mit Frauen verbündet: „Es ist wichtig, die Namen von Frauen immer wieder zu nennen. Ich will die Türen aufhalten, durch die ich schon gegangen bin“

Das Cover-Shooting sei eine echte Ehre für sie, sagt Lea-Marie Becker, 28, die alle als „Lea“ kennen. Die Singer-Songwriterin strahlt immer noch dieselbe Nahbarkeit aus wie mit 15, als sie auf Youtube den Song hochlud, der sie dann bekannt machte: „Wo ist die Liebe hin“. Gerade ist die Deluxe-Edition ihres Albums „Treppenhaus“ erschienen. Als wir zoomen, sitzt sie ungeschminkt vor einer unverputzten Wand in ihrer Berliner Wohnung und lässt ihren Gedanken zu den Fragen freien Lauf.

Dein Berufswunsch als Kind war Königin. Glaubst du, du wärst auch eine gute Kanzlerin?

Kanzlerin muss ein harter Job sein, weil so viele Wünsche und Meinungen berücksichtigt werden müssen. Ich glaube, mein ...

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... Berufswunsch Königin hatte viel damit zu tun, selbst entscheiden zu wollen. Ich bin sehr froh, dass ich nicht 80 Millionen Menschen glücklich machen muss, sondern selbst bestimmen kann: Wie soll meine Musik klingen? Wie sollen das Artwork, die Videos und so weiter aussehen? Ich freu mich natürlich, dass das vielen gefällt – aber es wird niemals der ganzen Welt gefallen. Und das ist total okay.

„ICH HALTE NICHTS DAVON, HASS AUF PLATTFORMEN ZU VERTEILEN. DAS KLÄRE ICH LIEBER PERSÖNLICH“

Woher kommt dein Wunsch nach Eigenständigkeit?

Das haben meine Eltern schon früh gefördert. Als ich ein Instrument lernen wollte, haben sie mir bei der Entscheidung nicht reingeredet. Sie haben mich auch nicht zum Üben gezwungen. Dadurch habe ich zwar mein Klavierspiel nicht so schnell verbessert, aber ich hatte auch nie eine Krise, in der ich alles hinschmeißen wollte.

Das klingt nach ungebrochenem Optimismus. Hat denn etwas mal nicht funktioniert?

Vieles, auch heute noch. Ich habe lange für diese Karriere gearbeitet. Bevor ich 2015 den Plattenvertrag unterschrieben habe, habe ich jahrelang in den kleinsten Clubs gespielt, manchmal vor vier Leuten. Als ich dann den Plattenvertrag hatte, dachte ich: Jetzt geht’s los! Aber da ging gar nichts (lacht). Das sind vielleicht nicht die schönsten Erinnerungen, aber die wichtigsten. Diese Erfahrungen, erst mal richtig hinzufallen und auszuchecken, wo eigentlich der Boden ist. Den Boden hab ich am Anfang ziemlich schnell ertastet und gemerkt: Hier geht es mir immer noch gut. Da sind immer noch Menschen, die mir wichtig sind und die zu mir halten.

Wie war das, vor nur vier Leuten zu spielen?

Das war natürlich total deprimierend. Das war 2016 in Saarbrücken, bei der Tour zu meinem ersten Album. Wir hatten was anderes erwartet. Aber wir haben dann so gespielt wie vor 200 Leuten. Daran denken wir auch heute gern zurück, weil wir total wohlwollend empfangen wurden. Und wenn wir jetzt vor einem größeren Publikum spielen, können wir das alles viel mehr wertschätzen.

Dein erster Song auf Youtube hat dir fast drei Millionen Views und Angebote von Castingshows eingebracht. Damit wolltest du aber erst mal nichts zu tun haben. Wieso?

Das war ein spannender Karrierestart über Youtube, weil ich selbst in der Hand hatte, wann ich welchen Content hochlade. Castingshows wären das komplette Gegenteil davon gewesen. Meine Eltern hätten das auch nicht erlaubt, da hatten wir einen Konsens. Es ging mir aber auch nicht darum, unbedingt berühmt zu werden.

Was hat dir an den Castinghows nicht gefallen?

Mir waren die Storys hinter den Kandidat*innen immer suspekt. Ich finde es nicht verwerflich, wenn da jemand mitmacht, und manche finden es vielleicht auch cool, etwas aus ihrem Leben preiszugeben. Das ist aber nicht mein Weg. Mir ging es immer um die Musik. Nicht um mich oder irgendwelche Storys über mich. Deshalb hatte ich auf meinem ersten Albumcover eine Blumenmaske vor meinem Gesicht. Damit wollte ich sagen: Hört euch die Musik an. Guckt nicht, wer die Musik gemacht hat. Hört eure eigenen Geschichten in den Songs. Ich möchte, dass sich die Menschen in meinen Liedern selbst wiederfinden können.

Deine Texte sind auf Deutsch und oft sehr gefühlvoll. Ist das eine Einladung, dich kennenzulernen?

Schön, dass du das sagst. Über meine Musik gebe ich schon so viel von mir preis. Das ist meine Art, Kunst zu machen, das gehört für mich dazu, weil ich ein emotionaler Mensch bin. Trotzdem gibt es in meinen Lyrics Interpretationsspielraum. Es ist mir wichtig, meine Privatsphäre nicht mit allen zu teilen. Ich habe nicht das Verlangen, jeden Schritt, den ich gehe, mit der Welt zu teilen. Ich bin auch auf Social Media vorsichtig. Als Ausgleich dafür, dass ich in der Musik viel von mir zeige. In deinem Song „Okay“ sprichst du sehr offen deine Selbstzweifel an. Wie war es für dich, diesen Song zu machen?

Ich wusste, dass ich einen Song machen will, in dem ich mich meinen Ängsten und Selbstzweifeln stelle. Es hat aber bis zum dritten Album gebraucht, um die richtigen Worte zu finden. Und auch, um den Mut zu finden, so etwas der Öffentlichkeit zu sagen. Ich mache mich damit ja verletzlich. Aber gleichzeitig stärkt es mich auch. Weil viele Menschen das Gleiche empfinden und sich dadurch verbunden fühlen. Ich hab „Okay“ auch geschrieben, weil es anderen vielleicht helfen kann. Für diesen Song bekomme ich viel Feedback und das allergrößte Kompliment ist für mich, wenn jemand sagt: Das klingt wie aus meinem eigenen Tagebuch.

Was hilft dir in schwierigen Zeiten?

Ich versuche mich darauf zu besinnen, was ich im Hier und Jetzt habe. Ich habe deswegen auch nicht so konkrete Ziele, die ich erreichen möchte. Ich glaube, das verschließt einen für Erfahrungen, die einem spontan im Leben passieren. Immer nur in die Zukunft zu schauen, hat so einen Beigeschmack von: Es ist jetzt nicht gut genug. Das finde ich schade.

Du bist mit deinen Fans stark verbunden, likst ihre Kommentare, kommentierst zurück. Kommen sie dir nie zu nah?

Mir ist diese Nähe so wichtig, weil ich es wertschätze, dass Menschen sich die Zeit nehmen, meine Musik zu hören und mir zu schreiben. Vermutlich auch, weil ich weiß, wie es ist, wenn keiner zu den Konzerten kommt. Ich hab natürlich Grenzen. Ich kann keine Direct Messages beantworten. Manchmal lösche ich Instagram auch für eine Zeit, um zu detoxen. Ich hab aber auch ein tolles Team, das mich dabei unterstützt.

Gibt es auch Menschen, die du gar nicht leiden kannst?

Ja. Aber ich halte nichts davon, Hass oder Negativität auf Plattformen zu verteilen. Das führt ja zu nichts. Ich bespreche so was lieber im kleinen Kreis, anstatt öffentlich schlecht über andere zu reden. Es sei denn, es geht um Rassismus oder Dinge, gegen die man sich wehren muss. Ich gehöre aber auch eher zu den Menschen, die dann einfach den Hörer in die Hand nehmen und das persönlich besprechen.

Wann wirst du wütend?

Bei Ungerechtigkeit. Gerade wenn ich merke, ich werde anders behandelt, weil ich eine Frau bin. Das Verhalten von Frauen wird ja oft anders bewertet als das von Männern. Frauen sind dann nicht „durchsetzungsstark“, sondern „zickig“.

Wann merkst du diese ungleiche Behandlung?

Die ganze Musik-Branche ist ja total männerlastig. Das sind auch passive Dinge. Im Radio wird fast nur deutschsprachige Musik von Männern gespielt. Das merke ich zwar nicht direkt an mir selbst, aber das ist ja diskriminierend Frauen gegenüber. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass die Chefposi-tionen in Radioredaktionen in den meisten Fällen von Männern besetzt sind. Dasselbe gilt für Festivalbookings. Künstler bekommen oft höhere Gagen als Künstlerinnen. Es zeigt sich auch in TV-Jurys. Bei „The Voice“ oder bei „Sing meinen Song“ sind es immer mehr Männer als Frauen. Jedes Jahr! Männer haben mehr Chancen, dabei zu sein; als Frau da mal stattzufinden grenzt fast an ein Wunder.

Siehst du es auch als Auftrag für dich, daran als Frau in der Musikbranche etwas zu ändern?

Ich wünsche mir, dass ich da etwas bewirken kann und versuche auch, mit Frauen zum Beispiel als Produzentinnen zusammenzuarbeiten oder sie als Support Act auf die Bühne zu nehmen. Wenn ich in Interviews gefragt werde, wer meine Lieblingskünstler*innen sind, nenne ich lieber Künstlerinnen. Nicht weil ich männliche Künstler nicht schätze, aber es ist wichtig, die Namen von Frauen immer wieder zu nennen und sie ins Spiel zu bringen. Ich hoffe, dass ich die Türen, durch die ich bereits gegangen bin, für andere Frauen offen halten kann. Und aufzeige: Es müssen nicht nur Männer im Radio gespielt werden. Es geht auch anders.

Warst du schon immer so eine Frauen-Frau?

Ich hab eine große Schwester. Wir sind unzertrennlich. Es gab nie eine Zeit, in der wir uns nicht verstanden haben. Dadurch war für mich diese Verbundenheit unter Frauen schon vertraut. In meiner Jugend hatte ich allerdings fast nur Jungs als Freunde. Ich versuche einfach, keine Konkurrenzgedanken zuzulassen. Es gibt so viele erfolgreiche männliche Künstler. Und es wäre doch Quatsch zu denken, es könnten nur ein oder zwei Frauen erfolgreich sein.

Das heißt, wenn du Königin wärst, wären alle anderen auch Königinnen?

Ja (lacht). Ich würde mir auf jeden Fall keine Privilegien nehmen, die ich anderen nicht gönnen würde. Mein Land wäre ein nettes Land.

LEBEN UND ARBEIT

Lea-Marie Becker, noch 28, ist eine Frauen-Frau. Dabei war es ihr Vater, der ihr die Liebe zum Klavier nahebrachte. Und sie kollaboriert oft mit anderen talentierten Männern: Mit Max Raabe sang sie bei der „Ein Herz für Kinder“-Gala (1). Ihre Single „Drei Uhr nachts“ mit Mark Forster erschien im April (2). Von der Zeit bei „Sing meinen Song“ (3) schwärmt sie noch heute