Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

Keramik


Living at Home & Holly - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 28.09.2019

In den Händen der Hamburgerin Tina Kami verwandeln sich unförmige Tonklumpen zu zeitlos schöner Keramik. Ein Werkstattbesuch bei der Gründerin von Ugly Duckly in Billbrook – und ein Gespräch über Trends, Trödeln und den richtigen Dreh


Trend: Töpfern

Alles im echten Sinne handgemach

Artikelbild für den Artikel "Keramik" aus der Ausgabe 2/2019 von Living at Home & Holly. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Living at Home & Holly, Ausgabe 2/2019

WERKSTÜCKE Die grafische SerieSquared Stone und Rillenbecher – ein typischer Ugly Duckly. Für Tina ist das Schnitzen der Rillen wie eine Art Meditation. Nach zwei Tagen Trocknen ist der Ton lederhart, also flexibel, und trotzdem so stabil, dass man ihn anfassen kann.


LIEBLINGSORT Abseits vom City-Trubel tüftelt Tina Kami in ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Living at Home & Holly. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2019 von BLACK BOOK:Hollys Little Black Book. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BLACK BOOK:Hollys Little Black Book
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von HOMESTORY: Sunny Side Up. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HOMESTORY: Sunny Side Up
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Die Küche ist so wichtig. Hier verquatscht man viele Stunden, lacht und feiert. Ach ja, und man kocht darin. Auf jeden Fall will man Gemütlichkeit, und genau die fehlte Ines in ihrer Küche. Deshalb half Holly ihrer Freundin, einen neuen Style für ihre Küche zu finden.. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Küche ist so wichtig. Hier verquatscht man viele Stunden, lacht und feiert. Ach ja, und man kocht darin. Auf jeden Fall will man Gemütlichkeit, und genau die fehlte Ines in ihrer Küche. Deshalb half Holly ihrer Freundin, einen neuen Style für ihre Küche zu finden.
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von KREATIV SEIN: So schnell lassen wir den Sommer nicht gehen und inszenieren unsere Lieblingsblumen als Wandund Raumschmuck — ganz natürlich oder in Farbe!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
KREATIV SEIN: So schnell lassen wir den Sommer nicht gehen und inszenieren unsere Lieblingsblumen als Wandund Raumschmuck — ganz natürlich oder in Farbe!
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von HOMESTORY Paradies für Kids. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HOMESTORY Paradies für Kids
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von TISCHDEKO Wir feiern den Herbst. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TISCHDEKO Wir feiern den Herbst
Vorheriger Artikel
Modernen Eklektizismus!
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel LIEBLINGS-KREATIVE: Gut vernetzt
aus dieser Ausgabe

LIEBLINGSORT Abseits vom City-Trubel tüftelt Tina Kami in ihrem Atelier in Billbrook an ihren Kreationen. Hier: Teller an der Drehscheibe abdrehen und den Boden noch mal bearbeiten.


FotosJulia Hoersch/taverne-agency.com

MARKENZEICHEN Ihr erstes Siegel hat sich die Hamburgerin aus dem Stempel einer Kin- derpost und einem Zitronensaft- Deckel gebastelt. Heute be- sitzt sie einen Messing-Stempel extra für Ton. Das strahlenförmige Logo ist geblieben. Mittig: die SchaleMuddy .


AN DER DREHSCHEIBE Nach dem Zentrieren bricht sie den Tonklumpen auf, um den Boden zu setzen. Als Tonfreak arbeitet Tina gern mit vielen verschiedenen Sorten und Farben von Ocker über Rot bis Schwarz.


SCHÖN GESCHMEIDIG Ausgiebiges Kneten des Ton- hubels ist das A und O für die weitere Verarbeitung. Ein fer- tiges Stück wird mit Schneidedraht von der Scheibe gelöst.


„Beim handwerklichen Arbeiten mit Ton kann ich mich entspannen. Viele Entscheidungen gibt das Material vor“


MIT EINEM KRÄFTIGEN TRITT stößt sie sich ab, gleitet auf ihrem Scooter den langen Gang im ersten Stock der Billbrooker Industriehalle entlang, um mit einem vollen Kanister Wasser von der Toilette zu kommen, denn Wasser – essenziell fürs Töpfern – gibt es im Atelier selbst nicht. „Ich bin ein bisschen lauffaul“, gibt Tina Kami mit Blick auf den Roller zu. Riesenschritte sind auch sonst nicht ihr Ding. Die Keramikerin bevorzugt es, kleine zu machen, Jahr um Jahr auf sich zukommen zu lassen, ohne Pläne zu schmieden. Und das läuft gut so.

Fern vom Baustellenlärm vor ihrer Wohnung in Barmbek zieht sich die 39- Jährige tagsüber in ihre kleine Oase in Hamburg-Billbrook zurück. Auf dem Tisch ihres Studios steht eine handgemachte Schale mit Erdbeeren. Die großen Fenster geben den Blick ins Grüne und auf die Elbe frei. Eine milde Brise bringt die Plastik- folie im Trocknungsregal zum Knistern. Auf dem Boden eine Armee von Eimern mit Tonresten, die es zu recyceln gilt. Umgeben von den Werkstücken in verschiedenen Entstehungsphasen bekommt man sofort selbst Lust, kreativ zu werden.

TINA KAMI IST UND WAR zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Seit ein paar Jahren feiert Keramik ein Comeback – hat sich längst vom einst angestaubten Image gelöst. Interior-Interessierte shoppen auf Flohmärkten ausgefallene Vasen aus den Siebzigern und investieren gern einen zwei- bis dreistelligen Betrag in handgetöpferte Schalen. 2015 hat sich Tina mit ihrem Label Ugly Duckly für handgefertigtes Geschirr selbstständig gemacht. Und der Hype um Keramik scheint nicht abzuebben, schwingt weiter auf der Foodie-Welle mit. Er geht einerseits einher mit dem Trend, wieder bewusster auf die eigene Ernährung zu achten. Dabei spielt es nicht nur eine Rolle, gesund zu kochen, sondern auch die bunten Gerichte – nicht zuletzt für Instagram – mit viel Liebe zum Detail auf dem passenden Untergrund zu präsentieren. Oder für professionelle Fotoshootings in Szene zu setzen. Fotografen, Stylisten, Food-Blogger, Kochbuch-Autoren sind Fans von Tinas perfekt unperfekten Keramik- Kreationen.

Andererseits hat es etwas Uriges. Bereits 24 000 vor Christus haben die Menschen getöpfert. Etwas mit den eigenen Händen herstellen, statt auf dem Smartphone zu daddeln. Etwas zum Benutzen. Eine Schale, in der man Obst aufbewahrt, einen Becher, aus dem man Kaffee trinkt. „Faszinierend, dass die Natur Materialien hervorbringt, die wir zu Gebrauchsgegenständen formen können“, erklärt Tina die Bewegung zurück zu den Wurzeln.

SIE SELBST IST INS TÖPFERN eher reingerutscht. Eigentlich hatte sie sich der freien Kunst verschrieben. Zeichnungen, Malerei, Installationen. Immer ganz spontan Entwürfe auf die Leinwand gebracht. Doch irgendwann war da diese Leere. Alle Kreativität schien aus ihrem Kopf gesaugt, sie hatte kein Bedürfnis mehr, sich auf diese Weise auszudrücken. Also jobbte sie abends nur noch im Café, ihr Atelier lag erst mal brach. Tagsüber nichts zu tun fühlte sich trotzdem falsch an. Also suchte sich die junge Frau ein neues Hobby und fand Anschluss in einer Töpfergruppe. „Zunächst habe ich dort nur Kaffee getrunken und zugeschaut. Dann habe ich eines Tages an meine Kunst und die vielen damals entstandenen Porträts angeknüpft und mich im Handaufbau geübt, also Skulpturen aus Ton gefertigt“, erzählt Tina. Irgendwann lockte dann die Drehscheibe. Das Grundhandwerk lernte sie über drei Jahre in der Gemeinschaftswerkstatt: durch Fragen, Lesen, Ausprobieren. Durch Üben, Üben, Üben. Anfangs fiel ihr das Drehen wahnsinnig schwer, sie war vollkommen überfordert – Hände am Klumpen, Füße aufs Pedal, Rücken stabil, Wasser zugeben – und schmiss hin. Keine zwei Monate später zog es Tina wieder an die Drehscheibe. Seitdem kann sie nicht mehr ohne. „Beim handwerklichen Arbeiten mit Ton kann ich mich entspannen. Viele Entscheidungen gibt das Material vor. Für mich ist das wie Urlaub machen.“

Als freie Künstlerin fühlte sie sich oft gestresst ob der vielen Entscheidungen, die sie sekündlich treffen musste. Jeder Strich, jeder Handgriff eine Entscheidung. Doch verlangt nicht gerade die Arbeit an der Drehscheibe volle Konzentration? „Das ist gerade das Entspannende. Man widmet seine Aufmerksamkeit immer nur genau einem Teil des Prozesses und kann eben nicht noch 1000 Sachen um sich herum erledigen. Ich bin raus aus der Welt. Denke weder an meinen Einkauf noch ans Wochenende“, schwärmt die Töpferin. „Das Drehen an der Scheibe hat etwas Meditatives. Ich bin nur bei diesem Klumpen Ton, der genau in die Mitte muss und mich automatisch in eine Art Sog zieht.“ Natürlich nur, wenn man sich darauf einlässt. An manchen Tagen bringt Tina die nötige innere Ruhe bereits mit, an anderen bekommt sie diese durchs Drehen.

DAS EIGENE TEMPO ist Tina wichtig. „Man könnte sagen, ich trödle. Aber ich habe das akzeptiert und bin gern langsam.“ Ein Tag im Atelier beginnt an ihrem Kramtisch mit Kaffee. Aus dem Fenster gucken, Notizen durchsehen, To-dos für den Tag festlegen. Um sich nicht auszulaugen, versucht Tina auf ihren Körper zu hören. Denn das Handwerk ist auch physisch anspruchsvoll. Ein Hubel Ton wiegt zehn Kilo, die Arbeit an der Drehscheibe verlangt Kraft in Armen, Beinen, Rücken. Schon einmal zwang sie eine Sehnenscheidenentzündung zu einer viermonatigen Pause.

BEI ALL DER ANSTRENGUNG überwiegen doch die positiven Momente: „Für mich als neugierigen Menschen ist es spannend, dass jedes Mal etwas Neues, Unerwartetes passieren kann, sich neue Möglichkeiten auftun. Das füttert und entspannt mich zugleich.“ An ihrer ersten SerieMuddy hat Tina ewig getüftelt, experimentiert, herumprobiert – und arbeitet bis heute daran. Sich das Ergebnis im Kopf vorzustellen ist das Eine. Das Andere, es genauso umzusetzen. Angewiesen auf das Zusammenspiel von Ton, Brand, Glasur, muss sie bei all den Arbeitsschritten und Schichten dem Zufall vertrauen. Als schließlich das erste schöne Stück derMuddy -Serie aus dem Ofen kam, vergaß Tina zu atmen. „Jedes Stück sieht anders aus – nicht gewollt, eher wie aus der Erde ausgegraben. Ich finde Dinge schön, die sich durch Wetter oder Alterungsprozesse so entwickelt haben, lasse mich neben Formen und Facetten asiatischer Keramik deshalb auch von Beschaffenheit und Farben meiner Fundstücke aus der Natur inspirieren.Muddy wirkt wie verwittert.“ Das Ergebnis ist für Tina immer auch Grundlage für das Weitermachen. Das gilt für Erfolge genauso wie für Fehler. War sie früher enttäuscht, erkennt sie Fehler mittlerweile als Chance, aus denen neue Kreationen entstehen können, und stellt beispielsweise gezielt Platten mit abgeplatzter Glasur her. Am liebsten würde sie nur experimentieren: etwa mehr Techniken wie den Grubenbrand ausprobieren, bei dem sie ihre Werkstücke in einem Erdloch bei 900 Grad im eigenen Garten brennt. Oder Ascheglasur aus Farn, die silbrig-metallisch glänzt. „Man bräuchte zehn Leben, um alle Möglichkeiten der Keramik ausprobieren zu können.“

Soll das Töpfern sie weiterhin ernähren, muss sie aber auch mal über Wochen einfach nur produzieren, um Stücke zum Verkauf anbieten zu können. Denn zum Kellnern möchte die Hamburgerin vorerst nicht zurück: „Ich bin endlich angekommen und genieße das selbstbestimmte Leben. Für mich ist das purer Luxus, und ich bin dankbar für jedes Jahr, das läuft.“

Netzwerk

MEISTERIN IHRES FACHS Tina Kami kreiert nicht nur ästhetische Unikate, sondern gibt ihr Wissen auch in Kursen weiter.uglyduckly.com, @tinakami

HÄNDLER DES VERTRAUENS Von Pinseln und Glasuren über eine riesige Auswahl an Ton bis hin zu Brennöfen gibt es beim Rantzauer Töpferbedarf alles, was ein Keramiker so braucht.toepferspass.de

VERBÜNDETE Sinikka Harms und Tina Kami trafen sich damals in der Töpferwerkstatt, als beide noch ganz am Anfang standen. Heute arbeiten sie erfolgreich als Keramikerinnen und unternehmen die Touren zu Rantzauer – auf Jagd nach neuem Ton – häufig gemeinsam.sinikkaharms.de, @sinikkaharmsceramics

FOTOS: 747 STUDIOS (2)

FOTOS: ANDREAS HOUMANN (1), DANIEL PAIK (1), JAMES WIDEGREN (3), ANNE CHEN (2)