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KETTE UND SCHUSS


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Lust auf Natur - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 07.10.2022
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Bildquelle: Lust auf Natur, Ausgabe 11/2022

Die junge Inhaberin Linda Detering der Dornumer ?Fiefschaft? möchte das alte Handwerk weiter pflegen

Es rattert gewaltig auf dem Dachboden eines ostfriesischen Gulfhofes auf dem Dammspolder in Dornumersiel. Ein Höllenlärm. Dass die alten Dielen das aushalten? Auf einem niederländischen Eichenwebstuhl aus dem 18. Jahrhundert wird gerade der Stoff für einen weiten, gestreiften Faltenrock gewebt, der zu einer ostfriesischen Tracht gehört: ein sogenannter Fiefschaftenrock. Der Name Fiefschaft beschreibt eine alte ostfriesische Webtechnik, die an Webstühlen mit fünf (plattdeutsch: fief ) Schäften ausgeführt wird. „Die Dichte der Schussfäden verleiht dem Stoff Festigkeit und einen typischen Glanz“, erzählt Irene Steffens, die die gleichnamige Handweberei vor mehr als 30 Jahren gegründet hat. „Dabei besteht die Kette üblicherweise aus Leinen, der Schussfaden aus Wolle.“ Ostfriesische Trachten werden seit jeher aus diesem Gewebe gefertigt. An der Herstellungsmethode der schweren Stoffe für die langen ...

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... Mädchen- und Frauenröcke hat sich bis heute nichts geändert. Fiefschaften, aber auch andere Stoffe, zum Beispiel für strapazierfähige Jacken und Westen, werden auf diesem alten Groninger Webstuhl hergestellt. Von den 15 historischen Webstühlen auf dem Dachboden der Familie Steffens hat jeder seine Geschichte, seine Vorzüge und seine Besonderheiten. An allen werden mit überlieferten Webtechniken Qualitätsstoffe gefertigt, teils mit traditionellen, aber auch mit modernen Mustern und in unterschiedlichen Breiten. Vor zwei Jahren hat Linda Detering die Handweberei von Irene Steffens übernommen. Als sie die Werkstatt auf dem Dachboden im wahrsten Sinne des Wortes erklommen hatte, seien ihr „fast die Augen aus dem Kopf gefallen angesichts dieser beeindruckenden Sammlung von antiken Webstühlen“, erzählt sie rückblickend. „Ich dachte, ich sei im Weberhimmel!“ Ihre Augen leuchten noch immer. „Leider gibt es ja heute nur noch wenige Weberinnen und Weber, die sich für dieses Handwerk, das neben der Stein- und Holzbearbeitung zu den ältesten der Menschheit gehört, begeistern.“ In Dornum wird das alte Handwerk neu interpretiert. Daran möchte die junge Frau festhalten.

EINE WISSENSCHAFT FÜR SICH

Jeder einzelne Webstuhl am Dammspolder ist aus robustem Holz und war viele Jahre zuvor – in unzählige Einzelteile zerlegt – von den Eheleuten Steffens auf deren Dachboden gehievt und eigenhändig und mit viel Fachkompetenz wieder zusammengebaut worden. Das Wissen um Aufbau und Funktionen ihres Handwerksgerätes ist den Weberinnen wichtig: „Natürlich muss man in der Lage sein, seinen Webstuhl auf- und auch wieder abbauen zu können“, sagt Irene Steffens. Während wir zwischen den Webstühlen, einem raumgreifenden Schärbaum und Holzregalen mit dicken Garnrollen und Stoffballen umherschlendern, erzählt sie kenntnisreich von Kettbäumen, Laden und Schäften, von Schnell- und Webschützen, von verkreuzten Fadensystemen, die rechtwinklig aufeinandertreffen müssen: „Das erste Fadensystem wird als Kette bezeichnet, das Hindurchgeführte als Schuss“. In mühevoller Kleinarbeit müssen die Kettfäden einzeln angeknotet werden. Der Webkamm hat die Aufgabe, die Fäden parallel zu führen und zu ordnen. Ein Höchstmaß an Konzentration und körperlicher Arbeit ist erforderlich.

„Ein Webstuhl hat eine Vorrichtung, mit der abwechselnd ein Teil der Kettfäden angehoben, ein anderer abgesenkt wird, sodass ein Fach entsteht, durch das der Schützen mit dem in seinem Inneren aufgespulten Schussfaden hindurchgeführt wird“, erklärt die Webmeisterin, die gerade an einem hölzernen Koloss, gespickt mit Kurbeln und Ketten und mit Hunderten von Fäden bespannt, Platz genommen hat. Wie eine Orgelspielerin bedient sie mit beiden Füßen abwechselnd die schmalen Holzpedale und setzt damit eine komplizierte Mechanik aus Stangen, Rollen, Rädern und Schäften in Gang. Die Hände aktivieren die Schussvorrichtung und geben exakt im richtigen Moment den Schützen frei. Wenn dieser das Fach verlässt, wird der Schuss „angeschlagen“ und das Fach neu gebildet. Der Schütze saust von der einen Seite zur anderen, und es rattert gewaltig auf dem Dachboden.

Das Einrichten eines Webstuhls ist sehr zeitaufwendig und beginnt mit dem Herrichten der Schäfte. Zuerst muss die Fadenführung vorbereitet werden. Dabei wird jeder Kettfaden durch Litzen, die alle einzeln am Schaft befestigt sind, geführt und verschnürt. Zuvor sind die Fäden auf eine gleiche Länge gebracht worden. Dieses sogenannte „Schären“ erfolgt an einem aus Kiefernholz gefertigten raumgreifenden Schärbaum in der Mitte der etwa 120 Quadratmeter großen Werkstatt. Er lässt sich auf einem Fuß drehen, um das „scharenweise“ Aufwickeln der zuvor berechneten Fadenanzahl zu ermöglichen. Diese Fäden bilden schließlich die Kette, die in den Webstuhl eingespannt („aufgebäumt“) wird. Hierbei ist Hilfe erforderlich. Während einer die Kette unter Spannung festhält, dreht ein anderer langsam den Kettbaum, um die Kette aufzuwickeln und sorgt dabei für eine exakte Fadenführung. Wenn die Kette fertig ist, freuen sich in Dornumersiel alle Mitarbeitenden auf den Genuss des sogenannten Bäumschnapses. Auch an dieser Tradition möchte die neue Chefin festhalten. „Unbedingt!“

DORNUM STATT SCHOTTLAND

Dass die 68-jährige Irene Steffens 2020 ihre Fiefschaft in jüngere Hände gegeben hatte, war einem Zufall geschuldet. Über gemeinsame Freunde hatte sie Linda Detering kennengelernt. Eine junge Frau aus Emden, die in Hamburg Modedesign studiert, in Schottland ihren Master in Textildesign mit Schwerpunkt Weberei gemacht hatte und eigentlich dorthin zurückwollte, um ein Praktikum zu absolvieren – eigentlich. „Mir war von Anfang an klar, dass das hier etwas ganz Besonderes ist“, erzählt Linda Detering. „So eine Gele- genheit kommt kein zweites Mal. Ich habe keine Sekunde lang gezweifelt!“ Auch Webmeisterin Steffens wusste, dass sie plötzlich eine würdige Nachfolgerin – nein, nicht gesucht, gefunden hatte! „Ich dachte erst, das kann doch gar nicht sein. Wer macht denn heute noch so etwas? Weberei, das ist doch nur was für Verrückte oder für besonders leidenschaftliche Menschen! Mein Bauchgefühl aber sagte mir: Die ist die Richtige! Die passt hierhin! Das mach’ ich jetzt!“ Immer häufiger kam Linda Detering nach Dornum, um in der Fiefschaft mitzuarbeiten und zu lernen. „Wir haben in dieser Zeit mehr gewebt als je zuvor. Alle Stühle wurden eingerichtet“, erinnert sich Handweberin Claudia Nordemann, die schon auf dem Dachboden bei Irene Steffens ihren Meister gemacht hatte und die „natürlich“ – wie ihre Kolleginnen im Dornumer Laden – von der neuen Besitzerin übernommen wurde. Die engagierten Damen wollten ihrer jungen Mitarbeiterin und künftigen Chefin alles zeigen, was möglich war. „Als Erstes habe ich unzählige bunte Geschirrhandtücher gewebt“, erinnert sich Linda Detering lachend. „Dann, nach und nach, webte ich alles, was so anfiel.“ Claudia Nordemann ergänzt: „Man muss natürlich langsam aufbauen, die unterschiedlichen Webtechniken kennenlernen, die Garne, Muster, Farbkombinationen.“ Handwerkliches Geschick, Kreativität, Fleiß und Geduld seien die Grundvoraussetzungen für diesen Job.

DIE WEBERSCHIFFCHEN FLITZEN

Gefallen an der Handweberei hatte Linda Detering schon immer. Während des Studiums in Schottland habe sie sich mit einer Webtechnik auseinandergesetzt, die auf japanischer Textilbearbeitung basiert, erzählt sie. „Doch das war eher ein analytisches Arbeiten. Mit der Handweberei, wie sie in Deutschland noch praktiziert wird, hatte das wenig zu tun. Und die Fiefschaft, sagt sie, das sei noch mal etwas sehr Besonderes. Und damit meint sie nicht nur die wertvollen alten Webstühle auf dem Dammspolder. Auch an neun weiteren modernen Webstühlen „über dem Laden“ am Dornumer Marktplatz, gleich neben der hübschen Wohnung der Inhaberin, flitzen die Weberschiffchen. Wir treffen Webmeisterin Claudia Nordemann wieder: „Ich mach’ hier die Gardinen“, lacht sie, und wir dürfen ihre wunderschönen Fensterbehänge bewundern. Jedes Teil ist ein Unikat! Auch kirchliche Textilien, wie aufwendig gewebte Behänge „Paramente“ (lat. das Bedeckende), die über dem Altar liegen oder die vor einem Altar oder der Kanzel hängenden „Antependien“ (lat. das Herabhängende) werden hier mit viel Liebe zum Detail handgewebt.

KLASSE STATT MASSE!

Am Anfang eines Webprozesses steht eine vage Idee. Während bei traditionellen Stoffen das Muster vorgegeben ist, sind bei modernen Geweben Fantasie und Kreativität gefragt. Die Arbeit beginnt mit einer detailgetreuen Zeichnung des Musters und der Berechnung des Materials. Denn Stoff ist nicht gleich Stoff. Welcher Stoff ist für welche Textilien geeignet? Welcher ist waschbar, ohne die Farbe zu verlieren? Im Ladenlokal der Fiefschaft im verträumten Dornum, unweit des barocken Wasserschlosses Norderburg, kann man die bezaubernden Resultate bewundern. Hier erwartet uns ein großes Angebot an hochwertigen, handgewebten Stoffen, modischer Kleidung, Wohntextilien, Tischware und Gardinen. Ein etwa 100 Jahre alter restaurierter Webstuhl aus der Flensburger Manufaktur Harald Marquardsen dominiert den geschmackvoll eingerichteten Verkaufsraum. Man spürt, dass die Zusammenarbeit der Damen in der Fiefschaft für alle bereichernd ist. Irene Steffens – so ganz loslassen will sie dann doch nicht – arbeitet noch an zwei Tagen in der Woche hier, um das Team zu unterstützen: „Ich hab’ hier einen Minijob“, schmunzelt sie. Linda Detering möchte auf die Erfahrung und Kompetenz ihrer Mitarbeiterinnen nicht verzichten. Für den Verkauf engagiert sich seit vielen Jahren Cornelia Feldhordt-Malinski; an der Nähmaschine ist Wilma Behrens der Profi. Von der Faser bis zur fertigen Textilie – jedes Teil wird individuell zugeschnitten und gegebenenfalls nach den Wünschen der Kundinnen und Kunden genäht. „Es ist wichtig und gut, wenn wir unsere eigenen Stoffe auch selbst weiterverarbeiten. Wir haben ja eine super Schneiderin; es wäre dumm, das aufzugeben“, sagt Linda Detering. Hauptsächlich kommen Naturfasern wie Leinen, Baumwolle, Seide und Wolle – zum Teil selbst gesponnen! – zum Einsatz. Die daraus gewebten und genähten Kleidungsstücke und Wohntextilien sind individuell und fantasievoll. Künftig möchte man in Dornum auch Alpakawolle verarbeiten. Kontakte zu einer Alpakafarm im Bundesland Bremen wurden bereits geknüpft. Die Alpakafaser zähle zu den wertvollsten und edelsten Naturfasern der Welt, sagt Linda Detering. Sie sei warm und seidig weich. Textilien aus diesem Material seien knitterresistent und bilden kaum Knötchen. Perfekt für den Webstuhl also. Als Erstes möchte sie Wolldecken aus dieser wunderschönen Faser mit herausragenden Thermoeigenschaften weben.

Die Leidenschaft der kreativen Damen gilt aber nicht nur Stoffen und Textilien. In ihrem kleinen bunten Ladenlokal am Dornumer Marktplatz findet man edles Kunsthandwerk aus aller Welt. Wohnaccessoires und filigraner Schmuck, Porzellan, Glas und Leder machen den besonderen Charme aus. Beim Spaziergang durch den historischen Ortskern des Mittelalterstädtchens Dornum, etwa zehn Minuten von der Nordseeküste entfernt, sollte man immer einen Besuch in der Fiefschaft einplanen. Hier kann man in Ruhe stöbern, sich kompetent beraten lassen und in jeder Ecke etwas Schönes finden.

Text: Susanne Höh Fotos: Peter Höh

Bandwebkurs mit dem Webkamm

Ein Webkamm, ein Weberschiffchen und etwas Baumwollgarn – mehr braucht es nicht, um schöne Bänder, Ketten, Gürtel, Lesezeichen u. v. m. zu weben. Ein Bandwebkurs in geselliger Runde von zwei bis fünf Personen dauert 2,5 Stunden. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Webgeräte werden gestellt.

Freundinnen unterwegs nach Dornum!

Ob zu einem Geburtstag, Jubiläum oder einfach zum Ausflug mit Freundinnen – das Team der Fiefschaft lädt Interessierte zu einem besonderen Vormittag in seinen Laden ein, um „bei schöner Musik, einem Gläschen Sekt, Tee und einer ostfriesischen Brotleckerei …“ sein Angebot zu präsentieren. Bei diesem „Exklusiv-Shopping“ kann man ganz gemütlich den Laden kennenlernen, in Ruhe ein paar Kleider anprobieren, ein bisschen stöbern und sich persönlich beraten lassen.

Max. 6 Teilnehmer Terminabsprache: Tel.: 04933 1572 oder mobil 0173 6254225

HANDWEBEREI FIEFSCHAFT

Ladenlokal: Kirchstraße 13

26553 Dornum

Tel.: 04933 1572

E-Mail: info@fiefschaft.de

Werkstatt: Dammspolder 26553 Dornumersiel Der Besuch der Werkstatt ist nach Vereinbarung möglich.