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„KI LIEFERT SEHR POTENTE WERKZEUGE – NICHT WENIGER UND NICHT MEHR.“


digit! - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 25.10.2019

Reinhard Karger, Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), über das Wesen Künstlicher Intelligenz sowie aktuelle und künftige Anwendungen im Imaging-Bereich.


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Bildquelle: digit!, Ausgabe 6/2019

Die denkende, „selbstbewusste“ Maschine ist denkbar, ihre Realisierung aber extrem unwahrscheinlich, sagt Karger.



„If people do not believe that mathematics is simple, it is only because they do not realize how complicated life is.“
John von Neumann, Mathematiker und einer der Väter der Informatik (1903-1957)


Herr Karger, alle reden von künstlicher Intelligenz, aber kaum einer weiß genau, was sich ...

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... dahinter verbirgt. Klären Sie uns doch bitte auf.

Reinhard Karger: Künstliche Intelligenz, abgekürzt KI, meint kurz gesagt die Digitalisierung menschlicher Wissensfähigkeiten. Dazu zählen das Verstehen von Sprache und das Erkennen von Objekten in Bildern, das Produzieren von Sätzen, Texten, von Geschichten oder das „Lesen zwischen den Zeilen“. In den meisten Fällen sind Menschen den Maschinen deutlich überlegen, auch wenn die KI in den vergangenen Jahren bemerkenswerte Fortschritte gemacht hat.

Wo hakt es denn noch?

RK: KI ist immer dann gut, wenn es um isolierte Betrachtungsweisen geht. Wesentlich dafür ist Mustererkennung durch künstliche neuronale Netze, das sogenannte Deep Learning. Dieser Prozess ist extrem datenhungrig, aber diese Herausforderung können wir dank neuer Rechner und Speichermedien inzwischen gut adres- sieren. Die KI lernt schnell hinzu – etwa die schriftliche Suche nach visuellen Objekten in nicht verschlagworteten Bildern. Sobald es aber um szenische Zusammenhänge geht, braucht es ein semantisches Situations- und Welt-Verständnis – und da stoßen die aktuelle KI-Verfahren immer noch an prinzipielle Grenzen.

Bei der Mixed-Reality-Produktion, einem Werkzeug der Industrie 4.0, lernt die Maschine von den Bewegungen des Anwenders.


Mensch-Maschinen-Interaktionen werden dank Schnittstellen wie „Wearables“ interaktiv.


Können Sie das konkretisieren?

RK: Ein Beispiel: Wenn ich sage, such mir ein Bild von einem Jungen und einem Hund auf einer Wiese, dann wird die KI das schnell aus einer großen Datenmenge herausfischen können. Wenn ich aber sage „Such mir ein Bild, bei dem ein Kind mit einem Hund streitet“, ist sie schnell überfordert. Zu erkennen, was Streit ist und was bloße Herumbalgerei, fällt uns relativ leicht, weil wir emphatisch sind und uns in Menschen und Situationen hineinversetzen und diese intuitiv deuten können. Eine Maschine kann all das nicht.

Wo hilft KI in der Fotografie konkret?

RK: Die Objekterkennung, also die textuell oder sprachlich gesteuerte Suche nach bestimmten Bildern, hat ein riesiges Potenzial. Sie kann uns lästige Routine-Aufgaben abnehmen, sodass wir das gewünschte Bild umgehend finden und die lästige Verschlagwortung von Bildern bald nicht mehr nötig sein wird. KI wird dabei helfen, große und oft redundante Bildmengen zu reduzieren. Denkbar sind künftig auch technische Problemlösungen hinsichtlich des Rechts am eigenen Bild. So könnte eine KI-App bei einem Foto mit mehreren Personen diejenigen identifizieren, die eine Erlaubnis zur Veröffentlichung gegeben haben. Die Software könnte dann die Gesichter der Personen unkenntlich machen oder gar durch computergenerierte Gesichter fiktiver Menschen ersetzen und so Probleme mit der DSGVO vermeiden helfen.

Inwieweit wird künstliche Intelligenz zu besseren Bildern führen?

RK: Das wird in vielen Bereichen der Fall sein. Etwa im Vorhinein durch Tipps oder auch während der eigentlichen Aufnahme. Was KI-gestützte Smartphones bei Freihandaufnahmen in dunkler Umgebung inzwischen leisten, ist wirklich verblüffend. Es wird zahllose Innovationen geben, die dazu führen, dass sich die Menschen neue Kameras zulegen, eine sehr positive Perspektive für die Fotoindustrie. Auch in der Postproduktion wird vieles passieren, von einer weitgehend automatisierten Retusche bis hin zur automatisierten Anpassung der Rohbilder an den persönlichen Look des Fotografen.

DFKI-Forscher Tim Schwartz, hier mit diversen Wearables, darunter Google Glass. Drahtlose Schnittstellen sind ein vielversprechender Weg für die Nutzung von KI-Lösungen.


Die Bedeutung der Bildsynthese im Rechner wird weiter wachsen.


Das bedeutet aber auch: Bestimmte Leistungen, die ich bislang als Fotograf abrechnen konnte, werden von einer Maschine übernommen?

RK: Das ist richtig, und das betritt nicht allein die Bildbearbeitung. Im Bereich Bildsynthese wird künftig sehr viel passieren. Per Sprachanweisung lassen sich dann Katalogbilder erstellen: von der Schraube bis hin zum synthetischen Model, das eine Kleiderkollektion präsentiert. Warum wird das eigentlich eingesetzt? Die Erfahrung zeigt: Sobald eine Technik auf den Faktor Convenience einzahlt, wird sie umarmt.

Perspektivisch stellt das den Beruf des Fotografen an sich infrage, oder?

RK: Diese Gefahr sehe ich nicht. Sportreporter werden trotz voraussagender Bildbeurteilung durch KI-gestützte Kameras immer noch besser beurteilen können, welches Teilmotiv sie im nächsten Sekundenbruchteil ins Visier nehmen müssen, also im Zweifel nicht den Ball, sondern die Spielerfrau. Portrait- oder Eventfotografen können sich dank der technischen Bildoptimierung durch KI stärker auf das konzentrieren, was ihre Arbeit im Kern ausmacht: die eigentliche Bildgestaltung und die Interaktion mit den Subjekten auf den Bildern. Das handwerkliche Können wird eine weniger wichtige Rolle spielen und Raum öffnen für das, was Menschen, aber gerade nicht Maschinen, haben: soziale und emotionale Intelligenz. Dass das Fotos ausgewählt wird, bei dem alle entscheidenden Personen die Augen offen haben, darum kümmern sich die Algorithmen.

Problemlösungen für Alltagsaufgaben. KI-Anwendung Augmented Reality, hier eine Allergie-Checker-App.

Müssen wir angesichts der weitgehenden Eingriffe unser Bild der Fotografie nicht grundsätzlich überdenken?

RK: Sicherlich, und das betrifft nicht allein das statische Bild. Gesellschaftlich gefährlich könnten „Deep Fakes“ von Entscheidungsträgern sein, also die Steuerung der Mimik und das In-den-Mund-Legen gefälschter Aussagen mittels synthetischer Stimmen und Lippensteuerung. Aber Eingriffe spielen auch in weniger kritischen Bereichen eine Rolle: Da TV-Nachrichten grundsätzlich in einem neutralen, emotionsarmen Ton vorgetragen werden, ist der Schritt hin zu künstlichen Nachrichtensprechern nicht mehr wirklich groß. In diesem Zusammenhang könnte man eine Kennzeichnungspflicht für künstliche Protagonisten diskutieren. Das Gesagte lässt sich auch für die Fotografie durchdeklinieren: Die Tatsache, dass Menschenbilder zunehmend per Photoshop „optimiert“ werden, ändert unsere visuelle Kultur und bereitet den Boden für künstliche Portraits. Aber es gibt noch einen anderen interessanten Aspekt: Die Bildästhetik bleibt ja nicht stehen. Nach dem Lochkamera- und Sofortbild- Revival, die ja mit dem Charme der Imperfektion spielen, kann ich mir vorstellen, dass künftig parallel dazu auch wieder authentischere Menschenbilder gefragt sind.

Visualisierung des Deep-Learning-Prozesses. Mustererkennung und damit gezieltes Bildsuchen dank künstlicher neuronaler Netze.


DFKI-Standort in Saarbrücken.


…die dann KI-gestütze Systeme errechnen?

RK: Denkbar ist das sicherlich.

Ist KI eigentlich kreativ im weitesten Sinne?

RK: Nein, künstliche Intelligenz kann zwar generativ und kombinatorisch absolut neue Dinge erschaffen, kreativ sein, kann sie aber nicht. Sie vermag vielleicht etwas zu erzeugen, das andere für Kunst halten, und sie kann Künstler beim Finden kreativer Dinge unterstützen – und das ist gut so. Aber sie ist ein Werkzeug, nicht mehr. Ist das Kunst, oder kann das weg? Diese Frage wird weiterhin der Mensch beantworten.

Abschließend: Wird es eines Tages so etwas wie maschinelles Bewusstsein geben?

RK: Das wäre dann der Schritt von der sogenannten schwachen zur starken KI, einer „denkenden“ Maschine, die sich ihrer selbst bewusst ist. Völlig auszuschließen ist ein Szenario wie in Kubricks Film „2001“, in dem der Computer HAL Gefühle zeigt und zu wissen glaubt, was gut ist und was schlecht, nicht. Um ehrlich zu sein, halte ich die Landung von Außerirdischen auf der Erde aber für wahrscheinlicher als die Realisierung einer selbstbewussten Maschine.

REINHARD KARGER, Jahgang (1961), M. A., studierte theoretische Linguistik und Philosophie in Wuppertal, war Assistent am Lehrstuhl Computerlinguistik der Universität des Saarlandes, wechselte 1993 zum Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, DFKI, in Saarbrücken. Seit 2011 ist er Unternehmenssprecher des DFKI. Karger war über zehn Jahre Mitglied der Jury des „Ausgezeichnete Orte“-Wettbewerbs und ist seit Juni 2019 Botschafter von „Deutschland – Land der Ideen“. Von Mai 2014 bis Juni 2017 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen e. V. (DGI). Seit Februar 2017 ist er MINT-Botschafter des Saarlandes, und im März 2018 wurde er zu einem der 100 Fellows des Kompetenzzentrums für Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes ernannt.
www.dfki.de