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KILOMETER IM LINKSVERKEHR


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Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 15.06.2022
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Der Morgen ist fest unter den Füßen der Laufenden. 250 Beinpaare, die zwischen Strandpromenade und Inselstraße wuseln. Ein paar wenige, die sich zu Warm-up-Beats und einer Stimme wie eine Peitsche geordneter, auf und ab, vor und zurück bewegen. 250 Körper, trainiert für diesen Tag. Wir befinden uns auf Malta, in Sliema, was „Frieden“ heißt. Es ist Sonntag. Es ist 6:30 Uhr. Wir haben noch eine halbe Stunde bis zum Startschuss. Wer nicht gleich laufen wird, schläft noch, so viel ist sicher. Das Meer liegt ruhig, selbst den Möwen, den Wellen ist es zu früh, die Wetter-App spricht von 14 Grad, die Sonne nickt, an den Dixie-Klos kaum Schlangen. Die Stimmung ist gut.

Der niederländische Journalist, mit dem ich gemeinsam aus dem Hotel zum Startgelände chauffiert worden bin, und ich legen unsere Kleiderbeutel an den Straßenrand, wo aufmerksame Helferinnen sie auch gleich den Startnummern nach ordnen. Als ...

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... der Niederländer sich hinunterbeugt, schiebt sich seine Hose ein wenig hoch, man kann seine beiden Tattoos auf den Oberschenkeln sehen: zwei Langstreckenläufer, zwei historische Figuren, die ein klares Ziel vor Augen haben. Ich schaue mich um. Sie sind in guter Gesellschaft.

Wir laufen den ersten La Valette Marathon. Gleich wie das Rennen verläuft, werden heute 42,2 Kilometer maltesische Geschichte geschrieben. 42,2 Kilometer, damit läuft man gefühlt, oder vielleicht tatsächlich, die halbe Insel ab. Malta hat eine Fläche von 316 km², was ungefähr der Größe Bremens entspricht. Während Bremen aber nur ein Bundesland ist, ist Malta ein eigener Staat; zwischen Tunesien und Italien, mitten im Mittelmeer. Alle waren hier: die Karthager, die Römer, die Byzantiner, die Araber, die Kreuzritter, die Ottomanen, die Engländer. Man spricht maltesisch („eine semitische Sprache“, wie man mir gerne erklärte; ein Arabisch, das italienisch ausgesprochen wird und mit italienischen, französischen und englischen Wörtern bestückt, wie ich mir selbst gerne erkläre). Aber beinahe genauso spricht man englisch. Und genau das höre ich jetzt auch von allen Seiten, von den Maltesern und den sonnenhungrigen Briten.

Mit dem Verkehr laufen

Es ist 6:55 Uhr, wir stehen in der Startaufstellung, links von uns das stille Meer, rechts eine Häuserflut aus maltesischem Dwejra-Kalkstein. Ich habe schlecht geschlafen und nicht gut gegessen, ich fühle mich voll. Die letzten Anweisungen erfolgen: „Please remember to always run on the left side, we are running with the traffic, not against.“ (Linksverkehr, richtig, denke ich und wundere mich, dass mir das nach anderthalb Tagen noch nicht aufgefallen ist; und erst dann sickert es, wir laufen mit dem Verkehr?). Eine zweite Ansage: „Gleich wird eine Trompete eine historische Fanfare spielen, danach werden Schüsse aus zwei Musketen abgegeben. Bitte lauft erst dann los.“ Kurz danach hört man den Ton einer Fanfare, darauf einen Schuss aus einer historischen Muskete (die zweite Muskete, diejenige, auf die ich mich konzentriere, streikt, was mich kurz irritiert und mein Loslaufen verzögert). So geschieht es also, historisch bis in alle Ewigkeit: Drei in Reenactment-Kleidung verpackte Malteser schicken die Läuferhorde auf die Strecke. Ich verstehe: Sport, Geschichte und Meer sollen symbiotisch verbunden werden. Kein fliegender, ein schmunzelnder Start.

Wie immer zu Beginn eines Marathons suche ich nach anderen Laufenden, die ein ähnliches Tempo laufen wie ich. Ich bin nicht in Form und habe mir ohnehin vorgenommen, diesen Marathon nicht mit Zeitziel, sondern als Beobachtungsreise zu laufen, mit aufmerksamem literarischen Blick, mit Notizen, die ich mir im Kopf mache und an die ich mich hinterher zu erinnern hoffe. Ich peile eine 4:30er-Pace an. Abwechselnd schaue ich auf die Uhr und die anderen Laufenden, die sich schon früh wie eine Ziehharmonika – eine kleine Strandmusik – auseinanderziehen. Vorne weg, hinten weg. Wir laufen jetzt schon jeder für sich, einzelne Punkte auf leeren Straßen, nach den Gesetzen von Fitness und Wille geordnet. Natürlich war der Start zu schnell, ich stehe bei einer 3:55er-Pace, es fällt mir schwer, langsamer zu werden, ich stelle mich auf ein einsames Rennen ein. Was okay ist: Sightseeing auf Malta, ganz ungestört.

Vorbei an schunkelnden Masten, darunter die Yachten, weiß, in der Überzahl, dahinter das Meer. Kirchen. Trutzige Befestigungen des Malteser Ordens. Ich laufe vorbei an ihnen allen: den schunkelnden Kirchen; Meeresluft; trutzigen Mauern. So geht es eine ganze Weile. Landeinwärts dann plötzlich – wie eine weitere historisch anhauchende Überraschung der Organisatoren – Häuser im viktorianischen Stil, britische Gardinen mit Kräuselband. Ich laufe vorbei an Restaurants und Cafés, die Mamma Mia, Busy Bee Café oder Uncle Matt’s Kitchen heißen. Ich rieche die frittierten Spezialitäten noch nicht, die Pastizzi, die Ftira, das Imqaret (Gebäck in Diamantenform, mit Datteln gefüllt) – aber ich weiß, dass sie zu riechen sein werden, sobald der Dunst der Laufenden verweht ist. In den dunkel getönten SUVs am Seitenrand sehe ich die schon nach drei Kilometern schwitzende Spiegelung meines Selbst. Ich sehe kaum Menschen, ich sehe auf die Uhr: es ist nicht einmal halb acht. Die Kilometerzahlen sind auf den Boden gemalt, dort, wo der Blick spätestens ab Kilometer 30 eh gerichtet ist, praktisch. Da auf dem Bürgersteig, Frau und Pudel, mit Föhnfrisur.

Mir kommen die Beschreibungen Günter Herburgers in den Sinn, die Zeiten, bevor Marathon Breitensport geworden ist: durch die noch in der Faszination des Marathons ungebildeten (ergo nicht erscheinenden) Zuschauenden leeren Strecken, komplizenhafte Blicke einer eingeweihten laufenden Minderheit, absurde Streckenverpflegung (mein Liebling: Knäckebrot) und „Schwämme (…), die lange Zeit im Familienleben eine Putzrolle spielten“. Gegen Marathongedanken kann man wenig ausrichten.

Die beiden Malteser und ich

Auf einer Gerade dann zwei Läufer in roten Shirts, doppelt herausgehoben, auf der grauen Straße, vor dem hellen Kalkstein. Die laufen ein gutes Tempo. Ich beschleunige etwas (jetzt nur nicht zu schnell, sonst wird das gedankliche Notizenmachen überfordert!), fühle mich paradoxerweise leichter dadurch und schiebe mich an sie heran. Wenn ich mit denen mitlaufen könnte. Ich übertrage die taktischen Gedanken als Aufforderungen an meinen Körper, mein Körper reagiert und sendet Signale zurück. Ich sauge mich heran an die beiden, bis ich an ihnen klemme wie eine Klette. Wir laufen jetzt zu dritt, die beiden Malteser und ich. Alix heißt der eine, er trägt einen Man Bun, Steve der andere, hat eine Glatze. Ohne Worte einigen wir uns auf eine 4:15er-Pace. Ich denke: Das macht ganz schön Spaß.

Dann denke ich: Es ist heiß. Wo ist die nächste Getränkestation? Die Getränke werden in kleinen Plastikflaschen ausgegeben, an kleinen Ständen, aus kleinen Händen, was bei der überschaubaren Größe des Marathons noch funktioniert, bei großer Läuferverdichtung aber sicher in Chaos und Karambolagen enden würde.

Die kleinen Wasserflaschen sind hervorragend: Ich weiß jetzt schon: Ich werde so viel trinken wie bei keinem Marathon zuvor (bei acht Getränkestationen, alle fünf Kilometer 300 Milliliter, müssen es insgesamt 2,4 Liter sein). Ich trinke in gierigen Schlucken, den Rest über den Kopf; bei der wenig beschatteten Strecke und den verführerischen Blicken aufs Meer sicher eine gute Idee.

„There’s the finish“, sagt einer der beiden Malteser vor mir, dabei sind wir noch keine 15 Kilometer unterwegs. Tatsächlich sieht man die Ziellinie an der Spitze der Bucht, hinter weiteren Masten und vor Kalkstein, auf der anderen Seite. Der zweite Malteser mahnt zur Konzentration – wir heben uns das Ziel für später auf, laufen weiter Richtung Süden. Dort holen wir nach ein paar weiteren Kilometer John ein, der vor zwei Wochen den Boston-Marathon gelaufen ist. „I don’t even know if I will finish“, wirft er uns lächelnd und Schulter zuckend zu. „Sure you will“. Und schon sind wir weg.

Im Hafen werden wir von ein paar Mitarbeitern der Sponsoren empfangen. Sie feuern uns an und halten Transparente hoch. „Thumbs up, if you’re feeling exhausted“ steht auf einem. Ich fühle mich gut, will das zeigen, habe den Daumen schon halb gehoben – bis ich das Schild verstehe. Die kognitive Arbeit, der Versuch zu verstehen, die erschöpft beinahe mehr als das Laufen. Im Hafen riecht es nach Fisch und Schmieröl, dicke Taue halten die Schiffe an Land (an einem der maltesischen Burgen haben die Engländer alte Kanonen als Schiffspoller genutzt, hier sind sie aber ganz gewöhnlich, funktional). Eine weite Fläche für sechs Läuferbeine im selben Rhythmus, der Hafen, der einen gedanklich verschluckt.

Eine authentische Umsetzung des Konzepts Straßenlauf

Der Hafen ist ein Transit-Ort, denke ich. Die Straße ist ein Transit-Ort. Das Meer ist ein Transit-Ort. Im Laufen werden alle Orte zu Transit-Orten. In denen die eigene Körperlichkeit bewusst wird, weil der Körper durch sie hindurchreist. Orte, die man mit klatschenden Schritten betritt, und die im nächsten Moment schon Erinnerung sind. Das, was einem während des Laufens geschieht: schmerzhaft, schön – Begleiterinnerungen, noch bevor sie von der Langeweile überholt werden können.

Immer noch keine Zuschauenden. Dafür mehr Autos, Kreisverkehre, die von den Stewards freigehalten werden. Eine eigene Sprache: die flache Hand als Stopp für die Fahrenden, der gestreckte Arm als Richtungsweisung für die Laufenden. Und alles andersherum als mein deutsches Gehirn gewohnt ist, beinahe wird mir schwindelig. Rechts eine weitere Kirche, links eine Katzenkolonie, 25, 30 leuchtende Augenpaare, die sich wundern, wie man sich so gehetzt fortbewegen kann. Aber wir sind doch gar nicht gehetzt, rufe ich ihnen zu. Aber sie tun so, als hörten sie es nicht.

Mittlerweile laufen wir eine Schnellstraße entlang, ein gerader schmaler Streifen, am äußersten linken Rand. Von den Autos nur abgetrennt durch rote Pylonen, die Durchgang für jeweils einen Laufenden bieten. Laufen mitten im Verkehr: das ist roh, das ist ursprünglich – das ist eine authentische Umsetzung des Konzepts Straßenlauf. Die Autos fahren rücksichtsvoll, nur schwanken sollte man nicht, sich zusammenreißen. Und wenn ein LKW wenige Zentimeter an einem vorbeirauscht, dann ist das ein wahres Abenteuer. Nein, dir wird nicht langweilig bei einem Marathon, nicht beim Le Valette Marathon.

Ich laufe konzentriert und denke an Murakamis Lauf von Athen nach Marathon, den er in „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ beschreibt, durch die Hitze Griechenlands: „ein starker Wind, der auf der Haut brennt“, dicht vorbei an Autos, LKWs und Stein. Schwieriger als das Hupen sicher die verständnislosen Blicke. Aber gleichzeitig auch so schön: eben nicht von allen verstanden zu werden – die innere Motivation, das eigene Glück als Geheimnis. Jedes Mal, wenn jemand mich bei langen und örtlich wilden Läufen (oder beim Berichten darüber) komisch, unverständig anschaut, muss ich unwillkürlich lächeln. Es dröhnt, als der nächste LKW dicht an mir vorbeizieht.

An der Straße zu laufen hat eine eigene, eine kraftvolle Poesie

In den Zwanzigern muss Alix abreißen lassen. Dabei läuft es gerade so gut, wir als zufälliges Team, verdammt schade. Ich muss mich entscheiden, ob ich mich auch fallen lasse oder zu Steve aufschließe, der das Tempo ein wenig erhöht hat. Alix hinter mir entscheidet für mich, „Go“! Ich nicke ihm zu, bis später. Als ich neben Steve angekommen bin, beginnen wir umstandslos uns zu unterhalten. Das ist eine neue Erfahrung für mich, während des Marathons sprechen. Immer wenn ein Auto an uns vorbeifährt, müssen wir schreien. Steve ist Händler, er importiert Teppiche aus Afghanistan und dem Iran. „Was ist das Laufen für dich?“, frage ich ihn. Er überlegt kurz (oder vielleicht ringt er nach Atem), dann antwortet er: „Bewegung.“ „Fortbewegung?“, frage ich. „Oder Hinbewegung?“ Wieder eine Hechelpause. „Ich würde sagen weder fort noch hin. Es geht einfach darum, sich zu bewegen.“ Ich warte noch kurz, aber das scheint es zu sein. Ein unbestimmter, ungezielter Transit.

Als wir unsere Bestzeiten und die schönsten Läufe auserzählt haben, frage ich Steve noch, ob ihm das Inselleben nicht auf den Kopf fällt. Er schüttelt, dieses Mal ganz bestimmt, den Kopf. „Ich reise doch regelmäßig: zum Trailrun nach Gozo, zum Triathlon nach Madeira und nächstes Jahr zum London-Marathon.“ Aber das sind auch alles Inseln, denke ich. Ich sage, „Und wie wäre es mit dem Berlin-Marathon?“ Vielleicht, ja vielleicht – wenn Berlin eine Insel wäre.

Zu früh gejubelt 

Wir sind mittlerweile im Süden der Insel angekommen, laufen an den Fischerorten Birzebbugia und Marsaxlokk vorbei, vorne kleine Boote friedlich im Wasser, dahinter die Speicher des Delimara-Kraftwerks, Maltas Hauptstromerzeuger, importiertes flüssiges Erdgas. Ich fühle mich tatsächlich immer energetischer, halte weiterhin die 4:15er-Pace. Steve muss jetzt abreißen lassen, 10 Kilometer sind es noch bis zum Finish, dieses Mal wirklich. „Come on“, sage ich noch, und er nur, „Go“. Also gehe ich. Mit schnellen Schritten, als ob ich nie etwas anderes gemacht hätte. Ein paar Straßenecken weiter sehe ich die Frau mit Pudel und Föhnfrisur wieder, zwei Drittel Marathon entfernt vom letzten Mal, sie ist es ganz sicher. Ich winke ihr zu, aber sie erkennt mich nicht. Ich bin ein Transitläufer; nicht im Transit, sondern das Transit selbst.

Nicht mehr weit und langsam bekomme ich das Gefühl, die Strecke noch einmal zu laufen, rückwärts dieses Mal: ein gestopfter Kreisverkehr, meine Schritte prasselnd zwischen den Autos, jetzt auch im Wettstreit. Ich rieche das Meer, mittlerweile sind auch die Möwen wach, ihr Kreischen ist als Anfeuern zu verstehen. Es ist 9:30 Uhr, erste Touristen kriechen aus ihren Übergangsbehausungen. Sie wollen über die Besiedlungswellen Maltas lernen, über die Geschichte von der rätselhaften Megalithkultur bis zum EU-Beitritt. Erst im letzten Moment weichen sie mir, dem verrückten Läufer (was macht er da?), aus. Ich schaue in die Vergangenheit, auf die Uhr für die verstrichene Zeit und auf den Boden, für die absolvierten Kilometer: 37. Ich wage den Versuch, in die Zukunft zu schauen: Im Kopf überschlage ich: Wenn ich das Tempo halte, schaffe ich es unter drei Stunden. Eine gute Zeit für mich heute in Anbetracht meiner Form, der maltesischen Wärme und der fast 300 Streckenhöhenmeter. Jetzt habe ich ein Ziel. Jetzt werde ich keine Zeit mehr für gedankliche Notizen haben. Jetzt werde ich mir alle Erinnerungen durch das Erreichen der Erschöpfungsgrenze aus dem Gedächtnis laufen. Das ist okay, man wird es mir nachsehen.

Das Ziel befindet sich in den Three Cities of Malta, Vittoriosa, Senglea und Cospicua, die über Jahrhunderte am Leben gehalten wurden, durch Pflege und „the occasional miracle“. Zwischen den Mauern einer Malteserburg und Begrenzungswall hallt mein Hecheln beinahe bedrohlich, ich tackere mit steifen Beinen über den Asphalt, atme die Halbmarathonläuferinnen vor mir aus dem Weg. Sie erschrecken sich, dann feuern sie mich an. Ich versuche, mich so gut es geht zu revanchieren. Mehr als ein angestrengtes Nicken wird es nicht.

Schließlich der Jubel zu früh, 200 Meter vor dem Ziel, man winkt hektisch, witzig. Eine Parallele zu Berlin: Auch hier steht ein falsches Tor an prägnanter Stelle. Im Ziel die jubelnden Verwandten und Freunde, was für ein Empfang. Hier drängen sich die Zuschauenden, die vorher an der Strecke noch in fantasievoller Eigenarbeit vorzustellen waren. Die Sonne steht jetzt hoch am Himmel, es ist 10 Uhr: weiße Masten vor blauem Wasser, Meeresduft und Kalkstein. Die Siegerehrung folgt unmittelbar auf den Einlauf der drittplatzierten Frau. Neben unterarmgroßen Pokalen werden teure Laufuhren verteilt. Viele bleiben noch für ein paar Fotos, niemand will so richtig nach Hause, man gleitet ausgeglichen wie selten in die Atmosphäre. Urlaubsflair. Manche schwanken über den Mittagsboden, eine Vorschau auf die nächsten Tage. Die Stimmung ist gut. Ich schlage noch ein mit meinen Transitmitreisenden, Steve und Alix, die gerade ins Ziel laufen. „Well done“, sagen wir gleichzeitig, „congrats“. „Und“, wende ich mich an Steve, „beim nächsten Mal sehen wir uns in Berlin?“ „Warum eigentlich nicht“, antwortet er. Anscheinend hat er im Lauftaumel vergessen, dass Berlin keine Insel ist. Oder vielleicht ist das Laufen eine.