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KIND UND KUNST: DAS LETZTE TABU


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 31.01.2019

Sex, Tod, Politik: Die Kunst kann heute alles zeigen. Aber Kinder? Sie sind kein Thema. Vor allem für ihre Mütter gelten sie als Killer einer Künstlerkarriere. In unserem SPEZIAL zeichnen wir die Geschichte dieser erstaunlichen Diskriminierung nach und zeigen die neuen Mutterbilder. Dazu fragen wir Künstlerinnen und Künstler, was Elternschaft für sie bedeutet – und wie nicht nur das Leben, sondern auch die Kunst durch Kinder reicher werden kann


Artikelbild für den Artikel "KIND UND KUNST: DAS LETZTE TABU" aus der Ausgabe 2/2019 von Monopol. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

LOUISE BOURGEOIS „THE WOVEN CHILD“, 2002


Foto: Christopher Burke, © The Easton Foundation, © Louise Bourgeois, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

ALICE NEEL „PREGNANT JULIE ...

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... AND ALGIS“, 1967


Bis heute ist dieses Ideal des GENIES in den Köpfen: Ein Künstler lebt für seine Kunst, gibt alles für sie auf, ist Künstler durch und durch


Das allererste bekannte Kunstwerk der Welt zeigt eine Mutter. Wir wissen nicht, wer die Venus von Willendorf geschaffen hat, ob ein Mann oder eine Frau. Wir wissen auch nicht, welchen kultischen Zwecken sie diente. Aber dass dieser üppige Körper die Fähigkeit der Frauen feiert, Kinder zu gebären, sehen wir auf den ersten Blick. Auch in der christlich-abendländischen Kunstgeschichte ist die Mutter eines der wichtigsten Motive: in Gestalt der Maria mit dem Jesuskind. Geschaffen wurden diese Bilder allerdings zum überwältigenden Teil von Männern. Sie zeigen die Frau als unbefleckte Heilige ohne Sexualität und imaginieren eine Mutterschaft ohne Körper und ohne Chaos. Diese Bilder sind Projektionen des männlichen Blicks, liebliche Domestizierungen der natürlich schöpf erischen Kraft der Frauen – nichts, was mit der Realität von Mutterschaft irgend - etwas zu tun hätte.

Jahrhundertelang sah die Ideologie der westlichen Kunstgeschichte vor, dass der Künstler ein männliches, weißes Genie ist, das seine gesamte Existenz der Kunst widmet. Bis heute ist dieses Ideal in den Köpfen: Ein Künstler lebt für seine Kunst, gibt alles für sie auf, ist Künstler durch und durch. Genauso lang hat die bürgerliche Gesellschaft von Müttern erwartet, dass sie etwas anderes ins Zentrum ihres Universums stellen: ihre Kinder. Beides gleichzeitig scheint unmöglich. Auch in den Köpfen vieler Frauen.

Man kann die angebliche Unvereinbarkeit von Kunst und Mutterschaft ganz pragmatisch auf die viel diskutierte Kollision von Erwerbsarbeit und Kindererziehung zurückführen. Kinder brauchen Zeit, je kleiner, desto mehr, ihre Betreuung muss organisiert werden. Und solange eine Gesellschaft die Verantwortung dafür den Frauen allein zuschiebt, so lange haben sie auch die Konflikte zwischen Arbeit und Familie exklusiv.

Doch die ideologischen Vorbehalte gegen Künstlermütter sitzen tiefer. Denn natürlich haben auch anerkannte Künstlergenies à la Picasso Energie und Zeit mit anderen Dingen verbracht als mit Kunstproduktion. Mit Sex, Beziehungschaos, Partys, Alkohol und Drogen zum Beispiel. All das wird geradezu als Voraussetzung gesehen, um künstlerisch tätig zu sein – im Gegensatz zu den an Dramatik auch nicht armen Erfahrungen von Schwangerschaft, Wochenbett und Stillen und dem Leben mit Kindern.

Dass das weibliche Geschlecht nicht nur zum biologischen, sondern auch zum künstlerischen Schöpfertum fähig ist, wird heute wohl kaum mehr angezweifelt. Der angebliche Widerspruch einer Künstlerexistenz zur Mutter rolle dagegen taucht in jeder Generation neu auf. In dem Buch „Mutterschaft“ der kanadischen Bestsellerautorin Sheila Heti, das in diesen Tagen auf Deutsch erscheint, diskutiert die Erzählerin auf fast 300 Seiten mit sich selbst und ihrem Partner darüber, ob sie ein Kind bekommen soll oder nicht. Er sagt, dass man entweder ein guter Künstler und ein mittelmäßiges Elternteil sein könne – oder umgekehrt, weil sowohl Kunst als auch Elternschaft die gesamte Aufmerksamkeit erforderten. Er selbst ist bereits Vater, seine Tochter lebt nicht bei ihm – eine Tatsache, die ihm an keiner Stelle im Buch vorgeworfen wird. Dass er in dem Dialog die Vokabel Elternschaft verwendet statt Mutterschaft, ist allenfalls kosmetisch zu verstehen – selbstquälerische Abhandlungen von Männern, die zwischen ihrem Künstlersein und ihrem Kinderwunsch abwägen, sind bislang noch nicht bekannt. Am Ende hat die Erzählerin zwar ihr Buch geschrieben, aber kein Kind bekommen.

LOUISE BOURGEOIS „MOTHER“, 2008


HEJI SHIN „BABY 12“, 2017


MARY KELLY „PRIMAPARA, BATHING SERIES“, 1974 (DETAIL)


Die Konzeptkünstlerin MARY KELLY dokumentierte in ihrem „PostPartum Document“ (1973–79) die Erfahrung von Geburt und Babyzeit


Es sind häufig die Frauen selbst, die an dem Mythos der Unvereinbarkeit von Mutterschaft und Kunst fortstricken. Marina Abramović sagte 2016 in einem Interview: „Ich habe dreimal abgetrieben, weil ich überzeugt war, dass ein Kind ein Desaster für meine Arbeit wäre. Man hat nur so und so viel Energie in seinem Körper, und die hätte ich teilen müssen. Das ist meiner Ansicht nach der Grund, warum Frauen in der Kunstwelt nicht so erfolgreich sind wie Männer. Es gibt jede Menge talentierter Frauen. Warum übernehmen die Männer die wichtigen Positionen? Ganz einfach: Liebe, Familie, Kinder – all das will eine Frau nicht opfern.“

Abtreibungen begleiten die Geschichte der Frauen in der Kunst seit dem 20. Jahrhundert, von der amerikanischen Malerin Joan Mitchell, die mehrere Schwangerschaften beendete, bis zu der indischen Ausnahmekünstlerin Amrita Sher-Gil, die 1941 höchstwahrscheinlich an den Folgen einer von ihrem eigenen Ehemann vorgenommenen Abtreibung starb. Meret Oppenheim, die sich als eine der wenigen Frauen im Surrealismus behauptete, malte 1931 eine Frau mit Engelsflügeln und Baby im Arm, dem das Blut aus der durchgeschnittenen Kehle tropft. Oppenheim sagte, sie habe diesen „Würgeengel“ als eine Art Talisman gegen das Schwangerwerden geschaffen, damit sie weiter Kunst machen konnte.

So wie viele Feministinnen der 70er-Jahre die Familie als Keimzelle der Frauenunterdrückung abschütteln wollten, so sahen auch viele Künstlerinnen ihre einzige Chance in einem Leben ohne Kinder. Dass beide Partner gleichermaßen für die Kindererziehung verantwortlich sein könnten, war für die frühen Feministinnen offenbar so wenig denkbar, dass es noch nicht einmal gefordert wurde.

Damit blieben den betroffenen Individuen nicht nur bestimmte Lebensoptionen verschlossen, auch in der Kunst fehlt ein riesiger Themenbereich, der für das menschliche Leben zentral ist. Jeder Mensch ist von einer Frau geboren worden, Schwangerschaft und Geburt sind gleichzeitig die alltäglichsten und außerordentlichsten Vorgänge der menschlichen Existenz. Aber hat irgendjemand außer Alice Neel, die in den 40er- und 50er-Jahren in Spanish Harlem zwei Söhne großzog, im 20. Jahrhundert schwangere Frauen so nah an der realen Erfahrung gemalt? In ihrem Bild „Pregnant Julie and Algis“ von 1967 liegt eine Nackte im vielleicht achten Monat hingestreckt auf dem Bett, eher selbstbewusst als verletzlich. Man sieht kein Ideal, sondern die erweiterten Adern, den zur Brutstätte transformierten schweren Körper. Und den Mann, fast schüchtern dahinter versteckt, angezogen, unverwandelt.

Mary Kelly blieb es überlassen, Mutterschaft in die Konzeptkunst einzuführen. In ihrem „Post-Partum Document“ (1973–79) dokumentierte sie die Erfahrung von Geburt und Babyzeit mit ihrem Sohn im Stil der strukturalistischen Kunst der Zeit. Sie archivierte Windeln und Gewichtskurven, systematisierte die Erfahrungen des Stillens und den Spracherwerb wie eine Anthro pologin beim Selbstversuch und konfrontierte die Bilder des Babys mit Lacans Theorien der Subjektwerdung.

Erst die Werke der realen Mütter können das Thema Kinder hinter dem idealisierenden Schleier hervorholen. „Meine Kinder sind die Quelle des exquisitesten Leides, das ich je erfahren habe“, schrieb die amerikanische Schrifstellerin und Feministin Adrienne Rich 1960 in ihr Tagebuch – sie hatte drei Söhne unter fünf Jahren zu versorgen und kam nicht zum Schreiben. „Es ist das Leid der Ambivalenz: die mörderische Abwechslung von bitterem Groll und blank liegenden Nerven und seliger Dankbarkeit und Zärtlichkeit.“

COURTNEY KESSEL „IN BALANCE WITH“, SEIT 2010


Den oft beschworenen BALANCEAKT zwischen Beruf und Familie setzte Courtney Kessel mit ihrer Performance „In Balance With“ (seit 2010) mit Tochter Chloé in Szene


Die Qual der genervten, im Hausfrauendasein eingesperrten, intellektuell unterforderten und gleichzeitig liebenden Mutter zieht sich auch durch das Werk von Louise Bourgeois. 1943 zeichnete sie eine Mutter, die ihr Baby frisst wie Saturn seine Brut. „Ich verschlinge es“, schrieb sie. „Ich stopfe damit mein Maul, weil ich nicht weiß, was ich mit ihm anfangen soll.“ Im Spätwerk tauchen die schwangeren Körper, die Brüste und mütterlichen Leiber, die Babys halten, in ihren Aquarellen, Zeichnungen und weichen Skulpturen als nährende, lustvolle, schützende Figuren wieder auf.

Kinder zu gebären ist eine extreme Erfahrung, die die Grenzen des bisherigen Lebens sprengt und den Körper gespalten und blutig zurücklässt. Die niederländische Fotografin Rineke Dijkstra hat das in ihrem „New Mothers“-Zyklus von 1994 auf einmalige Weise sichtbar gemacht. Die Frauen stehen nackt vor der Kamera, ihre winzigen, noch feuchten Neugeborenen unsicher an sich gedrückt, leises Entsetzen über das Erlittene und Staunen über das neue Leben im Blick. Eine von ihnen trägt eine dieser lächerlichen Einmalunterhosen, wie man sie im Krankenhaus bekommt, um den Ausfluss aus der Gebärmutter aufzufangen.

Die Fotografin Heji Shin hat 2016/17 mit einer sensationellen Serie die Perspektive noch näher an das Körperliche gerückt: Die Kamera blickt direkt zwischen die Beine der Frauen, man sieht das Blut, die zerdrückten Köpfchen, die sich schon in die Welt gekämpft haben, während der Körper noch im Geburtskanal steckt. Angesichts dieser Bilder wirkt Courbets „L’Origine du Monde“ plötzlich idealisiert wie eine Windelwerbung. Der Beginn eines neuen Lebens ist brutal und schön, profan und erhaben zugleich.

Den oft beschworenen Balanceakt zwischen Beruf und Familie, der danach kommt, setzte Courtney Kessel mit ihrer Performance „In Balance With“ (seit 2010) in Szene: Auf der einen Seite einer Wippe sitzt ihre Tochter Chloé, auf der anderen Kessel. Sie baut so lange Objekte aus dem Familienalltag um die Tochter herum – Bücher, der Fernseher, Spielzeug, Kleider, ein Fahrrad –, bis die Wippe in die Balance kommt. Bewegt sich die Tochter, muss die Mutter ausgleichen. Kessel hat das Problem der Kinderbetreuung bei dieser Performance perfekt gelöst – indem sie ihre Tochter in das Kunstwerk integrierte. Die Performance ist vorbei, wenn das Kind keine Lust mehr hat.

CATHERINE OPIE „SELF PORTRAIT/NURSING“, 2004


In der jüngeren Generation werden die Künstlerinnen immer mehr, die die Erfahrungen der Mutterschaft nicht als Hemmschuh, sondern als Ressource für ihre Kreativität sehen. Jedes Tabu lädt ein, es zu brechen, jede Norm ist gemacht, um sie zu überschreiten. In ihrem „Self Portrait/Nursing“ (2004) verwandelt Catherine Opie die klassische Marienpose in eine Provokation. Die queere Aktivistin zeigte sich selbst beim Stillen ihres Sohnes, tätowiert und mit blassen Narben über den schweren Brüsten, die sie sich selbst für eine frühere Kunstaktion hineingeritzt hatte: „Pervert“ ist da zu lesen. Die afroamerikanische Künstlerin Andrea Chung erklärt in dem amerikanischen Dokumentarfilm „Artist and Mother“, dass sie vor dem prognostizierten Karriereknick als Mutter keine Angst hatte: „Als schwarze Frau habe ich schon so viele Nachteile, da macht ein Kind keinen Unterschied mehr.“ Ihre Kollegin Kenyatta A. C. Hinkle bekam ihr erstes Kind direkt nach dem Abschluss am Cal Arts College und startete ihre Karriere bereits als Mutter. „Ich fand das extrem inspirierend – man ist ja selbst so eine Art 3-D-Printer“, sagt die 1987 geborene Afroamerikanerin. Dass ihr schwarzer, schwangerer Körper sich auf so viele Arten von dem unterschied, wie ein Schöpfer in der Kunstgeschichte auszusehen hat, empfand sie als größte Motivation, richtig loszulegen.

Der eigene 3-D-Printer zu sein, diese Fähigkeit können Frauen auch im 21. Jahrhundert nicht mit dem anderen Geschlecht teilen. Aber die existenzielle Erfahrung, ein Baby, Kleinkind oder auch einen Teenie durch den Alltag zu begleiten, steht heute allen Geschlechtern offen, jenseits der Biologie. Nicht nur Mutterschaft, auch Vaterschaft ist ein von der Kunstgeschichte bislang vernachlässigtes Sujet. Wenn es gut läuft, wird auch das sich ändern.

LAUREL NAKADATE „CHEWBACCA“, 2016


Fotos: © The Estate of Alice Neel, Courtesy David Zwirner. Christopher Burke, © The Easton Foundation, © Louise Bourgeois, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Fotos: Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York. Courtesy the artist and Pippy Houldsworth Gallery, London, © Mary Kelly, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Fotos: Courtesy the artist. © Catherine Opie, Courtesy Regen Projects, Los Angeles and Lehmann Maupin, New York, Hong Kong, and Seoul