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Kintsugi


bewusster leben - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 02.05.2019

Die japanische Form der Resilienz: Wie man aus Scherben ein neues Leben aufbaut


Artikelbild für den Artikel "Kintsugi" aus der Ausgabe 3/2019 von bewusster leben. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: bewusster leben, Ausgabe 3/2019

Eigentlich weiß man doch, dass man beim Abwaschen der zarten Tasse, ein Erbstück von den Großeltern, besonders aufpassen muss und vor allem: sie nicht in die Spülmaschine stellen sollte. Undman weiß auch, dass die altertümliche Vase, die man vor Jahren auf einem Flohmarkt erstanden hat, einen sicheren Platz braucht und nicht leichtsinnig auf dem Fensterbrett stehen darf. Eigentlich. Doch dann zerbricht die zarte Tasse in der Spülmaschine und die schöne Vase segelt auf den Boden. Was bleibt, sind ein paar Scherben und der ...

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Scherben bringen Glück

Dabei haben diese Scherben durchaus das Potential dem Besitzer weiterhin Freude zu bereiten, zumindest wenn er ein Fan des Kintsugi ist – der traditionellen Form der Keramikreparatur aus Japan. Die Japaner glauben nämlich, dass niemals etwas ganz kaputt ist. In der Praxis des Kintsugi werden die zersprungenen Stücke in ihre ursprüngliche Form zusammengesetzt – die Bruchstellen bleiben dabei sichtbar und werden sogar durch einen Goldstaub im Kleber noch besonders hervorgehoben. So entsteht ein ganz neues, kostbares Objekt, bei dem die Risse zu einem wichtigen Teil seiner Geschichte werden. Aus einem Missgeschick ist dann ein Glücksfall geworden, frei nach dem Sprichwort: „Scherben bringen Glück.“
Da liegt es nahe, das Prinzip des Kintsugi auch auf den Menschen zu übertragen, sind wir doch genauso schön und zerbrechlich wie ein Kunstgegenstand, mit derselben Eigenschaft, dass unser Leben manchmal wie eine Tasse oder Vase in unzählige Teile zerspringen kann. Nehmen wir uns aber die Kunst des Kintsugi zum Vorbild, dann heißt das, dass man sich auch nach Schicksalsschlägen wieder neu zusammensetzen kann und daraus nicht unbedingt schwächer hervorgehen muss, sondern mit ein paar Reparaturarbeiten sogar zu einem noch wertvolleren Menschenwerden kann.

Immer wieder Mut zum Neuanfang

Der Psychologe Tomás Navarro tut genau dies. Er zeigt, wie wir Verletzungen erkennen, Widrigkeiten annehmen, wie wir nach einem Schicksalsschlag Resilienz und innere Stärke entwickeln können. Ob wir unser Selbstvertrauen verloren haben, unter Liebeskummer leiden, ein enger Vertrauter plötzlich aus unserem Le- ben geschieden ist oder den Verlust der Arbeitsstelle verarbeiten müssen – am Vorbild des Kintsugi erklärt er, wieman daraus heil und gestärkt hervorgehen kann


Die Japanerglauben, dass niemalsetwas ganz kaputt ist.


„Sie müssen die Zügel Ihres Lebens, Ihrer Gefühle, Ihrer Empfindungen, Ihres Handelns wieder selbst in die Hand nehmen und sich wieder in den Griff bekommen“, so lautet die erste Aufforderung des Psychologen nach einem Schicksalsschlag. Stimmt ja auch: Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, allein die Zukunft steht in unserer Macht. Wir sollten das möglichst schnell begreifen. Doch unser Leben wird sich nicht von allein wieder neu aufbauen. „Wir können nicht verhindern, dass uns eines Tages ein Unglück trifft, doch wir können sehr wohl etwas tun, um nicht im Leiden stecken zu bleiben“, sagt Navarro. Und dazu braucht es zunächst einmal etwas Zeit – Zeit, in der wir unser Unglück in Ruhe verkraften müssen, Zeit zum Nachdenken. Nach dieser ersten Phase können wir dann beherzt damit anfangen, unser Leben wieder neu aufzubauen.

Die Bruchstücke aufsammeln

Dazu gilt es zunächst, die Bruchstücke unseres Lebens aufzusammeln und wieder zusammenzusetzen. Nur so kommen wir einem Neuanfang nahe. Auch wenn die Versuchung groß ist, die Verletzung, die uns zugefügt wurde, zu ignorieren oder sie gar zu vergessen. Das würde lediglich dazu führen, dass wir in unserem Schmerz verharren. „Misshandlung, Leiden und Unglück hinterlassen eine Wunde in Ihrer Seele, und diese Wunde benötigt Ihren Willen und Ihr Handeln, um heilen zu können“, erklärt Navarro. Solangewir beispielsweise unter einer gescheiterten Beziehung leiden und nicht ganz bewusst mit der Geschichte abschließen, so lange werden wir auch keine neue Beziehung eingehen können.
Also lautet die Aufforderung: Schauen Sie sich die Bruchstücke Ihres Lebens genau an. Beseitigen Sie alle Spuren von Tränen, Hass und Groll. Lassen Sie Opferhaltung, Unverständnis und Selbstmitleid am Boden liegen. Das ist der erste Schritt zum Verständnis des Geschehenen und der Vorstellung, die Sie sich davon gemacht haben. „Lassen Sie sämtliche vergiftenden und einschränkenden Gefühle am Boden liegen, alle vorschnellen Schlüsse, die Sie im Schmerz gezogen haben, alle Überzeugungen, die Sie in Ihre jetzige Lage gebracht haben“, so Navarro.

Analysieren Sie die Situation

Es geht darum, zu begreifen, was geschehen ist, und etwas daraus zu lernen. Ganz wichtig dabei: Was passiert ist, ist passiert! Verurteilen Sie sich nicht selbst für das, was Ihnen widerfahren ist. Machen Sie sich keine Vorwürfe. Bringen Sie sich stattdessen Liebe, Mitgefühl und Verständnis entgegen. Sorgen Sie sich um Ihr eigenes Wohlergehen und nicht um das der anderen. Die entscheidenden Fragen zur Analyse des Geschehenen lauten: Was ist passiert? Warum ist es passiert? Wie habe ich reagiert? Warum habe ich so reagiert? Was habe ich aus dem Geschehenen gelernt? Schauen Sie dem, was geschehen ist, ins Auge, mit erhobenem Kopf.
Und dann schauen Sie nach vorn und malen sich in bunten Farben aus, wie Ihr zukünftiges Leben aussehen könnte. Tipp des Psychologen: „Sagen Sie sich nicht, dass Sie etwas nicht können, sondern dass Sie im Gegenteil die Macht haben, sich selbstwieder aufzubauen. Dass Sie zerbrochen sind, aber die Lektion gelernt haben.“ Es gibt keinen Grund, warum das Vergangene Ihre Gegenwart und Zukunft bestimmen sollte. Sie selbst bestimmen Ihr neues Leben – ohne jedes Schuldgefühl und voller Kraft.


Lassen Sie alle vergiftenden und einschränkenden Gefühle am Boden liegen.


Zur emotionalen Stärke zurückfinden

Das Schöne ist: Wir alle sind von Natur aus mit der emotionalen Stärke ausgestattet, uns nach einem überstandenem Unglück wieder aufzurichten – egal wie groß unsere körperlichen und emotionalen Verletzungen auch sein mögen. Deshalb gilt es, eine Verbindung zu der uns innewohnenden inneren Stärke wiederzuerlangen. Sie ist der Schlüssel zur Überwindung der Widrigkeiten und Herausforderungen nach all dem, was uns aus der Bahn geworfen hat, gewissermaßen der Klebstoff, mit dem wir die zerbrochenen Teile wieder zusammenfügen können. Wir können diese innere Stärke jederzeit anzapfen und sogar ausbauen.
Wichtig dabei: Geben Sie Ihren Gefühlen einen Platz in Ihrem Leben und versuchen Sie stets, sie auch zu benennen, egal ob sie negativ oder positiv sind. Achten Sie darauf, dass Sie liebevoll mit ihnen umgehen. Nehmen Sie eine positive Haltung ein und bleiben Sie in Beziehung zu anderen Menschen. Kapseln Sie sich nicht ab, damit Ihnen die positiven Erfahrungen, die Ihnen beim Wiederaufbau helfen können, nicht entgehen. Es geht jetzt darum, sich neue Lebensziele zu setzen und sich nicht davor zu scheuen, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Kurz: Nutzen Sie die Chancen, die das Leben Ihnen jeden Tag neu bietet. Suchen Sie solche Chancen auch aktiv auf.

Die Bruchstücke wieder zusammenfügen

Die Zeit ist nun reif, um wieder nach vorne zu schauen und die Bruchstücke des Lebens neu zusammenzufügen. Das heißt, dass wir unsere Zukunft, Ziele und Vorhaben definieren und uns mutig und tapfer unse- ren Ängsten stellen. Sie sollten dabei auch Ihren Schmerz nicht verbergen und sich dafür nicht schämen. Scheuen Sie sich nicht, Ihre Verletzlichkeit zu zeigen, denn sie ist es, die uns so einzigartig und menschlich macht. Verletzlichkeit gehört zum Leben, wir müssen sie nicht verstecken. Sie zeichnet uns aus.
Und denken Sie stets daran: Alles braucht seine Zeit: „Um Ihre Bruchstücke aufzusammeln und sich nach großem Leiden wieder aufzubauen, brauchen Sie länger als einen Tag. Sie werden durchhalten müssen. Auch für einen Marathonlauf trainiert man nicht nur einen Tag und kein Haus wird an einem einzigen Tag erbaut.

Kintsugi – ein ermutigendes Bild dafür, wie man Zerbrochenes wieder zusammenfügen kann.


Große Errungenschaften brauchen ihre Zeit. Überprüfen Sie deshalb Ihre Erwartungen und üben Sie sich in Geduld.“ So Navarro.
Für das Zusammenfügen der Bruchstücke gilt: Nehmen Sie eine optimistische Haltung ein und betrachten Sie das Unglück als eine Chance, etwas zu lernen. Jetzt ist der Moment gekommen, aktiv zu werden und wieder eine intensive Verbindung zum Leben aufzunehmen. Wir alle haben ein Talent und eine Lebensaufgabe. Wenn wir beides miteinander verknüpfen, können wir wieder leidenschaftlich leben und zu einer neuen, noch tieferen Lebensfreude finden. Tipp: Vereinfachen Sie Ihr Leben und konzentrieren Sie sich auf das wirklich Wichtige. Fragen Sie sich, was in Ihrem Leben wirklich wichtig ist. Und fangen Sie dann damit an, Ihre Prioritäten und Ziele neu zu definieren. Vor allem: Werden Sie aktiv und machen Sie kleine Schritte.


Zerbrochenes wieder zusammenzufügen isteine Mutprobe.


Mutig und optimistisch das Neue wagen

Natürlich ist alles nicht so leicht, wie es sich hier liest. Aber wer selbst schon einmal vor einem Scherbenhaufen seines Lebens stand, der weiß vielleicht den ein oder anderen Ratschlag zu schätzen. Und vielleicht ist es auch nur das Bild, das Kintsugi, die japanische Kunst der Keramikreparatur, in uns auslöst und das uns Mut macht, aus Scherben einen neuen, noch wertvolleren Menschen aus uns zu machen. Und das ist nicht nur eine Kunst, sondern eine angeborene Fähigkeit, die wir alle besitzen. „Zerbrochenes wieder zusammenzufügen, ist eine Mutprobe. Es bedeutet, zu akzeptieren, dass man erneut zerbrechen kann.“

Zum Weiterlesen:

Tomás Navarro,Kintsugi – Die Kunst, emotionale Verletzungen zu heilen, Kösel Verlag, 20 Euro


Fotos: stock.adobe.com