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Kirchenkampf


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 31/2019 vom 26.07.2019

Kulturerbe Der Wiederaufbau von Notre-Dame spaltet Frankreich. Die einen fordern einen zeitgemäßen Entwurf, die anderen kämpfen für originalgetreue Rekonstruktion – und Präsident Macron könnte sich mit einem spektakulären architektonischen Wurf ein Denkmal setzen.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 31/2019

Eingerüsteter Dachstuhl der Pariser Kathedrale Notre-Dame nach dem Brand: »Die Gefahr ist nicht gebannt«


THOMAS GOISQUE

Es ist ein wenig unheimlich, die Hauptfassade im Westen sieht aus, als wäre nichts geschehen. Sie ist tatsächlich von oben bis unten intakt. Sogar die kleinen Olivenbäume links und rechts von den Eingangstüren der Kathedrale ...

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... stehen noch. Wären da nicht die Baumaschinen, die schwarzen Plastikplanen im Eingang, die Arbeiter mit Atemmaske im weißen Schutzanzug – man könnte für kurze Zeit vergessen, was sich hier am Abend des 15. April ereignete.

Damit ist es vorbei, wenn der Blick ins Innere von Notre-Dame geht: Kleine gelbe Roboter mit Greifarmen fahren im Kirchenschiff herum, es staubt. Auf halber Höhe sind große Netze quer durch die Kathedrale gespannt. Sie sollen herunterfallende Teile und im Notfall auch herunterstürzende Arbeiter auffangen können. Ganz oben kann man durch ein großes Loch im Dach in den blauen Julihimmel gucken. In Paris herrschen an die 40 Grad an diesem Morgen, es ist so heiß, dass sich Philippe Villeneuve, Chefarchitekt der Baustelle, Sorgen macht: Das Mauerwerk habe während der Löscharbeiten viel Wasser abbekommen, sagt er. Und man wisse nicht, wie die Steine nun bei der zweiten Hitzewelle in diesem Sommer reagieren werden. »Alle denken, weil seit drei Monaten nichts geschehen ist, wäre die Gefahr gebannt, aber das stimmt nicht. Der Gewölbebogen im Mittelteil kann immer noch einstürzen. In diesem Moment, wo wir miteinander reden oder morgen.«

Auch drei Monate nach dem Brand gilt es, die Kirche zu retten, ihre Schwachstellen zu konsolidieren, selbst wenn in Paris längst eine kontroverse Diskussion darum geführt wird, wie der Wiederaufbau des Kulturdenkmals aussehen soll.

Villeneuve ist seit Mitte April fast täglich auf der Baustelle, er hat gemeinsam mit den Feuerwehrleuten die erste Bestandsaufnahme am Morgen nach dem Brand gemacht, er kennt hier mittlerweile fast jeden Stein. Vor Kurzem hat er seine Bleiwerte im Blut messen lassen, wie das alle tun, die hier arbeiten. Sie waren erhöht, der Bleistaub des eingestürzten Daches hat sich über die gesamte Île de la Cité gelegt. Während der Ferienzeit werden gerade die angrenzenden Schulen dekontaminiert.

Solange nicht alle Steine eingesammelt seien, werde man den Bleistaub nicht los, sagt Villeneuve. Erst danach könne man die Kirche richtig reinigen und endlich hoch ins Gewölbe, um zu schauen, wie angegriffen, wie porös das Mauerwerk dort sei, wie viele Steine ersetzt werden müssten. Es gibt noch viele ungeklärte Fragen auf dieser Baustelle.

Die gelben Roboter arbeiten dort, wo Menschen sich wegen der Einsturzgefahr nicht aufhalten dürfen. Es ist ein überraschend großer Bereich, der in der Mitte der Kirche abgesperrt ist. Seit Mitte April sammeln die Roboter ein, was vom brennenden Dach herunterfiel: Holzbalken, Dachteile und Steine des Vierungsturms, der dort stand, wo Quer- und Langhaus aufeinandertreffen. Erbaut hatte ihn der französische Architekt Eugène Viollet-le-Duc im Jahr 1859.

Wie in einem Mikadospiel lesen die Roboter alles auf und legen es auf Paletten ab. Die Teile werden anschließend sortiert, gesäubert, kategorisiert und in zwei großen weißen Zelten auf dem Vorplatz gelagert. Bei jedem Stein lässt sich zurückverfolgen, an welcher Stelle der Kathedrale er verbaut wurde. In einem Baucontainer auf dem Gelände sind Wissenschaftler untergebracht, die die Steine untersuchen. Solche, die nicht zu großen Schaden genommen haben, sollen beim Wiederaufbau verwendet werden.

Die Katastrophe hat den Wissenschaftlern eine Ausnahmesituation beschert: Nie zuvor konnten sie im 12. und 13. Jahrhundert verwendetes Baumaterial so genau analysieren. Philippe Villeneuve sagt, die Sicherungsarbeiten würden noch Monate andauern, bis Mitte des kommenden Jahres voraussichtlich.

Es wird nicht einfacher werden, wenn diese Phase abgeschlossen ist. Denn seit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Tag nach dem Brand – die Trümmer der Kathedrale rauchten da noch – verkündete, man werde Notre-Dame schöner denn je in der Rekordzeit von fünf Jahren restaurieren und auch der zeitgenös-sischen Architektur beim Wiederaufbau einen Platz geben, ringen die Franzosen mit sich und der Zukunft von Notre-Dame.

Entsetzt hatten Tausende Pariser und Millionen weltweit dabei zugesehen, wie Viollet-le-Ducs Spitzturm auf dem brennenden Dach der gotischen Kirche kurz vor 20 Uhr am 15. April in sich zusammenbrach. Jede Katastrophe hat diesen einen Moment, in dem das Drama für alle greifbar wird. Am 11. September 2001 waren es die einstürzenden Türme des World Trade Center; beim Terrorangriff auf den Pariser Konzertsaal Bataclan im Jahr 2015 die Bilder verzweifelter Menschen, die sich aus Fenstern des Gebäudes ret-teten und minutenlang an der Fassade baumelten.

Beim Brand von Notre-Dame war es jene Minute, in dem der Turm glühend in die Tiefe stürzte – der Moment wurde festgehalten auf Hunderten Handyvideos, ausgestrahlt in Wiederholungsschleifen von Fernsehsendern in der ganzen Welt.

Vielleicht ist auch deshalb das Bedürfnis so groß, diese Wunde schnell wieder zu heilen. Jeder versucht dies auf seine Weise.

Schon wenige Tage nach dem Brand schlug der französische Architekt Jean-Michel Wilmotte eine Lösung für das zerstörte Dach vor: eine moderne Metallstruktur, darüber eine Schicht aus Titan. Ein neuer Spitzturm aus Glas könnte den alten aus Stein ersetzen. »Weil wir zeigen müssen, dass wir uns nicht geschlagen geben«, so Wilmotte.

Der Architekt Massimiliano Fuksas in Rom sieht in seinen ersten Entwürfen den Spitzturm eher aus Kristall, »als Symbol für die Fragilität der Geschichte«, darunter ein Dach aus Glas, das in der Nacht von unten beleuchtet werden und weit über Paris strahlen soll.

Ähnliches hat auch Norman Foster in London vor. Über die Jahrhunderte seien zerstörte Kathedralen nie originalgetreu, sondern immer mithilfe neuester Tech-nologien restauriert worden, so Foster. Leicht, feuerfest und transparent wünscht sich Foster das neue Dach für Notre-Dame.

Das französische Architekturbüro NAB will ein Gewächshaus im Dachstuhl unterbringen sowie Bienenstöcke in einer Neuinterpretation des Turmes, um der Biodiversität einen neuen Platz zu geben.

Wieder andere plädieren dafür, den Turm von Viollet-le-Duc beim Wieder-aufbau ganz wegzulassen, da er ja erst im 19. Jahrhundert auf das Dach kam. Kunsthistoriker und Denkmalschützer warnen währenddessen, so dürfe man das Kulturerbe Frankreichs nicht behandeln.

Es geht bei der derzeit geführten Diskussion auch um die Frage, was Modernität ist und wie diese falsch verstanden werden kann. Ist es zwangsläufig modern, das Vorhandene durch etwas Neues zu ersetzen? Oder vielleicht gerade nicht, wie der Pariser Architekt Jean Nouvel sagt?

Nouvel steht nicht unter Verdacht, ein Bewahrer des Alten zu sein. Er hat den neuen Louvre in Abu Dhabi gebaut, das futuristische Nationalmuseum von Doha und das Institut du monde arabe in Paris, dessen Fassade aus computergesteuerten Metallornamenten besteht. Die Lager, die sich gegenüberstehen, sind nur scheinbar leicht auszumachen.

Perrault-Studie für die Gestaltung der Île de la Cité in Paris: »Alles nur Fiktionen«


DOMINIQUE PERRAULT ARCHITECTE / ADAGP

Und wie so oft in Frankreich ist die Debatte längst eine politische geworden: Premierminister Edouard Philippe hatte gerade den Vorschlag ausgesprochen, einen internationalen Architektenwettbewerb für die Neugestaltung auszuschreiben, da setzte die Rechtspopulistin Marine Le Pen den Hashtag #touchepasnotredame, »Fasst Notre-Dame nicht an«, in die Welt. Seither fordert sie vehement eine identische Rekonstruktion. Und jeder, der das auch tut, begibt sich ungewollt in unangenehme Gesellschaft.

Wie aber geht es nun weiter?

Es gibt einen Mann, der die Debatte zu einem Ergebnis führen soll. Er heißt Jean-Louis Georgelin, ist 70 Jahre alt und war bis zum 16. April ein unglücklicher Fünf-Sterne-General im Ruhestand. Bis ihn Macron zum Sonderbeauftragten für den Wiederaufbau von Notre-Dame ernannte, eigenmächtig und an allen Instanzen vorbei. Der Kulturminister erfuhr erst nach der Ernennung Georgelins davon.

Seither sitzt der General im Élysée-Palast, in einem Büro ganz oben unterm Dach, aber immer noch nah genug am Präsidenten. Unten im Ehrenhof tupfen sich gerade republikanische Garden den Schweiß vom Gesicht, sie warten darauf, den Staatschef der Komoren zu begrüßen. Oben empfängt General Georgelin seine Besucher in Zivil, er trägt einen kakifarbenen Anzug und sagt zackig »Gutten Takk«, er hat eine Zeit lang in Deutschland gelebt. Noch sind die Schränke in seinem Büro leer; an den Wänden hastig aufgehängte Fotos und Grundrisse seiner neuen Mission: Notre-Dame.

Vom Brand der Kathedrale hatte er am Abend des 15. April per SMS erfahren. Der Kommandant der Pariser Feuerwehr, Jean-Claude Gallet, ist ein ehemaliger Schüler von ihm. Georgelin rief den Feuerwehrchef auf dem Handy an. »Ich habe ihn angefleht: Retten Sie Notre-Dame!«

Kurz vor 22 Uhr meldete Gallet sich zurück und teilte ihm mit, in den kommenden 30 Minuten werde sich entscheiden, ob die Kathedrale das Feuer überstehe. Es war der Moment, in dem er Männer zum Löschen in den brennenden Nordturm, der zu diesem Zeitpunkt einzustürzen drohte, hochschickte – nicht wissend, ob er sie lebend wiedersehen würde. Eine gute halbe Stunde später kam die Entwarnung. Die Helden dieser Nacht hatten überlebt, der Turm war gerettet.


Kein Parlament wird am Ende über die Entwürfe entscheiden. Es entscheidet: der Präsident.


Knapp 20 Stunden später, um 18 Uhr am Dienstagabend, stand General Georgelin im Büro des Präsidenten, nachdem er am Morgen einen Anruf aus dem Élysée bekommen hatte. Macron habe ihm gesagt, er brauche einen gläubigen Katholiken, der den Staatsapparat gut kenne, eine anerkannte Autorität sei und dafür sorge, den Wiederaufbau von Notre-Dame in angemessener Zeit abzuwickeln. Bei diesem Gespräch habe der Präsident auch erstmals von einer Frist von fünf Jahren gesprochen.

Georgelin war Chef des Generalstabs der französischen Streitkräfte, Nato-General in Sarajevo, er hat jahrelang an der berühmten Militärakademie Saint-Cyr unterrichtet und Einsätze in Afghanistan verantwortet. Und er ist gläubig. Er sagte zu. Der Ruhestand gefiel ihm ohnehin nicht.

»Chef dieser Operation zu sein, das ist, als ob man eine Taskforce leitet. Als Militär kennt man das, auch wenn es einen nach wie vor nervös macht. Und manchmal tut ein Blick von außen gut. Ich habe diesen Blick von außen, ich kann unbefangener bestimmte Dinge einfordern als andere.«

Die Kritik, die auf seine Ernennung folgte, kann er nicht verstehen. Weder gehöre einem General die Armee, noch einem Kulturminister die Nationaldenkmäler. »Beides gehört dem Staat.« Und der werde nun mal vom Präsidenten vertreten.

Zurzeit stellt der General seine Mannschaft zusammen, nachdem vergangene Woche ein Gesetz zum Wiederaufbau von Notre-Dame verabschiedet wurde. Es sieht vor, bestimmte Denkmalschutzregeln außer Kraft zu setzen, um den Wieder-aufbau zu beschleunigen und eine eigene Behörde einzurichten, der Georgelin vorstehen wird.

Wird diese neue Behörde auch den internationalen Architektenwettbewerb ausschreiben?

»Ja, gemeinsam mit dem Kulturministerium, aber da gibt es noch keinen Zeitplan. « Im Übrigen werde der Wettbewerb auch andere Bereiche in der Nähe der Kathedrale miteinbeziehen. Es stört ihn, dass alle nur noch über den Vierungsturm von Viollet-le-Duc reden.

»Wir haben gerade ganz andere Sorgen als diesen Turm. Wir müssen dringend den jetzigen Zustand von Notre-Dame klären.« Im Übrigen verstehe er die Aufregung nicht. »Das Ergebnis des Wettbewerbs kann auch sein, dass wir uns für keinen der modernen Entwürfe entscheiden.« Der Präsident habe nie gesagt, dass eine zeitgenössische Lösung die einzig mög liche sei.

STUDIO NAB

Entwurf des Architekturbüros NAB mit Gewächshaus, Fuksas-Zeichnung mit gläsernem Turm und Dach
Ist es zwangsläufig modern, das Vorhandene durch etwas Neues zu ersetzen?


FUKSAS DESIGN

Aber ist das vorstellbar – ein Architektenwettbewerb mit internationaler Beteiligung, an dessen Ende das Votum für die originalgetreue Rekonstruktion von Viollet-le-Ducs Turms steht?

Der General sagt jetzt nichts mehr. Er lächelt weise.

Es gehört zu den Eigenheiten des poli-tischen Systems Frankreichs, dass keine Kommission, kein Parlament am Ende über die vorliegenden Entwürfe entscheiden wird. Es entscheidet: der Präsident.

Es ist eine monarchische Geste, die irgendwie die Revolution überlebt hat. Sie hat oft Mittelmäßiges, manchmal aber auch große Architektur und Bauten hervorgebracht, deren Genehmigung wohl kein Parlament je erteilt hätte. Dazu gehört die gläserne Pyramide des amerikanisch-chinesischen Architekten Ieoh Ming Pei im Innenhof des Louvre, die Präsident François Mitterrand in den Achtzigerjahren in Auftrag gab.

Und ohne den entschiedenen Willen des Präsidenten Georges Pompidou, einen modernen Ort für moderne Kunst im Zentrum von Paris zu schaffen, würde es wohl auch das Centre Pompidou nicht geben – selbst wenn eine Jury letztendlich den finalen Wettbewerbsentwurf aussuchte.

»Ja, wir leben noch immer in einer Monarchie. Und wenn der Präsident sagt, wir werden einen modernen Turm bauen, dann bauen wir einen modernen Turm, keine Frage«, sagt Alexandre Gady, Kunsthistoriker und Professor an der Sorbonne in seinem Büro gegenüber der alten Pariser Nationalbibliothek.

Gady war einer der Initiatoren eines offenen Briefes an Emmanuel Macron, in dem mehr als Tausend Experten weltweit, darunter der Kurator der Architektur- und Designabteilung des Museum for Modern Art in New York, davor warnten, den Wiederaufbau mit einer politischen Agenda und einer Fünfjahresfrist zu verbinden. »Warum dieser Zeitdruck, warum die Absichtserklärung, eine moderne architekturale Geste zu vollbringen, die im Übrigen gegen die Charta von Venedig aus dem Jahr 1964 verstößt, die den letzten histo-rischen Zustand eines Gebäudes unter Denkmalschutz stellt? Gilt das alles nicht für Präsidenten, aber Privatleute müssen sich daran halten?«, fragt Gady.

Es gibt vieles, das Gady zurzeit ärgert. Der Versuch, mit einem Gesetz für den Wiederaufbau von Notre-Dame, Denkmalschutzbestimmungen und die Verpflichtung zu öffentlichen Ausschreibungen für Unternehmen zu umgehen. Oder die Ignoranz, mit der der Staat jahrelang das französische Kulturerbe vernachlässigt und die letztendlich auch zum Brand geführt habe. Und jetzt diese Idee mit dem modernen Turm.

Man könne über neue Materialien nachdenken für den ausgebrannten Dachstuhl und die Rekonstruktion des Viererturms, aber warum sollte man ihn nicht wieder aufbauen, wie er war? Der zerstörte Turm sei schließlich kein politisches Symbol.

»Wir haben es nicht mit einem Krieg zu tun, nicht mit einem islamistischen Attentat. Wahrscheinlich wird am Ende herauskommen, dass ein Kurzschluss die Ursache für den Brand war. Wollen wir wirklich eines Kurzschlusses gedenken?«

Die gläserne Kuppel auf dem Reichstag in Berlin, sagt Gady, habe einen Sinn gehabt. Sie stand für ein neues Deutschland, für das Ende des Kommunismus, für eine neue transparente Demokratie. »Aber was sagt uns ein Turm aus Glas? Was wir brauchen, ist Demut. Wir müssen darauf hören, was die Kathedrale uns sagt. Es ist eigentlich ganz einfach, sie braucht einen neuen Dachstuhl und für das architektonische Gleichgewicht wieder den Turm von Viollet-le-Duc.«

Und vielleicht braucht sie auch eine neue Umgebung. Schon im Jahr 2015 hatte Präsident François Hollande bei dem Architekten Dominique Perrault eine Studie zur Gestaltung der Île de la Cité in Auftrag gegeben. Denn diese Insel im Herzen der Stadt, deren Bauten sich zu allen Seiten so großzügig öffnen, wie es in Paris selten der Fall ist, liegt seit Jahren seltsam verwaist da.

Perrault steht in seinem Büro im 11. Arrondissement vor einem Modell, das er damals anfertigen ließ. Es gehe nicht nur um Notre-Dame, die gesamte Île de la Cité müsse wieder ein lebendiger Ort, die Verbindung zur Seine neu definiert werden, sagt er. »Das sind wir ihr schuldig, ohne das Seinewasser, das die Feuerwehr benutzt hat, hätte Notre-Dame nie gerettet werden können.«

Er hat damals Entwürfe vorgelegt, die ein wenig Angst machen: ein Vorplatz für die Kathedrale aus Glas, ein großer Schiffsanleger für die Touristen gleich vor der Kirche, eine futuristische Brücke zur Nachbarinsel Saint-Louis. »Alles nur Fiktionen «, sagt Perrault. Das Wichtige sei, über ein stimmiges Gesamtbild nachzudenken, und nicht nur über den Turm von Violletle-Duc.

So könnte der Kulturkampf von Paris auch ausgehen: Das 21. Jahrhundert findet nicht auf dem Dach von Notre-Dame, sondern an anderer Stelle statt. Vielleicht nicht die schlechteste Lösung.